Beton für die Grenze Stützen des Systems

Sie fertigten den Bausatz der Teilung: In der mecklenburgischen Kleinstadt Malchin stellte ein Betonwerk die meterhohen Teile für die Verstärkung der Berliner Mauer her. Für den Betrieb war der Auftrag der Armee lange eine Auszeichnung - doch für die ehemaligen Betonarbeiter wurde er nach der Wende zur Belastung.

dapd

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Eher zufällig fand Klaus Goede UL 12.41S wieder. Mitten in Ost-Berlin, irgendwann im Jahr 1976, ganz genau weiß er es nicht mehr. Nur noch, dass er ganz sichergehen wollte, ob er sich vielleicht nicht doch getäuscht hatte. Klaus Goede schaute noch einmal genau hin. Nein, kein Zweifel, es war UL 12.41S.

Hinter der scheinbar harmlosen Bezeichnung verbarg sich eine Technik, die über Jahrzehnte ein Land zerschnitt, Familien auseinanderriss und für Dutzende Menschen zur tödlichen Falle wurde. Denn UL 12.41S war die Katalogbezeichnung für ein 3,60 Meter hohes und 1,20 Meter breites, L-förmiges Stützwandelement - wobei "S" für "Sonderelement mit Kopfstück" stand. Es waren die Bausteine für die Berliner Mauer, jedes einzelne fast drei Tonnen schwer, tausendfach aufgestellt. Bausteine auch des Terrors des SED-Regimes, Symbol eines menschenverachtenden Systems.

Seit 1975 errichtete die DDR damit die "vierte Generation der Mauer", wie die Ausbesserungen und Verstärkungen in der Forschung genannt werden. Die L-förmigen Stützwandelemente boten dabei gleich mehrere Vorteile: Sie waren deutlich höher als die alten Mauerabschnitte und konnten passgenau und ziemlich simpel per Kran aufgestellt werden. Zudem mussten sie nicht extra neu entwickelt werden, denn die Betonteile gab es schon lange: Sie wurden als Außenwände für Traglufthallen eingesetzt.

Ingenieur Klaus Goede war einer von jenen Männern, der zwei Jahrzehnte lang geholfen hat, dass diese Mauerstücke möglichst reibungslos produziert werden konnten. Erst als Betontechnologe, später als technischer Leiter im mecklenburgischen Betonwerk Malchin, das zum VEB Baustoffkombinat Neubrandenburg gehörte. Hier wurden, im Auftrag der Abteilung Grenztruppen der NVA, vermutlich die allermeisten Teile der "vierten Generation" der Mauer hergestellt - in Formen gegossen und auf dem Schienenweg überall in die DDR transportiert, rund 2500 Stück im Jahr.

Als Goede 1974 in Malchin anfing, da ahnte er nicht, dass die bisher friedlich genutzten Betonelemente für die Mauer zweckentfremdet wurden. Er wusste nicht, dass NVA-Soldaten in den Jahren zuvor auf Truppenübungsplätzen getestet hatten, ob die hohen Betonstücke zu erklettern waren. Erst als Goede während seines Wehrdiensts zufällig in Berlin war, wurde ihm schlagartig bewusst, wofür auch seine Arbeitkraft eingesetzt wurde.

"Man hat das hingenommen"

Kam er sich deswegen verraten vor? War er wütend oder empört? Hatte er gar ein schlechtes Gewissen? Klaus Goede zögert. Er weiß, dass das ein heikles Thema ist. Er möchte nicht als "Mauerbauer" tituliert werden, er weiß, dass ein ehemaliger Arbeitskollege wüst beschimpft wurde, nachdem er einmal einer Regionalzeitung ein Interview zu seiner Arbeit in Malchin gegeben hatte.

Dann sagt er: "Wenn ich jetzt sagen würde, ich bin dagegen gewesen, dann wäre das nicht richtig. Man hat das hingenommen, es war eine normale Angelegenheit, wir hatten diese Stützwandelemente zu produzieren. Seinerzeit war es eine ganz offizielle Sache, die Grenze zu errichten. Wie jeder persönlich dazu gestanden hat, das hat gar keinen interessiert. Die Entscheidung und Verantwortung dafür musste die Politik tragen."

Vielmehr möchte er, der sich als Mann der Technik versteht, die Dinge nüchtern betrachten. Denn gestört hat ihn schon einiges mit den Stahlbetonstücken aus Malchin. Weniger, dass sie überhaupt aufgestellt wurden. Sondern vielmehr, wie die NVA sie angefordert habe. "Ökonomischen Wahnsinn" nennt er das.

Denn UL 12.41S, erklärt der heute 52-Jährige, sei - technisch gesehen - eine Fehlbesetzung für die Errichtung der Mauer gewesen. Denn ursprünglich wurden diese Teile als Stützwände für den Bau von großen Traglufthallen genutzt. Die "Sonderelemente" im Kopfstück, wofür das "S" in der Katalogbezeichnung stand, waren dabei U-förmige Stahlösen, an die mit viel Druck eine Dachhaut aus Gummi gespannt werden konnte.

Die Konstruktion für eine solche Halle, an der Winddruck zerrte und starke Zugkräfte wirkten, bedeutete aber auch, dass im Beton ein besonders hoher Anteil von Bewehrungsstahl eingebaut wurde. Doch in einer Reihe stehend, ohne die starken Zugkräfte eines Daches, war in UL 12.41S eigentlich viel mehr Stahl eingebaut, als es für den neuen Einsatzzweck als Hürde für DDR-Flüchtlinge nötig gewesen wäre.

"Ich vermute", sagt Goede, "dass man bei der Armee dem irrigen Glauben aufgesessen ist, dass ein Element, das am meisten Bewehrungsstahl hat, auch am meisten Schutz bietet. Was aber natürlich völliger Quatsch ist." Weder hätte der hohe Stahlanteil DDR-Bürger davon abhalten können, über die Mauer zu klettern, noch einen Panzer aufgehalten, die Mauer zu durchbrechen.

100 Kilo Stahl werden eingespart

Dieses technische Unwissen, das hört man Klaus Goede heute noch deutlich an, ärgerte ihn maßlos. "Mit Mühe und Not haben wir damals überall versucht, Baustoffe einzusparen, um die staatlichen Planauflagen zu erfüllen. Wo sollten wir das ganze Material denn hernehmen? Und dann stand da so etwas Fettes in Berlin herum, und wir wussten sofort: Da könnten wir etwas einsparen - doch nun gab es plötzlich Widerstand."

Klaus Goede, damals technischer Leiter im Betonwerk Malchin, machte Einwände. "Das Element", argumentierte er nüchtern, "ist für seinen Einsatzzweck viel zu stark bewehrt." Doch seine Vorschläge, den Stahlanteil deutlich zu reduzieren, wurden von den Militärs abgebügelt. Bei der Mauer wollte die DDR nicht kleckern, sondern klotzen. Erst nachdem die staatliche Bauaufsicht Goedes Argumentation unterstützte, sei es schließlich möglich gewesen, 100 Kilogramm Stahl pro Mauerstück einzusparen. Es war sein kleiner, persönlicher Triumph bei der Ausbesserung eines monströsen Bauwerks, das er mehr wirtschaftlich als grundsätzlich hinterfragte.

Mit seiner Sichtweise ist er kein Einzelfall unter den rund 100 Mitarbeitern, die einst im Malchiner Betonwerk beschäftigt waren. "Eigentlich dürften nicht nur die oberen Etagen, sondern alle gewusst haben, dass die L-Stücke für die Mauer verwendet wurden", sagt Erhard Dartsch, der von 1968 bis nach der Wende in Malchin im Vertrieb arbeitete. "Wer nur einmal in Berlin war, hat es gesehen. Es war ein offenes Geheimnis."

"Veränderte militärpolitische Aufgabenstellung"

Doch zu Unruhe sei es deshalb nicht gekommen. Der heute 64-jährige Dartsch kennt niemanden, der sich deswegen beschwert habe, zumindest nicht offen. Und er selbst? "Natürlich hatte ich das Gefühl, man hätte etwas Sinnvolleres daraus machen können." Schließlich habe es einen Riesenbedarf in der Landwirtschaft gegeben: Malchin stellte auch Wandelemente für Gärfuttersilos her, und solche andere Aufträge mussten zurückgefahren werden, sobald die Armee orderte. "Aber Gewissensbisse hatte ich nicht." Die Betonteile waren katalogisiert und wurden einheitlich hergestellt. Damit, so Dartsch, hätte sie auch jedes andere Betonwerk in der DDR fertigen können.

Doch die meisten, restlos geklärt ist das nicht, stammten aus Malchin. Und das Werk produzierte und produzierte. Mindestens 45.000 Mal UL 12.41S, bis zum 29. Dezember 1988, dem Tag des letzten Auftrags: Die Armee bestellte damals 1500 Stück für das erste Halbjahr 1990. Doch acht Tage nach dem Mauerfall 1989 musste sie den Auftrag stornieren - "aufgrund veränderter militärpolitischer Aufgabenstellung", wie die politische Revolution bürokratisch umschrieben wurde.

Und noch einmal schrieben Mauerteile aus dem sonst so unbekannten Malchin Geschichte, als die Deutschen das Symbol der Trennung friedlich zum Einsturz brachten - und es danach fast genauso gründlich wieder abbauen sollten, wie es die SED einst hatte errichten lassen.

Insolvenz nach der Wende

Auch einige der Betonarbeiter aus Malchin fuhren an diesem historischen 9. November nach Berlin, um ausgerechnet den Einsturz jenes Bauwerkes zu feiern, das sie sie zu Teilen, gegen ihren Willen oder mit stiller Zustimmung, selbst mitkonstruiert hatten.

Erhard Dartsch gehörte nicht zu ihnen. Er ging an diesem weltbewegenden Abend mit Kollegen zum Malchiner Betriebssport. Und auch Klaus Goede blieb in der Kleinstadt, beschäftigt mit technischen Planungen. "Den Drang, morgen sofort in den Westen zu fahren, verspürte ich nicht", erzählt er. Erst Monate später fuhr er zum ersten Mal in den Westen.

Vielleicht ahnte er, dass es die Zeit nach der Wende nicht gut meinen sollte mit dem einstigen DDR-Musterbetrieb. Ein Hamburger Investor übernahm ihn von der Treuhand. Zwar wurde die Produktpalette erfolgreich umgestellt: Statt Stützwände für Gärfuttersilos und Traglufthallen wurden nun Geschossdecken, Straßenbauplatten, Balkone und Treppen hergestellt. Doch langfristig mangelte es an Geld, um das Unternehmen zu modernisieren. Nach einem weiteren Eigentümerwechsel war das Betonwerk Malchin im Jahr 2004 insolvent.

Und so erinnern heute nur noch leerstehende, langsam verrottende Produktionshallen an den Ort, an dem einst ein Bausatz der deutschen Teilung in Beton gegossen wurde.



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Seite 1
Frank Möller, 12.08.2011
1.
Ein interessanter Beitrag, der mich zu einer Bitte veranlasst. Seit vielen Jahren hält sich hartnäckig das Gerücht, dass das Streckmetall des Zaunes, der sich quer durch Deutschland zog, von westdeutschen Firmen gefertigt und geliefert worden sei. Es wäre ein blutiger Treppenwitz der Geschichte: die innerdeutsche Grenze als deutsch-deutsches Gemeinschaftswerk. Könnten Sie dieser Sache nicht einmal nachgehen? Es müssten sich in Archiven dazu doch noch Spuren finden. Staatliche Liefergenehmigungen oder ähnliches... Natürlich klingt die These vom "Gemeinschaftswerk" abenteuerlich. Es gab allerdings auch von westlicher Seite aus durchaus den Wunsch, die Fluchtbewegung aus der DDR möge versiegen. Zum einen bedrohte sie die innere Stabilität der zumindest in den 1950er Jahren noch fragilen Bundesrepublik. Zum anderen war man im damaligen Ministerium für gesamtdeutsche Fragen unter Jakob Kaiser (CDU) auch der Ansicht, dass gerade Menschen, die dem Kommunismus kritisch gegenüberstanden, besser in der "Zone" bleiben und sich dort kritisch, illoyal oder subversiv verhalten sollten, um das verhasste System zu destabilisieren. Wer lieferte das Streckmetall?
Peter Grimm, 13.08.2011
2.
>Ein interessanter Beitrag, der mich zu einer Bitte veranlasst. Seit vielen Jahren hält sich hartnäckig das Gerücht, dass das Streckmetall des Zaunes, der sich quer durch Deutschland zog, von westdeutschen Firmen gefertigt und geliefert worden sei. Es wäre ein blutiger Treppenwitz der Geschichte: die innerdeutsche Grenze als deutsch-deutsches Gemeinschaftswerk. Könnten Sie dieser Sache nicht einmal nachgehen? Es müssten sich in Archiven dazu doch noch Spuren finden. Staatliche Liefergenehmigungen oder ähnliches... Natürlich klingt die These vom "Gemeinschaftswerk" abenteuerlich. Es gab allerdings auch von westlicher Seite aus durchaus den Wunsch, die Fluchtbewegung aus der DDR möge versiegen. Zum einen bedrohte sie die innere Stabilität der zumindest in den 1950er Jahren noch fragilen Bundesrepublik. Zum anderen war man im damaligen Ministerium für gesamtdeutsche Fragen unter Jakob Kaiser (CDU) auch der Ansicht, dass gerade Menschen, die dem Kommunismus kritisch gegenüberstanden, besser in der "Zone" bleiben und sich dort kritisch, illoyal oder subversiv verhalten sollten, um das verhasste System zu destabilisieren. >Wer lieferte das Streckmetall?
Siegfried Wittenburg, 14.08.2011
3.
Nach meiner Kenntnis wurde das Streckmetall an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich sowie Jugoslawien mit Valtua bezahlt, was ein Hinweis zur Herkunft aus dem Westen ist. Weil Ungarn seinen Bürgern Ende der 80er Jahre Reisefreiheit erlaubte, war es sinnlos geworden, die teure Grenzsicherung zu erhalten, vor allem, weil sie nur noch für die DDR-Bürger relevant war. Auch die Polen und Tschechoslowaken konnten in den Westen reisen. Doch die genaue Herkunft des Streckmetalls interessiert mich ebenfalls.
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