Biafra-Krieg Der Graf und die Raketen-Babys

Biafra-Krieg: Der Graf und die Raketen-Babys Fotos

Mit schwerbewaffneten Sportflugzeugen versuchte der schwedische Graf Carl Gustaf von Rosen vor 40 Jahren, den Völkermord im westafrikanischen Biafra zu beenden. Seine Söldnerstaffel "Biafra Babys" wurde in dem von Stammesfehden, Supermachtrivalität und der Gier nach Erdöl angeheizten Bürgerkrieg zur Legende. Von Christoph Gunkel und Robert Kluge

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Mit ihnen hat niemand gerechnet. Im Tiefflug und unbemerkt vom Radar nähern sich am 22.Mai 1969 fünf Sportflugzeuge vom Typ MFI-9B der nigerianischen Hafenstadt Port Harcourt. Am Knüppel der Maschinen sitzen zwei Afrikaner und drei Europäer, kommandiert von einem schwedischen Aristokraten: Graf Carl Gustaf von Rosen. Der 59-Jährige hat einen verwegenen Plan - mit den kleinen Hobbyfliegern will Rosen einem fast verlorenen Krieg im Herzen Afrikas die entscheidende Wende geben.

Denn die unscheinbaren, nicht einmal sechs Meter langen Maschinen sind keineswegs harmlos: Unter ihren Tragflächen hängen jeweils zwölf Raketen. Damit wollen die Piloten einen Stützpunkt der nigerianischen Luftwaffe nahe Port Harcourt beschießen. Und der Coup gelingt: Wenig später stehen am Boden zwei Jagdflugzeuge und ein zweistrahliger Bomber in Flammen. Die ungewöhnlichen Angreifer haben gleich bei ihrem ersten Einsatz Material vernichtet, dessen Geldwert den ihrer billigen fliegenden Kisten um ein Zigfaches übersteigt.

Die Attacke ist eine Verzweiflungstat im blutigen Konflikt um die abtrünnige nigerianische Provinz Biafra, der Ende der sechziger Jahre die Welt bewegt - und internationaler kaum sein könnte: Schwedische und afrikanische Piloten zerstören an diesem Tag gemeinsam Flugzeuge, die die Sowjetunion an Nigeria geliefert hatte. Biafra wird das erste afrikanische Drama, über das auch westliche Journalisten ausführlich berichten. Sie liefern schockierende Bildern von hohlwangigen Kindern mit aufgeblähten Hungerbäuchen, schreiben über Nahrungsmangel, Massensterben, Pogrome - und den heute fast vergessenen schwedischen Grafen, der den Krieg verändern sollte.

Massenmorde und Vertreibung

Es ist ein Konflikt, der in lange unterdrückten ethnisch-religiösen Rivalitäten wurzelt. 1967 erklärte sich die Provinz Biafra im Südosten Nigerias - gerade einmal so groß wie Bayern - zur "unabhängigen Republik". Ihre Bewohner gehören zur Volksgruppe der christlich missionierten Ibo, die Nigerias Elite stellt, darunter auch den autoritären Präsidenten Johnson Aguiyi-Ironsi. Der hatte sich einst an die Macht geputscht, bevor ihn 1966 Volksgruppen aus dem eher muslimisch geprägten Norden stürzten und ermordeten.

Dieser Putsch wirkte wie ein Fanal. Lang schwelende Ressentiments schlugen in Gewalt um; es kam monatelang zu Massakern an den Ibos. In der Stadt Kano im Norden schlachteten nigerianische Soldaten jeden ab, "der potentiell Ibo war - Zöllner, Kellner, Passagiere", berichtete ein US-Reporter entsetzt aus der Kriegszone. In kürzester Zeit wurden in ganz Nigeria vermutlich 30.000 Menschen ermordet. Verzweifelt flüchteten daraufhin Hunderttausende Ibos in ihre Stammregion Biafra - und feierten dort frenetisch die Unabhängigkeitserklärung, verkündet von ihrem eigenen Präsidenten, Oberst Emeka Odemugwu-Ojukwu.

Der frischgebackene Staatschef setzte auf die überdurchschnittliche Bildung seines Volkes und den neuen Reichtum Biafras - kurz zuvor war in der Region Erdöl entdeckt worden. Doch das Öl machte aus einem regionalen Konflikt einen unerbittlichen Krieg, der von ausländischen Waffenhändlern, skrupellosen Geschäftsleuten und Drittstaaten weiter angefacht wurde. Großbritannien und die Sowjetunion stützten offen Nigeria, Israel und Frankreich halfen eher verdeckt die Abtrünnigen, nachdem diese gleich nach ihrer Unabhängigkeitserklärung von der nigerianischen Armee angegriffen wurden.

Kunstflieger und Draufgänger

Es war ein ungleicher Kampf. Die schlecht ausgerüsteten Ibos panzerten hastig alte Geländewagen mit Stahlplatten und bastelten aus abgesägten Rohren primitive Raketenwerfer. Es half nichts: Ihre Hauptstadt Enugu fiel nach wenigen Monaten, schon bald verloren sie auch ihre einzige Hafenstadt und die Erdölquellen. Unerbittlich schnürte die nigerianische Armee Biafra mit einem Blockadering ein und ließ auch kaum Lebensmittel herein. So kam zum blutigen Krieg eine furchtbare Hungerskatastrophe, die weltweit Entsetzen auslöste und eine beispielslose Welle der Solidarität anstieß: Monatelang versorgten humanitäre Organisationen Biafra per Luftbrücke, insgesamt warfen sie mehr als 80.000 Tonnen Hilfsgüter ab. Doch die Versorgung war gefährlich - wie deutlich wurde, als die Nigerianer eine Rote-Kreuz-Maschine abschossen.

Das Drama in Westafrika wühlte auch den Aristokraten Carl Gustaf von Rosen im fernen Schweden auf - so sehr, dass er sich entschloss, persönlich einzugreifen. Der 1909 geborene Rosen, einst Schwedens jüngster Fluglehrer, war ein brillanter Kunstflieger - und ein Draufgänger. Als Italiens Faschistenführer Benito Mussolini 1935 Abessinien annektierte, hatte Rosen Medikamente und Ärzte in das heutige Äthiopien geflogen. Und im sowjetisch-finnischen Winterkrieg von 1939 bombardierte der fliegende Edelmann für die angegriffenen Finnen sowjetische Eisenbahnlinien. Nach 1945 kehrte er nach Äthiopien zurück und baute dort eine schlagkräftige Luftwaffe auf, deren Oberkommando er übernahm. Weit weniger stolz war Rosen auf seine Verwandtschaft mit NS-Luftwaffenchef Hermann Göring, der 1923 seine Tante Carin geheiratet hatte - wegen dieser Verbindung hatte die britische Royal Air Force es abgelehnt, den tatendurstigen Grafen aufzunehmen und gegen die Deutschen fliegen zu lassen.

Ein Vierteljahrhundert später will der schillernde Aristokrat in Biafra nun erneut auf der Seite der Moral kämpfen. Auf halsbrecherische Weise schleust er Lebensmittel in die abtrünnige Provinz, indem er auf einer Höhe von nur 30 Metern auf Sicht über die Palmenwipfel jagt. Von den Eingeschlossenen wird der Schwede für sein Husarenstück als Held gefeiert. Doch langsam beginnt er zu zweifeln: Verlängern solche Versorgungsflüge letztlich nicht sogar das Leid? Es klingt auch wie eine Rechtfertigung, als Rosen später schreibt, dass jeder in Biafra auf Waffen statt auf Lebensmittel gehofft habe. Die Vorstellung, "Kinder am Leben zu erhalten, nur damit sie wenig später massakriert werden", sei "einfach widersinnig".

Kühl geleugnet

Und so radikalisiert sich Rosen, plant bald den aktiven Kampfeinsatz gegen die "unbarmherzige nigerianische Kriegsmaschine", wie er schreibt. In Schweden kauft er 1969 über eine französische Briefkastenfirma fünf einmotorige Kleinflugzeuge der Firma Malmö Flygindustri (MFI), die zum Saab-Scania-Konzern gehört. In Paris werden die Maschinen, die zusammen gerade einmal 51.600 US-Dollar gekostet haben, mit Raketenwerfern ausgestattet, in Kisten verpackt, vorgeblich, um ins ostafrikanische Tansania verschickt zu werden. In Wahrheit jedoch gelangt die brisante Fracht nach Gabun an der Westküste des schwarzen Kontinents, einen der wenigen Staaten, die Biafra offiziell anerkennen. Hier werden die Flugzeuge neu zusammengesetzt und zur Tarnung grün gestrichen, unter die Flügel montieren die Piloten Raketenwerfer.

Die kleinen Eigenkonstruktionen tauft Rosen liebevoll "Biafra Babys" - und am 22. Mai 1969 feiert die Söldnerstaffel mit dem Angriff auf Port Harcourt eine gelungene Feuertaufe. Der Erfolg bleibt keine Ausnahme. Mal um Mal attackieren die "Babys", die stets das gegnerische Radar unterfliegen, den übermächtigen Gegner. Und weil sie kaum geortet werden können, bereiten sie den bisher stets siegreichen nigerianischen Streitkräften große Probleme. Rosens fliegende Kisten zerstören millionenteure Kampfflugzeuge am Boden, legen wochenlang Kraftwerke lahm - und machen damit indirekt die humanitären Hilfsflüge nach Biafra wieder etwas sicherer.

Die "Biafra Babys" werden schnell zum Mythos - der für Nigerias Regierung nicht weniger verheerend ist, als die Zerstörungen, die die fliegenden Haudegen anrichten. Ausländische Reeder etwa sind bald so verunsichert, dass sich viele weigern, ihre Schiffe nigerianische Häfen ansteuern zu lassen. Nicht zuletzt deshalb bricht die für Nigeria lebenswichtige Ölproduktion dramatisch ein. Wütend protestiert Nigerias Regierung offiziell in Stockholm gegen die Einmischung des schwedischen Grafen. Doch Rosen leugnet kühl jede direkte Beteiligung.

Das Kampfflugzeug der Zukunft?

Unterdessen werden über einen fiktiven algerischen Fliegerclub vier weitere "Biafra Babys" in die Krisenregion geschleust - diesmal tatsächlich ohne Rosens Beteiligung. Ein anderer Europäer übernimmt nun eine Schlüsselrolle: der ehemalige deutsche Luftwaffenpilot Friedrich Herz aus Bottrop. Zunächst war Herz nur Ausbilder für die Luftwaffe Biafras gewesen, doch dann meldet er sich zum Einsatz als Kampfflieger - wie Rosen aus moralischer Überzeugung.

Nigerias Kampfpiloten, so erklärte er seine Motivation im Februar 1969 in einem SPIEGEL-Interview, machten "sich ein Hobby daraus, Zivilisten, Krankenhäuser, Marktplätze, Autos, Menschenansammlungen und dergleichen anzugreifen". Herz fliegt Dutzende lebensgefährliche Kampfeinsätze. Im Dezember 1969 landet er mit nur einem Rad und 43 Einschüssen in Rumpf und Tragflächen. Andere Piloten haben weniger Glück. Insgesamt werden drei "Biafra Babys" komplett zerstört, zwei Piloten sterben dabei.

Ende 1969 startet die nigerianische Armee ihre Schlussoffensive, wenige Wochen später, Mitte Januar 1970, kapituliert Biafra - der Traum von einem unabhängigen Staat ist für die Ibo ausgeträumt. Mehr als eine Millionen Menschen sind an den Folgen des dreijährigen Konflikts gestorben, die meisten davon sind verhungert. Der Humanist Rosen hat mit seinem Einsatz das Kriegsende verlängert - und damit möglicherweise auch ungewollt das Leiden der Zivilisten.

Das von ihm so erfolgreich eingesetzte Buschflugzeug sorgt nach dem Krieg noch für Diskussionen. Denn der Saab-Scania-Konzern versucht, ein weiterentwickeltes "Biafra Baby" zum Exportschlager zu machen - mit einer einfachen Rechnung: Zum Preis eines teuren "Phantom"-Düsenjägers ließen sich 166 der schlagkräftigen Kleinflugzeuge produzieren, die zusammen die 32-fachen Feuerkraft des Hightech-Fliegers hätten. Während die bundesdeutsche Luftwaffe dankend ablehnt, kauften Sierra Leone und Äthiopien kräftig ein.

Rosen, der edle Ritter der Lüfte, lässt nach seiner Biafra-Erfahrung ab vom Krieg und nutzt das Flugzeug in seiner Wahlheimat Äthiopien nur für humanitäre Zwecke. Seine Lebensmittelabwürfe in den vom Hunger geplagten Regionen des Landes machen ihn auch am Horn von Afrika zum Volkshelden. Doch der Krieg holt Rosen schließlich wieder ein und wird ihm zum Verhängnis: Als im Juli 1977 Äthiopien vom Nachbarland Somalia angegriffen wird, befindet sich der Graf durch Zufall an der Grenze zu Somalia. Aber diesmal hat er kein Glück - eine Rakete tötet Carl Gustaf von Rosen und zwei Begleiter.

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1.
Henning Anacker 14.01.2010
"Der Humanist Rosen hat mit seinem Einsatz das Kriegsende verlängert - und damit möglicherweise auch ungewollt das Leiden der Zivilisten. " Das ist faktisch sicherlich richtig, aber ich finde diese Bemerkung zynisch. Man kann sie über jeden unterlegenen Kriegsgegner machen, egal ob die Beweggründe moralisch gerechtfertigt waren. Mit dieser Argumentation rechnet man kühl aus, wieviel Tote der Sieg der einen Partei und wieviel der Sieg der anderen Partei kostet und entscheidet dann. Und entscheidet dann immer gegen den Wiederstand, weil der, wenn auch ungewollt, den Zustand von Ordnung durch den Sieg einer Partei hinauszögert.
2.
Elis Wedemeyer 30.11.2010
Als wir 1969 im Frühjahr in Fernando Po (heute: Guinea Äquatotial) waren, sahen wir auf dem Flughafen von Santa Isael ein Flugzeug, dass total überstrichen war, aber man konnte am Heck den `LH - Geier´ erkennen. 3 Personen kamen auf uns zu und einer sagte: Sie haben dies hier nie gesehen - auf Deutsch! Bis heute rätseln wir was da vor sich ging. Nahrungsmittelhilfe für Biafra oder Waffenhandel???
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