Berlins kalte Kriegs-Reserve Gartenwurst und Moppelkotze


Die Geschichte liebt die Ironie. Aus Furcht vor den Sowjets und einer neuen Berlin-Blockade ordneten die West-Alliierten 1950 das Bunkern von Lebensmitteln an. Vierzig Jahre später fiel der Vorrat an die Sowjetunion - als Spende. Von

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Der Berliner Senat hatte 1990 eine sensible Entscheidung zu fällen: Es ging um die Auflösung der eisernen Reserven - vier Millionen Tonnen Güter, die an geheimen Orten aufbewahrt wurden, um den West-Berliner im Falle einer Blockade durch die Sowjets das Überleben zu sichern. Die so genannte Senatsreserve lagerte noch in der Stadt, als die Mauer längst gefallen war.

Nach dem Ende der Berliner Blockade hatten die drei westlichen Stadtkommandanten 1950 die "Berlin-Bevorratung" angeordnet. Etwa tausend Güter des täglichen Bedarfes, darunter 47.628 Kilogramm süßsaure Gurken, wurden in der Folgezeit in rund 700 geheimen Lagern zusammengetragen. Der Gesamtwert der Vorräte betrug über zwei Milliarden Mark, die Liste der Güter war 16 Seiten lang.

Nachttöpfe und lebende Rinder

Einige für notwendig empfundene Waren können durch Berliner Tradition und den erst kürzlich zu Ende gegangenen Krieg erklärt werden. Neben der "Gartenwurst", der Gurke, wurden auch 96 Tonnen Senf, 10.000 Nachttöpfe und 18 Millionen Rollen Klosettpapier eingelagert. Abgezählte 19 lebende Rinder muhten genauso in der Senatsreserve, wie man auch 26 Millionen Zigarren bereitgestellt hatte.

Da viele Waren verderblich waren, mussten sie ständig erneuert werden. Bei diesen "Umwälzungen" wurden jährlich neue Produkte im Wert von 200 Millionen Mark angekauft, was, wie die gesamte Anschaffung, von der Bundesregierung in Bonn bezahlt wurde. Um die Kosten zu senken, wurden viele Produkte vor ihrem Ablauf in Sonderaktionen verkauft. Besonders die Konserven mit Rinder- und Schweinefleisch zu minimalen Preisen erfreuten sich bei Berliner Hausfrauen wachsender Beliebtheit. Aus diesen Senatsbüchsen kreierten sie mit Zutaten der Phantasie die berühmte Berliner "Moppelkotze".

Das Management der Lager und ihre "Umwälzung" war eine schwierige, logistische Operation, die Gerhard Lenz übertragen worden war. Lenz, der sich schon bei der Berliner Blockade ausgezeichnet hatte, musste nun bei über hundert Beamten und vielen Arbeitern auf die Geheimhaltung achten. Niemand sollte wissen, wo und was eingelagert wurde. Und niemand sollte ahnen, dass der Senat für den Ernstfall auch ein Lebensmittelregime entworfen hatte.

Toilettenpapier in der Löwenbrauerei

Das System war mit Raucher-, Kinder- und Jugendkarten äußerst kompliziert. Eine jede Grundkarte konnte mehrere Zulagen mit sich ziehen, die dann durch Kartoffel-, Milch- oder Seifenmarken ergänzt wurden. Mit den Jahren wussten die Berliner allerdings recht genau, dass in der ehemaligen Löwenbrauerei vor allem Toilettenpapier anzutreffen war.

Der einzige Steingasometer Berlins in der Fichtestraße hatte im Krieg als Bunker gedient, dann war er Flüchtlings- und Obdachlosenasyl geworden. Ab 1953 assoziierten die Berliner eher "Unica", "Armada" und "Hennecke" mit dem massiven Bau. Das waren die Markennamen von Ölsardinen, Apfelmus und Brechbohnen, die als Senatsreserve dort untergebracht waren.

Für die Bevorratung wurden damals oft zerbombte Bauten aus der NS-Zeit genutzt. Die "Speerplatte" war ein riesiger Betonplatz, auf dem die Organisation Todt rund 200 Fahrzeuge abgestellt hatte. Daraus machte die Senatsreserve ein Kohlenlager. Auch die Außenstelle des Konzentrationslagers Sachsenhausen in der Wismarerstraße war ein Lager und auf der Insel Eiswerder wurden Tonnenweise Trockenzwiebeln verstaut.

Lebensmittel für den einstigen Feind

Mit der Ära Gorbatschow schwand die sowjetische Bedrohung. Der neue Staats- und Parteichef löste den Warschauer Pakt auf und entzog den Verbündeten und Satelliten jede Unterstützung bei der Aufrechterhaltung der kommunistischen Herrschaft. In einer einzigartigen Kettenreaktion brachen 1989 die KP-Systeme in Osteuropa zusammen.

Da die bisher erzwungenen Lebensmittellieferungen aus diesen Staaten ausblieben, drohte in der Sowjetunion eine Hungersnot.

In dieser Situation entschloss sich der Berliner Senat, ein Relikt des Kalten Krieges zu beseitigen: Er forderte die Bundesregierung auf, die drei West-Mächte zum Verzicht auf die von der Geschichte überholte Vorratshaltung zu bewegen. Die Absicht des Senats löste bei den Alliierten zunächst einen "Schock" aus, wie ein Senats-Memo vermerkt. Grund: Die Rot-Grüne Berliner Regierung wollte die Güter als Soforthilfe nach Osteuropa schicken.

Bundeskanzler Helmut Kohl konnte die Alliierten schließlich überzeugen. Die Senatsreserve wurde aufgelöst. Etwa ein Viertel aller in Berlin eingelagerten Waren wurden mit der Bahn, mit Schiffen und in Containern in die UdSSR gebracht.

Maßnahmen wurden getroffen, um zu verhindern, dass die Hilfe nicht abgezweigt werden konnte, sondern den wirklich Bedürftigen zugute kam. Saure Gurken waren allerdings nicht dabei, denn die waren ein eingelegtes Gemüse, das in der UdSSR immer und überall zu haben war.

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Thomas Gatzemeier 21.11.2007
Kommunistenfleisch für den Schutz gegen die Weltrevolution. Oh, so vieles vergisst man schnell!Ein Herr Moskel, oder so ähnlich - Spezi von F.J.Strauß - kaufte der DDR das Fleisch in solchen Mengen ab, das für die Arbeiterklasse kaum noch etwas zu beißen übrigblieb ! Und wahrlich, wurde doch für harte Währung der Eisenzaun für den Todesstreifen im Ruhrgebiet, beim Monopolkapitalisten erworben. Ein SCHALK wer da nichts schlechtes denkt !!! Das Gericht zum hohen Festtage bezeichnet alles!!!! http://volkskueche.net/volkskueche/?p=431
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