Betty Bausch-Polak "Wenn man den Holocaust überlebt hat, muss man das Leben umarmen"

Im niederländischen Untergrund entkam die Jüdin Betty Bausch-Polak den Nazis - durch Courage, Schauspielerei und dank ihrer blauen Augen. Ihre Eltern und ihr Mann wurden ermordet. Mit 98 schenkt sie Schülern eine Ahnung von Wahrheit.

Anna Sophia Hofmeister

Damals wollte niemand auf Betty hören. "Mach das aus!", riefen sie alle, wenn Adolf Hitler eine seiner Ansprachen hielt und Betty das Radio lauter drehte. Juden seien die Ratten der Welt, die müssten alle umgebracht werden - kaum jemand nahm die geifernden Sätze ernst. Betty schon. Sie wusste, dass Hitler das alles tun wollte.

Sie sah das Leid täglich mit eigenen Augen, während eine Schüssel mit dampfenden Kartoffeln für die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland in ihren Händen brannte. Ärzte, Künstler und Musiker, die auf der Flucht vor den Nationalsozialisten alles aufgegeben hatten, die in den Niederlanden Schutz suchten und auf eine Überfahrt nach Amerika hofften.

Damals war Betty Bausch-Polak so alt wie die jungen Menschen heute, die in langen Stuhlreihen vor ihr sitzen. Niemand scharrt mit den Füßen. Mit aufgerissenen Augen lauschen die Jugendlichen der alten Dame, die an deutsche Schulen reist, um von ihrem Leben zu erzählen. Solange ihre Gesundheit es zulässt, hält nichts die 98-Jährige davon ab, dafür in Israel in ein Flugzeug zu steigen. Zur Not stützt sie sich auf ihren Rollator. "Dafür habe ich überlebt", sagt sie.

Betty Bausch-Polak, 1919 geboren, wuchs im Plantageviertel von Amsterdam auf, eine behütete Kindheit mit drei Geschwistern in ihrer jüdischen Familie. Am 10. Mai 1940 marschierten deutsche Truppen in die Niederlande ein, die sich bis dahin in Neutralität geübt hatte und binnen fünf Tagen kapitulierte. Ist ja alles gar nicht so schlimm, dachten viele, als weitere Gewalt ausblieb. Bald jedoch durften Menschen jüdischer Abstammung nur noch in bestimmten Geschäften einkaufen. Sie mussten Schwimmbäder und Parks meiden. Und sie sollten sich als "Juden" registrieren.

"Das einzige, was stimmte, war das Foto"

"Ich aber bin ein freiheitsliebender Mensch", sagt Betty. Für sie stand von Anfang an fest: "Ich werde mich dem nicht unterwerfen." So tat sie erhobenen Hauptes alles, was Juden nach und nach verboten worden war: Sie fuhr Rad, nahm die Straßenbahn und ging auch nach acht Uhr abends vor die Tür.

Als junge Frau hatte Betty dunkle Haare, fast schwarz. Wohlmeinende Leute sagten: "Die musst du blond färben, um unentdeckt zu bleiben." Ihr war das zu riskant: "Was ist, wenn sie mich festnehmen und die Haare nach 14 Tagen dunkel nachwachsen?" Also behielt sie ihre natürliche Haarfarbe. "Glücklicherweise habe ich blaue Augen - die haben mich oft gerettet", sagt sie. "Ich glaube, dass ich die Lage ernster genommen habe als alle anderen."

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Zeitzeugin des Widerstands: Ihr Name: Betty - oder Jo oder Adrie oder Ada

Rund 160.000 Juden lebten zu Kriegsbeginn in den Niederlanden, außerdem etwa 20.000 jüdische Flüchtlinge. Nach ersten großen Razzien im Februar 1941 deportierten die Nazis Juden in das KZ Mauthausen. Im Jahr darauf begannen sie, das bereits vor dem Krieg errichtete Flüchtlingslager Westerbork als Sammel- und Durchgangslager zu nutzen - für den Transport nach Auschwitz.

Betty hatte 1939 Philip de Leeuw geheiratet, der als niederländischer Offizier das Land nicht verlassen durfte. Philip schloss sich dem Widerstand im Untergrund an. Das Paar beschloss, trotz der immer häufigeren Razzien so lange und normal wie möglich als Juden in den Niederlanden zu leben. Im Januar 1943 wurde die Gefahr zu groß, sie tauchten unter, Philip versteckte sich rund um die Uhr in einer winzigen Kammer. Betty indes zog sich nicht zurück. Im Gegenteil.

Dank Philips Beziehungen zum Untergrund gelangte sie an ihren ersten falschen Pass. "Das einzige, was stimmte, war das Foto. Weiter nichts", erzählt sie. "Ich musste üben. Die Lebensdaten, die Unterschrift und so weiter." Weil im Ausweis stand, dass "Jo Musch", so ihr neuer Name, eine Narbe am Hals hatte, ging Betty zu einem ihr bekannten Arzt und ließ sich so eine Narbe anbringen: "Es sah schrecklich aus. Jeder schüttelte den Kopf und sagte: So weit musst du nicht gehen. Ich aber wollte hundertprozentige Sicherheit."

Bloß keine Angst zeigen, Angst macht verdächtig

Jeden Abend trainierte die junge Frau vor einem Spiegel ihre Rolle. "Wie sehe ich aus, wenn ich Angst habe? Wenn ich erschrecke? Und wie, wenn ich mich freue?" Außerdem versuchte sie, so gut wie möglich deutsch zu sprechen. "Alle riefen: Wie kannst du nur diese schreckliche Sprache sprechen?! Für mich war dies lebensrettend. Alles, was lebensrettend sein konnte, musste ich auf mich nehmen."

Weil sie so gut deutsch sprach, boten Kontroll-Soldaten ihr sogar Jobs an: "Komm doch mit zur Kommandantur, wir brauchen da noch jemanden." - "Jetzt habe ich einen guten Job, aber das nächste Mal vielleicht", antwortete sie dann keck. Unermüdlich übte sie, keine Angst zu zeigen. Denn das war das Gefährlichste, machte verdächtig. Sie spielte, freundlich und fröhlich zu sein, auch wenn sich in ihr alles vor Wut und Kummer krümmte.

Betty blieb unbehelligt. "Viele wurden geschlagen, viele haben Schreckliches mitmachen müssen, auch Frauen", erinnert sie sich. "Ich sollte wohl am Leben bleiben. Damit ich noch erzählen kann, ich glaube, darum."

Vom Moment ihrer Namensänderung bis zur Befreiung der Niederlande - gut zweieinhalb Jahre - zog Betty mindestens 20 Mal um. Sie arbeitete als Dienstmagd, Kindermädchen, Haushaltshilfe, keine Anstellung länger als drei Monate. Noch zwei Mal war sie gezwungen, sich umzubenennen. "Es ging um Leben und Tod, immer, jede Minute. Ich habe sehr viel gelernt dadurch."

Sie hieß gerade "Ada Koole", als sie und Philip verhaftet wurden. Ein Attentat auf Bahngleise, an dem Philip sich beteiligt hatte, war missglückt. "Schrecklich war es zu sehen, dass es auch Niederländer gab, die mit den Nazis zusammenarbeiteten und damit Geld verdienten", sagt Betty Bausch-Polak. Die wie die Deutschen folterten und töteten - noch im Jahr 1944, als es im Krieg schon sehr schlecht für die Deutschen stand. "Ich hörte, wie sie Philip schlugen, weil sie herausgefunden hatten, dass er Jude war. Und ich durfte meinen Schmerz nicht zeigen."

"Rache vernichtet dich selbst, nicht die anderen"

Morgens um halb neun holten Uniformierte auch sie zum Verhör. Ihrem Mut, ihrer Standhaftigkeit und ihren täglichen Übungen vor dem Spiegel verdankt sie, dass sie davonkam. Und dass es unter den Gefängnisaufsehern auch gute Niederländer gab. Sie versuchten, ihr zu übermitteln, was Philip während seines Verhörs gesagt hatte, damit sie ihre Antworten auf seine abstimmen konnte.

Betty wurde entlassen. Sie hätte umfallen können vor Angst, berichtet sie; sie wollte nicht fort von Philip. Ein Deutscher sprach Betty vor dem Gefängnis an: "Bist du frei?" Da brach die junge Frau zum ersten Mal in Tränen aus. "Ja", schluchzte sie, "aber mein Freund ist noch da drin." - "Du bist noch jung", sagte er, "du musst jetzt fortgehen von diesem schrecklichen Gefängnis. Du musst ein neues Leben anfangen." - "Da bin ich gegangen", erzählt Betty, mit rauer Stimme fährt sie fort: "Es gab auch unter den Deutschen gute Menschen."

Betty überlebte auch das letzte halbe Jahr des Krieges. Philip konnte sie nicht retten. Zusammen mit fünf anderen Widerstandskämpfern wurde er am 20. November 1944 erschossen, wie Betty später erfuhr. Einer von den mehr als 100.000 niederländischen Juden, die unter der Besatzung ermordet wurden. Betty hasste die Deutschen.

"Wollten Sie sich denn nicht rächen?", fragen die Schüler bei nahezu jedem ihrer Vorträge. "Wenn ich direkt nach dem Krieg einen Revolver gehabt hätte, hätte ich geschossen", antwortet Betty. "Aber Rachegelüste muss man unterdrücken, denn Rache vernichtet nicht die anderen, sondern dich selbst."

Als Zeitzeugin an Schulen

Bis weit in die Achtzigerjahre hinein schob sie ihre Erlebnisse beiseite. Betty begann ein neues Leben, arbeitete im Landwirtschaftsministerium in Den Haag, heiratete 1961 ein zweites Mal. Sie schwieg über alles, was geschehen war. Bis sie im August 1991 in ein Radiointerview für den Niederländischen Evangelischen Rundfunk einwilligte.

Die unerwartet zahlreichen Reaktionen ließen sie erkennen, dass es Zeit war, den jüngeren Generationen von der Vergangenheit zu berichten. "Die alten Menschen kann man nicht mehr ändern", sagt Betty Bausch-Polak. "Die Jugend, die muss für eine bessere Welt sorgen. Gerade heute, wo ohne nachzudenken Dinge getan werden, die furchtbare Konsequenzen haben."

Ihre Eltern wurden 1943 im KZ Sobibor vergast, auch ihre Schwester Juul starb zehn Tage nach Befreiung des Konzentrationslagers. Ihr älterer Bruder Jaap und die jüngere Schwester Lies überlebten das KZ Bergen-Belsen. Zusammen mit Lies, die 1944 durch einen Gefangenenaustausch gerettet und später Krankenschwester in Israel wurde, schrieb Betty Bausch-Polak das Buch "Bewegtes Schweigen". Und seit vielen Jahren schon besucht sie als Zeitzeugin Schulen. "Wenn man so etwas wie den Holocaust überlebt hat, muss man einfach das Leben lieben, es umarmen und auf die Menschen zugehen", sagte sie einmal.

Im Mai 2015 erhielt Betty Bausch-Polak, die heute in Kfar Saba in Israel lebt, das Bundesverdienstkreuz. Vor Tausenden von Schülern hat sie bereits gesprochen, in den Niederlanden, in Hessen, in Nordrhein-Westfalen. Wenn sie über ihr außergewöhnliches Leben berichtet hat, bilden sich stets lange Schlangen am Büchertisch. Jeder will ein Autogramm.

Einmal sprach sie ein Junge mit Tränen in den Augen an: "Ich möchte um Verzeihung bitten für das, was meine Großeltern Ihnen angetan haben." Betty nahm ihn an der Hand und sagte: "Das darfst du nicht auf deine Schultern nehmen, du lebst in einer anderen Welt." Es brauche mehr Menschen, die die Wahrheit sagen, meint Betty Bausch-Polak: "Es ist die Wirklichkeit, die junge Menschen tatsächlich berührt. Sie spüren das sofort."



insgesamt 5 Beiträge
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Jens Mährländer, 14.06.2017
1. Liebe Betty
ich hoffe inständig, dass Sie bei bester Gesundheit mindestens 150 Jahre alt werden. Sie werden mehr denn je gebraucht.
Tom Miller, 15.06.2017
2. es ist so schade das die wirklichen Opfer, Betroffenen und diejenigen, welche wir als Täter bezeichnen
in ganz naher Zukunft nicht mehr befragt werden können. Wichtiger als über Schuld und Sühne zu richten ist es zu erkennen wie es dazu kam und kommt, dass Menschen zu "unmenschlichen" Verbrechen fähig sind ohne ihr Handeln als Verbrechen anzusehen. Man würde erkennen wie "menschlich" diese grausamen Verbrechen waren und sind. Erkennen das nichts gebannt ist und man den Anfängen rassischen und politischen Hasses und Ausgrenzung immer entgegen stehen muss. Geschichte wiederholt sich nicht? Quatsch, Geschichte kann sich immer wiederholen............ Seit dem Zerfall Jugoslawiens sollte das auch dem letzen Geschichtsklitterer klar sein.
Thomas Müller, 15.06.2017
3. Es gibt noch Hoffnung
Solange sich die Jugend durch die Zeitzeugenberichte anrühren lässt, solange besteht noch Hoffnung auf eine bessere Welt. Die Überlebenden dürfen nicht aufhören zu berichten und zu erinnern.
Isabella Roeck, 15.06.2017
4. Die letzten Zeitzeugen
... eine junge Freundin ist Lehrerin und brachte ihren Opa mit in den Unterricht. Der erzählte den Kindern im Grndschulalter, wie die Nazis ihm u.a. eine seiner Nationalitäten aberkannten. Die Kinder fanden das "hundsgemein vom Hitler." Opa war erstaunt, wie interessiert und aufmerksam die Kinder waren. Es gibt auch genügend Bücher, die Einblick in das Grauen gewähren, "Wo vorher Birken waren", " Roman eines Schicksallosen" von Imre Kertesz (Literaturnobelpreisträger), "Jeder stirbt für sich allein" von Hans Fallada.... Es zeigt sich immer wieder in bestürzender Weise wozu Menschen fähig sind oder ggf. Ihr Leben bezahlen für Grausamkeiten, Machtmissbrauch, für den Mut dagegen aufzustehen.
Mark Schtz, 15.06.2017
5. für mich sind menschen wie BETTY BAUSCH-POLAK die wahren
wooww, ..!! war sofort gefesselt von dieser eindrucksvollen ,dramatischen ans herz gehenden "leid - lebensgeschichte...!! ich konnte den schmerz - die angst... fast nachvollziehen , welcher sie wohl brutalst während und nach der " HAFT" ausgesetzt war...!!...immer den sicheren tod vor augen und die sorge um ihren "liebsten"!! .das geht mir irgendwie sehr sehr nah...!!! die frau muß wohl nerven aus stahl gehabt haben...um dieses "martyrium" bzw. leben in angst einiigermaßen überstanden zu haben..!!... ..dann nicht in wut , hass, rache ,depressionen oder ähnlichem zu versinken...,dass stell ich mir nicht einfach vor..!! auch ihre äußerungen bzgl. "rache", oder was sie in der situation mit dem weinenden jungen über wahrheit erzählt.., klingt für mich sehr authentisch und empathisch...und das mit 96 jahren..!! dieser frau gilt mein vollster respekt!! ... allein wie sie ihr "schweres schicksal" gemeistert hat und im alter die "negativen lebenserfahrungen" aus dem krieg etc. , noch in etwas sehr positives für die welt - gesellschaft - -land und leute -(besonders für kinder und jugendliche etc...!!) ..umgewandelt hat..!! sollte so manch anderem zum vorbild dienen..!?!.. aber was ich eigentlich damit zum ausdruck bringen wollte und der "Hauptgrund" meines postes hier ist... , ..die idee kam mir beim lesen der erzählung. ich würde mir eine solche "WEISE DAME" als bundespräsidentin wünschen, weil sie für all das steht , was in deutschland - europa ... etc....aber im besonderen bei unserer "politikerkaste " exorbitant fehlt...??? sie strahlt vertrauen weisheit authentizität respekt verständnis volksnähe + jede menge lebenserfahrung aus!! so stell ich mir wirkliche"volksvertreter"in den parlamenten etc. vor...???? naja , war nur so'ne idee...!! man wird ja wohl noch träumen dürfen oder....??? ...die hoffnung stirbt zu letzt !!! ....und überhaupt denke ich , dass dass hier sowieso kein "schwein" interessiert..!! aber egal, es kam eben einfach mal so über mich!!...hmm??...hahahhah..!!!...okay ,kann ja mal passieren....!!lol mfg ufo
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