Berühmte Tiere Stars hinter Gittern

Berühmte Tiere: Stars hinter Gittern Fotos
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Wir woll'n euch Grunzen sehen! Schon vor Knut eroberten besonders niedliche, große oder ungewöhnliche Tierparkbewohner die Herzen der Menschen. Und wie beim Berliner Eisbären nahm manche Zookarriere ein tragisches Ende. einestages über weiße Gorillas, kriegsversehrte Löwen - und Pinguine im Ritterstand. Von Danny Kringiel Von

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Eine solche Zeremonie hatte die Welt noch nicht gesehen: Am 15. August 2008 marschierten 130 Soldaten der Königlichen Norwegischen Leibgarde in Paradeuniform im Zoo von Edinburgh auf, um einen ganz besonderen Ritus zu vollziehen. Ein schottisches Ehrenmitglied ihrer Einheit sollte im Namen des norwegischen Königshauses den Ritterschlag erhalten. Im Gleichschritt marschierten sie an den Gehegen vorbei, hielten vor einem schließlich inne und standen Spalier, Gewehre an der Seite, die Gesichter wie versteinert. Ihre Mienen regten sich nicht einmal, als ihr Ehrengast eintraf: Ein knapp 50 Zentimeter großer Königspinguin namens Nils Olav II.

Erhobenen Schnabels watschelte Nils Olav II. (Dienstgrad: Oberst) an seiner Einheit vorbei, blieb nur hier und dort interessiert stehen und schaute an den gebügelten Uniformen der ehrfürchtigen Soldaten empor. Angesichts der Ehrung, die dem Maskottchen der Königsleibgarde zuteil werden sollte, wirkte der Schwimmvogel erstaunlich gelassen. Erst, als er am Ende der Menschengasse vor Generalmajor Euan Loudon trat, der bereits den Degen zum Ritterschlag in der Hand hielt, ließ Nils vor Aufregung doch ein kleines Häuflein fallen.

"Du als ein Pinguin hast dich in jeder Hinsicht als würdig erwiesen, die Ehre des Ritterstands zu empfangen", wurde König Harald V. von Norwegen zitiert. Sein Land sei "sehr zufrieden mit der Loyalität und dem Mut unseres geliebten Nils Olav". Sodann führte Generalmajor Loudon die Spitze seines Degens über die imaginären Schultern des Vogels, Auslöser klickten, Zuschauer applaudierten. Und der Pinguin watschelte als Sir Nils Olav II. wieder davon - unter den Augen Dutzender Journalisten, Fotografen und Kameramänner.

Zootiere als Medienstars, das war nicht nur beim watschelnden Ritter Nils so: Seit im Dezember 2006 ein knuddeliges Fellknäuel namens Knut im Berliner Zoo geboren wurde und im Sturm die Herzen der Zoobesucher, die Schlagzeilen der deutschen Zeitungen und schließlich die Titelbilder der internationalen Presse eroberte, scheint das VIP-Zootier-Wettrüsten nicht zu stoppen. Ob Heidi, das schielende Opossum, Paul, das Krakenorakel oder das bloggende Lama Horst aus dem Zoo Leipzig: allerorten scheinen Tierparks die Karriere des nächsten Knut zu planen. Doch schon lange vor dem berühmten Berliner Eisbären gab es viel größere Stars in den Zoogehegen der Welt.

Der einäugige König

Manche von ihnen wurden erst durch das Leid, das sie erfuhren, zu Berühmtheiten. So wie der Löwe Marjan. 1978 schenkte der Zoo Köln ihn dem Zoo von Kabul. Inmitten des ringsum wütenden Krieges lebte er dort viele Jahre gemeinsam mit der Löwin Chucha ein vergleichsweise friedliches Leben. Bis zu einem Tag im Jahr 1995.

Um Freunden zu imponieren, kletterte ein junger afghanischer Soldat in das Löwengehege. Marjan beäugte ihn, ohne weiter zu reagieren. Scheinbar fühlte der Mann sich angespornt: Er ging zu Chucha hinüber und begann, die Löwin zu streicheln, die es gleichmütig hinnahm. Augenblicklich sprang Marjan auf und fiel den Eindringling an. Er starb binnen Minuten. Am nächsten Tag erschien der Bruder des Getöteten vor dem Gehege. Er warf einen kleinen Gegenstand hinein. Marjan schien ihn für Futter zu halten und stürzte sich neugierig darauf. Dann explodierte die Handgranate.

Der Löwe überlebte schwer verletzt. Überall in seinem Kiefer steckten Granatensplitter, einige konnten auch nach mehreren Operationen nicht entfernt werden. Die Explosion hatte Marjan ein Auge, sein Gehör und seine Zähne gekostet. Der einstige König der Tiere konnte nun nur noch weiches, knochenfreies Fleisch fressen. Um sich in seinem Gehege zurechtzufinden, musste ein Pfleger das gehörlose, halb blinde Tier führen. Der Löwe erholte sich wieder und wurde für viele Afghanen zum Symbol für das Ringen ihres Landes um Frieden. Als im Oktober 2001 die US-Angriffe begannen und das Land im Chaos versank, konnte der Zoo kein Futter mehr bezahlen. Ein örtlicher Schlachter stiftete Fleisch für Marjan. Mehrfach wurde der Zoo von Bomben getroffen - doch der einäugige Löwe überlebte.


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Mit dem Ende der Bombardements kam auch Marjans Ende. Nach der Eroberung Kabuls entdeckten die US-Truppen im Zoo ein Bild des Grauens - von 400 Tieren hatten nur 19 überlebt. Vor allem das Schicksal des vom Granatenangriff gezeichneten und abgemagerten Löwen ergriff sie. Schon bald ging seine Geschichte international durch die Medien. Aus aller Welt kamen Spenden, und ein Tierarztteam wurde gesandt. Marjan bekam eine Heizung, Medikamente und Vitaminspritzen. Aber es war zu spät: Wenig später, am 23. Januar 2002, hörte er auf zu fressen. Die Ärzte versuchten, ihn per Tropf zu ernähren. Drei Tage später fanden sie ihn tot im Gehege. Die Entbehrungen der Kriegsjahre hatten am Ende ihren Tribut gefordert.

Seine Überreste wurde auf dem Gelände begraben und ein Gedenkschild aufgestellt: "Hier liegt Marjan. Er war der berühmteste Löwe der Welt." Immerhin hatte der tragische Held des Zoos von Kabul am Ende doch so etwas wie Ruhe gefunden.

Ein Volk will seinen Elefanten

Nicht jedem tierischen Star war solch eine letzte Ruhe vergönnt. Bei manchen fing der Heldenkult nach ihrem Tod erst richtig an: Als 1999 der Sportdirektor der Tufts-Universität bei Boston, Rocco Carzo, in Ruhestand ging, überreichte er seinem Nachfolger in einer feierlichen Zeremonie ein 400-Gramm-Glas mit einer sonderbaren grauen Substanz. Es war der heilige Gral aller Athleten der Universität, an dem die Sportler seit 1975 vor wichtigen Turnieren rubbelten, um ihr Schicksal günstig zu stimmen. "Peter Pan Crunchy Peanut Butter" stand darauf, doch tatsächlich war in dem Glas keine Erdnussbutter, sondern die Asche des wohl berühmtesten Zoo-Elefanten der Geschichte: Jumbo.

1861 in Französisch-Sudan geboren, wurde der junge Elefantenbulle Jumbo erst nach Paris, dann in den Zoo von London verschifft. Hier erhielt er seinen Namen - angelehnt an das Wort "jumbe" (Häuptling) aus dem Kisuaheli. Für Europäer war damals bereits der Anblick eines afrikanischen Elefanten eine Sensation, aber als Kinder im Londoner Zoo auch noch auf ihm reiten durften, brach ein beispielloser Presserummel um den Jumbo los. Fast zwanzig Jahre lang war er der unumstrittene Publikumsliebling des Zoos. Sein Name wurde zum Synonym für alles Große.

Ein Sturm der Entrüstung brach los, als er 1881 an den zwielichtigen Geschäftsmann, Trickbetrüger und Freakshow-Betreiber P.T. Barnum verkauft wurde, der das fast vier Meter hohe Tier im "Barnum & Bailey Circus" vorführen wollte. Tausende Schulkinder unterschrieben eine Petition an Königin Victoria mit der Bitte, den Elefanten nicht zu verkaufen. Spenden wurden gesammelt und eine Gruppe britischer Prominenter drohte, gegen den Handel vor Gericht zu ziehen. Es nützte nichts: Am 24. März 1882 wurde Jumbo nach New York ausgeschifft.

Ein Molekül Glück

Der "König der Elefanten" erwies sich als Goldesel: Zunächst stellte Barnum Jumbo am Madison Square Garden gegen Eintrittsgeld aus, dann tourte er durch ganz Amerika. In drei Jahren lockte er mit ihm neun Millionen Zuschauer an. Doch dann fand Jumbos Karriere ein jähes Ende: Am 15. September 1885 sollte er auf einem Bahnhof im kanadischen St. Thomas verladen werden. Aber durch einen Weichenfehler erfasste ihn dabei ein Güterzug. Er war sofort tot.

Aber selbst jetzt setzte Barnum die Inszenierung seines Stars fort: Er verbreitete die Legende, Jumbo habe einen Jungelefanten vor dem Zug retten wollen, ihn vom Gleis gestoßen und heldenmütig sein Leben geopfert. Schwerverletzt habe der Elefant dann mit dem Rüssel noch einmal seinen Wärter umarmt und sei dann mit einem letzten Seufzer verschieden. Barnum ließ Jumbo überlebensgroß ausstopfen und stellte ihn noch mehrere Jahre aus, zusammen mit einer Elefantenkuh, die als "trauernde Witwe" präsentiert wurde. Letztendlich schien das Exponat jedoch nicht genug Zuschauer anzuziehen, und so vermachte er es 1889 der Tufts Universität.

Jahrelang war Jumbo das Maskottchen der Hochschule und Liebling der Studenten - bis zum 14. April 1975. Morgens, so Ex-Sportdirektor Carzo 2002 im Interview mit dem Uni-Magazin, berichtete seine Assistentin aufgeregt, der Elefant sei in der Nacht samt dem ganzen Gebäudetrakt abgebrannt. In der Hand hielt sie ein Erdnussbutterglas, das sie einem Wartungsarbeiter mit dem Auftrag übergab: "Bring mir etwas von Jumbos Asche. Er ist unser Maskottchen!". Seitdem, so Carzo, ist dieses Glas der Glücksbringer der Uni. Natürlich könne man nicht so genau sagen, was wirklich im Glas sei, aber "man muss glauben, dass hier die Asche von Jumbo drin ist. Irgendwo. Ich kann ihnen nicht sagen, welches Molekül, aber er ist da drin."

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1.
Lisa Langenberger 19.03.2012
Traurig. :(
2.
Deter Roosu 20.03.2012
Zu "Copito de nieve" (castellano): Nach der stets verbreiteten Version (u.a. NGS) wurde ein (oder mehrere) Gorilla-Weibchen erschossen, weil sie eine Bananenplantage plünderte(n). Am nächsten Tag sei das weiße Gorilla-Junge gefunden worden, weil jämmerliche Töne zu hören waren. Das scheint auch eher glaubhaft als die Version, dass die Gorilla(s) deswegen abgeknallt wurden, weil man das weiße Tier haben wollte. Laut WIKIPEDIA sei das Tier für 15.000 Peseten an seinen "Adoptiv"-Vater verkauft worden. Ich kenne den Peseta-Kurs aus dieser Zeit nicht, aber mehr als - umgerechnet - DEM 2.000 dürfte das Tier zu dieser Zeit nicht gebracht haben. Für einen "normalen" Gorilaa wurde schon mehr gezahlt! Die NGS hat öfters über "Copito de nieve" berichtet und ich selbst habe das Tier 1978 in Barcelona ausgiebig gefilmt. Leider hat / hatte der dortige Zoo offensichtlich keinerlei Aufzucht-Erfahrungen mit Menschenaffen gehabt; denn anders ist die geringe Quote von überlebenden Nachzucht-Tieren nicht zu erklären. In führenden Menschenaffen-Zoos liegt diese Quote in der Größenordnung von 80 %, während Barcelona nicht mal 30 % schaffte. Eine Zusammenarbeit mit anderen Zoos (u.a. Frankfurt/M, wo es mal einen Teil-Albino gab) wurde stets mit fadenscheinigen Gründen verweigert.
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