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17. Juni 2008, 18:25 Uhr

Berliner Luftbrücke

Bonbons an Fallschirmen

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Er flog den Bomber, auf den sich die Kinder freuten: Als die Sowjets 1948 West-Berlin blockierten und die Stadt aus der Luft versorgt werden musste, gab US-Pilot Gail Halvorsen ein Versprechen. Es sollte ihn weltberühmt machen.

Einmal wenigstens wollte Gail Halvorsen Berlin sehen, ein Foto von sich vor der Trümmerkulisse machen. Das er zeigen konnte, wenn er zu seiner Verlobten und dem heißgeliebten roten Chevrolet in die USA zurückkehrte. Es war Mitte Juli 1948, seit dem 24. Juni hatte die Sowjetunion sämtliche Zufahrtswege nach Berlin blockiert. Die Millionenstadt wurde über drei Luftkorridore versorgt. "Damals ging ich davon aus, dass unser Einsatz nur kurz sein würde", sagt der 87-Jährige mit den wachen blauen Augen, der die aufrechte Körperhaltung aus Air-Force-Tagen bis heute beibehalten hat. "Stalin würde dem internationalen Druck sicher nicht lange standhalten, dachte ich." Also habe er auf Hochtouren seinen kleinen Privatausflug geplant. "Ich wollte den Reichstag sehen, den Hitlerbunker, das Brandenburger Tor."

Der Einsatz als Luftbrückenpilot war zermürbend. Während der Schichten flog Halvorsen quasi ununterbrochen mit seiner Crew von Frankfurt am Main nach Berlin und wieder zurück. Die Maschinen folgten dicht auf dicht und zeigten bald Verschleißerscheinungen: Dauernd gab es technische Probleme. Noch dazu flogen sowjetische Jagdflugzeuge halsbrecherische Störmanöver. Die Ruhepausen in einer notdürftig hergerichteten Scheune waren kurz und wurden vom Dröhnen der ununterbrochen landenden und abhebenden Flieger begleitet. Trotzdem beschloss Halvorsen eines Tages, auf den Schlaf zu verzichten - und flog erstmals als Passagier mit einem Kollegen zurück nach Berlin.

Dieser Ausflug habe sein ganzes Leben verändert, sagt Halvorsen - und er meint damit nicht den Anblick der zerstörten ehemaligen Reichshauptstadt. Auf dem Flughafen Tempelhof angekommen, wollte Halvorsen noch einige Filmaufnahmen machen von den Fliegern, die da im Minutentakt über die Häuserreihen hinwegdonnerten. "Ich hatte damals schon eine alte Filmkamera, mein ganzer Stolz." Also ging er am Stacheldrahtzaun entlang, zu der Stelle, die er für die günstigste hielt.

Da waren diese Kinder. "Rund 30, zwischen acht und 14 Jahre alt", erinnert sich Halvorsen. Die Jungen und Mädchen beobachteten auf der anderen Seite das rege Treiben am Himmel - und begannen sofort, den fremden Piloten in ihrem wackeligen Schulenglisch auszufragen. Wie viel Tonnen Mehl brachte so ein Flugzeug? Transportierten sie auch Frischmilch für die Babys? Was, wenn das Wetter im Herbst schlecht wurde - war dann das Fliegen nicht schwierig? Die kindliche Freundlichkeit überraschte Halvorsen, der doch die Uniform des ehemaligen Feindes trug.

So seien ihm die Deutschen immer begegnet, sagt der Pilot. Feindseeligkeit gegenüber den Besatzern? Bitternis über den verlorenen Traum vom "Dritten Reich"? Halvorsen will davon nie etwas gespürt haben. Er habe anfangs immer den "Herrenmenschenblick" gesucht, sagt er. Den Blick des Feindes, der so grauenhafte Dinge getan hatte. Doch seit dem Beginn der Luftbrücke habe er in den Augen der Berliner immer nur eins gesehen: "Dankbarkeit".

Die Höflichkeit der Kinder, die da vor ihm am Zaun standen - und von denen vermutlich einige noch vor kurzem zum Appell in der Hitlerjugend angetreten waren - berührte den jungen Piloten. "Diese Kinder hatten Hunger. Und bestimmt seit Monaten keine Süßigkeiten gesehen. Aber keines fragte mich danach."

Das Versprechen

Er hatte sich schon verabschiedet, da fielen ihm die Kaugummis in der Tasche ein. Also rannte er zurück zum Zaun, verteilte die spärliche Ration - und versprach denen, die nichts abbekamen und so unendlich enttäuscht aussahen, mehr zu bringen. Er würde einfach bei seinem nächsten Landeanflug ein paar Süßigkeiten aus dem Flugzeug werfen. Zur Erkennung werde er mit den Flugzeugflügeln wackeln, fügte der Pilot mit dem schütteren Haar und dem strahlenden Lächeln hinzu, hob die Arme und schwenkte sie auf und ab.

Ein spontanes Versprechen - das Halvorsen zum vielleicht berühmtesten Piloten der Luftbrücke werden ließ. Bei seinem nächsten Flug ließ er die Flügel der Maschine wie verabredet auf- und abrudern, dann schob ein Kamerad Schokolade und Kaugummi durch den Abwurfschacht. Die Piloten hatten die Süßigkeiten zur Sicherheit an kleine Fallschirme aus Taschentüchern gebunden. So ging es bald Woche um Woche - und immer mehr Kinder hörten von der Schokolade aus dem Himmel und erwarteten die Piloten mit Winken und Geschrei.

Andere sandten Briefe an "Onkel Wackelflügel" an den Flughafen Tempelhof mit der Bitte, ob er seine Ladung nicht auch einmal in ihrer Nähe loswerden könne. "Lieber Schokoladepilot", schrieb etwa die siebenjährige Mercedes, weil sie nie eins der Päckchen abbekam. "Könnten Sie nicht ein paar Süßigkeiten für mich abwerfen, wenn Sie über unseren Garten fliegen? Sie brauchen nur nach den Hühnern in unserem Hof Ausschau zu halten." Dann sei es auch in Ordnung, dass er die armen Tiere mit dem Lärm der Maschinen immer so erschrecke.

360 Kilo Süßigkeiten - alle zwei Tage

Irgendwann soll einem Journalisten eins der Naschpäckchen direkt auf den Kopf gefallen sein, so beschreibt es Halvorsen in seiner Biografie. Jedenfalls erschienen plötzlich euphorische Zeitungsartikel in Europa und den USA über den "Candy Bomber". Und die Air Force erkannte den symbolischen Wert der Aktion: Eigentlich band der gewaltige logistische Aufwand der Luftbrücke sämtliche Kräfte - im Laufe von 323 Tage mussten rund zwei Millionen Tonnen Lebensmittel und Kohle nach Berlin geschafft werden. Trotzdem bekam Halvorsen statt mahnender Worte von seinen Vorgesetzten kurzerhand zwei deutsche Sekretärinnen an die Seite gestellt. Sie sollten ihm helfen, die Berge an Post von deutschen Kindern zu beantworten. Danach wurde der Süßigkeitenregen schnell zur gigantischen Operation, die über die ganze Stadt ausgebreitet wurde.

Aus allen möglichen Ländern trafen tonnenweise gespendete Naschereien ein, aus den USA schickten Schulen regelmäßig neue Fallschirme und Verpackungsmaterial. In dem Städtchen Chicopee in Massachusetts wurde sogar ein Feuerwehrhaus zur nationalen Sammelstelle umfunktioniert. Ab dem 21. Januar 1949 gingen von dort aus alle zwei Tage 360 Kilogramm Süßigkeiten nach Deutschland, wie Halvorsen in seinen Erinnerungen stolz vermerkt.

Auch wenn ihn die heftigen Reaktionen damals sprachlos machten: Heute wundert sich Halvorsen nicht mehr, dass ein paar vom Himmel schwebende Süßigkeit so starke Emotionen in der darbenden Bevölkerung hervorriefen - und soviel Hilfsbereitschaft im Ausland gegenüber den Verursachern des Zweiten Weltkriegs. Die Kinder hatten schließlich die Nazis nicht an die Macht gebracht. Und für die Berliner seien die Fallschirmchen ein Zeichen gewesen, dass sich jemand um sie sorgt. "Ein Symbol der Hoffnung" nennt es Halvorsen. Besser noch als damals weiß er heute, wie grauenhaft eine Kindheit in der geisterhaften Trümmerlandschaft Berlins war.

Mercedes Wild hat es ihm oft erzählt.

Rückkehr nach Tempelhof

Die Berlinerin kann sich noch gut an ihre Kinderjahre erinnern. An den Einmarsch der russischen Soldaten in Friedenau, "und an die Greueltaten, die sie den Frauen antaten", fügt sie leise hinzu. Dann das Leben in der vollkommen zerstörten Stadt. Das Hungern, die Kälte. "Der Schulweg führte über Trümmer", sagt sie. "Oft mussten wir mit ansehen, wie aus den Ruinen die Leichen herausgezogen wurden." Sie war damals gerade einmal sieben. Der Vater war vermisst, die Mutter herzkrank. "Meine Oma fing bei jedem Knall an zu zittern", erinnert sich Wild.

Die Piloten der Luftbrücke seien für die Kinder Helden gewesen. "Ein Vaterersatz." Für sie wurde Halvorsen besonders wichtig - denn er reagierte tatsächlich auf ihren Brief, in dem sie so verzweifelt um Süßigkeiten gebeten hatte. "Wenn ich mal ein paar Runden über Friedenau fliegen würde, fände ich bestimmt den Garten mit den weißen Hühnern", schrieb er eines Tages. "Dazu fehlt mir aber leider die Zeit. Ich hoffe, dass ich Dir hiermit eine kleine Freude bereite." Dazu hatte er einen Lutscher und einen Kaugummi gelegt.

Mercedes hätte lieber Schokolade gehabt. Sie möge den Geschmack von Pfefferminz bis heute nicht, sagt sie: "Den Kaugummi habe ich verscheuert." Trotzdem habe sie sich von da an vor dem Einschlafen immer Halvorsens Zeitungsbild vor Augen gerufen.

Heute sind die beiden so eng befreundet, dass Halvorsens Name an der Klingel in Friedenau steht, wie Wild erzählt. Sie haben sich in den siebziger Jahren kennen gelernt, als Halvorsen als Flughafenkommandant von Tempelhof nach Berlin zurückkehrte. Mercedes Wild und ihr Mann luden ihn einfach so oft zum Abendessen ein, bis er nachgab - obwohl es eigentlich gegen seine Prinzipien verstieß, Privateinladungen anzunehmen. Doch nach dem ersten Mal besuchten sich die Familien immer wieder. Feierten gemeinsame Feste, die immer größer wurden - allein Halvorsen hat mittlerweile fünf Kinder, 24 Enkel und 14 Urenkel.

Vielleicht sind sie nur so eng verbunden, weil sie sich eben gut verstehen. Doch sicher ist: Die Luftbrücke hat beider Leben geprägt. Halvorsen fliegt auch heute noch über Kriegs- und Krisengebieten seine Süßigkeiteneinsätze. Mercedes Wild und ihr Mann, der Lehrer ist, haben ein US-deutsches Austauschprogramm ins Leben gerufen. Ihre Geschichte war sogar Thema eines Kinderbuchs. Und Mercedes Wild hat schon als junge Frau ihren Pilotenschein gemacht.

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