Berliner Luftbrücke "Alle wollten Schokolade - und ich war zu klein"

Das Dörrgemüse schmeckte "wie Stacheldraht" - aber Ulrich Kirschbaum war trotzdem froh, dass es vom Himmel kam. Als Sechsjähriger erlebte er die Blockade von West-Berlin und die Luftbrücke der Amerikaner. Die Aufregung um die "Rosinenbomber" allerdings war ihm gar nicht geheuer.

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Das Brummen der Flugzeuge gehörte dazu, es war ein normales Hintergrundgeräusch wie der Straßenlärm. Ulrich Kirschbaum hörte das dunkle Surren beim Einschlafen und beim Aufwachen. "Wir wussten, das bedeutet etwas Gutes. Nur wenn zum Beispiel Nebel war oder schlechte Sicht, dann wurden wir unruhig und hofften, dass den Piloten nichts Schlimmes passieren würde", sagt Ulrich Kirschbaum.

Er, geboren 1942, hatte schon Schlimmes erlebt: Seine Mutter war bei Kriegsende während einer Evakuierung an Diphterie gestorben. Nun lebte er mit Bruder, Vater und Stiefmutter in einer kleinen Zwei-Zimmerwohnung am Badener Ring 32, unmittelbar in der Nähe des Flughafens Tempelhof. "Wir hatten nichts", sagt der heute 66-Jährige. "Und als die Blockade begann, hatten wir noch weniger."

Das Unglück deutete sich im April 1948 an. Da schloss die Sowjetunion zum ersten Mal kurzfristig die Grenzen, der Westteil Berlins musste aus der Luft versorgt werden. Aber das eigentliche Drama begann im Juni. Die westlichen Alliierten führten in dem von ihnen besetzten Teil Berlins die Deutsche Mark ein. Die Sowjetunion reagierte harsch auf diese Währungsreform: Sie riegelte Straßen-, Schienen- und Wasserwege rund um die Enklave ab.

"Operation Vittles"

Ziel der Sowjets war es, die Bewohner hungrig und mürbe werden zu lassen und die Westalliierten so aus der geteilten Stadt herauszudrängen. Die hatten versäumt, ein Abkommen mit der Sowjetunion über die uneingeschränkte Nutzung der Landwege zu schließen und verfügten allein über drei zugesicherte Luftkorridore. So gab es nur zwei Möglichkeiten: Sie konnten die Stadt aufgeben oder sie über die Luft versorgen. Die Aufgabe war gewaltig. Es ging darum, fast zwei Millionen Berliner vor dem Verhungern zu retten.

Am 25. Juni 1948 befahl der Militärgouverneur der amerikanischen Zone, Lucius D. Clay die "Operation Vittles" (Operation Lebensmittel) - die Luftbrücke. Einen Tag später landete das erste amerikanische Flugzeug auf dem Flughafen Tempelhof. Zunächst brachten die Maschinen jeden Tag nur einige Tonnen Lebensmittel und Kohlen in die Stadt. Doch bald schon ermöglichte ein immer reibungsloserer Ablauf aus Landung, Entladung und sofortigem Start mehr und mehr Lieferungen. Die Frequenz erreichte am Ostersonntag 1949 ihren Höhepunkt: 1.440 Hin- und Rückflügen an einem einzigen Tag - Starts und Landungen quasi im Minutentakt.

Das Essen, das die Flieger brachten, war bitter nötig. "Ich erinnere mich an das Dörrgemüse, das wir bekamen", sagt Ulrich Kirschbaum. "Das schmeckte zwar wie Stacheldraht, aber wir waren froh, wenn wir überhaupt was hatten." Und nicht nur Trockenmilch oder -obst fanden Verwendung, sondern auch deren Verpackung. "Die olivgrünen Versorgungsbüchsen der Briten haben wir zu Gießkannen umfunktioniert", sagt Kirschbaum. "Wir stanzten unten Löcher rein, füllten Wasser drauf und gossen so die Kräuter, die wir im Hinterhof angepflanzt hatten."

Geschrei und weiße Mini-Flugschirme

Ein Ereignis ist Kirschbaum besonders im Gedächtnis geblieben. Er hatte davon gehört, dass der amerikanische Pilot Gail Halvorsen beim Anflug auf Tempelhof aus seiner Maschine an kleinen Fallschirmen befestigte Süßigkeiten abwarf. Kinder hätten sie aufgefangen und würden die US-Flugzeuge daher "Rosinenbomber" nennen.

Als Ulrich Kirschbaum erfuhr, dass es am Flughafen Schokolade geben sollte, machte er sich auf den Weg. Dort angekommen, bekam er Angst - wegen der riesigen Menschenmenge, die mit lautem Geschrei die weißen Mini-Flugschirme empfing. "Alle wollten die Schokoladen-Streifen und ich war zu klein und zu schüchtern und habe keinen abbekommen", sagt er. "In dem Moment war mir das alles nicht ganz geheuer."

Dafür wurde er später auf den amerikanischen Soldatenstützpunkt zu einer Weihnachtsfeier eingeladen. Er bekam Kekse und Kakao und sah zum ersten Mal in seinem Leben einen Farbigen. Bis heute ist er den Amerikanern für ihren Einsatz dankbar. "Wir wurden nicht wie Besiegte behandelt, sondern man wollte uns helfen", sagt Kirschbaum. Und tatsächlich entstand in dieser Zeit ein enges Band zwischen der eingeschlossenen Berliner Bevölkerung und dem Westen.

Ein Leben am Flughafen

Nach insgesamt elf Monaten gab die Sowjetunion die Blockade auf. Auf mehr als 195.000 Flügen hatten die britischen und amerikanischen Piloten bis dahin fast 1,5 Millionen Tonnen Lebensmittel, Kohlen oder Baumaterial in die geteilte Stadt gebracht. Den Fliegern, die bei dem schwierigen Einsatz in den engen Flugkorridoren verunglückten, ist heute ein Denkmal vor dem Flughafen gewidmet. "Hungerharke" nennen die Berliner die Gedenkstätte, die wie drei Zacken in den Himmel reicht.

Ulrich Kirschbaum hat bis vor kurzem in der Nähe des Flughafens gewohnt und will ihn auch jetzt nicht aufgeben. Er ist stellvertretender Vorsitzender der ICAT, der Interessensgemeinschaft City-Airport Tempelhof e.V. und kämpft mit Leidenschaft gegen die Schließung von Tempelhof. "Meine Vergangenheit hat mich da geprägt; dieser Flughafen hat mich einfach mein Leben lang begleitet."



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