GI sucht verlorenen Sohn Todds späte Reue

Ein US-Soldat traf vor gut 60 Jahren ein deutsches Fräulein. Sie bekam ein Kind, er war bald weg. Als alter Mann will George "Todd" Nelson nun seinen Frieden machen und sucht den Sohn, über den er fast nichts weiß.

privat

Von Wolfgang Messner


Eines Tages lag da dieser Brief, das weiß er noch wie heute. Anfang 1956 muss es gewesen sein. Der Name der Frau stand darauf und der des Kindes. Und die Anschrift einer deutschen Behörde. George H. Nelson sollte seinen Namen eintragen, unterschreiben, das Schreiben zurücksenden. Er sollte anerkennen, was die Realität war. Sich dazu bekennen, was er getan hatte, bekennen zu ihr und zu ihm.

Den Brief hatte er über die Adresse seines Vaters bekommen. In seiner Heimatgemeinde Wisconsin Dells mitten im US-Bundesstaat Wisconsin. Gerade mal hundert Jahre war die Siedlung alt, gegründet 1857, weil die Eisenbahn dort durchkam. Selbst heute leben in dem Flecken kaum 2800 Menschen. Bekannt ist die Gegend für Bier, Bratwürste und Sauerkraut.

Dafür ist auch das Land bekannt, aus dem der Brief kam: Deutschland. George H. Nelson war dort als Soldat stationiert. Im Sommer 1954 traf er in Landshut ein. Kurz darauf lernte er ein deutsches Fräulein kennen, in diesem Gasthaus, wo sich die GIs immer trafen.

War es das "Rebstöckl" mit Wirtin Camilla Kubiczek, die bekannt war für ihr Schaschlik, wo damals die meisten amerikanischen Soldaten verkehrten? Oder war es eine der anderen Kneipen, Bars und Jazzkeller, die in Landshut wie überall in der amerikanischen Zone aus dem Boden schossen? George H. Nelson weiß es nicht mehr.

Olga. Oder Helga? Vielleicht Martha

Gerade mal 18 Jahre war Todd alt. Alle nennen ihn so, seit er denken kann. Die Frau war älter, vielleicht 20. In dem Gasthaus war sie ihm aufgefallen, blond, schlank und hübsch. Sie tanzte zur Barmusik. Olga. So war ihr Name. Oder Helga? Oder doch Martha?

Geredet haben sie nicht viel. Die Frau konnte kaum ein Wort Englisch, er nur einige Brocken Deutsch. Aber sie tanzte mit ihm. Dann küssten sie sich und wurden ein Paar. Meist kam sie zu ihm in die Schoch-Kaserne. Dort hatte die Wehrmacht zuvor gut ein Dutzend Artillerie- und Infanterieregimenter für die Front fit gemacht, jetzt waren die Amis hier.

Die Frau hatte eine kleine Wohnung in Landshut, wo sie sich auch gelegentlich trafen. Sie lebte allein, Familie hatte sie keine. Möglich, dass sie ein Flüchtling war. Todd ist sich nicht sicher.

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Soldat sucht sein Kind: "Bitte helfen Sie mir, meinen Sohn zu finden"

Die Affäre blieb nicht folgenlos. Davon wusste Todd schon. Denn eines Tages stand die Frau vor den US-Kasernen in Regensburg, wohin man ihn nach neun Monaten versetzt hatte. Im Arm hatte sie das Kind, gerade mal zwei Wochen alt. Im Juni 1955 muss das gewesen sein, kurz nach der Geburt seines Sohnes. Als Toddler, als Kleinkind, lernte Todd ihn nicht mehr kennen. Bald war er zurück in den USA und verdrängte die Erinnerung.

Reinhold. Er hieß doch Reinhold, oder?

Auch den Namen des Kindes weiß George H. Nelson nicht mehr genau. So viel hat er vergessen und verdrängt in den 81 Jahren seines Lebens. Er hatte eine Frau, eine Familie, Erfolg im Beruf als Auktionator. Sein Geld machte er mit Immobilien. Er ist vermögend, hat zwei Töchter und einen Sohn und Enkelkinder.

Diese Geschichte mit der deutschen Frau und dem Sohn hat ihn nicht losgelassen. Hier war er nicht mit sich im Reinen, lange schon nagt die Schuld an ihm. Jetzt, am Ende seines Lebens, will er sich seiner Verantwortung stellen. Nun endlich ist er soweit und sucht die Frau und das Kind. Anfang 80 müsste sie sein, wie er, und der Sohn 62 - wenn sie denn noch leben.

Die Gedanken an seine Zeit als Soldat in Deutschland hatte er weggeschlossen. Gut sechs Jahrzehnte später bleiben die wenigen Erinnerungen blass und fahl. Spazieren gingen sie oben auf der Burg Trausnitz über der Stadt. Oder auch mal ins Kino. Viel mehr weiß er nicht.

Seine Frau hat er es gesagt. Als sie heirateten, hatte Todd ihr die Liebesaffäre mit dem deutschen "Fräulein" gestanden und auch, dass er einen Sohn mit ihr hat. Später hat er es auch den Kindern offenbart - aber nie seinem konservativen Vater. Aus Angst vor ihm hat Todd den Brief damals vernichtet und gehofft, dass er nie wieder etwas hört aus Deutschland.

Zehntausende, vielleicht Hunderttausende "Besatzungskinder"

Der Vater hätte ihn gezwungen, die Frau zu heiraten. Dessen war er sich gewiss. Todd fühlte sich überfordert. "Ich war jung und hatte Angst", sagte er. Mit 19, sollte er da Vater sein? Wo das Leben eben erst richtig begonnen hatte? Die Verantwortung erschreckte ihn. Heute empfindet er tiefe Reue: Er hätte das nicht tun sollen, die Mutter mit dem Kind sitzen lassen. Er hätte die Angst vor dem Vater überwinden, sich seiner Geschichte stellen sollen.

Zehntausende sogenannter Besatzungskinder gab es einst in Deutschland, aus Beziehungen mit Soldaten der Alliierten. Oft war die Dienstzeit in Germany bald vorbei, der Vater weg und zurück in einem anderen Leben außerhalb der Armee.

In ihrem Buch "GIs and Fräuleins" verzeichnet Maria Höhn 66.000 Kinder, die von Soldaten der alliierten Truppen allein im Zeitraum von 1945 bis 1955 gezeugt wurden. Der Anteil mit einem amerikanischen Elternteil - in der Regel die Väter - ist mit rund 36.000 der weitaus größte, gefolgt von französischen (etwa 10.000), britischen (8000) und sowjetischen Eltern (3000). Anderen Schätzungen zufolge liegt die Zahl der "Besatzungskinder" im Nachkriegsdeutschland deutlich höher und reicht weit in den sechsstelligen Bereich.

Viele dieser Kinder leiden an ihrer unklaren Identität, fühlen sich nirgends richtig zugehörig, suchen nach ihren Erzeugern. Umgekehrt fahnden auch frühere Soldaten nach ihren Nachkommen. George H. Nelson hat viel Zeit und Geld darauf verwendet, seine Ex-Geliebte und ihren Sohn zu finden.

"Bitte helfen Sie mir, meinen Sohn zu finden"

Das Archiv der US-Armee ist jedoch 1973 abgebrannt, gut 80 Prozent der Bestände wurden vernichtet. Wohl auch eine Kopie jenes Briefes der deutschen Behörde, den George H. Nelson nach seiner Militärentlassung mit dem Hinweis auf seinen Sohn erhalten hatte. Er wirkt verzweifelt, und er schämt sich für seine großen Erinnerungslücken. "Die Menschen in Landshut müssen mich für einen ganz schlimmen Mann halten", sagte der gebrechliche Mann.

Im Standesamt Landshut ist mit den wenigen Angaben, die Todd machen kann, nichts zu erreichen. Dort finden sich keine Urkunden zu einem männlichen Kind namens Reinhold, das 1955 zur Welt gekommen sein soll. Aber nach einem Bericht der "Landshuter Zeitung" ergab sich zumindest ein vielversprechender Hinweis. Ein Mann sei angeschrieben worden, teilt die Stadtverwaltung mit. Mehr will sie mit Verweis auf den Persönlichkeitsschutz nicht sagen.

Todd weiß davon noch nichts. Er möchte die Frau oder zumindest seinen Sohn unbedingt wiederfinden. "Es ist so schlimm. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit", sagte er. Wie er sich verhalten hat, empfindet er heute als unverzeihlich. Nun baut er auf die Menschen in Landshut und Umgebung oder andere Zeitgenossen, die sein "Fräulein" und den Sohn in späteren Jahren kennengelernt haben. "Bitte helfen Sie mir, meinen Sohn zu finden", appellierte er.

Sollte der verlorene Sohn auftauchen, würde die Familie ihn willkommen heißen, erklärte Todd junior im 7263 Kilometer entfernten Wisconcin Dells. Der 57-Jährige würde nach Deutschland kommen, um seinen so lange vermissten Halbbruder in die Arme zu schließen: "Dann laden wir ihn zu uns nach Hause ein." Fände er seinen verlorenen Sohn, könnte George H. Nelson vor seinem Tod seinen Frieden mit sich und der Welt machen.

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Seite 1
Gunnar Ganz, 27.12.2017
1. Eine sehr berührende Geschichte,
eine Geschichte,die das Leben nach dem Krieg geschrieben hat.Eben allzu menschlich was da in Zeiten der Besatzung passierte. Es ist nur zu hoffen( Datenschutz hin oder her) das uns die 'Auflösung',falls sie es gibt,mitgeteilt wird.Andernfalls bliebe es unbefriedigend und es wäre besser gewesen,nichts von der Lebensgeschichte dieses GI zu erfahren.
Ronald Vopel, 27.12.2017
2. Na ja
Es wäre sicherlich interessant, die Geschichte aus der Perspektive der Frau zu erzählen. Frau Stokowski, übernehmen Sie! Da findet sich bestimmt etwas mit struktureller männlicher Gewalt. Ansonsten werden sich wohl ein paar Kandidaten finden, dank dem Hinweis auf ein potentielles Erbe.
Andreas Daul, 27.12.2017
3.
Die Dame sollte ja eigentlich auch schon in den 50ern gewusst haben worauf sie sich einlässt. Dessen ungeachtet war das ein menschlich verachtenswertes Verhalten seitens des (angeblichen - man weiß ja nie) Vaters. Und dass ihn nur der nahende Tod zum Handeln drängt macht die Sache keinen Deut besser! Jungend hin oder her, aber spätestens die Geburt seines ... nennen wir es mal ... "ersten richtigen" Kindes hätte ihn ja eigentlich zum Nachdenken bringen können. Sehr tragisch aber weder damals noch heute ein Einzelfall, leider.
Luisa Backes, 27.12.2017
4. Wo ist die Geschichte?
Ein wirklich schön geschriebener Artikel, aber wo ist die Substanz? Ein alter Mann der sich rücksichtslos verhalten hat würde seinen Fehler gerne ungeschehen machen. Aber er weiß nichts mehr, hat keine Anhaltspunkte, warum
Luisa Backes, 27.12.2017
5. wo ist die Geschichte?
Ein schön geschriebener Artikel, aber wo ist die Substanz? ein alter Mann bereut nach 60 Jahren sein rücksichtsloses Verhalten. Dafür bekommt er nun eine große Geschichte und darf öffentlich traurig sein. Aber es gibt nichts zu Erzählen! Ein Junge musste ohne Vater aufwachsen, einer Frau wurde die unterstützung verwehrt und nach über fünfzig Jahren soll nun alles gut werden? Absurd!
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