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12. Dezember 2007, 16:43 Uhr

Bilder der Globalisierung

Weltreise zu Betonwüsten

So ästhetisch kann Globalisierungskritik sein: In einem neuen Bildband zeigt Fotograf Peter Bialobrzeski, wie rasant sich Großstädte weltweit verändern. Die Bilder von Betonwüsten, Großbaustellen und industrieller Einöde dokumentieren, wie die Welt zusammenrückt - und dabei immer hässlicher wird.

Peter Bialobrzeskis Bilder zeigen keine Orte, an denen man verweilen möchte. Beim Betrachten ist man sogar froh, nicht dort zu sein, sondern nur das Abbild vor sich zu haben - trotzdem oder gerade deshalb fesselt den Betrachter die zweidimensionale Ästhetik der Fotos.

Sie zeigen Großbaustellen von Hochhäusern, verlassene Straßenzüge, brachliegende Industriegebiete - Orte, an denen die rasante Entwicklung und Veränderung deutlich wird, die in Zeiten der Globalisierung weltweit gleichzeitig stattfindet. Es geht um Räume, die ihre ursprüngliche Rolle verlieren, weil die heutige Gesellschaft keinen Platz für sie bietet. "Fabrikanlagen können zu Dienstleistungs- oder Kreativzentren, Slums zu Autobahnkreuzen, Häfen zu Containerparks, Bahnhöfe zu Shopping Malls, Postämter zu Museen transformiert oder schließlich ganz abgebrochen werden", schreibt Michael Glasmeier in der Einleitung des neuen Bildbandes "Lost in Transition".

Der Hamburger Fotograf selbst lässt die Bilder für sich stehen, verzichtet bewusst auf Kommentare oder Ortsangaben. Denn ob die gezeigten Orte in Auckland oder Abu Dhabi, in Oberhausen oder Ostrava liegen, ist im Prinzip egal, in der globalisierten Welt könnte es überall sein. "In einer Zeit, in der verstärkt GPS-Empfänger in Kameras eingebaut werden, habe ich mich zum ersten Mal dazu entschieden, mir die Freiheit zu nehmen, nur anzugeben, dass die Bilder auf 4 Kontinenten, in 14 Ländern und in 28 Städten aufgenommen wurden, ohne den jeweiligen Ort den Fotografien zuzuordnen", schreibt Bialobrzeskis, der 2003 mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet wurde, in seiner Begleitnotiz.

So bleibt dem Betrachter nur das Ratespiel, aus Neonschildern, Reklameaufschriften oder typischen Verkehrsschildern auf den Herkunftsort zu schließen. Doch viel mehr als Bilderrätsel sind die Fotografien, die meist im Halbdunkel der Dämmerung entstanden sind, Dokumente einer sich global immer ähnlicher werdenden, kühlen Großstadtwelt. Menschen sind darauf kaum zu sehen. Die Bilder zeigen den Wandel und sind dabei selbst ein Innehalten, eine Entdeckung der Langsamkeit im unaufhaltsam anziehenden Tempo der architektonischen Großprojekte des 21. Jahrhunderts.

sto

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