Bertha Benz' große Autofahrt "Da ist ja eine Frau obbe!"

Bertha Benz' große Autofahrt: "Da ist ja eine Frau obbe!" Fotos
Daimler

Den Wagen reparierte sie mit Haarnadel und Strumpfband, getankt wurde in Apotheken: Vor 125 Jahren unternahm Bertha Benz die erste Überlandfahrt mit dem Motorwagen ihres Mannes Carl Benz. Ein Abenteuer - und eine Nacht-und-Nebel-Aktion. Denn weder ihr Gatte noch die Polizei durften etwas erfahren. Von Johanna Lutteroth

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 11 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.3 (30 Bewertungen)

Schon im Herbst 1885 war sich Carl Benz sicher, dass sein Motorwagen mehr war "als eine bloße Versuchskonstruktion ohne praktische Verwendungsmöglichkeit und ohne wirtschaftlichen Zukunftswert", wie er es in seinen Erinnerungen beschrieb. Der "Satansgefährt", wie die Spötter und Kritiker den Wagen nannten, legte mehrere Kilometer am Stück anstandslos zurück und erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu 20 Kilometern pro Stunde. Also beschloss Benz, seine Erfindung patentieren zu lassen. Am 29. Januar 1886 hielt er das Patent schließlich in den Händen. Was für ein Triumph!

Der "pferdlose Wagen" wurde schnell zum Stadtgespräch. "Es ist nicht zu bezweifeln, dass sich dieses Motoren-Velociped bald zahlreiche Freunde erwerben wird", urteilte die "Neue Badische Landeszeitung" am 4. Juni 1886 euphorisch. Doch die Stimmen der Kritiker waren lauter. Sie belächelten den "Benzinwagen" und forderten eindringlich, "die Straße gehöre den Pferden". Der dreirädrige Motorwagen fand einfach keine Käufer. Der erhoffte wirtschaftliche Erfolg blieb aus. Carl Benz war kurz davor zu resignieren: "Jetzt merkte ich, dass ich ganz unten stand, ganz unten und wie ein Bettler anklopfen musste vor den Türen der Menschheit und ihrer Kultur", schreibt er in seinen Erinnerungen.

Seine Frau Bertha Benz konnte das Zaudern und Hadern nicht länger mit ansehen. Sie glaubte an den selbstfahrenden Wagen und seine Zukunft und beschloss, nicht nur den vielen Spöttern und Kritikern zu beweisen, wie leistungsfähig das Gefährt war, sondern auch ihrem mutlosen Ehemann. Der erfuhr allerdings nichts von ihren Plänen. "Er wäre zu zögerlich gewesen. Er hätte das nie erlaubt", sagt Winfried Seidel, der das Automuseum Dr. Carl Benz leitet und sich intensiv mit der Familiengeschichte beschäftigt hat. Eines Morgens Anfang August 1888 waren sie und ihre beiden Söhne Richard und Eugen verschwunden - und mit ihnen der Motorwagen.

Illegale Ausfahrt

Heimlich waren sie zur ersten Überlandfahrt der Automobilgeschichte aufgebrochen. Die Gelegenheit hatte sich ganz spontan ergeben. Die Schwester von Bertha Benz, die in Pforzheim lebte, hatte ein Kind bekommen. Bertha Benz wollte sie besuchen. Warum also mit der Eisenbahn fahren, wenn man einen Motorwagen hatte? Ihre Söhne ließen sich sofort auf das tollkühne Abenteuer ein, das Bertha Benz unvergessen machte. "Ich war wohl die erste Autofahrerin der Welt", sagte sie im hohen Alter über sich selbst.

Rund hundert Kilometer hatten sie vor sich, als sie in der Dämmerung den Motorwagen auf die Straße rollten. Der Start fiel holprig aus. Erst beim dritten Versuch sprang der Wagen an. Erleichtert machten es sich die drei auf dem Fahrerbock bequem und knatterten im Halbdunkel davon - und waren ganz schön aufgeregt. Noch nie war der Wagen so weit gefahren. Würden sie die 106 Kilometer schaffen? Würde der Wagen durchhalten? Und noch viel entscheidender: Würde die Polizei sie aufhalten?

Denn was sie vorhatten, war strengstens verboten. Mit Argusaugen wachte die Polizei darüber, dass Benz seine Motorwagen nur im Rahmen der ihm erteilten Fahrgenehmigungen auf bestimmten Straßen zu bestimmten Uhrzeiten testete. Außerhalb Mannheims durfte der Wagen nicht fahren. Mit gutem Grund: Immer wieder gab es Beschwerden, weil die Pferde vor dem knatternden und stinkenden Ungetüm scheuten, zur Seite sprangen und damit Unfälle verursachten. "Vor dem Fabriktor standen immer Polizisten, die darauf achteten, dass niemand ohne Genehmigung aus der Fabrik brauste", sagt Seidel.

Pferde verloren?

Von der Polizei blieben sie unbehelligt. Doch schon nach wenigen Kilometern tauchten die ersten Probleme auf. Der kupferne Wasserbehälter über dem Zylinder spuckte dichte weiße Dampfwolken aus. Kühlwasser musste her und zwar schnell. Sie fanden schließlich einen Brunnen und füllten Wasser nach. Kurz vor Wiesloch ging ihnen dann das Benzin aus. Sie hatten unterschätzt, wie viel der Wagen schluckte. Neugierig umringten die Wieslocher das Vehikel. "Gehört ihr zur Vorhut eines Zirkus", fragte ein Junge. "Heiliger Sandsack!" rief ein Gemüsehändler. "Da ist ja eine Frau obbe!" Ein anderer unkte, ob sie ihre Pferde verloren hätten.

Mutter und Söhne ließen sich von den vielen Bemerkungen nicht irritieren. Ratlos betrachteten sie den leeren Tank. Dann kam ihnen die zündende Idee. Ligroin, mit dem der Wagen fuhr, wurde auch in Apotheken als Reinigungsmittel verkauft. Also schoben sie den Wagen bis zur Stadtapotheke von Wiesloch. Der Inhaber staunte nicht schlecht, verkaufte den Abenteurern aber bereitwillig seine gesamten Ligroinbestände - und gilt seither als erster Tankwart der Geschichte.

Kilometer um Kilometer hangelte sich die Mutter mit ihren Söhnen, die sich am Steuer abwechselten, von Brunnen zu Brunnen und von Apotheke zu Apotheke. Und immer wieder hatten sie mit der Technik zu kämpfen. Doch kein Problem blieb ungelöst. Kurz hinter Weingarten blieb der Wagen liegen, weil die Benzinzufuhr verstopft war. Bertha Benz zückte kurzerhand ihre Hutnadel, schob sie in den Schlauch und löste damit die Verstopfung. In Söllingen streikte die "pferdlose Kutsche" das nächste Mal. Ein Kabel war durchgescheuert und hatte einen Kurzschluss verursacht. Dieses Mal brachte Bertha Benz ihr Strumpfband zum Einsatz, das die Isolierung ersetzte.

Ölverschmiert, verschwitzt - und stolz

Hinter Wilferdingen stießen sie auf das nächste ungeahnte Problem: Mit seinen 2,5 PS war der Motorwagen zu schwach, um steile Steigungen zu erklimmen. Grandios scheiterte er an dem Berg mit dem vielsagenden Namen "Sieh Dich Vür". Mit vereinten Kräften schoben sie den Wagen den Berg hinauf und rasten mit atemberaubender Geschwindigkeit wieder hinunter, weil die Bremsen auf ein solches Tempo nicht ausgelegt waren. Es war pures Glück, dass ihnen nichts passiert ist, gestand Bertha Benz später.

Spät am Abend rollten die drei Abenteurer schließlich im Schutz der Dunkelheit auf den Markplatz von Pforzheim an - ölverschmiert, staubig, verschwitzt. Stolz telegrafierte Bertha Benz dem ahnungslosen Mann nach Hause: "Glücklich in Pforzheim angekommen". Der konnte seinen Ärger über das "Komplott der drei Familienmitglieder" nicht so schnell verdauen. Aber "nach dem ersten Schreck" habe er doch "einen heimlichen Stolz" verspürt, schreibt er in seinen Erinnerungen.

Die Fernfahrt von Bertha Benz war zwar nicht der große Publicity-Erfolg, als der sie oft dargestellt wird. Dennoch ermunterte sie Carl Benz weiterzumachen und gilt heute als Auftakt des wirtschaftlichen Erfolgs der Benz-Patent-Motorwagen. Wenige Wochen später stellte Carl Benz das Vehikel auf der Kraft- und Arbeitsmaschinenausstellung in München vor, wo der Wagen sogar mit der "Großen Goldenen Medaille" ausgezeichnet wurde. Zwischen 1886 und 1894 wurden immerhin 25 der Motorwagen verkauft - die meisten davon nach Frankreich, England und in die USA. 1899 waren über 430 Arbeiter bei Benz & Cie beschäftigt, die inzwischen vierrädrige Autos in Serie herstellten.

Artikel bewerten
3.3 (30 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Rainer Kaufmann 04.08.2013
Wenn schon Dialekt, dann aber richtig: "Do is jo e Fraa owwe!"
2.
Michael Stephan 04.08.2013
Wenn man hier schon versucht, den heimischen Dialekt wiederzugeben, dann bitte nicht mit "Da ist ja eine Frau obbe", sondern "Do 'sch jo ä Frå owwe". Gruß von der Berthe-Benz-Memorial-Route
3.
Volker Jäger 04.08.2013
Giordano Bruno (wikiquote):"Wenn es nicht wahr ist, ist es doch gut erfunden" --- Dieser Artikel beruht vermutlich auf einer Pressemitteilung der Werbeabteilung des Mercedes-Benz-Museums und gibt eine völlig einseitige Darstellung wieder. In einem Bericht der Stuttgarter Zeitung vom 2. 8. 2013 sind die Untersuchungen und Erkenntnisse hierüber zusammengefasst. Weder Historiker (Kurt Möser, KIT) noch Mercedes-Archivar und -Pressesprecher haben Belege für diese Fahrt gefunden! http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.bertha-benz-jubilaeumsfeier-in-stuttgart-die-pforzheimreise-bleibt-im-dunkel.9d241ed1-ba95-44bc-bbbf-a4e2b61bdeaf.html Auszug: ?Nach wie vor stehen sich zwei Positionen, gegenüber; die einen sagen: Toll, sie war die erste Frau am Steuer eines Autos. Die anderen sind der Auffassung, dass sie nicht gefahren ist?, erläutert Kurt Möser, Historiker am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Verfasser eines umfangreichen Werks zur Geschichte der Mobilität zwischen 1880 und 1930. ?Für die gesamte Fahrt gibt es ? außer dem weit später erschienen Buch von Carl Benz ? kaum Belege?, sagt der Wissenschaftler. ?Das ist erstaunlich. Viele frühere Fahrten von Benz und seinen Mitarbeitern in Mannheim und Umgebung sind fotografiert und dokumentiert worden; nur diese nicht?. Von überfahrenen Hühnern ist nirgends die Rede Auch entlang der Fahrtroute gibt es keine historischen Zeugnisse von dem vermutlich aufsehenerregenden Ereignis: keine Zeitungsartikel, keine Briefe, keine Beschwerden wegen scheuender Pferde, überfahrener Hühner. ?Es kann ja sein, dass immer noch etwas auftaucht?, hatte Wolfgang Rabus, der Archivar des Konzerns, 2011 im ?Jahr des Automobils? auf Anfrage der Stuttgarter Zeitung erklärt. Inzwischen haben etliche Forscher ihr Glück bei dem spannenden Thema versucht. ?Auch die Kollegen in unserem Archiv haben gesucht?, berichtet Malte Dringenberg, Pressesprecher von Mercedes-Benz Classic. ?Wir wären natürlich sehr an Belegen interessiert?, gesteht er. ?Aber bisher haben wir nichts gefunden?. Man könne nur mutmaßen, wie die Route verlaufen ist. ?Wie es im Endeffekt wirklich war, ist nicht gewiss?. Auch um den Nimbus von Bertha als erster Frau am Steuer ist es nicht allzu gut bestellt. ?Ich bin weiterhin der festen Überzeugung, dass sie nicht gefahren ist?, erklärt Kurt Möser. In den Erinnerungen von Carl und Eugen Benz finden sich dafür jedenfalls keine Beweise. Volker Jäger, Stuttgart
4.
Jakob Krieger 04.08.2013
Der Ausdruck "Spitzengeschwindigkeit" beinhaltet die Tatsache, dass es sich um einen Höchstwert handelt, da braucht es kein dümmliches "bis zu" davor. Bitte Grundschulwissen wiederholen, danke.
5.
Sophie Kowalski 04.08.2013
Ich bin in der Tat froh, dass eine der vielen Frauen, die historisches geleistet und vollbracht haben, auch dafür bekannt ist. Diese Frau hat erkannt, dass die Technik zukunftsweisend ist und allein der Mut und die Vision fehlt und hat beschlossen, das selbst in die Hand zu nehmen. Ich glaube es gibt in der Geschichte viele Frauen, die mit ihren Handlungen einen solchen Effekt gehabt hat. Und Bertha Benz ist dafür bekannt, ein Nachbau des Autos steht in der ehemaligen Konzernzentrale, ich laufe jeden Arbeitstag daran vorbei und denke: "Es stimmt nicht, dass Frauen jetzt erst angefangen haben, Dinge zu bewirken." Nein. Hinter den Kulissen, jenseits der Geschichtsschreibung, mit subtilen Mitteln... Bertha Benz steht für die vergessenen Weltbewegerinnen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen