Biermann-Ausbürgerung Zeit der Abrechnungen

Biermann-Ausbürgerung: Zeit der Abrechnungen Fotos
Tanja Krienen

Der Rausschmniss des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR im November 1976 zwang die West-Linke, Farbe zu bekennen. Jung-Gewerkschaftlerin Tanja Krienen erlebte den Showdown zwischen Sozialisten aus der ersten Reihe: bei Biermanns legendärem Auftritt in Bochum drei Tage nach seiner Ausbürgerung. Von

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Nein, die Zeit ist ganz und gar nicht passé. Die Ereignisse, Abläufe, Erschütterungen, die traumatischen Einwirkungen, die den Lebenslauf vieler Menschen änderten: Sie leben in der Erinnerung fort, brannten sich ein, sind unvergessen. Holten sie doch die Erfahrung des Ungewissen, der trügerischen Ruhe, die schon morgen unerbittlich umschlagen kann, anschaulich zurück. Auch der Bezugsrahmen, das Ringen um Freiheit, die Abwehr der Leidensstifter, bleiben aktuell.

Wir jungen, "links" empfindenden Menschen, die beinahe noch so sehr in den Kinderschuhen steckten, dass sich die 1968er Storys wie Erzählungen aus einer längst vergangenen Epoche anhörten, wir nahmen begierig Legenden, Mythen und Histörchen auf, die mit der rebellischen Zeit des Aufbruchs verbunden waren.

Aus einem proletarischen Elternhaus stammend, waren mir lebende politische Vorbilder meiner Klasse - wie ich es damals einordnete - nicht präsent. Auf anderen Gebieten, etwa der Rock - und Popmusik, gab es hingegen durchaus musterhafte Beispiele, geradezu revolutionäre Exemplare, die einen ganz neuen Typus, der Rebellion und Ethos verband, hervorbrachten. All diese Elemente - Revolte, Kampf, proletarische Herkunft, Expressivität, Pop und ein bisschen liebenswerten Narzissmus - verkörperte nur einer, der überdies schon einen legendären Ruf genoss: Wolf Biermann!

Die Aura des von Kommunisten verbotenen Kommunisten

Seine in der DDR manchmal unter obskuren Bedingungen aufgenommenen Tonbandlieder - listig und konspirativ an der taubenblaugrauen staatlichen Krake vorbei geschmuggelt, um uns dann frisch gepresst zersungene, hinausgeschrieene, teils surreal anmutende Wirklichkeiten in den Verstand, hinab ins Herz und wieder zurück einzuhämmern - verkörperten kongenial die Musik zu einer Lebenshaltung, welche die Zeit des respektlosen Punks um mehr als ein halbes Jahrzehnt vorwegnahm.

Die Aura des in der "kommunistischen" DDR verbotenen Kommunisten strahlte selbst in der DDR-Dunkelheit der mittleren 1970er - trotz des schon zehn Jahre andauernden offiziellen Totschweigens - zu uns hinüber. Als jedoch die Gewerkschaften aus ihrem Schlaf kurzzeitig erwachten, das Haupt dösend erhoben und sich durchrangen, unter dem Banner der IG Metall - eine Wolf-Biermann-Tournee zu organisieren, da waren wir wie elektrisiert und hofften endlich das Berufsverbot durchbrechen zu können.

Dass nach diesem Verbot ein noch schlimmeres folgen sollte, eines, von dem sich die DDR selbst nie wieder erholte, ahnte auch ich nicht, damals, Mitte 1976, als sich die Nachricht verbreitete, Wolf Biermann dürfe nach elf Jahren Zwangspause wieder in der Bundesrepublik Deutschland auftreten !

Keine Diskussionen über die Reformierbarkeit der "Ostzone"

Am Freitag den 13. November 1976, saß ich vor dem Radio und hörte die Live-Übertragung des Biermann-Auftritts in der Kölner Sporthalle. Drei Tage darauf, am 16. November 1976 erfolgte die hinterhältige Ausbürgerung, mit grotesken Begründungen.

Unter den meisten Gewerkschaftern in den Betrieben war das alles nicht das ganz große Thema. Zu links und zu laut sei der Biermann, die Lieder zu intellektuell und überhaupt wäre alles viel zu theoretisch, und so weiter. Sicher, das sozialdemokratische Arbeitermilieu lehnte die Maßnahmen der SED spontan ab, nicht mit einer tiefen und ideologisch begründeten Theorie, aber doch durch ein Bekenntnis zur freien Meinungsäußerung und einen nicht verloren gegangenen Rest des guten alten, gegen staatliche Willkür gerichteten Widerspruchsgeistes.

Anders sah es schon bei den konservativen Mitgliedern unter den Betriebsräten und gewerkschaftlichen Vertrauensleute aus, die den Sozialausschüssen der Christlich Demokratischen Union nahe standen. Sie lehnten jedwede Diskussion über eine Reformierbarkeit der "Ostzone" ab und wollten deshalb auch ausschließlich den "linken Biermann" sehen, während ihnen die sprengende Kraft des radialdemokratischen Ansatzes, den dieser zuvorderst postulierte, gänzlich verborgen blieb.

Alle gegen alle

In den Gremien der oben erwähnten DGB-Jugendlichen, wurden Diskussionen geführt, die denen der akademischen Jugend nicht unähnlich waren. Vor allem maoistisch orientierte Kader orientierten ihre Anhänger auf die Besetzung von wichtigen Funktionen im DGB, die in Konkurrenz zu den in die SPD eingeschleusten trotzkistischen Theoretikern traten, welche sich im Streit mit den DKPlern (und diese wiederum mit sich selbst) befanden. Wie der Laie sieht - eine höchst kuriose, von außen kabarettistisch wirkende Gemengelage. Man stritt sich, vertrug sich und hielt am imaginären Ziel - Sozialismus - fest!

Auch die Autorin dieses Textes hatte keine Alternative zum postulierten politischen Ziel anzubieten, denn ein Wechsel ins Lager von Kohl und Strauß, hätte eine sich als "links" definierende, sehr junge Gewerkschafterin, zu jener Zeit nur im Angesicht der Guillotine vollzogen. Ich war neunzehn, als mich die Meldung über die Ausbürgerung vehement traf und dies nicht nur, weil ich den Spagat zwischen der grundsätzlichen Bejahung der DDR und dem Recht an dieser Kritik üben zu dürfen auf allen Ebenen infrage gestellt sah. Nein, es war nach meiner Überzeugung eine anachronistische Maßnahme, welche im Grunde die gesamte Linke diskreditierte.

Wie aber ging es weiter? Keineswegs könne Wolf Biermann auftreten, lief es durch die Presse, eine Solidaritätsveranstaltung sei jetzt geplant. Rudi Dutschke, der Mythen umwobene Ex-Studentenführer, Günter Wallraff, Schriftsteller und politischer Aktionist, Heinz Brandt, unbequemer Gewerkschafter in Ost und West und die "rote Heidi", Heidemarie Wieczorek-Zeul, einst Juso-Vorsitzende und später als Entwicklungsministerin Mitglied der rot-grünen Regierung Gerhard Schröder wie im großkoalitionären Kabinett von Angela Merkel, würden eine Diskussion um die gesamten Vorgänge leiten.

Mit der Super-8-Kamera in der ersten Reihe

Die Halle füllte sich schnell. Die Stimmung war zunächst gedrückt, Ratlosigkeit herrschte vor, keiner der Besucher wusste, was zu erwarten war. Bis jemand rief: "Wolf Biermann ist da!" "Wo?" ,"Da vorne, an der Bühne!" Die Überraschung war perfekt. Wolf Biermann hatte tatsächlich den ersten Schlag dieses Schurkenstückes soweit überwunden, dass es ihm möglich war, vor und mit einem tausendfachen Publikum zu sprechen, zu singen und zu streiten. Ich ignorierte den mir zugewiesenen Platz und setzte mich mit meiner Super-8-Tonfilmkamera direkt vor die Bühne, filmte und beobachtete eine anschwellende emotional aufgewühlte Szenerie, die sich anschickte - neben des Bekenntnisses zur Solidarität mit Wolf Biermann - sämtliche linken Streitereien vergangener Jahrzehnte, auszufechten.

Es war beinahe körperlich zu spüren, wie die Ereignisse der drei zurückliegende Tage Biermann zugesetzt hatten. Der optimistisch frech befreite Habitus, den man in Köln noch hatte wahrnehmen können, war einer resignierenden Haltung gewichen. Die persönliche Verunsicherung einer menschlichen Existenz - sichtbar in langsamen Bewegungen, fragenden Gesten und erschöpften Blicken aus ermüdeten Augen unter zerzaustem Haar - war für jeden wachsamen Betrachter deutlich zu erkennen.

Nur langsam fand er den Weg zurück ins Leben, taute auf, erwachte, peu à peu, - so wie man aus einem Halbschlaf mit bösartigen Traumsequenzen entstandene Verwirrungen abstreift - mit jedem Bekenntnis zur Solidarität, welches er von den anwesenden Menschen durch Applaus und den abgegebenen, demonstrativen Erklärungen der Podiumsteilnehmer empfing. Die Mitglieder des Podiums fanden scharfe Worte für die im alten Geist angeordneten Maßnahmen eines brutal um sich schlagenden Staates. Sie alle reihten sich ein in die lange und mit vielen bekannten Namen gespickte Liste der ,,antikommunistischen Krakeeler", wie sie das Zentralorgan der Vorläuferpartei der PDS ,,Neues Deutschland" schimpfte.

Hohn und Spott von Rudi Dutschke

Wolf Biermann geriet in Hochform, rezitierte, schrie, weinte und lachte, fand, nicht ohne Selbstzweifel zu äußern, den Weg zur polemischen Abstrafung perfider und ruchloser Administratoren, welche töricht und dreist, ausgestattet mit krimineller Energie, einen Skandal verbrachen; ein Fleck, der bis zuletzt auf ihrer Weste klebte, als der schmutzigste neben all den blutigen.

Gut zwei Stunden der hitzigen Veranstaltung waren vorbei, da kam ER - Rudi Dutschke! Unter,,Rudi, Rudi"- Rufen stürmte er auf die Bühne, unterbrach so das Programm und umarmte den Mann, der so dringend Schutz und Beistand benötigte. Dieses war die herzlichste und spontanste Szene des gesamten Abends. Dutschke brannte anschließend ein Feuerwerk in Form einer überaus polemischen, ja sarkastischen Rede ab.

Rudi Dutschke war in seinem Element. Mit Hohn und Spott überzog er die tumben DDR-Machthaber und ihre bürokratischen Arroganz, bissig und süffisant kommentierte er die Speichelleckereien der sich anbiedernden, westlichen-schwesterlichen Parteigänger jener Schreibtischtäter. Viele dieser großen Auftritte sollte Rudi Dutschke nicht mehr erleben, er starb drei Jahre später an den Folgen des Osterattentates von 1968, welches keiner so in Text und Musik umsetzte, wie Wolf Biermann selbst.

Zeit der Abrechnungen

Die Bochumer Protestveranstaltung blieb letztlich ohne Wirkung. In der DDR wurde nun die Zeit der Abrechnungen eingeläutet, begann eine schmutzige Jagd auf diejenigen, die sich trotz der Drohungen ihren Mund nicht verbieten lassen wollten, verhöhnt dabei von jenen Claqueuren im Westen, die dreizehn Jahre später als kümmerlich verbliebener Rest - noch immer ewige Treue schwörend - mit untergingen.

Für fast alle, die diese historischen Abläufe nicht nur in den Medien verfolgten, sondern durch persönliche Erfahrungen miterlebten, blieben die Vorgänge als ein regulatives und unverzichtbares Element, zur Beurteilung politischer Entscheidungen, bis zum heutigen Tag erhalten.

Nein, die Zeit ist nicht passé.

Gekürzte und leicht bearbeitete Fassung eines Beitrags, der unter dem Titel "Die Zeit ist nicht passé" erschienen ist in dem von Fritz Pleitgen herausgegebenen Band "Die Ausbürgerung - Anfang vom Ende der DDR", List Verlag, Berlin 2006

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1.
Tanja Krienen 06.12.2010
Nun liegen die Originalaufnahmen von 1976 vor, die im Artikel beschrieben werden - http://www.campodecriptana.de/blog/2010/12/05/1790.html
2.
Bernd Walter 27.01.2013
Biermann war nie ein Kommunist er war ein kleiner Spiesser der aus jeder Situation das Beste für sich herausgeholt hat.
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