Berühmte Duelle Hauen und Stechen um Ruhm und Ehre

Sie kämpften mit Säbeln und Pistolen, mit Schmiedehämmern und sogar Spazierstöcken: Jahrhundertelang stellten ganze Kerle ihre Ehre im Zweikampf wieder her. Heute klingt das nur noch wie Stoff für einen Mantel-und-Degen-Film. Dabei war das letzte Fechtduell im Jahr 1967 und ist damit nicht besonders lange her.

AFP

Von Philipp Schnee


Im verwunschenen, wilden Park einer Pariser Villa werden an diesem sonnigen Frühlingsmorgen Klingen gekreuzt. Metall schlägt auf Metall, die Waffen klirren - eine Szene wie aus einem Mantel- und Degen-Film. Aber nicht Zorro, nicht die Musketiere kämpften hier um Leib und Leben. Es sind zwei französische Parlamentsabgeordnete, die am 21. April 1967 um ihre Ehre fechten, bis aufs Blut. Ein archaischer Zweikampf zu einer Zeit, als Blumenkinder für Love and Peace auf die Straße ziehen.

Seit Urzeiten trieben Begriffe wie Ehre, Mut und Männlichkeit erhitzte männliche Gemüter in ritualisierte Zweikämpfe. Ihre Hochzeit erlebte diese Form des Schlagabtausches im 18. und 19. Jahrhundert. Viele berühmte Persönlichkeiten - vom Dichterfürsten Alexander Puschkin bis zum Arbeiterführer Ferdinand Lassalle - starben beim Duell.

Zwar war es in vielen Ländern schon früh strafbar, einen Kontrahenten auf ein Gefecht Mann gegen Mann herauszufordern, doch solche Gesetze wurden oft sehr lax gehandhabt. Ein Duell zu umgehen, war für Männer von Rang und Namen kaum möglich. Sie standen unter enorme gesellschaftliche Druck, ihre Männlichkeit im Zweikampf zu beweisen, die eigene Ehre oder auch das Ansehen ihrer Frauen, Schwestern oder Töchter blutig wiederherzustellen. Offizieren drohte gar die Entlassung aus dem Militärdienst, wenn sie eine Forderung nicht annahmen - Verweigerer galten als nicht kampf- und kriegsfähig.

"Die Ehre gilt mir mehr als das Gesetz"

Erst 1902 organisierten sich in Deutschland Gegner dieser Form der Auseinandersetzung in der "Deutschen Anti-Duell-Liga". Und erst 1969 wurde der Zweikampf-Paragraf im Strafgesetzbuch der Bundesrepublik gestrichen, in dem Duelle als Straftat gesondert Erwähnung fanden. Nur in der Mensur der schlagenden Studentenverbindungen lebt der altbackene männliche Ritus hinter geschlossenen Türen bis heute fort.

Das letzte offizielle Degenduell war Folge einer hitzigen Debatte der französischen Nationalversammlung am 20. April 1967. "Halten Sie den Mund, Idiot", schleuderte der sozialistische Fraktionschef Gaston Defferre dem konservativen Abgeordneten René Ribière entgegen, nachdem dieser die Parlamentssitzung durch ständige Zwischenrufe gestört hatte. Als Defferre sich weigerte, diese Beleidigung zurückzunehmen, platzte Ribière der Kragen - er forderte Defferre Genugtuung. Der Einwand, dass es gesetzlich verboten sei, sich zu duellieren, hielt den Gaullisten nicht zurück: "Die Ehre gilt mir mehr als das Gesetz", posaunte er.

Einen Tag später kam es zum blutigen Showdown im Park einer Villa in Neuilly bei Paris. Herausforderer Ribière, der noch in derselben Woche heiraten wollte, hatte sich für den Degen als Zweikampfwaffe entschieden. Fechten konnte er allerdings nicht - und der offizielle Fechtlehrer des französischen Parlaments, der ihm auf die Schnelle zumindest noch die Grundbegriffe hätte vermitteln können, weilte im Urlaub. Siegesgewiss ließ denn auch Hitzkopf Defferre vor dem Aufeinandertreffen verlauten, er wolle den Herausforderer an dessen empfindlichster Stelle treffen, so dass dieser seine geplante Ehe nicht vollziehen könne.

Fast immer ging es um eine Frau

Degen oder Pistole, Schmiedehammer und Spazierstock: Das Duell gab es über Jahrhunderte in zahllosen Variationen, mit unterschiedlichsten Waffen. Gekämpft wurde "bis zum ersten Blut" oder auch auf Leben und Tod. Zumeist traf man sich in den frühen Morgenstunden mit seinen Sekundanten an einem entlegenen Ort. Das "amerikanische Duell" war die unerbittlichste Variante: Eine weiße und eine schwarze Kugel entschieden über Leben und Tod. Wer die schwarze zog, musste sich innerhalb von 24 Stunden selbst das Leben nehmen.

Viele Berühmtheiten der vergangenen Jahrhunderte mussten sich im Duell beweisen: Heinrich Heine, der den blutigen Brauch eigentlich zeitlebens ablehnte, trat 1841 in Paris widerwillig zu einem Pistolenduell an. Der Schuss seines Kontrahenten Salomon Strauß prallte am gut gefüllten Portemonnaie des Poeten ab. "Gut angelegtes Geld" - wie er salopp bemerkte. Voller Verachtung für das Duellunwesen feuerte er seinen eigenen Schuss ungezielt in die Luft.

Arbeiterführer Ferdinand Lassalle, Ahnherr der Sozialdemokratie, wurde 1858 um ein Haar die Liaison mit Lina Duncker, der Frau seines Verlegers, zum Verhängnis. Ein anderer Verehrer der Dame forderte ihn heraus. Der Sozialist Lassalle verweigerte sich aus politischer Überzeugung - und auf Anraten seiner Freunde Karl Marx und Friedrich Engels - dem in seinen Augen überkommenen Ritual. Sechs Jahre später war er es dann aber selbst, der einen anderen wegen einer Frau forderte. In den Unterleib getroffen, erlag er am 31. August 1864 im Alter von 39 Jahren in Genf den Folgen des Pistolenduells. Auch der russische Schriftsteller Alexander Puschkin starb nach einem Pistolenzweikampf, durch den Schuss eines französischen Gardeoffiziers. Anlass war auch in diesem Fall eine begehrenswerte Frau, Puschkins Gattin Natalja, eine der "schönsten Frau Moskaus", wie es damals hieß.

Le Pen als Sekundant

Auch Gaston Defferre, der 1967 zum letzten Degenduell antrat, war beileibe kein Unbekannter. Der ehemalige Widerstandskämpfer war 1953 zum Bürgermeister der Hafenstadt Marseille gewählt worden; ein Amt, das er 33 Jahre lang ausübte. Der "König der Canebière", dem beste Verbindungen zur blühenden Mafiaszene an der Côte d'Azur nachgesagt wurden, dominierte den Kampf von Anfang an, obwohl sein Gegner elf Jahre jünger war als der damals 56-Jährige. Schon kurz nachdem die beiden Kontrahenten die Klingen gekreuzt hatten, traf Defferre Ribière am Arm.

Aufgeben wollte der aber nicht - schließlich waren Fotografen und Kamerateams anwesend. Im Tänzelschritt in der Vorwärtsbewegung traf Defferre seinen politischen Gegner erneut am degenführenden Arm und fügte Ribière eine blutende Wunde zu. Die Sekundanten - Ribière hatte sich dazu den später berüchtigten Rechtspopulisten Jean Marie Le Pen auserkoren - brachen den Kampf ab. Defferre wurde zum Sieger erklärt.

Zwei Jahre später trat Defferre für die Sozialisten in einem ganz anderen, politischen Kampf an, die Wahl um das Amt des französischen Wahlpräsidenten. Doch diesmal zog er den Kürzeren - bereits im ersten Wahlgang ging Defferre mit gerade einmal fünf Prozent der Stimmen regelrecht unter. Immerhin: 1981 mache der sozialistische Staatspräsident François Mitterand Defferre zum Innenminister. 1986 starb er eines natürlichen Todes. Sein Gegner Ribière ging als letzter Verlierer eines offiziellen Duells in die Geschichte ein. Am Tag nach dem Duell heiratete er seine Verlobte Magdeleine Dars - ohne das ihm von seinem Gegner angedrohte Handicap.



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Till Kindschus, 05.10.2009
1.
Evariste Galois, geb. 1811, im Hinblick auf die Tragweite seiner Entdeckungen bestimmt der bedeutendste Mathematiker seiner Zeit, starb zwanzigjährig im Jahre 1832 in einem Pistolenduell.
Burkhard von Grafenstein, 09.10.2009
2.
Interessante Frage, wann in Deutschland der letzte Ehrenhändel mit einem Säbelduell ausgetragen wurde - ich meine während des 2. Weltkrieges in Freiburg. Ich interiewte einen der damaligen Duellanten.
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