Berliner Wettbetrüger Max Klante Der Traum vom schnellen Geld

950 Prozent Dividende! Wohlhabenden und Kleinsparern zog er Millionen aus der Tasche - mit Pferdewetten. Max Klante war 1921 der wohl größte Schwindler der Welt. Bis sein Schneeballsystem zusammenbrach.

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Zur Autorin
  • Thomas Müller
    Nathalie Boegel, Journalistin bei SPIEGEL TV, arbeitete schon in ihrem Volontariat als Polizeireporterin, war dann 15 Jahre lang Moderatorin und Filmautorin. Über die Polizei hat sie 20 Dokumentationen gedreht, darunter die Serien "Deutschland, deine Polizei" und "Tatort Deutschland". Mit "Berlin. Hauptstadt des Verbrechens" ist jetzt ihr erstes Buch erschienen.

Als Max Klante mit Mitte 30 von der Front zurückkehrt, hat ihn der "Große Krieg" schwer gezeichnet. Für den Rest seines Lebens schwächen ihn eine chronische Tuberkulose und eine nicht näher beschriebene "psychische Störung". Doch der kleine, schmächtige Mann hat ein Riesentalent in dieser unsteten und wirren Zeit: Er ist ein Menschenfänger. Als selbsternannter "Volksbeglücker" gelingt es ihm 1921, Zehntausenden Menschen Millionensummen aus der Tasche zu ziehen.

Sein Versprechen lautet, die "Kredite" seiner Einzahler zu verdoppeln, zu versechsfachen oder - sollte sich der Anleger gleich fürs "Klante-Sparbuch" entscheiden - eine jährliche Dividende von 950 Prozent zu zahlen. Wie diese enormen Erträge möglich sein sollen? Na, mit Max Klantes genialem, nahezu unfehlbarem System für Pferdewetten. So könne man sich das "Glück dienstbar machen", lässt er deutschlandweit verkünden.

Vor allem die Berliner rennen ihm die Bude ein. Er kauft ein modernes Bürohaus in der Frankfurter Straße, stattet es repräsentativ aus, lässt aus edlen Hölzern Wettschalter zimmern. Im schicken Interieur werden die Berliner galant begrüßt und vom Personal hofiert. Bald stehen das Café "Rheingold" und das Sport-Café "Gallipoli" ebenfalls für Einzahlungen zur Verfügung.

Den Vogel schießt Klantes Geschäftsmodell in Dresden ab: eine Annahmestelle speziell für gewinnorientierte Polizeibeamte, direkt im Gebäude des Dresdner Polizeipräsidiums. Auch dort hegt offenbar niemand ernsthafte Zweifel an den versprochenen Wahnsinnsgewinnen - wohl ein Fall von Massenpsychologie: So viele Menschen können doch nicht irren. Zeigt sich Max Klante in einem seiner Büros, empfangen ihn Menschen mit Jubel, eine Band spielt den eigens komponierten "Max-Klante-Marsch".

Bürstenbinder, Fürstenkinder

Die Lebensgeschichte des damals wohl größten Schwindlers der Welt begann wenig feudal. Nach der Volksschule im schlesischen Grünberg arbeitet Max Klante schon als elfjähriges Kind in der Bürstenbinderei seines Onkels, zieht Tierhaare von Schwein, Pferd und Ziege mit Draht in Holzbrettchen. Der Beruf genießt wenig Ansehen, Bürstenbinder werden als "Fürstenkinder" verulkt. Nachdem Bürsten 1890 industriell gefertigt werden, geht Klantes Onkel pleite.

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Wettbetrüger Max Klante: Kleinsparer, Traumrenditen und der jähe Absturz

Neffe Max verkauft fortan Zeitungen in Breslau. Wenn die Menschen in Cafés und Kneipen über Gott und die Welt sprechen, schnappt er auf, was sie bewegt, was sie sich erhoffen und erträumen. Nach dem Kriegsdienst arbeitet Klante, chronisch krank, als selbstständiger Fotograf und zieht aus Mangel an Aufträgen nach Berlin, doch auch dort laufen die Geschäfte schlecht. Laut einer Quelle beträgt seine Jahressteuerschuld für 1919 lediglich 20 Mark, einer anderen zufolge sogar eine Mark. Klante hofft auf mehr Erfolg mit Pferdewetten.

In und um Berlin gibt es die Rennbahnen Mariendorf, Ruhleben, Karlshorst und natürlich Hoppegarten, die mondänste. Beim Wetten beweist Klante ein gutes Händchen und steigt auf zum "Tipster", der unerfahrene Herrschaften mit Tipps versorgt und am Gewinn beteiligt wird.

Klante gewinnt häufig. Er studiert die Pferde wie auch ihre Jockeys: Wird das Tier bereit sein, alle Kräfte auf dem Turf zu mobilisieren? Wie reagiert es kurz vor dem Start, wie gut und erfahren ist der Reiter? Platzierungen, Starthäufigkeit, Form und Verhalten der Pferde im Führring - Klante fügt alle Informationen für seine treffsicheren Annahmen zusammen.

Hoppegarten ist das Zentrum des deutschen Galoppsports. Trotz seiner geringen Bildung kommt Klante bei der Gesellschaft am Führring, vor dem Totalisator und auf der Tribüne gut an. Dank Provisionen und Wettgewinnen kann er sich bald ein eigenes Rennpferd leisten. In ihm reift ein verwegener Plan: aufs richtige Pferd setzen als Geschäftsmodell, die Leute mit Pferdewetten reich machen, sich selbst allemal.

Jahresverdienst 600 Prozent!

Wohlhabenden Geldgebern trägt er seine Geschäftsidee so überzeugend vor, dass sie ihm rund 500.000 Mark zur Verfügung stellen. Mit einem Kompagnon gründet er den "KlanteKonzern", die "Max Klante und Co. GmbH". Geschäftszweck: "durch Gründung eines Rennstalls und eines Gestüts die inländische Pferdezucht zu heben". Was sich vor allem hebt, ist das Vermögen des Gründers.

Zum Jahreswechsel 1920/1921 schaltet Klantes Firma eine große Werbekampagne. Deutschlandweite Inserate versprechen Traumrenditen:

"Sehr geehrter Herr! In der heutigen teuren Zeit liegt es wohl auch in Ihrem Interesse, sich eine dauerhafte Nebeneinnahme zu verschaffen. Diese bieten wir Ihnen, wenn Sie uns für unser Weltunternehmen Ihr Geld leihen... Wir geben Anteilsscheine von 100 Mark bis 50.000 Mark heraus und zahlen für 100 Mark Einzahlung am 1. Februar 100 Mark, am 1. März 100 Mark, am 1. April 100 Mark, also 3 mal 100 Mark gleich 300 Mark zurück, das sind 200 Prozent Dividende... Für 10.000 Mark gibt es 30.000 Mark."

Zur Frühjahrs-Rennsaison erscheinen Prospekte mit ebenso großspurigen Versprechen: Jahresverdienst 600 Prozent! Zunächst kleckern die Einzahlungen nur herein, doch im ersten wie auch zweiten Monat leistet Klante die Auszahlungen wie vereinbart. Seine Geschäftstüchtigkeit spricht sich schnell herum, nun trägt er das Geld kofferweise auf die Rennbahn.

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Seine Kunden kommen aus allen Kreisen. Rechtsanwälte, Bankdirektoren, Chefärzte gehen ins Risiko, um noch reicher zu werden. Kleinsparer aber stellen die mit Abstand größte Gruppe. Sie vertrauen dem Mann, der wie sie aus der unteren Gesellschaftsschicht stammt, ihr Geld lieber an als der Bank.

Geldregen für die Gäste

Als Klante Mitte 1921 bereits Millionen verwaltet, gründet er einen eigenen Rennstall. Seine Pferde gelten als erstklassig, ebenso seine Jockeys. Sie starten leicht wiedererkennbar mit blauen Jacken, verziert mit gelben Schnüren. Klante setzt hohe Summen. Und gewinnt. Er zahlt die zugesagten Dividenden über Monate prompt aus, gründet neue Annahmestellen, stellt Geldeintreiber ein.

Der Wettkönig mit der Vorliebe für helle Anzüge kauft mit Frau und Kind ein herrschaftliches Anwesen in Karlshorst, lebt dort glanzvoll mit Kammerdiener, Chauffeuren, drei Autos. Und angeblich auch mehreren Geliebten. Bei seiner Geburtstagsfeier soll er 25.000 Mark in Geldscheinen unter die Gäste geworfen haben. Ergebene Anleger grüßen ihn mit "Heil, Klante!" - es ist das Jahr seines kometenhaften finanziellen und gesellschaftlichen Aufstiegs.

Doch der Absturz kündigt sich im Sommer 1921 bereits an. Nicht alle Wetten mit hohen Einsätzen reüssieren, der KlanteKonzern fährt empfindliche Verluste ein, die Zahl der Neukunden kann sich nicht immer weiter verdoppeln - Ende des Schneeballsystems. Klante will die Jahresdividende von 600 auf 300 Prozent halbieren. Weil seine Anleger das verweigern, muss er mit neuen Einnahmen die alten Löcher stopfen. Aus dem Wettgeschäft ist bereits Betrug geworden.

Hektisch fasst der Unternehmer neue Ideen ins Auge: Er möchte Likörfabriken kaufen und eine Kette von "Saftläden" gründen, wie der Berliner seine geliebten Likörstuben nennt. Dazu Wurstfabriken. Sanatorien. Automobilsalons! Im Zirkuszelt verkündet er seine Pläne. Doch verflogen scheint seine Gabe, das Publikum raffiniert zu bezirzen. Zuhörer berichten von einer wirren Rede. Klante spricht von sich in der dritten Person:

"Max Klante will sein Unternehmen von großkapitalistischen Einflüssen freihalten. Für die Großkapitalisten und jüdischen Spekulanten, für die Schieber darf keine Möglichkeit sein. Volksgenossen, mit euren Darlehen wird der Konzern Fabriken, Häuser, Grundbesitz kaufen. Alles soll einer großen Genossenschaft der Volksaktionäre gehören. Max Klante ist durch die Armen groß geworden. Max Klante wird die Armen groß machen."

Auf diese Visionen möchte niemand mehr wetten. Die Gläubiger verlieren das Vertrauen, sie fordern ihr Geld zurück.

Zudem hat Klante den Staat um Steuern geprellt. Bei einer Betriebsprüfung im Wettbüro an der Großen Frankfurter Straße stoßen Finanzbeamte auf Belege und Rechnungen in Schuhkartons statt auf solide Buchführung. Kurzerhand beschließen sie, das Barvermögen zu beschlagnahmen - stolze zehn Millionen Mark.

Ein Ende mit Schrecken

Am 11. September 1921 entschließt sich Max Klante zur Flucht. Frau und Sohn setzt er in den Zug nach Breslau, weist sich selbst in ein Lungensanatorium ein und gibt Max Klein als Namen an; als schwer Tuberkulosekranker wünsche er, auf keinen Fall gestört zu werden. Doch zu bekannt ist sein Gesicht. Schon tags darauf verhaften Polizisten Herrn Klein alias Klante.

Die Gesamtforderungen belaufen sich laut Staatsanwaltschaft auf die unfassbare Summe von 90 Millionen Mark, nur zu einem Bruchteil gedeckt durch Vermögen in Form von Rennpferden, Autos, Häusern. Die Max Klante und Co. GmbH muss Konkurs anmelden.

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Über ein Jahr lang ermittelt die Staatsanwaltschaft. Noch während seiner Untersuchungshaft möchten weitere Kunden ihr Geld bei Klante anlegen. Vor dem Gefängnis am Alex kommt es zu einer Spontandemonstration mit "Heil Klante!"-Rufen.

Vor Gericht dreht die Stimmung. Reihenweise bezeugen "kleine Leute", wie sie Klante ihr mühsam erspartes Geld anvertrauten, Tränen rollen. Der Angeklagte beteuert, nicht er sei schuldig, sondern die Konkurrenz und das Finanzamt. Sein System sei perfekt und Millionen wert. Wie es genau funktioniere, könne er daher vor Gericht leider nicht erläutern. Allgemeine Heiterkeit, protokolliert der Gerichtsschreiber.

Das Urteil Anfang 1923: drei Jahre Haft, 105.000 Mark Strafe, dazu fünf Jahre Ehrverlust infolge Betruges, gewerbsmäßigen Glückspiels und Vergehens gegen die Konkursverordnung. Auf den vier Berliner Rennbahnen erhält Klante lebenslanges Hausverbot.

Den Zweiten Weltkrieg übersteht er, schon lange nicht mehr wehrtauglich, als Bürstenbinder mit einem kleinen Geschäft. Mitte der Fünfzigerjahre verlässt Max Klante der Lebensmut. Er dreht die Gashähne auf. Einzige Hinterlassenschaft einigen Quellen zufolge: ein Totoschein für ein Pferderennen.

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hans-jürgen BLUHER, 28.10.2018
1.
Werte Frau Boegel, vielen Dank für Ihren Artikel. Höchst interessant. Hinweis: Bei Pferderennen 1920 gab es noch keine Boxen am Start. Es war ein Band gespannt ( ähnlich einen Volleyballnetz), bis in die 70iger Jahre. Gruß hans Blüher
Eva Lutz, 28.10.2018
2. Adele: Knapp zwei Jahre, 32.000 Bürger, 38 Millionen Gulden
Für diejenigen, die solche Räuberpistolen lieben: Adele machte in kürzester Zeit umgerechnet rund 400 Mio Euro, ist schon eine Weile her aber sehr! lesenswert: https://de.wikipedia.org/wiki/Adele_Spitzeder Die Geschichte habe ich auf einer Stadtführung erfahren.
Lars Mach, 29.10.2018
3. Das geht heute viel eleganter mit
Heutzutage kleidet man Kettenspiele in andere Gewänder; da wird messianisch "Coaching" betrieben und um neue Mitglieder geworben, die von einem rabattierten Seminar zum nächsten kommen und wiederrum neue Mitglieder anwerben, um davon zu profitieren. Sie fühlen sich gut - zu Vangelis, Visionen und Selbstbetrug. Das System wird gar als "Franchise" betrieben und dient einzig der fixen Idee seines Gründers, "reich zu werden" - freilich ohne Wertschöpfung oder etwas wie einen glücklich machenden Lebensinhalt. Ich sah dies kürzlich wieder einmal in einer Reportage und war ...entsetzt? Nein. Denn ich altere und kenne die Menschen zu sehr.
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