Bernd Rosemeyer Rekordjagd in den Tod

Bernd Rosemeyer: Rekordjagd in den Tod Fotos
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Blond, mutig, charismatisch: Für die Propaganda der Nazis eignete sich Bernd Rosemeyer perfekt als Heldengestalt. Vor 70 Jahren kam der umjubelte Rennfahrer bei einem spektakulären Rekordversuch ums Leben. Bis heute umgibt den Unfall ein Mysterium. Von Ralf Klee und Broder-Jürgen Trede

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Video: Historische Aufnahmen zeigen Bernd Rosemeyers Rekordjagd - und seine letzte Fahrt

Video: Pink-Floyd-Schlagzeuger Nick Mason testet einen Auto-Union-Wagen Typ C


Frankfurt am Main, 28. Januar 1938: Die Nerven sind angespannt im Rennstall der Auto-Union. In den frühen Morgenstunden hat Mercedes-Benz-Werksfahrer Rudolf Caracciola dem sächsischen Automobilkonzern den Geschwindigkeitsweltrekord abgenommen. Auf einem Teilabschnitt der Autobahn Frankfurt-Darmstadt ist der Grand-Prix-Pilot exakt 432,692 km/h gefahren - und hat damit den bisherigen Rekord um 26 km/h in den Schatten gestellt. Der Fehdehandschuh ist damit geworfen, doch die Auto-Union scheint bestens vorbereitet. Die Konstrukteure haben im Wettlauf um Geschwindigkeit und Prestige ihren alten Rekordwagen noch einmal verbessert und werfen nun ein neues Stromlinienmodell ins Rennen. Angetrieben wird der Bolide von einem Zwölf-Zylinder-Motor mit 560 PS. Herr über dieses Ungetüm ist Bernd Rosemeyer.

Der 28-Jährige aus dem niedersächsischen Lingen gilt als Draufgänger. Bereits als Neunjähriger will er sich das erste Mal hinters Lenkrad setzen, hat vom bloßen Betrachten der Kraftfahrzeuge in der elterlichen Autowerkstatt genug. Doch der Vater verbietet es ihm noch. Später wird Rosemeyer Rennfahrer - zunächst auf Motorrädern, dann in Rennwagen. 1935 dann schließlich Werkfahrer der Auto-Union und Senkrechtstarter im internationalen Grand-Prix-Rennsport. Rosemeyer gewinnt unter anderem die Europameisterschaft und den großen Preis von Italien 1936, holt sich im folgenden Jahr den Sieg beim Eifelrennen am Nürburgring und den legendären Vanderbilt Cup in New York.

Freunde sagen jedoch, sein größter Triumph sei es, das Herz der Flugpionierin Elly Beinhorn gewonnen zu haben. Die beiden heiraten 1936, im November 1937 erblickt Sohn Bernd junior das Licht der Welt. Wenige Wochen zuvor hatte seine Frau hochschwanger noch Ängste ausgestanden, als Rosemeyer mit 406,32 km/h über das schmale Betonband der Reichsautobahn raste und den vorläufigen Geschwindigkeitsweltrekord aufstellte.

"Viel Glück, Bernd!"

Und diesen will er nun an jenem Januarmorgen zurückhaben. Ein schwieriges Unterfangen, denn für ein Hochgeschwindigkeitsrennen sind die Bedingungen eigentlich mehr als ungünstig: Das Auto ist nur mäßig erprobt. Zudem ist es kalt, auf der Autobahn hat sich leichter Reif gebildet, und der Wind frischt auf. Sorgenfalten bei allen Beteiligten. Doch Bernd Rosemeyer setzt sich in seinen Wagen. Ist es Pflichtbewusstsein? Ist es Ehrgeiz? Oder ist es Draufgängertum?

Es kommt zu einem bemerkenswerten Treffen: Der neue Weltrekordler Rudolf Caracciola geht zu Rosemeyer hinüber und warnt verhalten: "Ich fahre nicht mehr, weil auf der Strecke Seitenwinde zu verspüren sind an einer Waldschneise bei Mörfelden." Rosemeyer gratuliert seinem Konkurrenten herzlich, setzt sich dennoch in seinen Wagen und sagt: "Und jetzt bin ich dran!" Caracciola spürt die Entschlossenheit und verzichtet auf eine eindringlichere Warnung. Auch aus Furcht, missverstanden zu werden, er habe Angst um seinen Rekord. Deshalb sagt er nur": Viel Glück, Bernd!"

Rosemeyer durchquert die Beschleunigungszone für den "fliegenden Start", dann die eigentliche Mess-Strecke. Den ersten Versuch nutzt er, um den Motor auf Betriebstemperatur zu bringen. Beim zweiten Versuch geht er ans Limit und erreicht 429,9 km/h - damit liegt er nur knapp unter Caracciolas neuer Bestmarke. Als der Wagen hält, tritt Mercedes-Werksfahrer Manfred von Brauchitsch an Rosemeyer heran: "Na, Bernd, wie war die Sache mit dem Sauwind?" Rosemeyer hat die gefährliche Luftströmung auch gespürt: "Ja, Windstille wäre besser. Aber es ist noch gut gegangen. Als ich hinter der Messstrecke unter der Brücke herauskam, hörte ich mit einem Male ein fürchterliches Trommeln auf meiner Karosserie. Aber ich habe sofort ein wenig entgegengesteuert und wieder Vollgas gegeben, und fort war ich."

Katastrophe bei Kilometer 9,2

Allen fahrerischen Könnens und der Zuversicht des Piloten zum Trotz - das Unternehmen Weltrekord scheint nun auch den Auto-Union-Verantwortlichen zu riskant zu werden. Man rät Rosemeyer von einer weiteren Fahrt ab. Der lässt sich aber nicht beeindrucken und macht sich zu einem dritten Versuch bereit. "Ich will mich nur noch einmal rantasten", sind seine letzten Worte.

Um 11:46 Uhr startet Rosemeyer den Motor erneut. Doch er tastet sich nicht an, sondern geht mal wieder aufs Ganze. Auto-Union-Rennleiter Dr. Feuereißen steigt in den Telefonwagen, um die Meldungen der Streckenposten abzuhören: "Kilometer 5: durchgefahren!" - "Kilometer 7,6: Bernd vorbei" - "Kilometer 8,6: vorbei". Etwa 430 km/h hat Rosemeyer auf dem Tacho, als er schließlich die Waldschneise passiert. Eine starke Windboe erfasst den Wagen und drückt ihn auf den mittleren Grünstreifen, Rosemeyer versucht das Gefährt noch einmal unter Kontrolle zu bringen. Vergeblich.

Der Rennsportautor Werner Nostheide schilderte in seinem Klassiker "Meister über Nerven und PS" die Katastrophe: "Der Rekordwagen überschlägt sich, wirbelt durch die Luft wie ein Bumerang. Aus dem fliegenden, tosenden Gefährt saust ein Körper zu Boden, schlägt zwanzig Meter neben der Bahn zwischen Baumstämmen auf der Böschung auf." Der Streckenposten greift sofort zum Telefon und meldet "Wagen bei Kilometer 9,2 verunglückt". Rettungskräfte eilen an den Unfallort. Rennarzt Dr. Gläser findet Rosemeyer "friedlich, als ob er nur ein wenig schliefe" an der Böschung vor.

Doch Deutschlands Rennsportheros ist tot.

"...tolles und ganz unnötiges Rennen"

Der "Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda", Dr. Joseph Goebbels, erfährt von dem Unfall durch den Führer des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps (NSKK). Verärgert notiert er in seinem Tagebuch: "Hühnlein bringt die tragische Nachricht von dem tödlichen Unglück Rosemeyers. Unser bester Rennfahrer damit verloren. Bei einem tollen und ganz unnötigen Rennen." Die Nation ist im Schockzustand. Tausende erweisen dem Rennfahrer die letzte Ehre und geleiten den Leichnam auf den Waldfriedhof in Berlin-Dahlem, wo er am 1. Februar 1938 beigesetzt wird. Direkt neben seinem Freund Ernst von Delius, der sich wenige Monate zuvor - ebenfalls für Auto-Union fahrend - beim Nürburgrennen tödliche Verletzungen zugezogen hatte. Rosemeyers Begräbnis gleicht einem Staatsakt. Weggefährten wie Caracciola und von Brauschitsch tragen den Sarg, die Trauerklänge von Ludwig van Beethoven ertönen. Dazu hält eine Abordnung der "Leibstandarte SS Adolf Hitler" die Mahnwache. Eine finale Inszenierung.

Die Witwe Elly Beinhorn-Rosemeyer wird in jenen Tagen mit einer Flut von Beileidsbekundungen konfrontiert. Freunde, Motorsportfans, Rennfahrerkollegen, Bekannte und Unbekannte schicken Karten. Auch Adolf Hitler kondoliert und erklärt öffentlich: "Es ist für uns alle schmerzlich zu wissen, dass gerade einer der allerbesten und mutigsten Pioniere der Weltgeltung der deutschen Motoren- und Automobilfabrikation, Bernd Rosemeyer, sein junges Leben lassen musste."

"Reichsführer SS" Heinrich Himmler wendet sich an die Witwe mit den Worten: "Zum Tode Ihres Mannes, unseres lieben und mutigen Kameraden, dieses immer einsatzbereiten Deutschen, spreche ich Ihnen mein und der gesamten Schutzstaffel herzlichstes Beileid aus. Ein Motorsturm der SS wird für immer seinen Namen tragen."

"Einprägsamstes Bild des Heldentums"

Die Mythenmaschine beginnt zu arbeiten - und Rosemeyer eignet sich perfekt für die Propaganda: ein blonder Draufgänger, charismatisch, erfolgreich, beinahe eine Sagengestalt. Ein neuzeitlicher Siegfried, der nur durch einen heimtückischen Stoß aus Bahn und Leben gebracht wurde. Und noch dazu war er Mitglied der SS - spätestens seit November 1933, wie eine erhaltene Stammkarte belegt. Warum er dem "Schwarzen Orden" beitrat, ist ungewiss. "Völkische Überzeugung" dürfte es nicht gewesen sein, denn Hauptsturmführer Rosemeyer soll den neuen Machthabern eher reserviert gegenübergestanden haben. Vermutlich trat er aus Karrieregründen ein. Für die Erteilung einer Rennfahrerlizenz soll die Mitgliedschaft in einer Motorsport betreibenden NS-Organisation obligatorisch gewesen sein. Warum er letztendlich die SS wählte, gehört zu den Geheimnissen der Mythengestalt Rosemeyer. Die Mitgliedschaft im NSKK hätte genügt.

Fest steht, dass die NS-Medien einen beispiellosen Kult um seine Person initiierten. So skizzierten Tageszeitungen den "Helden Rosemeyer", der sein junges Leben für Deutschland gegeben habe. Autoren fertigten schnell geschriebene Biografien an. Sogar Straßen wurden nach ihm benannt. Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Victor Klemperer resümierte später: "Das einprägsamste und häufigste Bild des Heldentums liefert in der Mitte der dreißiger Jahre der Autorennfahrer: Nach seinem Todessturz steht Bernd Rosemeyer eine Zeitlang fast gleichwertig mit Horst Wessel vor den Augen der Volksphantasie."

Merkwürdige Verformungen am Unfallauto?

Weder die Öffentlichkeit noch die gleichgeschalteten Medien schienen sich dafür zu interessieren, wer Rosemeyer wirklich war und warum er an jenem 28. Januar sterben musste. War es wirklich nur eine Windböe, oder gab es weitere Faktoren? Augenzeugen sprachen von einer instabilen Fahrt des Stromlinienwagens. Auf Bildern, die der Karlsruher Fotograf und Journalist Alexander Büttner bei den Weltrekordversuchen anfertigte, sah man merkwürdige Verformungen am Gehäuse. Auto-Union soll später versucht haben, diese Bilder aus dem Verkehr zu ziehen. Der Unfallhergang ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt, auch weil das Deutsche Nachrichtenbüro (DNB) noch am Todestag um 15:15 Uhr einen Rundruf an die Tageszeitungen startet: "Die Schuldfrage an dem Unfall Rosemeyers soll in der Presse nicht erörtert werden."

So bleibt ein schlichter Gedenkstein an der Autobahn Frankfurt-Darmstadt bei Kilometer 508: "Dem Andenken an Bernd Rosemeyer, der an dieser Stelle am 28. Januar 38 bei Recordversuchen mit dem Rennwagen tödlich verunglückte."

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1.
Holger Merten 26.01.2008
Dieser Artikel ist ein guter Beweis dafür, dass man sich in eines der interessantesten und spannendsten Kapitel des deutschen Motorsport sehr lange und gut einarbeiten muss. Die Ära der deutschen Silberpfeile der Auto Union und Mercedes-Benz scheint zwar gut aufgearbeitet aber viele Fehler haben sich da in die Bücher eingeschlichen, die leider immer wieder kolportiert werden. Stolpert der Kenner im Artikel schon über einige Ungereimtheiten, dann wir er spätestens bei den Bildunterschriften stutzig. Hier bemerkt man, dass sich die Autoren wohl auf dünnem Eis bewegen und sich vielleicht zum ersten Mal mit der Thematik beschäftigen. Als Beispiel gehe ich hier einmal die ersten Bilder und deren Bildunterschriften durch. Also diesen Artikel mit Vorsicht lesen. Oberflächlich richtig, aber in den Details manchmal vollkommen daneben. Das beginnt schon beim Aufmacherbild. Leider Leider ist der grösste Schnitzer auch gleich das Aufmacherbild. Bild 1 (Aufmacherbild): Wir sehen hier keinen Auto Union Rennwagen Typ C, wie ihn Rosemeyer 1937 mit der Startnummer 5 gefahren ist. Nein wir sehen einen Mercedes-Benz. Leider lässt sich die Startnummer nicht eindeutig erkennen, die dunkle Kappe lässt aber auf den englischen Fahrer Dick Seaman im Mercedes Team schliessen. Bild 2: Bernd Rosemeyer nicht vor irgendeinem Auto, sondern vor der Auto Union Stromlinienwagen auf der Avus 1937. Mit genau diesem Auto (modifiziert) wird er ein halbes Jahr später in den Tod fahren. Bild 3: Das ist nicht das letzte Bild Rosemeyers. Hier wird der Wagen gerade gewendet und für den Start positioniert. Es gibt allerdings noch Bilder nach dem Start. Bild 4: Wie die Autoren darauf kommen, es handle sich um die Karosserieverkleidung ist mir schleierhaft. Die Karosserie hat sich ja bereits 100e Meter zuvor vom Wagen gelöst. Bild 5: Die Berliner Rennstrecke ist nicht irgendeine, es ist die Avus. Auf der 1937 in einem formelfreien Rennen die stromlinenförmigen, futuristischen Wagen von Mercedes und Auto Union Spitzengeschwindigkeiten über 350km/h erzielten. Die neue Steilkurve machte es möglich. Die Reifen waren das grösste Handicap. Bild 6: Bernd Rosemeyer 1937 im Streckenabschnitt Karussel beim Eifelrennen auf dem Nürburgring. Also nichts ist mit 1935.
2.
Bernd Heußinger 04.03.2011
Holger Merten hat mit seiner Kritik recht. Das Aufmacherbild zeigt einen Mercedes Benz vom Typ W 125. Am Steuer vermute ich aber Manfred von Brauchitsch. Warum wird die Bildunterschrift die Bildunterschrift eigentlich nicht geändert?
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