100 Jahre BH-Revolution Er hebe hoch!

100 Jahre BH-Revolution: Er hebe hoch! Fotos
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Vor 100 Jahren befreite ein Stuttgarter Unternehmer die Frauen vom Korsettpanzer - mit dem ersten in Serie gefertigten Büstenhalter. Erst wurde der BH von Feministinnen gefeiert, dann als Symbol der Unterdrückung verbrannt. Überlebt hat er trotzdem, heute gibt es ihn sogar mit eingebautem GPS-Sender. Von

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Die Frauen waren sich einig: Den Chauvis musste das Handwerk gelegt werden. Erneut dieser grässliche Schönheitswettbewerb, erneut eine rehäugige, perfekt geformte, stereotyp strahlende "Miss America", die am Ende wie ein Stück Vieh aufs Siegertreppchen gezerrt würde. Ein Skandal musste her.

So zogen an jenem 7. September 1968 rund 400 Feministinnen nach Atlantic City, New Jersey, störten den Contest mit "Frauen sind kein Fleisch"-Rufen und kürten ein lebendiges Schaf zur Schönheitskönigin. Zudem warfen sie "Instrumente weiblicher Folter" in einen sogenannten Freiheits-Abfalleimer. Dazu gehörten Wischmops, Make-up, Lockenwickler, Playboy- und Cosmopolitan-Magazine, Stöckelschuhe - und Büstenhalter.

Zwar zündeten die Frauenrechtlerinnen den Inhalt des Abfalleimers gar nicht an, dies dichteten erst phantasievolle Zeitungsreporter dazu. Dennoch gab diese angeblich erste, historische BH-Verbrennung den Startschuss für zahlreiche Folgeaktionen. Landauf, landab entledigten sich Feministinnen ihrer Büstenhalter oder warfen sie ins Feuer.

Der BH mutierte zum Symbol patriarchalischer Unterdrückung, weiblicher Unfreiheit, gesellschaftlicher Zwänge. Längst war in Vergessenheit geraten, dass die Urgroßmütter genau jener 68er-Feministinnen das verfemte Dessous einst als Befreiung gefeiert hatten. Denn der BH, vor rund 100 Jahren erstmals in Serie gefertigt, hatte einem nicht nur unbequemen, sondern auch lebensgefährlichen Kleidungsstück den Garaus bereitet: dem Korsett.

Die jahrhundertelang praktizierten, extremen Schnürpraktiken hatten, wie etwa die Wissenschaftler Samuel Thomas Sömmering und Friedrich Völker im 18. und 19. Jahrhundert beweisen konnten, nicht nur zu Ohnmachtsanfällen, sondern auch zu Quetschungen der Organe, Verdauungsproblemen, Fehlgeburten und Missbildungen von Ungeborenen geführt.

Das Korsett, wahlweise mit Walfischbein, indischem Büffelhorn oder Stahlfedern verstärkt, engte die Bewegungsfreiheit der Frauen ein und erschwerte die Atmung: Sportliche Aktivitäten oder sonstige körperliche Anstrengungen waren undenkbar. Zudem wog es viel zu viel - eine bürgerliche Frau schleppte um 1900 nach zeitgenössischen Berechnungen rund 4,5 Kilogramm an Kleidung mit sich herum: eine enorme Bürde, an der das Korsett sowie die diversen Unterröcke den größten Anteil hatten.

Um der Mode-Marter beizukommen, formierte sich eine illustre Allianz aus Medizinern, Moralisten und Feministen. Sie sagten dem einengenden Mieder aus den unterschiedlichsten Gründen den Kampf an: Während die Mediziner um die Gesundheit der Frauen fürchteten, war den Moralisten die Überbetonung der Taille zu aufreizend. Die Frauenrechtlerinnen wiederum verdammten das Korsett, weil es ihrem Ideal der beruflich und politisch aktiven, sportlich-emanzipierten Frau im Wege stand.

"Erbitterter Kampf ums Korsett"

Mit dem Ziel, ihrer Forderung Gehör zu verschaffen, konstituierte sich 1896 in Berlin der "Allgemeine Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung". Die Einführung einer "korsettlosen Frauentracht" sei heute "zu einer Notwendigkeit, zu einer ernsten Pflicht geworden", hieß es in einer Vereinsbroschüre.

Doch die Forderungen der Reformerinnen fanden wenig Resonanz, im Gegenteil: Durch die industrielle Produktion von billigen Korsetts seit Ende des 19. Jahrhunderts waren nun sogar die Fabrikarbeiterinnen in der Lage, zumindest am arbeitsfreien Sonntag eng eingeschnürt die fragwürdige Mode mitzumachen.

"Um das Korsett und seinen Ersatz tobt nach wie vor ein erbitterter Kampf, denn an der Einschnürung - und damit an der Verkrüppelung ihres Körpers - halten Unzählige fest, wie an einem Glaubensartikel", seufzte Margarete Pochhammer, die Vorsitzende des Vereins zur Verbesserung von Frauenkleidung, im Jahr 1905 resigniert. Erst ein schwäbischer Geschäftsmann sollte kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit einer handfesten Alternative zum Korsett auf den Markt drängen.

"Frauenschönheit ist Frauenmacht"

Der Korsettfabrikant Sigmund Lindauer aus Stuttgart-Bad Cannstatt hatte den Büstenhalter zwar nicht erfunden - zwischen 1887 und 1914 meldeten allein sieben Tüftler aus fünf verschiedenen Ländern eine Art BH zum Patent an. Darunter die Dresdnerin Christine Hardt mit einem "Brustträger" aus zusammengeknüpften Taschentüchern und Männerhosenträgern sowie die britische Variante des "Brustverbesserers": ein Gestell aus Draht und Seide.

Lindauer aber war der erste, der das revolutionäre Dessous in großem Stil industriell herstellte und professionell vermarktete. "Er soll endlich Büstenhalter fabrizieren, die direkt auf der Haut zu tragen sind", ließ der nach Paris ausgewanderte Julius Lindauer seinem Bruder Sigmund ausrichten. Julius hatte die Zeichen der Zeit erkannt, Sigmund die Idee in die Tat umgesetzt. Resultat war das um 1912 entwickelte Produkt "Hautana": ein BH aus elastischem Trikotgewebe, ohne lästige Längs- und Querstützen.

Mit Slogans wie "Frauenschönheit ist Frauenmacht" und "Bergauf, bergab, durch Wald und Feld / Hautana straff den Körper hält" warben die Macher des neuartigen Wäschestücks für ihr 1913 patentiertes Produkt, bald geriet der Markenname "Hautana" seiner enormen Verbreitung wegen gar zum Synonym für "Büstenhalter".

"Der BH ist eine irrsinnige Erfindung"

Verantwortlich für den Siegeszug des schwäbischen BHs war der Erste Weltkrieg. Stoffknappheit, Arbeitskräftemangel sowie die neue Selbständigkeit der Frauen, die ihre Männer in der Fabrik und auf dem Feld ersetzen mussten, fegten das anachronistisch gewordene Korsett des Kaiserreichs ebenso hinweg wie die bodenlangen Röcke und die zahlreichen Unterröcke. Mit dem knabenhaften Idol der "Garçonne" kam in den zwanziger Jahren ein BH-Typ in Mode, der darauf ausgelegt war, sämtliche Rundungen platt zu machen.

Seither variierte das Ideal, je nach vorherrschendem Zeitgeist, zwischen mütterlich kugelig, androgyn flach oder divenhaft weit auseinanderstehend. Um auszusehen wie die üppigen Hollywood-Schönheiten Marilyn Monroe, Liz Taylor und Sophia Loren, griffen die deutschen Frauen in den fünfziger Jahren zu trichterförmigen Spitz-BHs - und kurbelten die Dessous-Industrie gehörig an: Zählte das Statistische Bundesamt 1957 noch 23,3 Millionen produzierte Büstenhalter, waren dies ein Jahr später bereits 27,1 Millionen.

Der Siegeszug des Wäschestücks schien nicht zu stoppen - da traten die Feministinnen auf den Plan. "Der BH ist eine irrsinnige Erfindung", zeterte die australische Frauenrechtlerin Germaine Greer in ihrem 1970 erschienenen Werk "Der weibliche Eunuch" und feierte BH-Verbrennungen als "Befreiung von der Unterdrückung durch das männliche Patriarchat."

Büstenhalter mit eingebautem GPS

Reihenweise rissen sich die Hippie-Damen das für sie so chauvinistisch aufgeladene, böse Dessous vom Leib. Der dänische Modehistoriker Rudolf Broby-Johansen verfasste bereits einen Artikel mit der Überschrift "Nachruf auf den BH", in dem er den sofortigen Niedergang des Büstenhalters prognostizierte.

Doch die Dessous-Industrie erholte sich von dem Schock der siebziger Jahre - dank neuartiger Materialien wie der Elastanfaser, viel schwarzer, weißer und roter Spitze sowie bahnbrechender Erfindungen. Dazu gehört etwa die Mogelpackung "Wonderbra", der millionenschwere, juwelenbesetzte "Fantasy Bra" oder aber der "Ultimo Bra" mit eingebauten Gelpolstern: eine Art externes Implantat.

Der unzähligen Schaumstoffkissen, Strassverzierungen und Silikonpads überdrüssig, die seit geraumer Zeit zur Standardausrüstung gehören, hoffte eine Autorin der "taz" unlängst inbrünstig, "dass es bald mal eine BH-Verbrennung geben wird".

Zumindest ein Büstenhalter kann auf jeden Fall in die Tonne: Es ist der BH mit eingebautem GPS, ein von einer brasilianischen Firma 2008 auf den Markt gebrachtes Dessous mit Peilsender. Geeignet gleichermaßen für die orientierungslose Frau wie den eifersüchtigen Mann - zu haben nebst Slip ab 600 Euro.

Zum Hingehen:

Die Ausstellung "Prima Donna - Zur wechselvollen Geschichte einer Cannstatter Korsettfabrik" ist noch bis zum 30. September 2012 im Stadtmuseum Bad Cannstatt zu sehen.

Zum Weiterlesen:

Curt Braun / Doris Binger / Annette Gilles: Vom Mieder zum Dessous - eine Kultur- und Produktgeschichte der Miederwaren in Deutschland, Deutscher Fachverlag, Frankfurt 2007, 129 Seiten.

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Klaus Taubert 09.07.2012
Liebe Frau Iken, ich habe noch ein paar bescheidene Exemplare aus der "Gartenlaube" von 1914/1916 beigesteuert. Damit löste sich die Korsage langsam auf und gab der architekronischen Kunst angeblich freitragender Bauweise einen bescjheidenen Anfang. Siehe beigefügte drei Werbeanzeigen.
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