Berliner Luftbrücke Lebensretter aus der Luft

Die Russen machten Angst, die Amerikaner Hoffnung: Traute Grier erlebte als 16-Jährige, wie die Sowjets alle Zufahrtswege nach Berlin abriegelten - und die isolierte Stadt mitten in Stalins Reich für mehr als ein Jahr lang aus der Luft versorgt wurde.

CARE

Als die Bomben am 28. April 1945 über Berlin hagelten, kauerten meine Mutter und ich im Bunker des Kaufhauses Karstadt am Hermannsplatz. Damals war ich 14 Jahre alt. "Was kommt bloß jetzt? Was, wenn die Russen kommen - dieses bestialische, unzivilisierte Volk?" fragte ich mich zitternd vor Angst. So hatten uns die Erwachsenen die Russen beschrieben. Plötzlich platzte ein Rohr und der Bunker füllte sich in Sekundenschnelle mit Wasser. Entschlossen packte mich meine Mutter am Arm und sagte "Absaufen können wir auch zuhause". Und dann rannten wir los - von Haus zu Haus, auf der Flucht vor der pfeifenden Stalinorgel, den Raketeneinschlägen der Russen, die einfach nicht aufhören wollten. Es war der Horror.

Und dann kamen sie, die russischen Soldaten. Voller Hass nahmen sie sich alles, was sie wollten. Bei uns im Haus wurden eine Frau und ihre Tochter 19 Mal vergewaltigt. Ein Russe nach dem anderen hat sich an ihnen vergangen. Das passierte häufig. Wenn sich die Frauen wehrten, wurden sie brutal zusammengeschlagen, nicht selten bis zur Unkenntlichkeit. Vor allem vor den Mongolen und den anderen Hinterländlern, die Stalin im Krieg als Kanonenfutter benutzte, hatten wir Kinder furchtbare Angst. Im Kuhstall ein Stückchen weiter in unserer Straße trieben sie es mit den Ziegen, vor unseren mit Schrecken gefüllten Kinderaugen. Bei meiner Tante haben sie einfach in den Kleiderschrank hineingemacht, so als ob sie nicht wüssten, was eine Toilette ist.

Neben der ständigen Angst diktierte der Hunger unsere Tage. Ich sah, wie Menschen förmlich den Dreck von der Strasse aßen und mit alten Kartoffelschalen und Gras verzweifelt versuchten, sich den Magen zu füllen. Meine Mutter und ich gingen "hamstern". Wir kletterten auf das Dach eines Zuges und fuhren bis nach Schönefeld in die Ostzone. Dort schlichen wir uns auf die Felder und klauten Kartoffeln oder Rüben, ständig auf der Hut, dass uns keiner erwischt. Was sollten wir auch machen, wir mussten ja etwas essen.

Flugzeugwartung in der Luft

Im August 1945 rückten die Westalliierten ein und Berlin wurde aufgeteilt. Meine Mutter und ich wohnten in Neukölln im amerikanischen Sektor. Darüber waren wir sehr froh. Sie gaben uns zu Essen, und das Leben verbesserte sich allmählich. Doch es sollte nicht so bleiben. Die monatelangen Schikanen Stalins gegen die westlichen Alliierten gipfelten in der völligen Blockade West-Berlins ab dem 24. Juni 1948. Alle Zufahrtswege wurden gesperrt; der britische, französische und amerikanische Sektor war von allen Versorgungsadern abgetrennt. Damit wollte Stalin die Westmächte zum Rückzug zwingen und Berlin unter sein kommunistisches Joch stellen. Das jagte uns wahnsinnige Angst ein. Wieder in die Hände der Russen zu fallen, die wir ja beim Einmarsch kennen gelernt hatten, war das Schlimmste, was wir uns vorstellen konnten. All unsere Hoffnung lag jetzt bei den Alliierten.

Sie haben uns nicht enttäuscht. Nur 48 Stunden nach der Isolierung flogen die Alliierten die erste Luftbrücke nach Berlin, um die Stadt mit dem Notwendigsten zu versorgen. Sie sollte über ein Jahr anhalten. Trotz aller Drohungen der Sowjets ließen uns die Amerikaner und Briten nicht im Stich, hielten an Demokratie und Freiheit fest und versorgten uns dauerhaft über die drei Luftkorridore mit Lebensmitteln und Heizkohle. Alle drei Minuten landete ein Flugzeug auf dem Flughafen Tempelhof; in der Luft schwirrten ständig mehrer Flugzeuge gleichzeitig.

"Für Reparaturen am Boden blieb damals keine Zeit", berichtete der Mann einer Freundin, der als Mechaniker die Luftbrücke flog. "Die meisten Arbeiten mussten in der Luft verrichtet werden. Oft mussten wir uns an Bord der Maschine schnell etwas einfallen lassen, um heil wieder auf die Erde zu kommen. Außerdem war die Bedrohung der russischen Flieger nahezu ständig präsent. Von meinem Flugzeug aus, konnte ich die russischen Maschinen sehen, wie sie neben uns flogen." Diese Piloten und Männer riskierten ihr Leben für uns. Und das, obwohl wir Deutschen im Krieg ja ihre Feinde gewesen waren und viele ihrer Angehörigen von unseren Landsleuten umgebracht wurden. Deshalb war es für uns Berliner klar: Wenn die Amerikaner den Russen standhielten, dann mussten wir auch durchhalten - auch, wenn es manchmal wirklich hart war.

Jugendlager auf der Pfaueninsel

Denn Essen und Kohle waren knapp und Arbeit gab es kaum. Das Kaufhaus Karstadt, bei dem meine Mutter früher angestellt war, lag in Trümmern. Um uns irgendwie über Wasser zu halten, schuftete sie auf russischen Rhabarberfeldern oder hievte schwere Baumstämme auf Lastwagen bei der sogenannten Holzaktion. Dann schaffte sie es, einen Job bei den Amerikanern in der Kaserne Lichterfelde zu ergattern. Ich erinnere mich, wie sie mir ihr Essen und ihre Kekse aufhob und mich extra in die Kaserne holte, denn mit rausnehmen durfte sie nichts. So verschaffte sie mir etwas Warmes in den Bauch, ganz egal wie leer ihr eigener Magen auch war. Manchmal ist sie ohnmächtig geworden und zusammengeklappt, so unterernährt war sie.

Das Kochen zuhause musste man planen, denn Strom gab es nur zu bestimmten Zeiten. So kam es nicht selten vor, dass meine Mutter mitten in der Nacht um 2 Uhr morgens aufstand, zum Herd ging und die Kartoffeln aufsetzte. Dann umwickelte sie den Topf zum Warmhalten mit Zeitungspapier und einer Decke und legte sich wieder schlafen. Am nächsten Tag gab's dann Kartoffeln, am darauffolgenden Tag Kartoffeln mit Suppe und danach Suppe mit Kartoffeln. Wir waren dankbar für das, was wir bekamen. Trotzdem muss mich die Ernährungssituation wohl sehr belastet haben, denn ich bekam ein Magengeschwür, und nur ein ekliges braunes Zeug konnte mich wieder zu Kräften bringen.

Dann kam der kalte Winter 1948/49 und es gab kaum etwas zum Feuern. Wenn wir heizten, dann nur ein Zimmer. Zu Bett gingen wir eben in dicken Pullis und Schals. Es gab aber auch schöne Erfahrungen während der Blockade. Eine davon war das Jugendlager auf der Pfaueninsel im Wannsee, das die Stadt Berlin mit Hilfe der Westmächte organisierte. Dort am Luftschlösschen Luise war es traumhaft schön. Es gab Jugendspiele, wir schliefen in Zelten und für Essen war ebenfalls gesorgt. Es war wie eine Auszeit vom schweren Alltag, wie ein Balsam für unsere Seelen und Mägen. Alle zwei Wochen kam ein neuer Schub Kinder dran.

Kaffee-Einladung in die Kaserne

Ein anderes schönes Erlebnis hatte ich eines Morgens auf dem Weg zu meinem Schullehrgang. Als ich wie gewohnt so gegen sieben Uhr an der Flughafenkaserne Tempelhof vorbeiging, kam eine Gruppe US-Soldaten aus dem Gebäude und bewegte sich zu einem Bus. Plötzlich lief einer der Soldaten zu mir herüber und drückte mir zwei oder drei Orangen in die Hände. Schöne, saftige, süße Orangen. Das war was! Ich war total baff. Auch wenn ich Englisch von der Schule her konnte, brachte ich nur ein kurzes "Thank you" hervor. Sogleich rannte er zurück und verschwand im Bus.

Meiner Mutter ist eine ähnliche kulinarische und menschliche Kostbarkeit zuteil geworden. Sie arbeitete damals bei der Holzaktion und hievte zusammen mit einer Gruppe Frauen stapelweise schwere Baumstämme auf den Lastwagen. Da brach plötzlich das Rad des Lastwagens. Der farbige amerikanische Fahrer wusste nicht mehr weiter und war völlig ausgehungert, also gab ihm eine der Frauen ein Stück Brot ab. Am nächsten Tag hat er die ganze Frauengruppe mit zur Kaserne genommen und allen eine Tasse Kaffee spendiert. "Das war etwas ganz Besonderes! Ein Genuss! Etwas ganz anderes als dieser Muckefuck, der nach nichts schmeckt", erzählte mir meine Mutter begeistert.

Das Verhältnis der Alliierten zu uns Deutschen lockerte sich von Tag zu Tag auf und wuchs zu einer großen Freundschaft. Zu Anfang war es den Amerikanern beispielsweise verboten, mit den deutschen Mädchen zu sprechen. Ich weiß noch, dass meine damalige Schulfreundin und ihr "heimlicher" amerikanischer Freund um 1947/48 heiraten wollten, doch das ging nicht. Später sind aus den Begegnungen zwischen amerikanischen Soldaten und deutschen "Frolleins" viele Ehen hervorgegangen.

Auch ich lernte einen sehr zuvorkommenden, gutaussehenden Amerikaner mit gutem Herz kennen, der mich mit seinen dunklen leicht gewelltem Haar und seinen schönen blauen Augen à la Clark Gable verzauberte - das war allerdings erst im Jahr 1955; und er auch kein Luftbrückensoldat. Drei Monate später waren wir verheiratet. Seit 1962 bin ich amerikanische Staatsbürgerin.

Aufgezeichnet von Sonja Schewe



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