Besuch bei Sir Edmund Hillary Die Berge, der Ruhm und der Tod

Besuch bei Sir Edmund Hillary: Die Berge, der Ruhm und der Tod Fotos
Nicola Dove

SPIEGEL-Redakteur Carsten Holm führte 2003 in Auckland ein langes Gespräch mit Everest-Bezwinger Sir Edmund Hillary. Für einestages erinnert er sich an seine Begegnung mit dem legendären Bergsteiger, der jetzt gestorben ist. Von

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Es war ein warmer Februartag im Februar 2003, als Sir Edmund Hillary, die schwere Haustür seiner Villa im neuseeländischen Auckland öffnete und mich zum SPIEGEL-Gespräch empfing. 50 Jahre war es her, dass er mit dem Sherpa Tensing Norgay die Erstbesteigung des Mount Everest geschafft hatte, 83 Jahre war Hillary nun schon alt, aber noch immer

sprühten die Augen dieses beeindruckenden Mannes voller Lebensenergie. Es freue ihn, dass deutsche Journalisten sich trotz seines hohen Alters für ihn interessieren, sagte er, aber das sei eben alles eine Folge dieses Gipfelerfolgs in einer Zeit, in der fast alle Bergsteiger den Everest für unbezwingbar gehalten hätten.

Blick in die Ferne

Wir saßen erst in seinem Wohnzimmer dann auf seiner Terrasse mit herrlichem Blick über die Bucht von Auckland, und es gab gleich zu Beginn des Gesprächs einen Moment, in dem ich ihn beneidete. Es war der Augenblick, in dem Hillary inne hielt, in dem seine Augen lange in die Ferne sahen und es schien, als ließe er sein ganzes Leben binnen kurzem Revue passieren.

Ich hatte ihn gefragt, ob der Erfolg am Everest der beeindruckende Moment seines Lebens gewesen sei, Hillary wog den Kopf hin und her und antwortete nach einer langen Pause: "Nichts hat mein Leben so verändert wie der Everest, ganz sicher. Dass ich mir dieses schöne Haus hier leisten konnte, dass ich zu Vorträgen in aller Welt eingeladen werden konnte. Und die Landschaft dort ist einzigartig. Aber einzigartig ist auch die Antarktis, wo ich 1958 mit dem Traktor unterwegs war. Faszinierend war eine Bootsexpedition auf dem Ganges. Wissen Sie: Alles war großartig, aber man kann nichts davon miteinander vergleichen."

Kein Fotolehrgang auf dem Gipfel

Very British erschien mir Sir Edmund, ungemein bescheiden, aber auch humorvoll. Warum es kein Bild von ihm auf dem Everest gebe, fragte ich. Nun, antwortete Hillary, Tensing Norgay hatte noch nie fotografiert, und der Gipfel des Everest sei "nicht unbedingt der Ort für einen Lehrgang". Ob es für seinen Sohn Peter, der 1990 als 318. Mensch auf dem Everest stand, nicht schwierig gewesen sei, im Schatten des Vaters zu leben, wollte ich wissen. "Ich habe nie versucht, ihn davon abzuhalten, ein ausgezeichneter Bergsteiger zu werden", sagte Hillary.

Mehrfach wies Hillary darauf hin, dass sein Erfolg am Everest ohne die Leistung von rund 500 Sherpas, die Zelte, Nahrungsmittel und Sauerstoffflaschen in endlos scheinenden Kolonnen durch die Khumbu-Region bis zum Basislager des höchsten Berges der Erde schleppten, "unmöglich" gewesen wäre. Hillary hat dem Volk der Sherpas, die damals, bevor der Massentourismus nach Nepal einsetzte, noch in großer Armut lebten, so viel Gutes getan, dass sie ihn bis heute wie einen Gott verehren. Ich hatte bei meinen Reisen in die Everest-Region in Namche Bazaar, dem Hauptort, und in den kleinen Dörfern der Umgebung Schulen gesehen, für die er mit seinem Trust Geld gesammelt hatte und Ärzte gesprochen, deren Gehalt auch von der Hillary- Stiftung bezahlt wurde. Die Kindersterblichkeit war dort um die Hälfte zurückgegangen, erstmals gab es am Fuße der Schneeriesen Schulen. "Ich habe mich dazu verpflichtet gefühlt, diesen Menschen, denen ich so viel zu verdanken habe, etwas zurückzugeben", sagte Hillary.

Groll über die Ungerechtigkeit

Offen sprach er über sein Verhältnis zu Tensing Norgay, der 1986 im Alter von 72 Jahren starb. Nein, eine Freundschaft sei das nicht gewesen, "wir schätzten und als verlässliche Partner im Himalaja". Als Hillary in den achtziger Jahren neuseeländischer Botschafter in Indien wurde, wo der Sherpa lebte, änderte sich die Beziehung: Wir sahen uns oft und kamen uns näher."

Sir Edmund ließ den Groll spüren, den er bis ins hohe Alter über eine "furchtbare Ungerechtigkeit" verspürte. Er selbst und Expeditionsleiter John Hunt waren von Königin Elisabeth II. in den Adelsstand erhoben worden, Tensing Norgay nicht: "Ich war enttäuscht darüber, das er nicht ebenso geehrt wurde wie ich. Die Briten haben sich damit herausgeredet, dass Indien ausländische Titel nicht akzeptiere, Ich wusste, dass das nicht stimmte."

Meer statt Everest

Die Entwicklung des Bergsteigens vor allem im Himalaja missfiel Hillary sehr. Dass es den ersten Snowboarder am Everest gab, den ersten Paraglider und den ersten Skifahrer, fand er "ziemlich dämlich". Die meisten dieser Leute seien "nicht von Herzen Bergsteiger", sie wollten "nur Aufmerksamkeit erregen". Das habe sich verändert, sagte Hillary. "Wir haben alles gegeben, um als Bergsteiger ein Gefühl tiefer Zufriedenheit zu erleben. Nur für uns."

Und mit fast unglaublicher Gelassenheit sprach Hillary am Ende unseres fast dreistündigen Gesprächs über den Tod. Ja, natürlich habe er darüber nachgedacht, am Everest begraben zu werden. Aber seine Heimat Neuseeland, sagte er, sei doch immer seine erste Liebe gewesen. Er wolle nach seinem Tod verbrannt werden, und seine Asche solle dorthin gestreut werden, wo die neuseeländischen Segler zu jener Zeit gerade um den "America's Cup" kämpften.

Dann stand der große, hagere Mann auf, ging ein paar Schritte bis zum Geländer seiner Terrasse, die einen überwältigenden Blick auf das Meer bietet und deutete auf das blaue Wasser: "Dort unten soll es sein, hier in Auckland in den Golf von Hauraki soll die Asche gestreut werden. Direkt vor meiner Haustür."

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