Besuch bei Pierre Brice Rothaut in Rente

Er war Elitesoldat und Schreibmaschinenverkäufer, Model und Schauspieler - reduziert wurde Pierre Brice immer auf eine einzige Rolle: Winnetou. Stefan Simons besuchte den ewigen Apachen-Häuptling und sprach mit ihm Drehpannen im Wilden Westen, seinen Einsatz in Vietnam - und den Kampf mit dem Alter ego.

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In der frühjahrsgrünen Ebene der Picardie, eine knappe Autostunde nördlich von Paris, gehen Wiesen und Weiden in kleine Flusstäler über. Unter hohen Fichten, am Ende einer Allee, führt der Weg auf ein kleines, geducktes Anwesen. Der Herr des Hauses, wehende Haarmähne und Fliegerbrille, empfängt in lässiger Fleecejacke und mit festem Handschlag – willkommen bei Indianer-Legende Pierre Brice.

Das Haus mit den mächtigen Wänden, in dem Brice seit mehr als 25 Jahren lebt, verbreitet gepflegte Wohnkultur. Edle Wandteppiche, Antiquitäten - Ehefrau Hella, geborene Bayerin aber mit der Heirat 1981 "gerne Französin geworden", serviert am Couchtisch Kaffee und Tarte-au-Citron zu deutschem Marzipan. Die Wände zieren Ölgemälde, auf Kaminsims und Bücherregalen reihen sich Souvenirs einer mehr als sechzigjährigen Schauspielerkarriere.

Pierre Brice sitzt auf einer Fußbank und genießt einen Schluck Elsässer Riesling. Ein grauhaariger Monsieur, der gerade 82 geworden ist, aber immer noch der wettergegerbten Gestalt des Apachen-Häuptlings Winnetou ähnelt - der Rolle, in der er zu einer kulturellen Ikone der frühen Bundesrepublik wurde. Elf Spielfilme, abgedreht am laufenden Band, bescherten ihm eine an Hysterie grenzende Popularität und eine treu ergebene Fangemeinde. Weil Pierre Brice als Winnetou die perfekte Verkörperung der indianischen Idealgestalt gelang - der edle Wilde mischte exotische Folklore mit erotischer Anziehungskraft: "Ich habe der Figur Gesicht und Seele gegeben", sagt Brice.

"Winnetou und ich" heißt seine Autobiografie

Die Symbiose zwischen Schauspieler und Indianer-Inkarnation erwies sich aber auch als Hürde für den Wechsel in andere Genres: Über Jahrzehnte blieb Brice als "Rothaut abgestempelt", wie er es nennt; der Erfolg des Apachen – 35 Millionen Zuschauer - sei zum "goldenen Käfig" geworden. Heute hat sich der Schauspieler mit seiner janusköpfigen Doppelexistenz versöhnt, der Titel seiner Biographie bringt die Erfahrung auf den Punkt: "Winnetou und ich", nannte er den Rückblick auf sein Leben, in dem ein französischer Beau mit einer indianischen Rothaut verschmolz.

Geplant war das nicht. Pierre Louis Le Bris, geboren 1929 in Morlaix (Finistère), stammt aus einer Familie französischer Junker. Trotz des Adelstitels wuchs er in Brest unter einfachen Verhältnissen als bretonischer Buttje auf; der Vater, ein ehemaliger Marineoffizier, arbeitete bei der französischen Eisenbahn. Der Zweite Weltkrieg brachte das abrupte Ende einer idyllischen Kindheit: Der Halbwüchsige verrichtete Botendienste für die Resistance, ein jüdischer Onkel und sein Sohn wurden von den Deutschen nach Auschwitz deportiert. "Die genauen Umstände der Ermordung", sagt Brice, "habe ich erst Jahrzehnte später erfahren."

Pierre scheiterte in der Schule, versuchte ein Architekturstudium und meldete sich gegen den Willen seines Vaters als 16-Jähriger bei der Marineakademie. "Ich wollte ihm einfach beweisen, dass ich dickköpfiger war", sagt Brice. Wenig später wechselte er zu den Marine-Kommandos und ging als Freiwilliger nach Vietnam, um "gegen den Kommunismus zu kämpfen". Das "Abenteuer Indochina" prägte: Der Dschungelkrieg, die Kameraderie unter den Elitesoldaten, Entbehrungen, Angst, Verlust. Zwei Freunde wurden durch eine Mine zerfetzt, Pierre blieb körperlich unversehrt. Nach zwei Jahren kehrte er nach Hause zurück, mit dem Gefühl, seine patriotische Pflicht getan zu haben. In der Rückschau wirkt das Engagement für das Vaterland weniger verklärt: "Nur Soldaten", sagt er leise, "wissen wirklich, was Krieg und Tod bedeuten."

"Karl May war mir kein Begriff"

Zunächst dachte der Ex-Elitesoldat an die Fortsetzung seiner Offizierskarriere, dann überwog die Neugier auf ein weniger vorgezeichnetes Leben. Er verkaufte zunächst Schreibmaschinen, Fensterdichtungen und Trockenobst, was alles nicht funktioniert habe, "aber die Pflaumen und Aprikosen konnte ich wenigstens selber essen". Erfolg hatte er bei den Schauspielerinnen und Mannequins zwischen dem Quartier Latin und Montmartre; bald arbeitete er als Modell für Mode und Fotoromane. Damit gelang ihm der Einstieg bei Bühne und Film.

Auf der Dachterrasse des "Interconti", so will es die Legende, entdeckte der deutsche Filmproduzent Horst Wendlandt 1962 den Franzosen; wenig später, Brice machte Segelurlaub in Cannes, erhielt er das Angebot für den "Schatz im Silbersee". "Eine Indianerrolle – das sagte mir nicht besonders zu. Und Karl May war mir überhaupt kein Begriff." Die Lektüre des Drehbuchs überzeugte ihn jedoch, und kaum zwei Wochen später stand er auf dem Set in Jugoslawien. Das Bleichgesicht wurde zur Rothaut, Pierrot zu Winnetou - der Anfang einer legendären Erfolgsgeschichte.

Für die damaligen Verhältnisse war der Film eine Mega-Produktion: Deutsche Technik, eine bunte Mischung internationaler Schauspieler, Komparsen der jugoslawischen Armee. Die "babylonische Sprachenverwirrung" behinderte Brice wenig, er sprach seinen Text auf Englisch und war sowieso als eher wortkarger Charakter gecastet. Am ersten Drehtag, so erzählt er, provozierten die fehlenden Deutschkenntnisse einen fabelhaften Fehltritt: "Szene eins, Regisseur Harald Reinl rief 'Bitte Ton'. Ich, bereits zu Pferd, verstand das undeutlich als 'Winne tou' und preschte im Galopp vor die Kameras." Forthin wurde Brice von seinen Kollegen bei jedem "Bitte Ton" spöttisch zum Auftritt gerufen.

Winnetou soll sterben - die Fans randalieren

Trotz solcher Pannen und wegen der eher spartanischen Unterbringung im sozialistischen Jugoslawien war die Atmosphäre unter den Kollegen – darunter Karin Dor, Marianne Hoppe, Götz George - solidarisch. Nach dem Dreh fand man sich abends zusammen und weil den Schauspielern die Einheitskost von Schaschlik und Fritten bald auf die Nerven ging, übernahm Brice eine weitere Rolle: Während seiner Zeit in Rom war er zu einem begnadeten Spaghetti-Koch geworden.

Die Idylle scheiterte nicht einmal an Unfällen. Old Shatterhand-Darsteller Lex Barker verletzte sich beim Abfeuern seines "Bärentöters", der Kameramann bekam eine Fackel ins Gesicht und Götz George wurde von einem Pferd gebissen. Die Blessuren von Brice hielten sich in Grenzen: "Ohne Sattel auf dem Pferd zu sitzen, war ungewohnt und hinterließ seine Spuren." Vor allem zu seinem "weißen Bruder" entwickelte Winnetou eine schauspielerische Blutsbrüderschaft: Barker, seinerzeit als "Tarzan" berühmt und erfahrener Reiter, brachte dem Franzosen den Umgang mit ungesattelten Quarter Horses bei.

Die Uraufführung in München wurde zum publizistischen Mega-Event und das Duo Brice-Barker frenetisch gefeiert. Der Film erhielt später die Goldene Leinwand und wurde in 60 Länder verkauft. Und Wendlandt tat, was heute zur Erfolgsmarke Hollywoods gehört: Er legte eine ganze Serie auf. Die literarischen Vorlagen boten Stoff genug, doch die Kino-Umsetzungen waren, je nach Regisseur und Besetzung, von bisweilen dürftiger Qualität.

Umso verblüffender war die Entscheidung des Produzenten, den Apachen in "Winnetou III", wie bei Karl May, in die ewigen Jagdgründe zu entlassen. "Es ging auf das Ende der Dreharbeiten zu", berichtet Brice, "als sich in Deutschland das Gerücht vom programmierten Tod des Häuptlings herumsprach. Ein Aufstand war die Folge, ja beinahe eine französische Revolution. Wendlandt wurde bedroht, aufgebrachte Fans schmierten Hassparolen und uns war klar: 'Winnetou darf nicht sterben.'"

Brice zofft sich mit Old Surehand - und stürmt die Charts

Der schnell nachgeschobene Streifen ("Old Surehand") war ein Misserfolg. Zumal statt der Freundschaft sich bald bittere Feindschaft zwischen Brice und Surehand-Darsteller Stewart Granger einstellte. Der Hollywood-Star war kapriziös, vulgär und eitel, die Dreharbeiten schrammten am Fiasko entlang. "Er ist der einzige Kollege, mit dem ich in all den Jahren nicht zurecht kam", sagt Brice. Nach dieser Erfahrung war auch die Zusammenarbeit mit Wendlandt zu Ende.

In der Zwischenzeit ließ sich Brice zu tönendem Winnetou-Franchising überreden: Er sang – oder er versuchte es jedenfalls. Die Singles "Ribanna" oder "Ich steh' allein", geraunter Schmalz mit charmantem französischem Akzent, erreichten die Hitparaden nicht wegen der seichten Schlagerpoesie, sondern wegen der ungebrochenen Popularität des Interpreten.

Die Ära der Karl May-Filme endete mit "Winnetou und Old Shatterhand im Tal der Toten". Noch einmal eine Top-Besetzung mit Barker und Brice, Ralf Wolter, Eddi Arent und Karin Dor. Trotz der aufwendigen Inszenierung war das Konzept überlebt, angestaubt, unzeitgemäß. Und die Protagonisten deutlich gealtert. Zurück in Rom nach sechs Jahren Dauererfolg als Apachen-Häuptling, verfiel Brice einer Midlife-Crisis.

Comeback - als Winnetou

Denn er drehte zwar noch Filme am laufenden Band, aber es waren Brot-und-Butter Jobs, in denen er mal als Degen schwingender Offizier Ludwig XVI. und mal als Liebhaber auftrat. Es gab Höhepunkte wie die Zusammenarbeit mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni, aber die Rollen blieben oft hinter seinen Erwartungen zurück. Brice beschloss den Umzug ins ländliche Frankreich, kaufte ein ehemaliges Pfarrhaus im Loire-Tal und versuchte sich in der Rolle "eines 40-jährigen Rentners".

Erst nach acht Jahren gelang ihm ein Comeback – wieder als Winnetou, wieder in Deutschland. Die Freilichtbühne Elspe, verlegen um einen plausiblen Helden, heuerte Brice 1976 einmal mehr als Apachen an. "Es war nicht einfach", sagt er, "nun stand ich dem Publikum gegenüber und dazu ich musste erstmal ordentlich Deutsch pauken." Für seine alten und neuen Anhänger passte der fremde Zungenschlag freilich zur Rolle, die Brice jetzt mit abgeklärter Weisheit vortrug: "Als ich das erste Mal zu Pferd am Rand der Kulisse auftauchte, habe ich mich fast zu Tode erschreckt – so groß war der Jubel, der mir entgegenschlug."

Mit der Rückkehr vor das Publikum, erst im Sauerland, später zwischen 1988 bis 1991 in Bad Segeberg, war Pierre Brice wieder gefragt, der Kult-Status bescherte ihm Rollen in Filmen, Serien und Theaterstücken. "Traumschiff" oder "Ein Schloss am Wörthersee" waren keine schauspielerischen Herausforderungen, genauso wenig wie die Gastauftritte der jüngsten Vergangenheit, bei "In aller Freundschaft" oder "Rote Rosen". "Bei diesen Engagements wurde ich vor allem wegen meines Namens verpflichtet", weiß Brice, "damit bei diesen Dauerproduktionen die Quote nach oben geht." Den pragmatischen Umgang mit den Rollen und der eigenen Berühmtheit, nutzte der politisch konservative Brice für humanitäres Engagement. Ein Auftritt bei "Wetten, dass?" bescherte ihm zwei Millionen Mark für einen Hilfskonvoi nach Jugoslawien.

Die Rothaut trifft ihre Brüder

1991 trat Winnetou-Brice in Bad Segeberg ein letztes Mal als Häuptling an und erfuhr eine besondere Ehrung: "Zur Premiere waren Winnebago-Indianer aus Nebraska angereist. Sie waren zutiefst überrascht, dass ein Europäer, ein Weißer, so treffend und authentisch ihr kulturelles Erbe verkörperte. Und daher belohnten sie mich in einer Zeremonie, bei der sie mich zum Mitglied ihres Stammes machten und mir den Namen 'Rainbow-Man' verliehen."

Vielleicht ist es die wichtigste Auszeichnung für einen Schauspieler, der in seinem Haus von Crépy-en-Valois vor Bambis, Ottos, Plaketten und dem Orden der Ehrenlegion posiert. Denn auch wenn Pierre Brice nach dem Frühstück mit seiner Frau vom Salon in seine Gartenklause wechselt, wo er an einem reflektierten Ein-Mann-Theaterstück schreibt ("Selbstgespräche"), bleibt er nostalgisch seiner Biografie als Indianer verhaftet.

Der "Rainbow-Man" bereitet sich derzeit darauf vor, mit einem Filmteam die Indianer-Stämme zwischen Arizona und Colorado aufzusuchen, die in ihren Überlieferungen den Mythos vom sagenhaften Regenbogen-Mann pflegen: Winnetou trifft erstmals auf seine real existierenden Brüder. Das Bleichgesicht aus der Picardie ist im Herzen noch immer Indianer.



insgesamt 5 Beiträge
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René Wenker, 21.02.2011
1.
In der Biographie fehlt noch die Episode "Winnetous Rückkehr". Ein Zweiteiler, der neben der Story (Winnetou war gar nicht tot, sondern lebte Jahrzehnte als Öko-Einsiedler) vor allem darunter litt, das Briece nicht synchronisiert wurde, so dass Winnetou mit französischem Akzent sprach.
Rudolf Stark, 25.09.2012
2.
Als Neuer Leser hier fälltmirsofort eines ins Auge undich bitte dies zu betrachten: "Rothaut" ist eine degradierende Begrifflichkeit, die die Indigenen Amerikas seit jeher von weißen Rassisten zu hören bekamen und bekommen - keiner käme in unserem ach so aufgeklärtem Lande auf die Idee, diese elende Begrifflichkeit endlich zu eliminieren; aktuell ist es z.B. undenkbar für die meisten Journalisten, wirkliche Menschenverächter wie z.B.Islamisten verbal mit entsprechenden Begriffen anzugehen - klar bei den Islamisten handelt es sich ja auch um Existenzen, die hinter der Aufklärung stehen, während von den Indigenen ja "nur" solche vom Westen mißbrauchte Werte stammen wie die Demokratie!Reflektion und Handlung ist dringend angesagt!
Melanie Freund, 06.06.2015
3. R.i.p.
rest in peace, pierre brice. heute ist wieder ein stück meiner kindheit gestorben.
Obruni Ningo, 06.06.2015
4. Tolle Sache war das
damals als Kind für mich. Sammelbildchen und vieles mehr. Später wanderte ich häufig an den Originaldrehorten während meiner Jahre im modernen Kroatien. Zweimal großartige Erlebnisse in meinem Leben.
Gregor Weyrich, 06.06.2015
5. Toll geschrieben.
Von Stefan Simons. Erinnere mich gerne zurück an meine ersten Kinobesuche im richtigen Alter für Cowboy & Indianer. PILAMAYAYE WAKAN TANKA NICI UN AKE U WO, AHOE!!! (Auf Wiedersehen und möge der große Geist mit dir sein und dich führen)
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