Serienmörder Charles Sobhraj Giftcocktail vom "Bikini-Killer"

"Die Schlange" nannte man den Serientäter, der Mitte der Siebzigerjahre entlang des Hippie-Trails mordete. Asientouristen versetzte er in Panik, wieder und wieder konnte Charles Sobhraj fliehen.

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Das Tonband rauscht, dann erklärt eine leise Männerstimme: "Sie sagte: 'Haben Sie mir etwas gegeben, ich fühl mich so komisch.' Ich sagte: 'Es tut mir leid, Teresa, ich muss dir sagen, ich denke, dass ich etwas Böses mit dir machen muss.' Sie sagte: 'Werden Sie mich schlagen?' Und ich sagte: 'Nein, etwas Besseres.'"

Teresa Knowlton, 18, war von Seattle an der US-Westküste nach Thailand geflogen, Ausgangspunkt für ihre Reise entlang des "Hippie-Trails". Es war der Sommer 1975, wie so viele war die dunkelhaarige Frau mit den Mandelaugen fasziniert von fernöstlicher Spiritualität. Krönung ihrer Reise sollte der Aufenthalt in einem buddhistischen Kloster in Kathmandu sein. Doch zunächst gönnte sie sich ein paar Tage an den Traumstränden von Pattaya, einem Hippiemekka.

Im Oktober '75 zogen Fischer ihre Leiche aus den Wellen. Teresa Knowlton war nur mit einem geblümten Bikini bekleidet, in ihrem Blut fanden Gerichtsmediziner Alkohol und Drogen - alles deutete auf einen Badeunfall hin.

Als einen Monat später nur einen Steinwurf entfernt die verkohlte Leiche des Türken Vitali Hakim auftauchte, war man alarmiert. Die Autopsie ergab grausige Details: Jemand hatte Hakim mit Messerstichen gefoltert und bei lebendigem Leib verbrannt. Nun wurde auch Teresa Knowlton obduziert. Ergebnis: Die Amerikanerin war nicht beim Schwimmen ertrunken, sondern betäubt und erwürgt worden.

Verwandlungskünstler mit Knasterfahrung

Im Dezember entdeckten Dorfbewohner zwei noch brennende Leichen: Henricus Bintanja und Cornelia Hemker aus den Niederlanden, die Gesichter eingeschlagen, ihre Körper entstellt. Als am nächsten Morgen zudem die Leiche der Amerikanerin Charmayne Carrou in einem geblümten Bikini im Wasser trieb, hatte Thailand einen Skandal und die Presse eine Schlagzeile: Alles suchte nun den "Bikini-Killer".

Noch tippte niemand auf Charles Sobhraj, einen Verwandlungskünstler, der seit Jahren die Behörden diverser asiatischer Staaten mit ständig wechselnden Identitäten an der Nase herumführte. Hatchand Bhaonani Gurumukh Charles Sobhraj, geboren am 6. April 1944 als Sohn einer vietnamesischen Mutter und eines indischen Vaters in Vietnam, war in Frankreich aufgewachsen und hatte schon einige Gefängnisaufenthalte erlebt, bevor er sich Anfang der Siebzigerjahre als Autodieb in Indien versuchte.

1973 plante der 28-jährige Allround-Verbrecher den ganz großen Coup: einen Juwelenraub in Delhis herrschaftlichem Ashoka-Hotel. Der schlug fehl, Sobhraj fand sich erneut im Gefängnis wieder.

Doch er dachte nicht daran, in einem indischen Verlies zu schmoren. Mit einer vorgetäuschten Erkrankung ließ er sich ins Gefängniskrankenhaus verlegen, mischte seinen Aufpassern Schlafmittel ins Essen - und entkam.

Rauchschwaden im Krankenwagen

In den folgenden Jahren floh er quer über Landesgrenzen. In den Siebzigerjahren bevölkerten exotische Backpacker Asiens Straßen - Rucksackreisende mit langen Haaren und bunten Gewändern, die nach Selbstfindung und Bewusstseinserweiterung strebten. Die idealen Opfer für den gewissenlosen Charmeur, der sieben Sprachen beherrschte.

Sobhraj gab sich als Drogenschmuggler oder Wissenschaftler aus, erschlich sich das Vertrauen von Blumenkindern und vergiftete sie. Während ein Mix aus Abführmitteln und dem Barbiturat Methaqualon die Opfer benebelte, verscherbelte Sobhraj ihre Wertsachen und machte sich mit ihren Dokumenten aus dem Staub. Schon da kam es zu ersten Todesfällen. Doch die lokalen Behörden interessierte es nicht sonderlich, ob die durchreisenden Hippies an einer Überdosis Heroin gestorben waren oder vergiftet wurden.

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Serienmörder Charles Sobhraj: Giftcocktail vom "Bikini-Killer"

Als man Sobhraj in Kabul verhaftete, wiederholte er seinen Trick aus dem indischen Gefängnis. Wieder ließ er sich auf die Krankenstation verlegen, betäubte die Wärter und entkam.

Er erwies sich als Fluchtkünstler: Ein drittes Mal entwischte Sobhraj seinen Häschern 1975 in Athen. Gerade befand er sich in einer Ambulanz Richtung Krankenhaus, als den Sanitätern Qualm in die Nase stieg. Im Rückspiegel entdeckten sie eine Rauchwolke und stoppten abrupt. Kaum hatten sie die Flügeltüren aufgerissen, sprang den verdutzten Männern der rußverschmierte Insasse entgegen und flitzte davon - wieder war Charles Sobhraj frei.

Geschmack am Töten gefunden

Als er die adrette Kanadierin Marie-Andrée Leclerc und den indischen Gelegenheitsdieb Ajay Chowdhury kennenlernte, nahm die Mordserie in Pattaya mit Teresa Knowlton ihren Anfang.

Weihnachten 1975 lag der letzte Mord in Thailand gerade drei Tage zurück, da tauchten im 3500 Kilometer entfernten Kathmandu die verkohlten Leichen zweier junger Kanadier auf. Nepals Polizei ahnte nichts von den Morden in Thailand, trotzdem nahm sie Sobhraj und seine beiden Begleiter ins Visier. Doch als Polizisten die Hotelzimmer stürmte, war das Trio gerade entwischt.

Die Behörden informierten Interpol - dort setzte man die Puzzleteile zusammen. Bald stand die wahre Identität des "Bikini-Killers" fest: Charles Sobhraj wurde in fast allen Ländern Asiens gesucht, verdächtig des Mordes in mindestens acht Fällen. Er wurde zu einem der meistgesuchten Verbrecher der Welt. Wegen seiner Gewandtheit tauften die Zeitungen den fintenreichen Mörder "Die Schlange".

Und die biss weiter zu: Im indischen Varanasi lag der junge Israeli Avoni Jacob tot in einer Hotel-Badewanne, in Bombay starb der Franzose Jean-Luc Solomon. Und selbst Komplize Chowdhury fiel wohl der "Schlange" zum Opfer; nach einem Juwelenraub in Malaysia verschwand er für immer.

"Ich habe nie gute Menschen umgebracht"

Dass Sobhraj im Juli 1976 eine ganze Reisegruppe französischer Ingenieure in Neu-Delhi vergiftete, wurde ihm zum Verhängnis. Als angeblicher Reiseführer verabreichte er den Touristen Diphterie-Tabletten - reihenweise brachen sie zusammen, Hotelangestellte konnten Sobhraj überwältigen und der Polizei übergeben. Endlich war "Die Schlange" gefasst.

Sobhraj saß nun im Hochsicherheitsgefängnis Tihar, berüchtigt als härtester Knast Indiens. In einem spektakulären Prozess feuerte der Mörder Anwälte und trat in Hungerstreik; das Gericht verurteilte ihn zu zwölf Jahren Haft.

Der inzwischen weltbekannte Verbrecher lebte dort nicht schlecht: Er bekam stapelweise Post von Verehrerinnen, schlemmte wie ein Fürst, hatte einen Fernseher auf der Zelle. Sobhraj hatte Diamanten ins Gefängnis geschmuggelt und erpresste Wärter mit Aufnahmen, die er mit einem versteckten Minirekorder gemacht hatte.

Dem australischen Autor Richard Neville offenbarte er damals, was sein Motiv gewesen sei: Hass auf Westler und Drogenkonsumenten, Rache am westlichen Imperialismus. "Ich kann die Morde rechtfertigen", so seine zynische Selbst-Absolution, "ich habe nie gute Menschen umgebracht." In einer grauenerregenden Tonbandaufnahme schilderte er die Taten im Detail.

Derweil bereiteten mehrere Länder Verfahren gegen den "Bikini-Killer" vor. Allein Thailands Justiz lastete ihm zehn Morde an, die Todesstrafe drohte. So kam es, dass Sobhraj seinen indischen Wärtern kurz vor der Auslieferung an Thailand ein Abschiedsgeschenk brachte: einen kunstvoll dekorierten Präsentkorb mit Obst, Kuchen, Leckereien - und einer Prise Methaqualon. Und tatsächlich: Wieder schickte die "Schlange" die arglosen Aufseher ins Reich der Träume und entschwand in die Freiheit.

Zu hoch gepokert

Bald sah man den "Bikini-Killer" auf einem rosaroten Moped durchs Hippiemekka Goa düsen, die Polizei verhaftete ihn nur drei Wochen später. Doch er hatte sein Ziel erreicht: Zusätzlich zehn Jahre Haft für den Fluchtversuch - genug also, um seine Verbrechen in Thailand verjähren zu lassen.

Im Februar 1997 verließ Charles Sobhraj das Tihar-Gefängnis als freier Mann. Als 52-Jähriger zog er nach Paris und machte seine Geschichte zu Geld; Journalisten empfing er gegen ein Honorar von 5000 Dollar, die Filmrechte für sein abenteuerliches Leben soll er für eine Millionensumme verhökert haben. Den Ruhestand hätte er genießen können, seine Verbrechen waren verjährt. Nur in einem Land stand er noch immer auf der Fahndungsliste: in Nepal, wo er an Weihnachten 1975 ein Touristenpärchen ermordet hatte.

Trotzdem reiste Sobhraj im Sommer 2003 ausgerechnet nach Kathmandu. Dass er zu hoch gepokert hatte, wurde ihm spätestens klar, als im Casino des "Yak & Yeti Hotel" die Handschellen klickten. Ein Gericht verurteilte ihn zu lebenslanger Haft, 2014 erhielt er wegen eines anderen Mordfalls ein zweites Mal lebenslänglich.

Charles Sobhraj ist inzwischen 73 Jahre alt, ihm werden bis zu 24 Morde zugeschrieben. Das Zentralgefängnis von Kathmandu wird er wohl nie mehr verlassen. Zuletzt sorgte er im Sommer 2017 für Schlagzeilen. Da kam Sobhraj zu einer Herz-OP ins Krankenhaus - unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen. Der operierende Chirurg postete auf Twitter ein Selfie mit dem Serienmörder. Und stellte fest: "Ja, er hat ein Herz!"

insgesamt 8 Beiträge
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Guido Lohmann, 13.11.2017
1. Widerlich
Ich weiß nicht, was mich mehr anwidert: dass dieser Massenmörder jemals in Freiheit gelangen konnte oder dass die Presse ihn sogar bezahlt hat. Morde sollten nie verjähren und auch im Ausland begangene Morde sollten geahndet werden. Und was ist damit, dass ein Verbrecher kein Kapital daraus schlagen darf? Die 15 Millionen für die Filmrechte hätten postwendend an die Hinterbliebenen gehen müssen. Auch wenn ich mich wiederhole - das Ganze bleibt einfach widerlich.
Maria Friedrich, 13.11.2017
2. Same here...
... da wird ein Mörder hofiert, verehrt und durch die Medien immer wieder in Erinnerung gebracht. Ich wundere mich, dass das kaum jemanden zu interessieren scheint.
christoph wittenauer, 13.11.2017
3. Lex Mesrine?
Soweit ich weiß, gibt es in Frankreich seit den 70ern ein Gesetz dass es Kriminellen verbietet mit der Schilderung ihrer Straftaten Geld zu verdienen. Und verjährt Mord in Thailand wirklich?
Michael Albert Kiefer, 13.11.2017
4. Selfie mit einem Serienmörder?
Wie müssen sich die Angehörigen der Opfer fühlen, die selbstverständlich gleichfalls zu den Opfern dieses widerwärtigen Serienmörders gezählt werden müssen, wenn sich dieser sogar bis hin zum Popstar des Selfiezeitalters feiern ließ? Nur sehr schwer nachzuvollziehen ist auch der im Artikel aufgeführte Sachverhalt, dass der Täter "die Filmrechte für sein abenteuerliches Leben... für eine Millionensumme verhökert haben", soll. Wieso besass er die Filmrechte für seine Taten, bzw. wo war der juristische Arm, welcher ihm diese Rechte selbstverständlich sofort hätte entziehen müssen?
Frank Widi, 13.11.2017
5.
Von diesem Typen höre ich das erste mal, obwohl ich 15 Jahre später selbst an allen erwähnten Orten war. So zu sagen extrem verspätet auf dem Hippie Trail. Aber kann mir gut vorstellen dass ein paar tote Hippies damals keinen interessiert haben... Zu meiner Zeit sind die Leute reihenweise bei Motorradunfällen gestorben und auch da hatte ich nicht den Eindruck das die jeweiligen Einwohner sonderlich bestürzt waren.
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