Berufswunsch Skirennfahrer Vogel fliegt. Fisch schwimmt. Schweizer fährt Ski.

Berg vorm Haus, reichlich Schnee und dazu ein Riesentalent - der Weg von Urs Arnold schien vorgezeichnet: Als kommender Ski-Star wollte der Schweizer Medaillen gewinnen. Es gab nur einen kleinen Haken.

imago/Pressefoto Baumann

An diesem 31. Januar 1987, einem Samstag, schmeckte mir meine Ovomaltine besonders gut. Da wurde ich nämlich zum ersten Mal Abfahrtsweltmeister.

Und hey, es war wirklich nicht so schwer! Es war die Ski-WM 1987 im heimischen Crans-Montana. Als Schweizer Bub litt ich am Fernseher mit, wenn meine Idole todesmutig die Pisten runterbretterten. Voller Adrenalin stürzte auch ich mich aus dem Starthäuschen, schluckte jede Pistenwelle, meisterte die Sprünge in kompakter Haltung, blieb tief in der Hocke und fuhr dank perfekt gewählter Linie mit massig Zug durch die Kurven. Im Ziel sah ich neben der Zeit die "1" aufleuchten. Riesenjubel! Und dazu der Lärm von tausend Walliser Kuhglocken.

Für diesen Tag hieß ich Peter Müller und holte Gold. Als Neunjähriger das beste Gefühl der Welt. Die Ski-Weltmeisterschaft '87 war die erste, die mich als Kind emotional so mitnahm, dass ich die neue Carrera-Bahn tagelang ignorierte. Mein Siegeszug war ohne Vergleich: Unablässig gewann ich, ob als Pirmin Zurbriggen, Maria Walliser, Vreni Schneider oder Erika Hess. Dann die kalte Dusche: In der Kombination wurde Zurbriggen nur Zweiter. Stundenlang schmollte ich auf unserem grünen Stoffsofa.

Mutiger als Evil Knievel

Die ganz große Schmach folgte noch: Im Männerslalom gewann kein Schweizer eine Medaille! Undenkbar. Unfassbar. Un-er-hört! Während dieser Deutsche namens Frank Wörndl die Arme hochriss, futterte ich frustriert die letzten Reserven Weihnachtsschokolade.

Am Ende der WM war mir trotzdem klar: Die Schweizer haben die besten Skifahrer der Welt. Mit Abstand. Und ich beschloss, diese Vorherrschaft persönlich abzusichern - als kommender großer Skistar.

Die Voraussetzungen waren optimal. Vor unserer Haustür erhob sich der Berg Rigi; in einer halben Stunde konnte man auf einer Piste stehen. Dem Winter mangelte es nicht an Schnee und mir nicht an Courage. Im Sommer hatte ich mich mit einem Go-Kart mehrfach überschlagen. Aufgestanden, Glieder durchgeschüttelt, weiter ging's! Evil Knievel war ein Zeitungsjunge gegen mich.

Ja, ich war ready. Ich war heiß. Ich wusste: Der Schweizer Skiverband wartet nur auf so ein Jahrhunderttalent. Ein winziges Detail aber stand zwischen mir und meiner Berufung zum Sportidol: Ich konnte nicht Skifahren.

Nun ist es ja so, frei nach dem Leichtathletik-Wunderläufer Emil Zátopek: Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Holländer radelt, Schweizer fährt Ski. Es nicht zu beherrschen, ist in unserem Land ein Stigma. Aber für meine Familiengeschichte konnte ich schließlich nichts. Meine Eltern standen nie auf Skiern, sie machten keinerlei Anstalten, uns Kindern die ausgeprägte Schweizer Skikultur nahezubringen. Zudem war Skifahren teuer, und man konnte sich dabei doll weh tun. Spätestens als Todd Brooker, einer der wilden kanadischen "Crazy Canucks", einmal wie ein Gummiball den Steilhang der Streif herunterrumpelte, war das auch mir klar.

Nun waren sogar die Deutschen schneller als wir!

Aber das Schweizer Ski-Team brauchte mich doch dringender denn je - nur drei Goldmedaillen gewannen wir bei Olympia 1988 in Calgary. Und dann ein Jahr später die WM in Vail: Die mir so verhassten Österreicher machten Boden gut; erstmals seit 1984 ging ein großer Männer-Abfahrtstitel nicht mehr an einen Schweizer. Am Rosenmontag gewann der deutsche Nobody Hansjörg Tauscher die Königsdisziplin, vor vier Eidgenossen.

Nun waren schon die Deutschen schneller als wir! Ich intensivierte sogleich mein Training: Bei Aufnahmen der Kamerafahrer fuhr ich in der Hocke mit, bis meine Beine zu platzen drohten (nach 20 Sekunden). Mit Legosteinen als Tore trainierte ich im Wohnzimmer stundenlang Slalom. Schwung, Balance, Konzentration: Alles da. Nur leider null Pistenpraxis.

Und null Einsicht bei meinen Eltern: Passiv am Fernseher Rennen verfolgen, Siege bejubeln mit dem Essen in der Hand - so war es ihnen gut und recht. Aber ihre Meinung blieb unverändert: Bub, Skier kommen uns nicht ins Haus, basta!

Dabei traten Schweizer Skiidole jetzt reihenweise zurück, im Frühjahr 1990 gleich drei Lichtgestalten: Pirmin Zurbriggen, Maria Walliser, vor allem Michela Figini. Und ich war so verschossen in dieses Tessiner Mädchen! Ihr hinreißendes Lächeln meinte ich sogar unter ihrem blauroten Helm zu erkennen, wenn sie ihre Rivalinnen Zehntel um Zehntel mitgab.

Kim Wilde im Skidress

Figini erinnerte mich stets an den Moment, als ich mich in Kim Wilde verknallte. Meine Schwester hatte ein Poster, darauf posierte die Sängerin im hautengen Body. Das erinnerte mich an die Skibodys der tollkühnen Abfahrt-Amazonen, die mit 100 km/h Kompressionen durchfuhren und über pickelharte Eisflächen schossen, weder Tod noch Teufel fürchtend.

Mir aber fehlte ein Mentor, der mein Talent erkannt und gefördert hätte. Ohnmächtig musste ich den Abstieg der Schweizer ins Tal der Tränen verfolgen. Bei Olympia 1992 in Albertville und der WM in Morioka 1993 fuhren sie nur eine einzige Medaille ein. Überholt hatten uns die Österreicher, die Deutschen, Norweger und Italiener, sogar die Luxemburger, dank der Ich-AG Marc Girardelli.

So machten Skirennen keinen Spaß mehr. Immer seltener sah ich im Fernsehen meine Landsleute fahren - vielleicht lag's auch an ihrem fragwürdigen Dress-Design, angelehnt an einen Schweizer Käse. Und meine Skikarriere endete, bevor sie beginnen durfte. Noch vor der Ära Hermann Maier/Stephan Eberharter, die mich zweifellos zur Weißglut getrieben hätte.

Mit Skifahren war ich durch - und kaufte mir im Winter 97/98 ein Snowboard.

Zum Autor
  • einestages-Autor Urs Arnold lebt in Zürich, studiert Geschichte an der Uni Freiburg und schreibt als freier Journalist über Film, Musik und Zeitgeschichte. Daneben ist die Fotografie seine große Leidenschaft. Bei ihm zu Hause stapeln sich alte Videospiele, Platten und Bücher über Oldtimer.



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Thomas Moll, 23.03.2016
1.
Schöner Artikel und Fotostrecke. Kompliment!
Paul Sauter, 23.03.2016
2. Sakramoscht!
Wann habe ich nur diesen Beitrag geschieben? Nein im Ernst: völlig fasziniert habe ich mich, mit einem Lächeln im Knopfloch, beim Lesen der Zeilen als kleiner Bub wiedererkannt - vielen Dank an Urs Arnold!
Big.m, 25.03.2016
3. cooler Artikel
aber eines sollte ja klar sein, die Eidgenossen haben gegen uns Österreicher im Wintersport langfristig sowieso keine Chance! ;-) auch wenn immer wieder so kleine Lichtblicke wie Lara Gut( österreichischen Vater) aufflammen! Ski Heil :-D
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