Besuch beim Fotodetektiv Wenn Bilder lügen

Besuch beim Fotodetektiv: Wenn Bilder lügen Fotos

Undatiert, manipuliert, falsch beschriftet: Historische Fotos geben häufig Rätsel auf - oder zeigen gar nicht das, was der Betrachter zu sehen glaubt. Bilddokumentare entlocken berühmten Aufnahmen von Adolf Hitler, David Beckham oder Mohammed Atta ihre Geheimnisse. Von Benjamin Maack

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Es ist ein Foto, wie es in jedem Familienalbum kleben könnte: Ein junger Mann in Jeans und wild gemustertem Rollkragenpullover sitzt in einem Strandkorb. Scheu lächelt er in die Kamera. Was man auf den ersten Blick nicht erkennt: dieser unscheinbare Schnappschuss zeigt Mohammed Atta, einen der Flugzeugentführer, die am 11. September 2001 zwei Passagiermaschinen in das New Yorker World Trade Center steuerten. Das Bild wurde nach den Anschlägen in einem Schrank der "Islam-Arbeitsgemeinschaft" an der Technischen Universität in Hamburg-Harburg gefunden.

"Damals stellte sich die Frage, wann das Bild aufgenommen wurde", erklärt Jörg-Hinrich Ahrens. Der 49-Jährige ist Leiter der Bilddokumentation des SPIEGEL. Die Aufgabe eines Bilddokumentars ist es, dort genauer hinzusehen, wo der normale Betrachter nur einen Schnappschuss vermutet. Wo die meisten glauben, genau zu wissen, was sie sehen, beginnt er zu recherchieren. Manchmal findet er so ein Datum heraus, wo andere passen müssen.

Bei dem Foto von Mohammed Atta brachte Ahrens ein Fußballergebnis auf die richtige Spur. "Mein Blick fiel schnell auf die 'Bild am Sonntag', die links neben Atta im Strandkorb lag." Ein Erscheinungsdatum ließ sich darauf natürlich nicht erkennen, dafür war das Bild viel zu unscharf, aber zwei Zahlen: "3:4 - ein seltener Spielausgang." Ahrens schaute in das Archiv des Deutschen Fußball Bundes und fand heraus, dass am ersten Spieltag der Bundesliga-Saison 1992/93 Schalke gegen Wattenscheid 3:4 verloren hatte. Demnach hätte es die Ausgabe der "Bild am Sonntag" vom 16. August 1992 sein müssen. Eine Anfrage im Archiv des Springer-Verlags, in dem die "BamS" erscheint, bestätigte die Vermutung des Dokumentars. Denn unter den Sportergebnissen war eine nur zum Teil sichtbare Schlagzeile zu erkennen. Vollständig lautete sie "Honecker in 2 Jahren tot?" und fand sich tatsächlich auf der Titelseite der "Bild am Sonntag" vom 16. August.

Fehler verhindern, Ikonen entzaubern

Auf diese Art haben Ahrens und seine Kollegen schon vielen Bildern ihre Geheimnisse entlockt, Fehler in Bildunterschriften verhindert und sogar einige echte Ikonen entzaubert. Wenn Ahrens von diesen Entdeckungen erzählt, hellt sich sein Gesicht auf. Dann erzählt der Bilddetektiv, wie er einmal eine "Deutsche Wochenschau" ansah und durch Zufall feststellte, dass ein bekanntes Bild, auf dem Hitler 1945 einige jugendliche Volkssturmkämpfer auszeichnet, falsch datiert worden war. In vielen Veröffentlichungen stand bis dato, dieses Bild sei am 20. April 1945, dem Geburtstag des Diktators, entstanden. Doch die Wochenschau, die Ahrens sah, stammte vom 22. März - fast einen Monat vor dem vermuteten Datum. "Dieses Foto tauchte sogar in der berühmten Hitlerbiografie von Joachim Fest falsch datiert auf. Für die Neuauflage mussten sie das ändern", erzählt der Dokumentar nicht ganz ohne Stolz.

Im Job des Bilddokumentars geht es natürlich nicht immer nur darum, spektakuläre Details zu bekannten Bildern zu ermitteln. Doch auch der Arbeitsalltag hält nicht selten knifflige Fälle bereit. "Im SPIEGEL gab es einmal eine kleine Meldung zur Kohlesubventionierung in Deutschland", erklärt er, "da wurde ursprünglich ein wunderschönes Bild ausgesucht. Sonnenuntergang, rauchende Schlote - es war das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde." Trotzdem musste das Bild ausgetauscht werden. Es passte einfach nicht zum Text. Denn "in Deutschland wird, wenn überhaupt nur Steinkohle subventioniert."

Laut Ahrens gibt es vier mögliche Fehler bei Bildern in Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen. Fotos können, wie im Falle des Braunkohlekraftwerks, nicht zum Text passen. Sie können eine falsche Bildunterschrift haben, wie das Bild vom vermeintlichen Führer-Geburtstag, oder einen technischen Fehler haben. "In solchen Fällen wird zum Beispiel ein Bild aus Versehen gespiegelt, also seitenverkehrt, abgedruckt oder ein abstraktes Gemälde auf dem Kopf stehend gezeigt." Nicht zuletzt können Bilder retouchiert worden sein. Zum Beispiel zu Propaganda-Zwecken, wie es bei einem russischen Bild aus den zwanziger Jahren der Fall ist. Damals wurde kurzerhand aus einem Ladenschild ein Revolutionsbanner gemacht. Das berühmteste Beispiel ist wohl die Aufnahme der bolschewistischen Führung, aus der später der in Ungnade gefallene (und im mexikanischen Exil mit einem Eispickel ermordete) Lenin-Gefährte Leo Trotzki herausretouchiert wurde.

Kann man bei so einem Job eigentlich noch in Ruhe am Frühstückstisch die Sonntags-Zeitung lesen? "Ehrlich gesagt: Nein", gesteht der Bilddokumentar und schmunzelt, "ich bleibe da ständig an den Bildern hängen."

In der Bildergalerie zum Artikel erklären Jörg-Hinrich Ahrens und seine Kollegen anhand von Beispielen, wie sie den Geheimnissen dieser Fotografien auf die Schliche gekommen sind.

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1.
Benjamin Sendes 28.03.2008
Gerne wird auch das berühmte Bild vom anscheinend niedergeschlagenden Seeler im WM Finale 1966 falsch zugeordnet. Uns Uwe trottet nicht traurig nach dem Spiel vom Platz, sondern verlässt lediglich zur Halbzeitpause das Spielfeld und schaut sich dabei auf die Schuhe. Bild: http://www.planetworldcup.com/CUPS/1966/WC66_21S.JPG
2.
Nicolas Reichelt 28.03.2008
Das Bild vom Eisbär kann auch deshalb nicht stimmen, weil die Reflektion nur das gespiegelte 2D-Bild des Bären und damit perspektivisch nicht korrekt ist.
3.
Olaf Bach 28.03.2008
Betrifft: Bilder von Hitler und Hindenburg. Ich habe dieses (das rechte) Foto eher in Zusammenhang mit dem "Tag von Potsdam" am 21. März 1933 gesehen. Der Hinweis auf den Heldengedenktag 1934 scheint mir jedenfalls unrichtig, denn im November 1934 war Hindenburg bereits tot.
4.
Olaf Bach 29.03.2008
Ich stelle mich selbst richtig: Der Heldengedenktag/Volkstrauertag wurde bis 1952 nicht im November, sondern im Frühjahr begangen - im Jahr 1934 am 25. März. Da lebte Hindenburg noch. Ihre Bildinformation kann also doch zutreffend sein. Man lernt nie aus . . .
5.
Hans-Gerd Brummel 29.03.2008
Ich kann Herrn Olaf Bach in Hinblick auf Hindenburgs Ableben nur zustimmen. Wie auch bei der unlängst veröffentlichten "Diesel"-Story scheint es "eines tages" bei geschichtlichen Ereignissen scheinbar nicht so genau zu nehmen (dort war Harry S. Truman vor dem ersten Weltkrieg Präsident der Vereinigten Staaten, was Japan vermutlich Hiroshima und Nagasaki erspart hätte ...). Aber beim "Tag von Potsdam"? Wenn ich mich hier auf "eines tages" verlasse (Beitrag: 75 Jahre Machtergreifung), so ist die Situation auf dem dort gezeigten Bild fast identisch, insbesondere der Bückling des "Gefreiten". Hindenburg trägt aber zu diesem Anlass eine Uniform- jacke mit vollen Ornat, keinen Offiziersmantel! Jetzt haben wir schon drei Bilder einer ähnlichen Situation! Wer bringt hier Licht ins Dunkle? Ich hätte eigentlich neben den klassischen Fälschungen (mir ist eine Bildserie von Stalin mit seinem Politbüro bekannt, wo auf einer identischen Aufnahme mit zuerst voller Mannschaft aufgrund von Säuberungen sukzessive jeweils ein Genosse verschwindet, in der letzten Version ist Genosse Dschugaschwili nur noch einsam und von allen verlassen abgebildet) auch Bemerkungen zu den NASA-Fotos der Mondlandung erwartet. Oder mache ich hier ein zu grosses Faß auf ??
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