Flugzeugwrack-Fotograf Die Schönheit nach dem Crash

120.000 Kilometer für ein bisschen Schrott: Vier Kontinente bereiste Fotograf Dietmar Eckell auf der Jagd nach abgestürzten Flugzeugen. In Wüsten, Sümpfen und Dschungeln entdeckte er die Anmut verfallender Maschinen. Morbid? Keinesfalls. Denn er folgte einem ganz besonderen Codex.

Dietmar Eckell

Die verschneiten Bergketten Westkanadas im Yukon-Territorium: Kilometer entfernt von der Zivilisation fliegt am 7. Februar 1950 eine Douglas C-47D der US-Luftwaffe gefährlich nah über dem Boden. Trotz der tückischen Winde lenkt der Pilot Donald King die Maschine im Tiefflug durch die Täler. Der halsbrecherische Flug hat einen Grund: Zusammen mit seiner neunköpfigen Mannschaft ist King auf der Suche nach einer vermissten Maschine. Doch plötzlich drückt ein unerwarteter Wind die C-47D nach unten. King versucht das Flugzeug hochzuziehen, vergebens. Der Flieger kracht auf die schneebedeckten Felsen.

Als die C-47D endlich zum Stehen kommt, kann King es kaum glauben: Alle Insassen leben - und sind unverletzt. Die gewaltigen Schneemassen haben die Wucht der Bruchlandung gebremst.

Es sind Geschichten wie diese, die den Fotografen Dietmar Eckell auf eine abenteuerliche Suche führten. Drei Jahre lang suchte der Fotograf in den entlegensten Ecken der Welt vergessene Flugzeugwracks, die alle eines gemeinsam hatten: Bei ihrem Absturz ist niemand ums Leben gekommen.

"Wunder statt Katastrophe"

Für seine ungewöhnliche Suche hatte Eckell einen Grund: "Meine Bilder sollen den Betrachter nicht nur visuell mit schönem Schrott überraschen, sondern auch inhaltlich", sagt er. "Es geht um Wunder statt Katastrophen und darum, zu zeigen, dass in jedem Ende auch ein Anfang ist."

Auf die Idee mit den opferlosen Bruchlandungen kam Eckell im Krankenhaus vor knapp neun Jahren, nachdem er selbst abgestürzt war. Damals war er für ein anderes Fotoprojekt mit einem Paramotor - einer Art motorbetriebenem Paraglider - über die kalifornische Mojave-Wüste geflogen, als plötzlich gefährliche Wüstenwinde das Gefährt ins Trudeln brachten. Der Fotograf landete hart auf dem sandigen Boden, brach sich zum Glück nur den Knöchel.

Während seiner Genesung recherchierte Eckell, klickte sich durch Anekdoten vergessener Abstürze, die glimpflich ausgingen, versuchte, die Wracks zu den Geschichten ausfindig zu machen und plante eine Reiseroute durchs Niemandsland. An erster Stelle auf seiner Liste stand die C-47D - jene Maschine, die der Pilot King 1950 in den Gebirgsketten Westkanadas herunterbrachte.

15 Wracks auf vier Kontinenten fotografierte Eckell insgesamt für die Serie mit dem Namen "Happy End". Alle lagen noch immer dort, wo sie abgestürzt waren, und wurden über die Jahre eins mit ihrer Umgebung. In Wäldern überwucherten Pflanzen, Bäume und Sträucher die Maschinen, in der Wüste legte sich eine Decke aus Sand um die Triebwerke, im Sumpf verdeckte bald Gras weite Teile der Flügel.

Von manchen Flugzeugen kannte Eckell nicht einmal die ungefähren Koordinaten. Um alle Maschinen zu finden, legte er insgesamt mehr als 120.000 Kilometer zurück. In Papua-Neuguinea fuhr er - auf der Suche nach einem Wrack - durch Gemeinden, die noch immer von Strom und Leitungswasser abgeschnitten lebten, in Nordafrika führten ihn - nach langen Verhandlungen - letztendlich Rebellen zu seinem Ziel in der Sahara.

Eckells Wrackbilder aus diesen entlegenen Ecken der Welt strahlen eine morbide, unwirkliche Schönheit aus. Fast scheint es, als ob diese Kolosse ihren Bestimmungsort im Nirgendwo gefunden hätten, als ob sie angekommen wären an ihrem finalen Flughafen: Was waren wohl die letzten Worte der Crew, bevor sie auf den Boden schmetterten? Was ihre Gedanken? Es sind diese Fragen, die man sich beim Durchblättern des Bildbands stellt - auch wenn man weiß, dass am Ende alles gut ausging.

Weitere Fotografien und Informationen auf der Webseite von Dietmar Eckell .

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Andreas Neukamm, 28.01.2014
1.
Ist der US-Bomber B-24 "Liberator" in Papua-Neuguinea nur ein Spielzeugnachbau oder haben dort Gräser und Bäume einfach eine andere Größenordnung? Oder die Maschine ist im Sumpf geschrumpft.
Julian Damröse, 28.01.2014
2.
Das sieht mir sehr nach einem Triebwerk aus, als nach dem kompletten Flugzeug :) Die Größenordnung passt doch dann... Außerdem sieht man - wenn man nochmal hin schaut - dass der Flügel zur Kamera hin breiter wird.
Werner Meusen, 28.01.2014
3.
Es ist das "ganze" Flugzeug. Der obere Turm fehlt (da wächst der Baum durch), rechts davon das Cockpit mit den Resten der Verglasung. Die scheinbare Verbreiterung der Tragfläche zur Kamera hin ist perspektivisch...
Julian Damröse, 29.01.2014
4.
Tatsächlich, wenn man mal bei Google nach Bildern schaut, sieht man dass es wirklich der ganze Bomber ist.
Sven Seifert, 29.01.2014
5.
http://www.youtube.com/watch?v=BdxhG5QqfNQ
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