Berühmter Kurort Ein Hauch von "Zauberberg"

Heilanstalt im Märchenschloss: Als Kurt-Jürgen Voigt 1993 das polnische Dörfchen Sokolowsko erkundete, entdeckte er ein einst prächtiges Kurhaus und Spuren jenes Arztes, der um 1850 die Tuberkulosetherapie revolutionierte. Auf seiner Zeitreise in die Sanatoriumswelt des 19. Jahrhunderts blätterte er in alten Krankenakten - und stieß auf verborgene Wandbilder.

Kurt-Jürgen Voigt

Sokolowsko? Was war das für ein geheimnisvolles Örtchen inmitten des niederschlesischen Waldenburger Berglands? Um das herauszufinden, fuhr ich im Januar 1993 im Auftrag des deutschen Fernsehens mit einem Kamerateam nach Polen. Kaum angekommen, ging ich auf Entdeckungstour und kurvte mit einem alten Lada durch den Ort, der bis 1945 Görbersdorf geheißen hatte. Dick lag der weiße Schnee auf den holperigen Straßen, ein Pferdefuhrwerk schlich an mir vorbei. Links und rechts des Weges standen mehrere modern anmutende Sanatorien. Schwestern mit weißen Hauben liefen geschäftig umher.

Hinter hohen Bäumen entdeckte ich einen schmalen, hohen Turm mit gotischen Fenstern. Das musste das Kurhaus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts sein. Es war über die Jahrzehnte leicht verfallen und mutete an wie ein Märchenschloss. Die Zeit schien hier stillzustehen. Ich wurde neugierig. Was war hier geschehen zur Zeit der Urväter? Was hatte es mit dem Märchenschloss auf sich? Ich fragte Passanten. Sie sahen weg. Sprachen polnisch. Wiesen mich ab. Eine Schwester half mir schließlich weiter: "Marichenko, dort, das große weiße Haus an der Straße." Ich ging dorthin. Innen roch es nach Bohnerwachs und Lysol. Auf dem Flur traf ich einen vornehm wirkenden Weißkittel, der mich in gutem Deutsch ansprach. Er hieß Christoph von Podwinski und war Chefarzt der Lungenheilanstalt.

"Kommen Sie mit mir," sagte er, "es ist nicht weit." Er führte mich durch das große weiße Haus, in dem früher "Dr. Weickers Lungenheilanstalt" residiert hatte und das nun eine polnische Klinik für Patienten mit Lungen- und Bronchialerkrankungen war. Im holzgetäfelten, mit Kunstschätzen aus dem Jugendstil überladenen Arbeitszimmer des einstigen Lungenspezialisten Dr. Weickers lebte und arbeitete nun Podwinski.

Revolutionäre Behandlungsmethoden

Er zeigte mir alte, handgeschriebene Krankenakten aus ehemals deutscher Zeit und erklärte mir: "Görbersdorf ist der älteste Lungenkurort der Welt. Hier finden wir noch Spuren und geheimnisvolle Zeichen aus vergangenen Epochen, da hier alle Welt sich traf auf der Suche nach Heilung von Schwindsucht und Anämie. Schauen wir uns um im Gestern und Heute, ich werde Sie begleiten."

Er führte mich herum und zeigte mir als erstes die Büste des Arztes, der den Ruf des Luftkurortes begründete und dort die erste Lungenheilanstalt eröffnete: Dr. Hermann Brehmer, Lungenfacharzt, geboren am 14. August 1826. Brehmer vertrat die Theorie, dass Tuberkulose mit Hilfe einer geeigneten Diät und eines Kuraufenthalts im Höhenklima im Frühstadium heilbar sei. Seine "klimatisch-hygienisch-diätetische Behandlungsmethode" war revolutionär und deshalb heftig umstritten. Die Fachpresse jedenfalls ließ kein gutes Haar an seinem Buch "Die chronische Lungenschwindsucht, ihre Ursache und ihre Heilung".

Brehmer, der Sonderling, ließ sich von der heftigen Kritik nicht beirren und bekam bald eine Chance, seine Theorie praktisch anzuwenden. Er war mit Helene von Colomb verheiratet, deren Schwester Marie in Görbersdorf eine Wasserheilanstalt nach dem Vorbild des Hydrotherapeuten Vinzenz Prießnitz (1799-1851) betrieb. Marie ging pleite. Brehmer übernahm 1854 kurzerhand ihr marodes Unternehmen und baute es schrittweise zu einer Lungenheilanstalt nach seinen Vorstellungen aus.

Kurhaus der Luxusklasse

Bremers erste Patienten lagen wenig bequem in einem kleinen Bauernhof, weil es an Geld fehlte. Aber die Heilerfolge sprachen sich herum, Schwindsüchtige aus allen Gegenden eilten herbei. Brehmer wollte für seine zahlungswilligen Patienten bauen. Doch man ließ ihn lange nicht. Endlich kam dann doch die Baugenehmigung. Architekt Edwin Oppler, ein Vertreter der Neugotik, errichtete für Brehmer 1863 das "Alte Kurhaus", 1871 den Anbau eines Wintergartens, 1875 die Wirtschaftsgebäude und 1878 das "Neue Kurhaus" - eben jenes geheimnisvolle Märchenschloss, das ich hinter den hohen Bäumen gesehen hatte.

Der Dorfelektriker öffnete uns die rostigen Riegel am Tor. Es roch leicht nach dem Mief der Jahrzehnte. Und doch: Als hätte man nur eben mal die Möbel weggetragen, um sauberzumachen, so lebendig wirkte der große Festsaal mit der edlen Holztäfelung, dem Parkettfußboden, der sich wölbte unter der Feuchtigkeit, und den tragenden Säulen aus Gusseisen. Mein Blick schweifte durch die hohen Fenster in den stillen Park. Meine Phantasie sah Scharen wohlgekleideter Patienten, die opulent speisten. Auf der geschwungenen Treppe ein lebhaftes Kommen und Gehen, Gelächter, Zurufe.

Das "Neue Kurhaus" bot für damalige Verhältnisse das höchste Maß an Komfort: Gemalte Decken, gotische Tapeten, Stilmöbel in den 70 Einzel- und Doppelzimmern. Eine moderne Luftheizung sorgte für mollige Wärme auch bei strengem Frost. Teeküche und Badezimmer gab es auf jeder Etage. Die Toiletten wurden nach dem Heidelberger Tönnchensystem entleert, der Auswurf der Patienten wurde vergraben. Jemand öffnete uns das Patientenzimmer mit der Nummer 73. Die hölzernen Dielen waren durchgefault, die Scheiben kaputt unter der hübschen Rosette, der Giebel noch auszumachen.

Alkohol als Heilmittel

Görbersdorf und die Brehmersche Anstalt erlangten Weltruhm. Patienten aus dem reichen Bürgertum und Adelskreisen kamen aus Deutschland, aus Schweden, Finnland, Russland und Frankreich. "Seine Patienten hingen mit einer schwärmerischen Verehrung und festen Zuversicht an ihm", schreibt ein Biograf.

Schließlich machte ich im Märchenschloss eine wunderbare Entdeckung. An der Riesenwand im Treppenhaus des zweiten Stocks lugte Farbe durch den Kalkbelag. Ich reinigte die Wand mit Wasser und Lappen unter misstrauischen Blicken der Polen. Ein verstecktes Wandbild erschien, etwa drei mal vier Meter groß in gold und grün. Im Zentrum der Äskulapstab, das Zeichen der Ärzte. Das Bild rühmt Brehmers Taten und zeigt alle Sanatoriumsgebäude. Darüber prangt in gotischer Schrift fein säuberlich Brehmers Wahlspruch: "Nur der Arzt kann segensreich wirken, der mit den Naturwissenschaften vertraut und im mathematischen Denken geübt ist." Vor 120 Jahren war die Berufung auf Naturwissenschaften in der Medizin nicht selbstverständlich, aber typisch für den Sonderling Brehmer.

Im Kurpark sah ich dann die mehr oder weniger gelungenen Denkmäler aus den Berliner Werkstätten vor der Jahrhundertwende. Brehmer bot damals seinen Schwindsüchtigen mehr als gutes Essen und die Hoffnung auf Heilung. Die Gehfähigen ließ er weite Spaziergänge unternehmen. Sie sollten dabei auch Kunstwerke betrachten können. Denn das Schöne, meinte Brehmer, werde den Heilungsprozess unterstützen. Alkohol, pur oder mit Milch verquirlt, war ein weiteres Heilmittel, auf das Brehmer setzte. Es sollte den Stoffwechsel der Patienten anregen und dem Nachtschweiß vorbeugen. Die Hustenden werden in ihren Liegestühlen unter den bunten Decken gejubelt haben.

Sterbend mit der Zigarette in der Hand

Dann zeigte mir Podwinski Dr. Römplers Sanatorium, das ein paar Jahre nach Brehmers Anstalt eröffnet worden war. Die Schwestern ließen für uns noch einmal das alte Ambiente aufleben und stellten Liegestühle mit bunten Decken auf - wie damals. Ich dachte sofort an Thomas Manns Zauberberg. Podwinski stellte mir auch seine Ärzte-Crew vor, eine Gruppe von zwölf polnischen Anstaltsärzten. Sie erzählten von der allgegenwärtige Phthise, der durch Tuberkulose ausgelösten Auszehrung des Körpers, redeten über die Staublunge, über den beschämenden Mangel an Medikamenten. Podwinskis übersetzte.

In Polen gab es 1993 keine Antibiotika. Die Staatliche Gesundheitsfürsorge war eine Wirtschaft des verwalteten Mangels. Untätig, sich aufgebend, auf irgendetwas wartend, das nie kam, saßen die alten kranken Männer auf ihren Stühlen, husteten röhrend ins Tuch, spuckten ins Glas, schlurften ein paar Meter über den Flur - warteten. Einen sah ich, der starb am Morgen, die gelben Finger an der noch glimmenden Zigarette, im Mund den Schlauch der Sauerstoffflasche.

Während der drei Wochen, die ich insgesamt in Sokolowsko verbrachte und die Dokumentation "Traumschloss eines Sonderlings" drehte, ging ich manchmal allein durch das Dorf. Die Nahrung war zu jener Zeit knapp und teuer - genauso wie Medikamente und Konsumgüter. Das bescheidene Essen wurde aus der Zentralküche im Henkelmann geholt und verteilt. Frauen blickten aus den Fenstern, unwillig, manche wohl verbittert über den Deutschen, den sie an der moderneren Kleidung erkannten.

Schlachtergeselle im Frack

Alles sollte in unserem Film so sein wie damals, als Brehmer in Görbersdorf wirkte. Ich besorgte deshalb stilechte Kostüme für Frau von Colomb und ihren Gatten. Als wir an jenem Abend zu drehen begannen, lag der weite Park in stiller Düsternis. Ein Kauz rief. Das Thermometer zeigte 20 Grad minus. Ein paar Fenster des Märchenschlosses hatte der Elektriker von innen beleuchtet. Es erschienen die Krankenschwestern, 50 mindestens, unter der Führung der tapferen Oberschwester. Jede trug eine Fackel. In Zweierreihen standen sie zitternd und frierend im Flackerlicht und grüßten die nahende Kamera, die einen ankommenden Wagen nachahmte. Die Kamera bewegte sich ins Portal hinein. Und da tanzten sie zu den munteren Klängen eines Wiener Walzers: die junge Patientin Mariola als Helene, im weiten stilechten Kleid neben Brehmer im Frack, dargestellt vom Schlachtergesellen.

Wir luden alle Statisten ein in den großen Festsaal, kerzenerleuchtet, hatten Punsch gebraut und Würstchen heißgemacht - und unsere polnischen Freunde standen, lachten, tanzten und freuten sich über den gelungenen Abend.

Den Siegeszug seiner Anstalten, die große Heilstättenbewegung für Lungenkranke, hat der Alleinkämpfer Brehmer nicht mehr erlebt. Er starb aber in der Gewissheit, der Schwindsucht etwas von ihrem Schrecken genommen zu haben.



insgesamt 2 Beiträge
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beat marti, 19.04.2010
1.
einen aufenthalt in einem tuberkulosesanatorium konnten sich vor jahrzehnten nur reiche leute leisten.in zürich gab es zu beginn des 20.jahrhunderts einen arzt, der durch unermüdliche politische aufklärung und bereitstellung öffentlicher gelder verdienstvoll die bekämpfung dieser langwierigen krankheit zur aufgabe der des staates machte.bis zur niederlage von stalingrad glaubte er,dass vor allem deutsche in der wissenschaft führend waren und sich die schweiz ganz dem nationalsozialistischen staat anschliessen sollte.davos war ein mekka der nazis.mein vater war später chefarzt der arbeitsheilstätte appisberg bei zürich und ich habe als kind selber erlebt,welchen dauernden anfechtungen er wegen seiner patriotischen antideutschen gesinnung als schweizer ausgesetzt war.die heutige lungenliga zürich feierte sich mit grossem fleiss in einer lesenswerten festschrift "luft zum leben",autorin andrea kaufmann,erschienen im chronos verlag,doch fehlt darin eine angemessene würdigung meines vaters. vermutlich wurden in den unterlagen spätestens nach kriegsende belastende dokumente über die beziehungen zum nationalsozialsmus rechtzeitig entfernt und diese standen der journalistin nicht mehr zur verfügung.
Ryszard Szumielewicz, 19.05.2010
2.
Dr. Weicker´s Heilanstalt war Marienhaus. Die Bider zeigen Sanatorium Dr. Brehmer.
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