Beschwerdepost von DDR-Bürgern "Sauwirtschaft! Die Buden zittern!"

Beschwerdepost von DDR-Bürgern: "Sauwirtschaft! Die Buden zittern!" Fotos

Laut klagten sie selten, kleinlaut waren sie deshalb nicht: In Beschwerdebriefen an Funktionäre der SED-Diktatur fanden DDR-Bürger drastische Worte, um ihre persönlichen Wohnverhältnisse zu verbessern. Eine Drohung wirkte fast immer. Von

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Was für eine Sauwirtschaft, diese DDR! Der Putz in den Zimmern der Wohnungen bröckelte, die Fenster moderten, die Wände wackelten, von Toilette und Heizung ganz zu schweigen. So schimpften DDR-Bürger über den Staat. Nicht hinter vorgehaltener Hand, sondern höchst offiziell in Briefen an Bürgermeister, Abgeordnete und die SED-Parteiführung.

Wohnungsnot und lange Wartezeiten bis zum Einzug in eine der begehrten Neubauwohnungen machten das tägliche Leben für viele unerträglich. Mal eben die Mietwohnung wechseln ging nicht - nicht ohne Hilfe von Vater Staat. Also schrieben die Bürger mit sozialistischem Gruß an Ämter und Genossen. "Eingaben" nannten sich ihre Beschwerdebriefe und Bitten um Unterstützung.

Jährlich etwa eine Million solcher Eingaben verzweifelter Bürger erreichten die Ämter in der Ära Honecker von 1971 bis 1989. Zwar wagten es seit den Verhaftungswellen in den fünfziger Jahren immer weniger Menschen, ihren Unmut über gesellschaftliche Missstände in der SED-Diktatur laut zu äußern. In ihren Schreiben an die Behörden drohten sie allerdings höchst selbstbewusst den zuständigen Funktionären und verurteilten das sozialistische System. Es war die einzige legale Möglichkeit, sich gegen Verwaltungsentscheidungen und staatliche Willkür zur Wehr zu setzen. Ein individuelles Klagerecht bestand nicht. Die Offenheit in den Briefwechseln mit dem Regierungsapparat ist umso erstaunlicher, als DDR-Bürgern aus heutiger Sicht oft eine Untertanenmentalität, Duckmäusertum und Unterwürfigkeit vorgeworfen wird. Dieses Pauschalurteil greift jedoch angesichts der offen ausgesprochenen Kritik am System zu kurz, wie Schriftstücke aus jener Zeit belegen.

Den Bogen überspannt

Die alleinerziehende und arbeitsunfähige Mutter Frau W. schrieb 1978 an den Oberbürgermeister ihrer Stadt, dass sie auf die Zuteilung einer Erdgeschosswohnung warte. In ihrem Eingabenschreiben stellte sie ihre schwierige Lebenssituation dar und versuchte, an das Mitgefühl des Stadtoberhaupts zu appellieren: Die 34-jährige HO-Gaststättenleiterin musste demnach mit 90 Mark den monatlichen Unterhalt für sich und ihre Adoptivtochter bestreiten. Um ihren Ausführungen mehr Nachdruck zu verleihen, stellte sie die Vermutung auf, dass "die soziale Sicherheit und Geborgenheit in unserem Staat doch nur bis zu einer gewissen Grenze zu gehen" scheint. Vermutlich traf sie damit jedoch ganz und gar nicht den mitfühlenden Nerv des Oberbürgermeisters. Sie wurde vertröstet, im folgenden Jahr in die Wohnungsvergabelisten aufgenommen zu werden.

Einen weit schärferen Ton schlug 1979 der Schlosser B. an. In einem dreiseitigen Schreiben nutzte er die Möglichkeit, seinem über Jahre angestauten Frust Luft zu machen: Als deutschstämmiger Pole habe sein Lebensweg mit der Übersiedlung in die DDR in den 1950er Jahren eine negative Wendung genommen. Chronologisch listete B. alle Tiefschläge und Enttäuschungen auf, die ihm in der DDR widerfahren waren. Das Problem, das ihn am stärksten zu beschäftigen schien, waren jedoch die schlechten Wohnbedingungen, unter denen er und seine Familie leben musste. "Das Klosset ganz niedrig. Die Buden zittern, wenn die Straßenbahn fährt. Die Fenster waren alle verfault". Das sei eine "Sauwirtschaft".

Den Bogen überspannte B., indem er sich darüber beschwerte, dass sein 17-jähriger Sohn trotz laufender Ausbildung schon zur Musterung antreten musste, während sonst in der DDR nichts pünktlich und schnell zu funktionieren schien. Für diese Aussage musste er sich später in einem persönlichen Gespräch verantworten. Nachdem sich B. für seine Äußerung gegenüber der NVA (Nationalen Volksarmee) entschuldigt hatte, bekam er die erhoffte Wohnung aber dennoch nicht zugeteilt.

Letzte Drohung

Wenn die eindringlichen Schilderungen allein nichts bewirkten, verhalf häufig eine letzte Drohung doch noch zum Erfolg. Ob mit der Bitte "meinen Mann und mich aus den Wählerlisten streichen zu lassen" oder einfach mit der Ankündigung "Im Mai gehen wir, das heißt meine Frau, ich und mein älterer Sohn nicht mehr zu keiner Wahl" trafen die Bürger die Achillesferse der SED. Massiver Stimmentzug wurde von der DDR-Führung als Vorzeichen für mögliche Unruhen angesehen und passte nicht in die Vorstellung von einer einträchtigen sozialistischen Lebens- und Wertegemeinschaft.

Jeder Kader war daran interessiert, in seinem Zuständigkeitsbereich eine größtmögliche Wahlbeteiligung zu erreichen. Die Drohung mit Wahlverweigerung schien daher in vielen Fällen die Bemühungen der zuständigen Fachorgane zu beschleunigen. Um zusätzlichen Druck auf die angeschriebenen Behörden und lokalen Entscheidungsträger auszuüben, sandten Bürger häufig Abschriften ihrer Eingaben an übergeordnete Instanzen, wie beispielsweise den Generalsekretär der SED, Erich Honecker.

Auch wenn die Entscheidung über die Zuteilung einer Wohnung letztlich in den Händen der angeschriebenen Behörden und Beamten lag, führte das keinesfalls generell zu einem untertänigen Umgangston. So eingeengt, kontrolliert und überwacht das alltägliche Leben der Bevölkerung aus heutiger Perspektive war, traten die Bürger beim Verfassen von Eingaben gegenüber ihrer "Obrigkeit" häufig selbstbewusst, aufmüpfig und keineswegs kleinlaut auf.

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