Bhagwan-Bewegung Orgien im Namen des Herrn

Bhagwan-Bewegung: Orgien im Namen des Herrn Fotos
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Heulen, hotten, Halleluja: Für die einen war Bhagwan Shree Rajneesh ein Menschenfänger, für andere der Erlöser. In den achtziger Jahren verfielen Tausende Menschen dem Inder, der Enthaltsamkeit predigte und Dekadenz lebte. Auch in Deutschland fand der Guru-Hype zahlreiche Anhänger - darunter einige Prominente. Von

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Das "Far Out" in den achtziger Jahren: Statt des sonst üblichen grellen Neon-Designs gibt es hier edle Spiegel und weißen Marmor. Neben der großzügigen Tanzfläche plätschert ein kleiner Brunnen, gespielt wird Musik von Sinatra bis Madonna. Die Discothek mitten auf dem Berliner Kurfürstendamm hebt sich von der Konkurrenz ab - hier tanzen zwischen rot gewandeten Bedienungen mit Dauerlächeln Pulliträger und gestylte Twens neben punkigen Freaks und Mittdreißigern in Blousonjacken. Es ist ein Kaleidoskop der Berliner Feier-Gesellschaft, vereint unter dem riesigen Bild eines Mützenträgers mit Rauschebart. Sein Konterfei hängt ganz oben an der Decke und schaut herab auf die Tanzenden. Wie ein Gott.

Der Bärtige auf dem Bild ist nicht nur in deutschen Discos der Mittelpunkt. Bhagwan Shree Rajneesh hatte schon in den Siebzigern im indischen Poona (heute: Pune) ein Meditationszentrum für Sinnsuchende gegründet und mit diesem "Ashram" in den folgenden Jahren für viel Wirbel gesorgt. Seine Jünger schienen dem exzentrischen Guru willenlos ihr gesamtes Vermögen zu opfern und ihre bürgerlichen Existenzen für ein Dasein im Ashram aufzugeben. Unter besorgten Angehörigen und Vertretern von Kirche und Staat entbrannten Diskussionen über den merkwürdigen Personenkult. Doch des Meisters sogenannte Therapiestunden mit bis zur Besinnungslosigkeit um sich schlagenden, heulenden Jüngern und ausschweifenden Sexorgien brachten Bhagwan nicht nur negative Schlagzeilen und den Namen "Sex-Guru" ein - sondern auch jede Menge neue Jünger.

Das Guru-Zentrum in Poona zog ab Mitte der siebziger Jahre tausende Pilger an. Und von dort trugen viele frustrierte Intellektuelle, zivilisationsmüde Promis und Sinnsuchende die Lehren ihres Gurus als seine Jünger, sogenannte "Sannyasins", in die USA oder nach Deutschland. Sie übten sich in materieller Enthaltsamkeit, kleideten sich ihrem Vorbild zuliebe und zum Ausdruck ihrer Spiritualität in rote Gewänder und trugen die Mala, eine Kette aus Holzperlen mit einem Bild des Meisters.

Promis in Poona

Unter den begeisterten Deutschen fanden sich einige Prominente: Die ehemalige Grünen-Politikerin Barbara Rütting, Milliardärssohn Helmut von Finck und der Ex-Journalist Jörg Andrees Elten besuchten Bhagwan. Elten, ehemals Reporter beim "Stern", reiste 1977 nach Indien, um über das Treiben in Poona zu berichten. Doch Bhagwan zog ihn nach eigener Aussage in seinen Bann. Elten brach in Hamburg alle Brücken ab, stieg aus und schrieb über seine Faszination ein Buch, das zum Aussteiger-Bestseller wurde: "Ganz entspannt im Hier und Jetzt".

Selbst der Philosoph Peter Sloterdijk war für mehrere Monate Jünger im Ashram des Gurus - aus Neugier. Er beschreibt diese Zeit als "Indienabenteuer". Bhagwan habe ihn als "spirituelle Persönlichkeit" beeindruckt. Ähnlich äußerten sich Peter Lustig, Moderator der Kinderserie "Löwenzahn", und seine zweite Frau Elfie Donnelly, geistige Mutter von "Benjamin Blümchen und "Bibi Blocksberg". In den achtziger Jahren wandten sie sich eine Zeit lang dem Guru zu und sind immer noch von dem Rhetoriker angetan. Peter Lustig sieht Baghwan heute jedoch realistischer: "Er war kein Gott für mich, er war auch nur ein Mensch. Er hat viel Schlaues gesagt, aber auch einigen Blödsinn."

Die 2005 verstorbene Schauspielerin Eva Renzi berichtete hingegen von traumatischen Erlebnissen: Nackt habe sie einer Gruppensitzung teilgenommen, in deren Verlauf sich 15 Menschen auf sie gestürzt und sie gewürgt hätten, bis aus ihrer "Nase das Blut strömte". Sie sei panisch aus dieser "Hölle" geflüchtet.

Toben, Tollen, Therapie

Kritische Stimmen wie die Eva Renzis blieben aber zunächst die Ausnahme und konnten die Begeisterung für den Heilsversprecher nicht bremsen. Schließlich hatte Bhagwan scheinbar für jeden Suchenden eine Antwort. Hinzu kam die Neugier, die die Berichte über die ungewöhnlichen Methoden des selbsternannten Meisters auslösten. Er lehrte seine Schüler unter anderem die "Dynamische Meditation": Stehend sollten die Jünger ihre Aggressionen herausschreien, am Ende hyperventilierten sie und brachen erschöpft zusammen. "Befreie Dich selbst!" war das Motto. Neben Zwängen, Konventionen und Ängsten blieb auch die Kontrolle auf der Strecke.

Ebenso umstritten waren die sogenannten Encounter-Gruppen: Über mehrere Tage und oft ohne professionelle psychotherapeutische Begleitung prügelten die Sannyasins hier aufeinander ein - oft so lange, bis Knochen brachen. Die Sitzungen endeten in Heulkrämpfen und sexuellen Orgien. Viele der Aussteiger suchten wohl neben einer neuen Selbsterfahrung die Möglichkeit, sich sexuell ungezwungen zu bewegen. Die Gruppen waren daher bei den Jüngern besonders beliebt.

Freiheit des Geistes und der Sexualität, dieses Credo kam an. Für das Gefühl dieser Freiheit ordneten sich die Jünger unter und passten sich an. Mit ihrer einheitlichen roten Kleidung waren die "Orange People" ganz ihrem Meister ergeben. Sie waren ein Paradoxon: gleichgeschaltet und frei. Der "Gesegnete" verlieh ihnen neue Namen in Hindi. Frauen ließen sich angeblich sogar auf Geheiß des Gurus sterilisieren. Denn Kinder behinderten, so die krude These Bhagwans, die geistige Entfaltung ihrer Eltern.

Leben in Rajneeshpuram

Das Treiben in Poona hatte 1981 ein Ende: Bhagwan wurde angeblich aus steuerrechtlichen Gründen aus Indien ausgewiesen und ließ sich mit seiner Gemeinde im US-Bundesstaat Oregon nieder - mitten in der Einöde. Die Sannyasins stampften hier eine komplette Stadt aus dem Boden: Rajneeshpuram - Stausee, Restaurants, Schule, Einkaufszentrum, Versorgungsbetriebe inklusive. Der eigene Flugplatz samt Fluglinie ("Air Rajneesh") und 85 Großraumbusse sorgten für Mobilität, ein Verlag und eine Druckerei für die Verbreitung der "Rajneesh Times". Boutiquen, ein Spielsalon und ein Reisebüro machten das Guru-Wonderland perfekt.

Vor allem für den Guru selbst. Denn während die Sannyasins weiterhin mit dem Nötigsten auskommen mussten, umgab sich ihr großes Vorbild mit Luxus. Er schmückte sich mit teuren Uhren und Glitzer-Roben. Seine Rolls-Royce-Flotte von 93 Fahrzeugen war legendär. Die Dekadenz des Meisters und das Großprojekt Rajneeshpuram verschlangen Millionen. Der öffentliche Vorwurf der Ausbeutung wurde immer lauter, denn das Geld zur Finanzierung brachten die Jünger durch ihre Arbeit in den weltweiten Zentren der Bewegung auf. Die Vorwürfe spielten innerhalb der Organisation keine Rolle - Arbeiten, das sogenannte worshipping, war für die Anhänger auch Meditation (worship = Andacht) und untrennbarer Teil ihres Alltags.

Rote Kutten und Roquefort-Creme

Die Sannyasins betrieben auf der ganzen Welt erfolgreich Buchläden, Schmuckboutiquen und Bäckereien. Ihre Firmen handelten mit Kunst, Patentfenstern und sogar mit Kompostwürmern. Aus der Kommune wurde so zunehmend ein weltweit agierendes Wirtschaftsimperium. Die Jünger mit ihren roten Klamotten gehörten in den Achtzigern in den einschlägigen Vierteln der Großstädte zum Straßenbild - in Deutschland beispielsweise im Belgischen Viertel in Köln oder im Hamburger Karolinenviertel. Die Rotkutten waren keine schrulligen Pilger, sondern oft erfolgreiche Geschäftsleute. Eine Kombination, die das Interesse für den Kult noch verstärkte.

Zahlreiche Cafés, Discos und vegetarische Restaurants - mit Namen wie "Zorba the Buddha" - entstanden. Das Gastro-Geschäftsmodell des Bhagwan kam in der Party-Szene der Großstädte auch deshalb so gut an, weil die Läden keine verkifften Räucherstäbchen-Höhlen waren, sondern trendige Szene-Schuppen. In den Restaurants wurde auf hohem Niveau gekocht - wie der SPIEGEL 1984 berichtete: "Toast mit Roquefort-Creme und in Sherry-Essig und Olivenöl eingelegten Pilzen". Die Gäste kamen in Scharen und in der Guru-Zentrale in Oregon freute man sich über Millionenumsätze. So soll allein das Berliner "Far Out" Mitte der Achtziger einen Jahresumsatz von annähernd vier Millionen Mark gemacht haben, das Kölner Pendant immerhin drei.

Kommune unter Kontrolle

Doch in Oregon wurde Mitte der Achtziger die Stimmung in der einstigen Spaß-Kommune zunehmend ernster: Sex wurde den Jüngern untersagt - aus Angst vor Aids. Für Berührungen sollten Einweghandschuhe benutzt werden und auch Küssen sei unhygienisch, proklamierte der Guru in seinem übertriebenen Hygienewahn. Die Situation in der Kommune eskalierte: Die Strukturen wurden zunehmend autoritär und das Gelände mit Wachtürmen und Zäunen abgegrenzt. Die "Peace Force", eine bewaffnete Privatpolizei, patrouillierte und sorgte für Ordnung. Verantwortlich dafür war Bhagwans engste Vertraute: Ma Anand Sheela.

Bhagwan selbst distanzierte sich 1985 von den Lehren seiner Religion - sie sei von seiner ehemaligen Gefährtin Sheela beeinflusst worden. Die roten Kleider- und sämtliche Bücher ließ er in Oregon verbrennen. Noch im selben Jahr wurde er wegen Problemen mit der Einwanderungsbehörde aus den USA ausgewiesen. Nach einer Weltreise zurück in Indien benannte er sich in Osho um. Er starb am 19. Januar 1990.

Osho heute

Die Sannyasin-Bewegung hat eine extreme Entwicklung durchgemacht: von den Sex-Orgien in Poona über das kontrollierte Leben in Oregon und den Wandel in ein Wirtschaftsimperium, das in den Achtzigern ein fremdes Lebensgefühl vermittelte. Doch die Bewegung blieb auch ohne ihren Guru am Leben. Nach wie vor gibt es weltweit Zentren, in denen Oshos Weisheiten als Lebenshilfe wiederentdeckt werden - Popstar Nena bekennt sich zu seinen Lehren.

Die ehemalige Poona-Kommune ist heute zu einem der weltweit größten Meditationsresorts mit luxuriösem Wellness-Touch geworden. Gestresste Manager, überforderte Hausfrauen und Osho-Fans verbringen in der hotelähnlichen Anlage ihren Jahresurlaub, um aufzutanken und zu meditieren.

In Berlin, dem einstigen Bhagwan-Mekka Deutschlands, hat die Guru-Verehrung allerdings ein wenig gelitten. Das "Far Out" am Ku'damm musste vor drei Jahren dichtmachen.

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    Seite 1    
1.
Tobias Sgier 13.04.2010
Leider sehr tendentiell, sensationsheischend und aus alten Quellen abgeschrieben. Ich bin kein Jünger, aber seine Bücher sind mir eine wahre Quelle der Inspiration und Weisheit. Sicher ein beeindruckender Mensch. Er hat sich früh zurückgezogen und seine Ideen wurden entartet und missbraucht. Einfach mal lesen und nicht gleich verurteilen...
2.
Kay Strathus 14.04.2010
Ja, wie geil ist das denn??!! Nadine Helms, die möglicherweise erst in den Achtzigern geboren ist, hat es geschafft aus den ihr zugänglichen Quellen die alten Zöpfe tendenziöser Haut-den-Bhagwan-Schreibe wieder aus der Mottenkiste hervorzuholen! Wunderschön! Eine Zeitreise in die 80er! Alleerdings hätte es ja nicht schaden können, zumindest die Fakten mal vernünftig zu recherchieren, liebe Nadine Helms: Die Dynamische Meditation (mittlerweile so populär, daß selbst Krnakenkassen und Wellness-Center sie im Programm haben) beginnt mitnichten mit Geschrei und endet auch nicht mit Hyperventilation. Die Atemtechnik des schnellen Ein- und Ausatmens durch die Nase ist vielmehr der Anfang der Meditation, die (nicht zwangsläufig) kathartische Phase kommt an zweiter Stelle. Die Dynamsiche Meditation endet mit - Tanz, nicht Zusammenbruch. Diese aus zweiter Hand destillierte und offensichtlich von keiner eigenen Erfahrung getrübte Beschreibung einer der Osho-Meditationen scheint mir symptomatisch für den Stil und die journalistische Qualität des Artikels von Frau Helms. Die von Osho vergebenen Sannyasnamen sind übrigens in Sanskrit, nicht in Hindi. Daß Der Poona-Ashram bereits in den 70ern und 80ern des letzten Jahrhunderts eines der führenden Therapiezentren war, in dessen Gruppen modernste psychologische Ansätze (Jung, Adler, Esalen...) einflossen und das deswegen von den führenden Psychotherapeuten aufgescuht wurde - geschenkt, wenn man so schöne Sachen (ab-)schreiben kann wie "sogenannte Therapiestunden mit bis zur Besinnungslosigkeit um sich schlagenden, heulenden Jüngern und ausschweifenden Sexorgien" Und die Geschichte von Eva Renzi aus den Archiven der BILD-Zeitungs-Sektenhysterie-Archive hervor zu holen: **GÄHN**, liebe Nadine. Aber irgendwie auch schön, daß Osho immer noch diese reflexhaften Reaktionen hervorruft, die sich nicht um Fakten scheren, sondern die Vorurteile des common mind bedienen. Das deutet ja auf die nach wie vor superaktuelle Gülltigkeit seiner "Lehre" hin. Und was Nadine Helms betrifft: setzen und ab in den Grundkurs "Faktenrecherche und neutrale Berichterstattung" der Joournalistenschule!
3.
Vimalesh Christian Buss 14.04.2010
Die beste Zeit meines Lebens. Ein Geschenk, bei einem Meister leben zu können. Ich war von 1984 an dabei. Die Zeit mit OSHO hat meinem Leben eine neue Richtung gegeben, so dass die Meditation Teil meines täglichen Lebens geworden ist. Ich bin dankbar, damit ein Fundament bekommen zu haben. OSHO war für mich der Beginn einer Suche, eine Tür zu mir, und die Flamme brennt weiter.....and it goes on and on this sweet sweet song..... Die Reise hat erst begonnen. Ein Tipp: Nicht allein auf die Kommentare hören, sondern sich selbst ein Bild machen. Indien ist das Herz der Welt!
4.
Adrian Stangl 14.04.2010
http://www.youtube.com/watch?v=-8z1kdAJ7GY
5.
Claus David Grube 14.04.2010
In Ihrem Artikel sind leider einige Falschdarstellungen (davon abgesehen, dass Sie nicht ein bisschen unter die Oberfläche schauen (können)). Bhagwan hat niemals seinen Jüngern Enthaltsamkeit gepredigt. Er hat Awareness gepredigt, Bewusstheit. Osho hat auf gar keinen Fall seiner "Lehre" abgeschworen oder Bücher verbrannt. Im Umfeld sind aus der Verbindung von Meditation und Therapie interessante Ansätze der Selbst-Entwicklung entstanden. Wenn man nicht weiß, was ein Erleuchteter ist, kann man Oshos Leben nicht verstehen. Und uns, Sannyasins, auch nicht. Claus David Grube, Trainer und Buchautor, Sannyasin-Name: Anand Devada
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