Bierdosen-Jubiläum Was Blondes zum Aufreißen

Bierdosen-Jubiläum: Was Blondes zum Aufreißen Fotos
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Ratsch - pffft - aaah: So lecker kann Blech sein. Vor 75 Jahren erfand eine US-Brauerei die Bierdose - und löste damit ein Problem, das die Menschheit seit 6000 Jahren beschäftigte. Kein Wunder, dass Sammler für manche Exemplare bis zu 20.000 Dollar blechen. Von

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Fast schien es, als wäre sie nie dagewesen. Als im 1. Januar 2003 das Dosenpfand eingeführt wurde, verschwand auch die Bierbüchse blitzartig aus den Ladenregalen. Das Alubehältnis, das noch im Jahr zuvor allein in Deutschland rund acht Milliarden Mal verkauft wurde, sollte sang- und klanglos von der PET-Flasche ersetzt werden. Doch die Durststrecke für Dosenfans blieb kurz: Mit der Umstellung des Pfandsystems im März 2006 rückten die Dosen ebenso schnell wieder in die Regale ein, wie sie daraus verschwunden waren.

Bei ihrer Rückkehr wurde die Dose von den Feuilletons gefeiert wie eine Boxlegende, die nach Jahren zurück in den Ring steigt. Das "Hamburger Abendblatt" freute sich über ein "Comeback", "Die Welt" besang den Zug aus der Blechhülse gar als "Protestgeste gegen die Bürokratisierung des Rauschs".

Kein Wunder. Die stumpf-braunen Plastikflaschen waren ein armseliger Ersatz für die kühl glänzenden Blechzylinder. Wer wollte schon eine Flasche aufschrauben, wenn er stattdessen der bündigen Komposition lauschen konnte, die beim Öffnen eines Dosenbiers erklingt: dieses wunderbar trockene Knacken, begleitet von einem verheißungsvollen Zischen. Damit nicht genug. Das Blechkleid macht den Genuss zu einem ganzheitlichen Erlebnis: Die kalte Büchse in der Hand, die sanfte Gewalt beim Hochdrücken des Dosenrings, das leichte Metall, das kühl die Unterlippe berührt - ein Vorgeschmack auf den ersten kräftigen Zug. Fußballfans und Punks waren sich darin ebenso einig wie die Grillgemeinschaft in der Gartenkolonie und der Kanzleiangestellte, der in der S-Bahn mit zufriedenem Seufzer sein Feierabendbier aus der Aktentasche zieht.

Mit einem Schlag löste die Dose außerdem ein Problem, das die Menschheit seit rund 6000 Jahren beschäftigt: Wie kann man Bier in angemessenen Einheiten sicher in den Park, vor das Fußballstadion, auf ein Festival oder - einige Jahrhunderte zuvor - mit auf einen Kreuzzug nehmen?

Die Poesie des Bieres

Fragile Tonkrüge und wuchtige Holzfässer waren nicht der Weisheit letzter Schluss, Flaschen ein guter Versuch - aber letztlich zu schwer und zerbrechlich. Erst mit der Erfindung der ebenso leichten wie stabilen Dose konnte Bier problem- und gefahrlos dorthin transportiert werden, wo es am meisten gebraucht wurde: auf Grillplätze, in Schwimmbäder, auf Waldlichtungen - kurz: unter den freien Himmel.

Ein Umstand, der in Jürgen Roth den Anwalt für ordnungsgemäßen Biergenuss weckt: "Bier in Weißblech zu zwängen und durch die Weltgeschichte zu karren, ist einfach nur ein Akt der Niedertracht", sagt der Autor. Roth hat ein Buch über "Die Poesie des Bieres" und ein Bierlexikon verfasst. Er gilt unter Kennern als Autorität in Sachen Gerstengebräu. Von 5000 Bieren, die weltweit existieren, hat Roth laut eigener Aussage etwa 3200 verkostet. Der Frankfurter ist ein entschiedener Gegner der Dose und hat auch gleich eine Begründung dafür parat: Bei der Herstellung von Dosenbier müsse das Bier vor dem Abfüllen pasteurisiert, also erhitzt werden. Dabei würden nicht nur alle Keime, sondern würde auch die geschmackliche Komplexität getötet. "Das Pasteurisieren von Bier ist ein Generalverbrechen. Das wird Ihnen jeder Brauer hinter vorgehaltener Hand bestätigen."


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Ein Kirchenschlüssel als Bieröffner

Doch zieht dieses Argument auch beim gemeinen Biergenießer?

Die Brauerei Gottfried Krueger in Newark (New Jersey) ließ ihr 1933 erstmals in Büchsen abgefülltes "Krueger's Special Beer" zuerst von 2000 treuen Fans der Marke testen. Ein voller Erfolg! 91 Prozent der Konsumenten fanden das neue Patent gut, 85 Prozent meinten sogar, dass das Büchsenbier besser schmeckte als der Gerstensaft aus der Flasche. Am 24. Januar 1935 stand Dosenbier in den USA zum ersten Mal in den Regalen der Geschäfte. Noch im selben Jahr wurden in den USA 200 Millionen Bierdosen verkauft.

Dabei war die Blechhülse damals noch nicht annähernd so handlich wie heute. Statt der 21 Gramm heute brachte die Urform der Dose etwa 100 Gramm auf die Waage. Außerdem war der praktische Ring zum Öffnen noch nicht erfunden. Es brauchte ein Werkzeug mit dem herrlichen Namen "Church Key" (zu deutsch: Kirchenschlüssel), ein etwa zwölf Zentimeter langer dreieckiger Metallpflock, mit dem man ein Loch in die Oberseite der Büchse stach.

Die Masche mit der Lasche

Ihren Sprung nach Deutschland schaffte die Bierdose 1951 mit "Henninger Export" in Frankfurt. Der einigermaßen absurde Werbeslogan: "Moderner Leben - mit Bier aus Dosen". Trotzdem wurde sie auch hier zum Verkaufsschlager.

Überhaupt begleitete den Erfolg der Bierdose eine ganze Reihe von Innovationen. 1963 wurde der "Pull Tab" erfunden, die Aufreißlasche, die den Kirchenschlüssel unnötig machte - eine praktische, aber verheerende Erfindung. All zu leicht plumpsten die scharfkantigen Verschlüsse ins Getränk und wurden mit selbigem verschluckt. Sie blieben an Stränden, in Parks und Wäldern liegen, schnitten sich in Fußsohlen ein oder wurden von Tieren gefressen, die in der Folge qualvoll verendeten. Erst 1975 lösten die sogenannten "Stay Tabs" das Problem: Die Lasche wurde einfach in das Innere der Dose gehebelt.

Doch auch mit verbessertem Verschluss barg die Dose Konfliktpotential. In den achtziger Jahren machte die Umweltbewegung mit dem Slogan "Nur Flaschen trinken aus Dosen" mobil. Die Blechgefäße seien weder energieeffizient in der Herstellung, noch recyclebar. Die Industrie konterte mit der Kampagne "Ich war eine Dose". In den Neunzigern erlebte die Dose einen weiteren Super-GAU: Das Aluminium geriet in Verdacht, Alzheimer zu begünstigen. Einwandfrei bewiesen werden konnte dies nie.

Eine Dose aus Pappe

Die Dose blieb fester Bestandteil der Alltagskultur. Wissenschaftler riefen die Erfindung der selbstkühlenden Bierdose aus oder einer Dose aus Pappe. Mal diente die Bierblechbüchse als Wurfgeschoss auf prominente Politiker, mal abgesoffen im Meer als willkommener Riff-Ersatz für heimatlose Fischarten. In Bremen überführten DNA-Spuren auf einer Bierdose einen lange gesuchten Einbrecher, in Hamburg ging sogar ein ganzes Gebäude in Flammen auf - als Rache für eine gestohlene Bierdose.

Einige Sammler können eine Reaktion wie die Letztere womöglich nachvollziehen. Denn die Bierdose ist für viele auch ohne Inhalt zum wertvollen Kleinod avanciert. So werden auf Internetseiten wie breweriana.com historische "Beer Cans" mit Preisen bis zu 20.000 Dollar gehandelt. Und in Houston (Texas) hat ein Mann die vergangenen 40 Jahre damit verbracht, sein gesamtes Haus mit Bierdosen zu verkleiden.

Doch auch ohne Sammelobsession und Weißblechbude - irgendeine schöne Dosenbiergeschichte kann jeder erzählen. Ob nun vom wagemutigen Dosenstechen vor dem Konzert, der Vierundzwanziger-Palette Karlsquell, die man früher für ein paar Mark beim Aldi erstanden hat, oder dem riesigen Dosenturm, der nach einer Party im Garten der Eltern zurückblieb. Selbst der Bierexperte und erklärte Dosenverächter Jürgen Roth hat sich eine schöne Bierbüchsenerinnerung bewahrt: "Als es an den Tankstellen noch Faxe-Bier gab", habe er dort ab und an abends gesessen und sich "diesen erbärmlichen Trank eingeflößt". In einer gewissen Weise sei das stimmig gewesen. Denn es habe jeder Mäßigungsideologie widersprochen. "Ein ganzer Liter Bier in einer Weißblechkartusche", erinnert sich Roth, "das konnte einen mitunter schon ins Schwärmen bringen."


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