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Besuch bei Ike Turner 1972 Trip zum Nasenkönig

Gerhard Augustin

Vergoldete Penisse, eimerweise Drogen und die beste Musik aller Zeiten: In den Siebzigern war Ike Turner der Partykönig von Hollywood. Jazzmusiker Olaf Kübler hat die legendären Feten im Bolic Sound Studio miterlebt.

Es war eine Zeit, in der die Luft, die Menschen, die Städte, in der einfach alles vor Energie bebte. 1972. Ich flog nach Los Angeles, um in Hollywood mit meiner Plattenfirma über einen Vertrag zu verhandeln. Chef des Ladens war mein Freund Gerhard Augustin.

Als ich auf dem Flughafen in L.A. ankam, wartete Gerhard bereits in einem silbergrauen Rolls Royce aus Ike Turners Rennstall. Gerhard und Ike waren dicke Kumpels. Der Wagen war voll klimatisiert, hatte schwarz getönte Scheiben, Telefon, Fernsehen, eine Kühlbox und natürlich eine Bar. Kaum hatte sich der Schlitten in Bewegung gesetzt, zündete Gerhard auch schon einen Panama-Red-Grassjoint an und turnte mich erst einmal richtig an. So was hatte ich lange nicht mehr geraucht - es war wirklich ganz besonders potentes Gras, und bald war alles easy. Draußen herrschte glühende Hitze, und wir saßen stoned in einem klimatisierten Rolls Royce.

Wir fuhren Richtung Nord-West über die La Brea Avenue, und da sah ich auch schon das riesige Hollywood-Zeichen oben in den Bergen. Wir fuhren in das Hauptquartier der Plattenfirma am Sunset Boulevard und parkten den Schlitten auf dem für Ike Turner persönlich reservierten Parkplatz. Gerhard führte mich in das Büro eines Kollegen, bei dem "alles für den Kopf" zu haben war: der Chef des "Anturn-Centers". Da die damaligen Popstars alle auf irgendwelchen Drogen waren, hatten die Plattenfirmen schnell erkannt, wie sie die Laune ihrer Zöglinge heben konnten. Heute klingt das unglaublich, aber damals war das so. Anfang der siebziger Jahre habe ich in Los Angeles nicht einen einzigen Menschen getroffen, der hundertprozentig clean war. Selbst der Zeitungsjunge, der vom Fahrrad aus seine News zielsicher in die Briefkästen warf, hatte rosarote Augen.

"Olaf Motherfucker from Germany"

Der Chef des "Anturn-Centers" reichte mir erst mal zwei Riesen-Lines. Während ich stoned in seinem Büro herum saß, kam alle halbe Stunde irgendein Angestellter oder eine Sekretärin rein und schaute mit wichtiger Miene. Sie bedienten sich kurz aus der "Hausapotheke" und gingen danach schnurstracks - die Nase hochziehend - in das nächste wichtige Meeting.

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Besuch bei Ike Turner 1972: Trip zum Nasenkönig
Und mein Freund Gerhard war mittendrin und mit allen per du. Er war der Mr. Pleasure von Hollywood. Er kannte fast alle berühmten oder wichtigen Leute - und die kannten ihn: Brian Wilson von den Beach Boys, Mick Jagger, Elvis Presley, J.J. Cale, Jesse Ed Davis, Johnny Rivers, Canned Heat, Paul Anka und natürlich Ike und Tina Turner. Jeden Abend war irgendwo der Teufel los. Man ging nicht auf eine Party, sondern auf sechs. Eine Fete ging in die andere über, und wenn der Morgen kam, fuhren alle "Nasenschniefer" nach Inglewood, in Ike Turners Bolic Sound Studio. In diesem Betonklotz ohne Fenster residierte Ike - als wahrer "Nasenkönig". Hier waren sowohl seine Studios als auch seine Privatgemächer untergebracht, deren Türen sich allerdings nur Ikes engsten Vertrauten öffneten. Da Gerhard einen Schlüssel zum Studio besaß, standen wir plötzlich mitten in den heiligen Hallen. Ich wurde den Anwesenden als "Olaf Motherfucker from Germany" vorgestellt und hatte damit gleich den ersten Lacher auf meiner Seite.

Im "Anturn-Zimmer", dem Billardroom, lungerten Ikes Bodyguards herum. Auch Joe Shermie von den "Three Dog Night" lernte ich an diesem Abend kennen sowie Little Richard, Leon Ware, Bobby Womack und all die scharfen Weiber, die Ike Turner extra aus San Francisco eingeflogen hatte. Die Fete war bereits voll im Gange. Solche Surprise-Partys machten Ike immer besonders viel Spaß, denn er konnte von seinen Privaträumen aus alle Zimmer des Komplexes über einen Monitor beobachten.

Vergoldete Penisse

Wenn die Orgie dann so richtig abgefahren war, saß Ike vor seinem Monitor und lachte sich halbtot, wenn einer einen nicht so langen Penis hatte wie er. Gern zeichnete er diese Orgien in seinem Studio per Video auf, und wenn einer mal frech wurde und nicht so parierte, wie Ike es wollte, drohte er, das jeweilige Video in "Graumans Chinese Theater" öffentlich vorführen zu lassen. Ike war mit dem Staatsanwalt bestens befreundet. Der kam öfter mal auf eine "Nase" vorbei, wie auch der Hauptkommissar der Inglewood Police Station. Ike hatte all diese Leute mit Koks und Sex im Griff. Nachdem alle Partygäste im Studio zur besten Musik aller Zeiten übereinander hergefallen waren und erschöpft in den Kissen lagen, hörte man Ikes tiefe Stimme über die Hausanlage: "Gerhard, who is that guy with you out there?"

"Ike, its my friend Olaf, from Germany!", rief Gerhard.

"Ahhh - Olaf Motherfucker! Bring him up to my place!" befahl Ike.

Gerhard führte mich durch das Studio zu einer großen, holzgetäfelten Wand, die sich automatisch vor uns öffnete. Per Telefongeheimcode konnte Ike die Türen von seinem Bett aus öffnen. Wir traten in ein pseudo-barockes, mit merkwürdigen Möbeln ausgestattetes Zimmer. Als Tisch diente eine acht Meter lange Glasgitarre, die Lehnen der Sessel und der Couch waren - ja, vergoldete Penisse.

Ike war immer noch nicht zu sehen, denn er lag in seinem Paranoia-Fort-Knox-gesicherten Schlafzimmer, vor dessen Tür noch ein extra Bodyguard stand. Entweder hatte er damals schon so viel Dreck am Stecken oder das Nasenpuder hatte ihn so weit gebracht, dass er Angst hatte, nicht mehr durchzublicken und dass irgendjemand ihn umlegen könne.

"Oh, wie süß ist diese Pflaume!"

Als ich Ikes Schlafzimmer betrat, lag er auf einem güldenen Bettgestell. Darüber hing ein großer Baldachin aus Brokat, wie ihn auch die indischen Maharadschas haben. Ike räkelte sich auf einer blauen, bestickten Brokatdecke und manikürte sich seine Nägel. Während er da so an sich herumfeilte, trank er zwischendurch immer mal wieder ein Gläschen von diesem schweren, süßen Pflaumenlikör, den er sich eigens in Jugoslawien brennen ließ. Von diesem Gesöff bekam ich ein Glas zu kosten, und ich konnte ihm nur bestätigen: "Oh, wie süß ist diese Pflaume!"

Da Gerhard noch ein paar geschäftliche Dinge mit Ike zu besprechen hatte, bat Ike mich, doch in der Zwischenzeit in seine goldene Whirlpool-Badewanne zu springen, um dort eine der engagierten Tussis aus San Francisco zu treffen. Dieses Bade-Mausoleum war komplett mit Spezialspiegeln ausgekleidet, so dass man sich auf der einen Seite als Walross und auf der anderen als nackten Fakir sehen konnte. Die Handentspannung der Schönen aus San Francisco war vollkommen, und ich schlief für einen Moment ein.

Als ich erwachte, wusste ich nicht mehr, ob es Tag oder Nacht war, denn es gab keine Fenster, aus denen man mal raussehen konnte, um zu prüfen, ob vielleicht die Sonne draußen schien. Außer morgens um sechs gab es bei Ike nichts zu essen. Er selbst aß immer nur eine Tomatensuppe mit geschmacklosen Crackern.

Valium in jede Pobacke

Gerhard berichtete mir, dass sich das Party-Ritual im Studio mitunter fünf Tage lang ohne Unterbrechung abspielte. Das ging natürlich nur mit dem ständigen Nasenpuder - zum Wachhalten! Am fünften Tag kam dann Dr. Thomas mit seinem Arztkoffer, aus dem er die unterschiedlichsten Heilmittel hervorzauberte. Zuerst bekam Ike in jede Pobacke einen Vitamin-B-12-Shot, vermischt mit Valium 500, dann die sprudelnden Calciumtabletten und mitunter auch eine Aspirin. Meistens schlief er dann in den Armen von Dr. Thomas ein und schnarchte wie das Ungeheuer von Lochstress.

Dann mussten alle Ikes Privatgemächer verlassen und die Türen geräuschlos hinter sich schließen. Ike schlief oft drei Tage lang - und alle seine süchtigen Musiker und Angestellten schlichen wie tote Hunde durch das Studio, weil keiner mehr Koks oder sonst was für den Kopf hatte. Ike verwahrte das Nasenpuder nämlich unter seinem Kopfkissen, und keiner kam ran, solange er darauf schnarchte. Alle mussten warten, bis der King erwachte, denn ohne ihn und das Puder lief im Bolic Sound Studio nichts.

So war das damals, in den Siebzigern. Ich will keinen dieser Tage missen.

Gekürzter und leicht redigierter Auszug aus:

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
Christian Kleberg, 13.12.2007
Ja, so war das damals in den 70ern... Und ich finde es unglaublich, wie hier unterschwellig der Drogenkonsum der damaligen Zeit glorifiziert wird. Damals wusste man es nicht besser, aber damit heute noch zu prahlen und somit Drogenmissbrauch allgemein zu verharmlosen, ist eher bedauernswert. Tiefer braucht man darauf wohl auch nicht eingehen. Herr Kübler, klopfen Sie sich weiter auf die Schulter, wen Sie alles damals getroffen haben und wie b(e)reit Sie die ganze Zeit waren. Nach Ihren Ausführungen bin ich eigentlich froh, dass ich nicht dabei war. Nicht alle stehen auf Drogenparties und -orgien. Ich habe auch schon viele 'wichtige' Leute in meinem Leben getroffen, muss aber damit nicht hausieren gehen, damit ich zu den 'harten Jungs' gehöre... Ein Musiker ihres Formats sollte es eigentlich nicht nötig haben sich so zu produzieren, noch berechtigt eine Lebensleistung dazu. Aber vielleicht wollten Sie genau das? Provozieren? Bei mir hat es geklappt... Muss schon eine tolle Zeit damals gewesen sein. Komisch, dass ich überhaupt nicht traurig bin, sie nur als Kind miterlebt zu haben...
2.
Bernd Mueller, 17.12.2007
>Ja, so war das damals in den 70ern... Und ich finde es unglaublich, wie hier unterschwellig der Drogenkonsum der damaligen Zeit glorifiziert wird. Damals wusste man es nicht besser, aber damit heute noch zu prahlen und somit Drogenmissbrauch allgemein zu verharmlosen, ist eher bedauernswert. Tiefer braucht man darauf wohl auch nicht eingehen. > >Herr Kübler, klopfen Sie sich weiter auf die Schulter, wen Sie alles damals getroffen haben und wie b(e)reit Sie die ganze Zeit waren. Nach Ihren Ausführungen bin ich eigentlich froh, dass ich nicht dabei war. Nicht alle stehen auf Drogenparties und -orgien. Ich habe auch schon viele 'wichtige' Leute in meinem Leben getroffen, muss aber damit nicht hausieren gehen, damit ich zu den 'harten Jungs' gehöre... > >Ein Musiker ihres Formats sollte es eigentlich nicht nötig haben sich so zu produzieren, noch berechtigt eine Lebensleistung dazu. > >Aber vielleicht wollten Sie genau das? Provozieren? Bei mir hat es geklappt... > >Muss schon eine tolle Zeit damals gewesen sein. Komisch, dass ich überhaupt nicht traurig bin, sie nur als Kind miterlebt zu haben... wieso? ich find' fetzig... konsumiere zwar keine drogen, aber bei den feten wär' sicher jeder gerne dabei gewesen :-) f... good
3.
zz marcello, 14.12.2007
Danke Herr Kübler, danke für Ihre schöne Geschichte, die schönen Fotos, das Video und besonders das transportierte Stück Lebensgefühl. Verdammt, wenn das bei Ike damals so rundging, dann gönnen wir Ihm das. Und ich gönne auch Ihnen Hr. Kübler aus vollem Herzen das Sie dabei waren.
4.
Gunnar Sandkühler, 14.12.2007
Ich kann Herrn Kleberg nur zustimmen: Klar ist man offenbar gerne "cool", oder geriert sich zumindest so, wenn man als angesagter Musiker gelten mag (ich selbst habe noch NIE etwas von einem Olaf Kübler gehört, aber ich bin auch bekennender Banause und höre Punk), doch die fröhlichen Schilderungen diverser Rauscherfahrungen sind entweder ein Fall für eines dieser konjunkturell hochwertigen Junkie-Tagebücher oder für eine Kolumne in der "Man-Max-Frenzy-Hype-Women-Hilton-Freak-Out" (oder wie immer solche Magazine heißen mögen). Ganz sicher aber ist die distanzlose und zum Erbrechen anbiedernde Schilderung eines verkoksten und mittelmäßigen Musikers mit Mafia-Kontakten sicher nicht die geeignete Form, sich angesichts aktueller Entwicklungen die eigene Vergangenheit in der Öffentlichkeit eines Mediums selbst zu verglorifizieren. Nur eine Frage am Ende: Brauchen Sie das, Herr Kübler?
5.
Harald Schmidt, 17.12.2007
Sehr lebendig und anschaulich geschrieben. Aus meiner Sicht eine Perle unter den Zeitzeugenartikeln. Klasse auch das Video mit der Probe im Hotelzimmer. An dem Artikel kann ich übrigens nichts Drogenverherrlichendes erkennen. Aber vielleicht braucht es zum Verherrlichen auch immer einen, der an die Macht des Verherrlichens glaubt?
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