Besuch beim KZ-Arzt Ungeheuer in Menschengestalt

Besuch beim KZ-Arzt: Ungeheuer in Menschengestalt Fotos
Josef Königsberg

Erst plauderte er freundlich, dann spritzte er seinen Opfern kaltblütig Gift. Die Tante unseres Autors Josef Königsberg begegnete im Konzentrationslager Auschwitz dem sadistischen Arzt Dr. Mengele. Dem fast sicheren Tod entging sie nur, weil bald danach der Krieg endete. Von Josef Königsberg

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Als Kind jüdischer Eltern wuchs ich in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts im schlesischen Katowice nahe der deutschen Grenze auf. Als ich gerade fünfzehn war, marschierten die deutschen Truppen in Polen ein. Der Holocaust löschte einen Großteil meiner Familie aus, doch ich überstand die Zeit im Ghetto und drei Höllenjahre in verschiedenen Konzentrationslagern. Mutter und Schwester kamen in der Gaskammer um, mein Vater und nur wenige Verwandte überlebten das Inferno.

Auf der Suche nach weiteren Angehörigen fand ich nach Kriegsende meine Lieblingstante Selma. Ich war sehr glücklich, sie wiederzusehen, auch wenn sie krank und äußerst geschwächt war. Wir wenigen Übriggebliebenen versuchten unser Leben weiterzuführen, so gut es ging. Ich zog nach Warschau, wo ich in der Verwaltung des Sicherheitsamtes arbeitete. So oft ich konnte, fuhr ich zu meinem Vater in Katowice und besuchte auch die Tante, die 20 Kilometer entfernt in Mikolow wohnte.

Von der Familie verstoßen

Tante Selma war eine ältere Schwester meiner Mutter. Als Zwanzigjährige verliebte sie sich in einen smarten Oberschlesier, flüchtete bei Nacht und Nebel aus dem Elternhaus, konvertierte zum christlichen katholischen Glauben und heiratete ihren Geliebten. Zur damaligen Zeit führte so etwas zu einer familiären Tragödie. Von ihrer Familie verstoßen, durfte sie nie wieder ihr Elternhaus betreten. Meine Mutter war die Einzige, die Kontakt zu Tante Selma unterhielt.

Der Mann meiner Tante war Stadtdirektor in Mikolow. Er mochte keine Juden und war zufrieden, dass seine Frau nur zu meiner Mutter Verbindung hatte. Tante Selma, eine erfolgreiche Kauffrau, gründete in Mikolow ein zur damaligen Zeit großes Warenhaus, das ihr in kurzer Zeit ein Vermögen einbrachte. In der Stadt war sie die einzige Frau, die ihr eigenes Auto fuhr und sich teure Urlaube leisten konnte. Ihr Sohn Kasimir war so alt wie ich und mein bester Spielkamerad. Später wurde aus ihm ein angesehener Arzt und Wissenschaftler, der schon mit dreißig Jahren Professor war.

Verhängnisvolles Mitleid

Als Katholikin jüdischer Herkunft wurde Tante Selma mit Rücksicht auf ihren angesehenen Mann, der einen deutschen Pass erhielt, von den Behörden im Nazi-Deutschland verschont. Im Unterschied zu ihrer übrigen Familie kam sie nicht in ein Konzentrationslager. Ihr Mitleid sollte ihr jedoch zum Verhängnis werden: Als eines Tages eine Kolonne russischer Kriegsgefangener die Stadt passierte, warf sie einem der vor Hunger ausgemergelten Häftling ein paar Schnitten Brot zu. Sie wurde dabei erwischt und als politischer Häftling nach Ausschwitz deportiert.

Da Tante Selma immer schon eine labile Gesundheit hatte, brach sie dort schon nach den ersten paar Wochen zusammen und wurde auf eine Krankenstube gebracht. Die Krankenstuben in Auschwitz waren Dr. Mengele unterstellt. Ihre Erlebnisse in Auschwitz erzählte sie mir immer wieder. Als gläubige Christin war sie davon überzeugt, dass sie ihr Leben der heiligen Maria zu verdanken hatte.

Josef Mengele war ein Ungeheuer in Menschengestalt. Er experimentierte an kranken Leuten, injizierte ihnen Gifte in die Lunge und ins Herz und brachte Hunderte Frauen, Männer und Kinder um. Berüchtigt war er vor allem wegen seiner Zwillingsforschungen, die er in grausamer und sadistischer Weise an den wehrlosen Häftlingen vornahm. Dr. Mengele war auch dafür bekannt, dass er sich mit seinen Opfern nett unterhielt, bevor er ihnen Gift in die Venen spritzte oder ohne Betäubung Organe aus ihren Körpern entfernte.

"Mein Gott, Sie sind ja völlig abgemagert!"

So wandte er sich am Krankenbett auch mit freundlicher Stimme an Tante Selma: "Woher kommen Sie? Mein Gott, Sie sind ja völlig abgemagert!" Er blickte auf die Krankenkarte. "Aus den Unterlagen ersehe ich, dass Sie erst seit ein paar Wochen hier sind. Was haben Sie denn als politischer Häftling so verbrochen?", wollte er wissen. Tante Selma erzählte es ihm. Dr. Mengele hörte aufmerksam zu, dann schüttelte er langsam den Kopf und überlegte. Es sei ganz still geworden in der Krankenstube, berichtete Tante Selma später. Die ihn begleitenden Assistenzärzte warteten auf seine Entscheidung, was mit ihr passieren sollte.

Zur Überraschung aller Anwesenden verkündete Dr. Mengele: "Die Kranke soll behandelt werden. Sie soll wieder gesund werden." Meine Tante wusste nicht, dass dies trotzdem ihr Todesurteil bedeutete. Sie sollte gesund gepflegt werden, damit Dr. Mengele an ihrem Körper seine medizinischen Experimente durchführen könnte, die meist tödlich endeten.

Einige Wochen nach der Begegnung mit Dr. Mengele ging der Krieg zu Ende. Deutschland kapitulierte, und meine Tante hatte Auschwitz überlebt. Zu meinem Bedauern starb Tante Selma nur zwei Jahre nach ihrer Befreiung aus dem Konzentrationslager. Ihr Erlebnis mit Dr. Mengele wurde nie außerhalb unseres Familienkreises publik gemacht. Mir ist es aber ein Anliegen, diese Episode an die Öffentlichkeit zu bringen. Denn sie zeigt den zwiespältigen Charakter eines der größten Sadisten, den die Welt je gekannt hat.

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