Besuch in Cambridge Dornröschen-Uni für die Leader von Morgen

Besuch in Cambridge: Dornröschen-Uni für die Leader von Morgen Fotos
Simon Perger/Anna Valkevych

Studentenempfänge mit Dresscode, regelmäßige Streitgespräche mit Professoren und eine knallharte Sieben-Tage-Woche: Bei einem Besuch im englischen Cambrigde gewann Simon Perger Einblick in den Alltag von Elitestudenten - und wurde von deren ausschweifender Lebensfreude überrascht. Von

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Großbritannien ist für viele das Synonym für ein Zwei-Klassen-Bildungssystem: Während die einen auf extrem teuren Privatschulen auf Eloquenz und perfekte Manieren gedrillt werden und es anschließend - nicht zuletzt dank der üppigen Konten ihrer Eltern - auf eine der beiden weltberühmten Universitäten schaffen, müssen sich die meisten Absolventen öffentlicher Schulen mit weniger prestigeträchtigen, dafür überfüllten Universitäten zufrieden geben. Die im Volksmund "Oxbridge" genannten Elite-Universitäten Cambridge und Oxford dagegen sind die traditionsreichen Aushängeschilder der traditionsversessenen Inselnation.

Mit einer guten Portion Neugier auf meine angeblich so elitären Altersgenossen im Gepäck, machte ich mich auf den Weg nach Cambridge, um Leila zu besuchen. Leila hatte ich während eines Praktikums für mein Jura-Studium beim jordanischen Handelsministerium in Amman kennengelernt. Schon auf der einstündigen Fahrt vom Flughafen nach Cambridge bekam der Begriff Eloquenz angesichts ihrer Redegewandtheit für mich wieder eine neue Bedeutung. Schon am ersten Abend unserer Bekanntschaft hatte ich mit der begabten Rednerin Leila unter freiem Himmel in der Wüste lebhaft über Kants Ewigen Frieden diskutiert. Beide wussten wir damals sofort, dass dies der Beginn einer wahren Freundschaft war.

Leilas Freundin, die mit zum Flughafen gekommen war, um mich abzuholen, studierte Klassische Philologie. Tote Sprachen, wie sie salopp sagte. Sie hatte in der Nacht zuvor ihren 21. Geburtstag gefeiert und schaute noch etwas verkatert aus der Wäsche. Als ihr Handy klingelte, erzählte sie ihrer Mutter mit entwaffnender Offenheit, dass sie auf ihrer eigenen Party die meiste Zeit kotzend über dem Klo verbracht hatte. Es war beruhigend zu wissen, dass auch Studenten einer Elite-Universität mal einen über den Durst trinken. Trotzdem sollte sich im Laufe meines Besuchs herausstellen, dass die privilegierten Studenten von Cambridge anders waren als meine deutschen Kommilitonen, nämlich entspannter und auf ihre Art ambitionierter.

"Zwölf Stunden, sieben Tage die Woche"

Die Turmspitzen des altehrwürdigen Colleges ragten hoch in den Himmel, als wir in der Dämmerung ankamen. Aber wir hatten kaum Zeit, die Schönheit zu genießen. Wir mussten Getränke für den anstehenden Umtrunk besorgen, der sicher auch ohne meine Anwesenheit stattgefunden hätte. Schnell füllte ein Berg von Flaschen den Einkaufswagen. Langsam wurde mir klar, dass die Ruf der Briten, eine trinkfeste Nation zu sein, möglicherweise doch mehr als ein Klischee war. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Das Trimester in Cambridge war zu Ende, die Studenten hatten acht lange Wochen in der Bibliothek hinter sich und genossen jetzt ihre Freiheit. Als ich nach dem wöchentlichen Arbeitspensum fragte, hieß es: "zehn bis zwölf Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche." Da war Kontrollverlust vorprogrammiert.

Das Studium ist intensiv in Cambridge. Wöchentlich gilt es Essays zu schreiben, die dann in einer mit dem persönlichen Tutor in einem akademischen Streitgespräch bis ins Kleinste auseinandergenommen werden. Wenn man die Studenten nach ihren Zukunftsplänen fragt, wird man mit britischem Understatement konfrontiert, bis man ihnen irgendwann dann doch die Wahrheit entlockt: "Ich will in den diplomatischen Dienst", heißt es dann unter Umständen. In ihren Ambitionen stehen die Studenten in Cambridge ihren deutschen Kommilitonen in den einschlägigen Wirtschaft-, Politik- und Businessstudiengängen in nichts nach. Wer diese Fächer studiert, der hat es zumeist auf steile Karrieren und verantwortungsvolle Posten abgesehen.

Mir kamen die Studenten der European Business School in Wiesbaden und der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung in Koblenz in den Sinn, deren Bekanntschaft ich gemacht hatte. Originellere berufliche Ziele als Beratertätigkeiten in einschlägigen Investmentbanken wie McKinsey oder Goldman hatten die nur selten. In Cambridge dagegen schien das Interesse an Wirtschaft und Unternehmertum tiefer zu gehen und speiste sich nicht ausschließlich aus dem Ehrgeiz, möglichst viel Geld in möglichst kurzer Zeit zu verdienen. Die Studenten dort schienen weniger darum bemüht, Ernsthaftigkeit auszustrahlen. Sie waren lebenslustiger, ausschweifender und auf eine überraschende Art jugendlicher.

"Empfang mit Dresscode"

Der Ort Cambridge selbst ist klein und scheint seit 800 Jahren in einen tiefen Dornröschenschlaf versunken. Es gibt den berühmten Campus, der auf jeder Postkarte abgebildet ist, die hell erleuchtete Kapelle mit dem stolz gehissten Union-Jack und die von Säulen getragene Bibliothek. Überall auf dem Campus sieht man in den Universitätsgebäuden alte Gemälde in barocken Bilderrahmen, rote Plüschsessel und dunkle Parkettböden. Ich konnte mir problemlos ausmalen, wie in einer solchen Umgebung vor dem Kamin intellektuell stimulierende Gespräche geführt werden.

Immer wieder gibt es Studentenempfänge mit Dresscode und Champagner. Allzu ernst werden die von den Studenten allerdings nicht genommen. Trotzdem schätzen sie die erlesenen Bedingungen, unter denen sie studieren dürfen. Im Sommer, wenn die Touristen kommen, um sich all den Prunk anzusehen, sind die schmiedeeisernen Tore oft so sehr von neugierigen Menschentrauben verstopft, dass für die Studenten, die von einer Vorlesung zur nächsten hetzen, ein Durchkommen kaum mehr möglich ist.

Nach wenigen intensiven Tagen war ich mir sicher, einen Teil der jungen, europäischen Elite gefunden zu haben. Eine Elite, die nicht den Schecks der Beratungsfirmen erliegt, sondern in internationale Institutionen, in den Staatsdienst oder Think-Tanks strömen wird - lebensfrohe, hochintelligente Menschen mit durchaus unterschiedlichen Lebensläufen. Zwar sind die meisten Studenten Absolventen von Privatschulen mit reichen Eltern, die sich um ihren Lebensunterhalt keine Gedanken machen müssen. Vereinzelt aber gibt es dort sogar auch Studenten aus der Mittelklasse und aus Arbeiterfamilien.

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