Besuch in Polen Grenzerfahrungen

Besuch in Polen: Grenzerfahrungen Fotos
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Endlose Kontrollen, lange Wartezeiten, Schmiergelder: In den Zeiten des Kalten Krieges mussten Reisende an der polnischen Grenze mit allem rechnen. Danach entspannte sich die Lage. Doch als Karl Wilhelm Meier 1991 das Nachbarland besuchte, erlebte er erneut eine Überraschung. Von

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Das erste Mal war ich 1983 in Polen. Meine Großmutter wurde 80 und wollte ihre ganze Familie sehen. Für uns war die Reise ein aufwendiges Unterfangen, weil wir sowohl die deutsch-deutsche als auch die deutsch-polnische Grenze passieren mussten. Schon am Grenzübergang Marienborn gab es die üblichen Probleme. Wir mussten unsere Pässe abgeben, und obwohl wir Transitreisende waren, filzten die Grenzbeamten unser Gepäck akribisch. Selbst ein harmloses Stück Seife röntgten sie. Es hätte ja etwas drin sein können.

Ähnlich mühsam gestaltete sich die Rückreise. Der Passkontrolleur auf polnischer Seite beklagte sich über die Kälte und bat uns, ihm das Leben mit ein paar Zlotys oder einem Fläschchen Wodka etwas zu erleichtern. Das tat meine Schwägerin dann auch. Leider. Denn nun kamen wir mit leeren Händen zum Zoll. Weil wir den Beamten nichts mehr geben konnten, durchsuchten sie uns besonders gründlich - und vor allem lange.

1991 gab es solche Schikanen an der Grenze nicht mehr. Die Lage hatte sich spürbar entspannt. Ich hatte damals beruflich in Pasewalk zu tun, das ganz nah an der polnischen Grenze liegt, und wollte die Gelegenheit für einen kleinen Besuch in Polen nutzen. Ich war neugierig. Was hatte sich seit der Wende verändert? Allerdings hatte ich meinen Pass vergessen, den man damals noch für die Einreise brauchte. Ganz so einfach würde sich mein Plan also nicht umsetzen lassen. Ich fragte schließlich meine Kollegen in Pasewalk, ob man nicht vielleicht auch ohne Pass rüber käme. Die Antwort war: "Müssen Sie die Grenzer fragen. So generell kann man das nicht sagen."

Verblüffend normal

Das machte mir Mut, und so fuhr ich zum Grenzübergang Lieken. "Ob man unbedingt einen Pass brauche", fragte ich die deutschen Grenzschützer. "Nein", war die klare Antwort. "Das hängt von Lust und Laune der polnischen Grenzschützer ab." Also habe ich dort gefragt. Und nachdem ich mehrfach versichert hatte, dass ich auch ganz bestimmt am selben Tag über denselben Grenzübergang wieder ausreisen würde, ließ man mich passieren. Ich war selbst ein wenig erstaunt, wie einfach das ging.

Nun war ich wieder mal in Polen: viele Äcker, viele Gehöfte. Das sah alles so normal aus. Die Häuser waren zwar grau. Die Wege aufgeweicht und matschig. Überall schlug mir der raue Charme des Sozialismus entgegen. Trotzdem fehlte der Hauch des Fremden, den ich eigentlich erwartete hatte. Fast enttäuscht hielt ich kurz vor Stettin an, um in einem Laden Zigaretten zu kaufen. Die Verkäuferin sprach ausgezeichnet Deutsch, was mir bewusst machte, dass ich kein Wort Polnisch konnte.

In Stettin bekam ich das schmerzlich zu spüren, denn dort gab es nur polnische Wegweiser. Als ich anhielt, um mich zu orientieren, sprachen mich sofort zwei Jugendliche an. Sie wollten meinen Wagen bewachen und erwarteten wohl ein nettes Trinkgeld. Darauf ließ ich mich aber nicht ein, weil ich fürchtete, dass die Jungs meinen Dienstwagen klauen würden. Damals waren die Polen ja berüchtigt dafür, dass sie zuhauf Westautos stahlen - da waren sie wieder, die alten Vorurteile.

Rückreise mit Hindernissen

Irgendwie schlug ich mich dann zur Europastraße durch, die einmal von West nach Ost quer durch Polen verläuft und Moskau mit Westeuropa verbindet. Ich dachte mir: "Entweder komme ich in Russland raus oder in Deutschland." Glücklicherweise hatte ich mich für die richtige Seite entschieden und landete schließlich an der deutschen Grenze. Kurz nach Stettin gab es auch wieder deutsche Straßenschilder.

Die Ausreise aus Polen gestaltete sich dann etwas problematischer als die Einreise. Ich war ja mit dem Personalausweis und nicht mit dem Pass eingereist. Also musste ich warten. Das einzig Beruhigende daran war, dass das Warten im Unterschied zu früher einen Grund hatte. Trotzdem war ich froh, als ich wieder auf deutschem Boden stand.

Hinter der Grenze entstand dann wenig später der so genannte "Polenmarkt" - irgendwo auf einem Feld. Alles, was es dort gab, war billig. Das lockte mich ein weiteres Mal über die Grenze. Dieses Mal ging ich aber zu Fuß und ließ das Auto auf der deutschen Seite. Ich kaufte einen Gartenzwerg aus Gips. Wider Erwarten bereitete er mir an der Grenze Probleme. Diesmal waren es die deutschen Zöllner, die sich für mich interessierten. Man könne, wurde mir vorgehalten, in solchen Gartenzwergen viele Zigaretten verstecken. "Kann man", sagte ich verärgert über den Diensteifer des Zöllners. "Muss man aber nicht."

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