Bilder vom Wandel Alles nur Fassade

Bilder vom Wandel: Alles nur Fassade Fotos
Stefan Koppelkamm

Deutsche Einheit zementiert: Auf einer Reise durch den Osten entdeckte der Fotograf Stefan Koppelkamm 1990 Gebäude, die sowohl den Krieg als auch die Bauwut der SED-Oberen überstanden haben. Zehn Jahre später fotografierte er die Häuser noch einmal - ein Vergleich mit unerwarteten Kontrasten. Von

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In der engen Straße hallen die Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. Der Fotograf hat die große Plattenkamera geschultert. Suchend und zugleich fasziniert schweift sein Blick über die üppigen Renaissance-Portale, filigranen Balkonbrüstungen, verspielten Stuckfassaden. Schrifttafeln über den Hauseingängen künden von reger Geschäftstätigkeit im Viertel: "Fahr- und Motorräder, gegründet 1907" steht über einem der Läden, "Schindler's Blumenhallen" über einem anderen oder auch "Vereinsdruckerei und Verlagsanstalt". Auf der Straße jedoch ist niemand zu sehen.

Der Mann hält inne, sucht einen Standplatz fürs Stativ und richtet die Kamera auf den Straßenzug. Dann verschwindet sein Kopf unter dem schwarzen Tuch, und bald schon erkennt er auf der Mattscheibe sein Motiv auf dem Kopf stehend: Bürgerhäuser aus unterschiedlichsten Epochen zwischen Gotik und Gründerzeit. Eine Kleinigkeit aber irritiert den Fotografen - und holt Stefan Koppelkamm in die Gegenwart zurück: Am Straßenrand steht ein Trabant. Görlitz, im Juni 1990.

Für einen Moment fühlt sich der Designer und Fotograf Koppelkamm wie auf einer Zeitreise. Einfach mal 50 Jahre zurück, ins Vorkriegsdeutschland. "So muss es ausgesehen haben", vermutet er.

Wäre es allerdings nach der gerade abgesetzten DDR-Führung gegangen, würde der gebürtige Saarländer in diesem Sommer, 1990, nicht in der Görlitzer Altstadt stehen. Die ganze Altstadt würde nicht mehr stehen.

Die ganz große Lösung

Für das SED-Regime war das Ziel stets klar gewesen: "In historisch kürzester Zeit bis 1990" würde "die Wohnungsfrage als soziale Frage" gelöst. So hatte es Erich Honecker im Juni 1971 auf dem VIII. Parteitag der SED erklärt, kurz nachdem er von seinem Vorgänger Walter Ulbricht den Posten des obersten Parteisekretärs übernommen hatte. Mit einer Sozialpolitik, deren Kernstück ein ehrgeiziges Wohnungsbauprogramm sein sollte, wollte sich der neue Mann an der Spitze profilieren und den Frust in der Bevölkerung mindern.

Neben der Errichtung monströser Neubausiedlungen an den Stadträndern sahen Pläne auch die Modernisierung von Altbauten vor. Soweit noch möglich. In der im östlichsten Winkel der DDR gelegenen Kleinstadt allerdings waren die Altstadtquartiere gegen Ende der achtziger Jahre fast völlig entvölkert, größtenteils unbewohnbar. Die letzten DDR-Planungen sahen den Abriss und eine Neubebauung vor. Doch so weit kam es nicht. Die DDR löste ihr Wohnungsproblem bis 1990 nicht, stattdessen sich selbst auf.

Ein Glücksfall für den Fotografen, der auf einer Tour durch Zittau, Leipzig und die Dresdener Neustadt ein Deutschland entdeckte, das er so nicht kannte. Seine Heimatstadt Saarbrücken war wie viele andere Städte im Zweiten Weltkrieg stark zerstört worden. Der "sogenannte Wiederaufbau war in Wahrheit die zweite Phase der Zerstörung", sagt Koppelkamm. "Unter dem Schlagwort 'Autogerechte Stadt' wurden viele westdeutsche Städte gründlich ruiniert." Von ihrer Geschichte sei nichts übrig geblieben. Anders in Görlitz, Zittau oder Dresden.

80 Jahre bis zum eigenen Bad

Noch ganz fasziniert von seiner Zeitreise muss Koppelkamm Anfang der neunziger Jahre feststellen, dass sich außer ihm offenbar kaum jemand für die Ansichten aus dem unberührten Osten interessiert. Nüchtern betrachtet zeigten seine Fotos graue Fassaden, eingeschlagene Fensterscheiben, zerfetzte Rollos und zugemauerte Hauseingänge. Davor: provisorische Gerüste, die Fußgänger und geparkte Autos vor herabfallenen Ziegeln und Mauerteilen schützen sollten.

Die flächendeckende Verrottung ostdeutscher Altbauten war in den achtziger Jahren unübersehbar. Kaum jemand wollte noch in den grauen Häusern mit den modrigen Eingängen leben, neben denen bei Regen das Wasser aus den zerbrochenen Fallrohren gegen die Hauswand klatschte. In Wohnungen ohne funktionierendes Bad, dafür mit Ofenheizung und feuchten Wänden. Dann lieber in den zwar trostlosen und beengten, dafür zumindest solide ausgestatteten Großwohnanlagen mit "Vollkomfort", wie es im offiziellen DDR-Sprachgebrauch hieß, also Fernwärme und zentraler Warmwasserversorgung.

Für die Sanierung der Altbauten fehlte das Geld - sowohl den Wohnungsgenossenschaften als auch privaten Eigentümern. Praktisch seit Kriegsende waren die staatlich festgesetzten DDR-Mieten unverändert geblieben: zwischen 40 Pfennigen und 1,20 Mark pro Quadratmeter. Für die Rekonstruktion einer Altbauwohnung - etwa in Ost-Berlin - wurden im Schnitt 75.000 Mark veranschlagt. Für den Betrag hätte ein DDR-Bürger rund 80 Jahre Miete zahlen müssen. Um sich für die Reparaturen nicht zu verschulden, schenkten viele Hausbesitzer ihre ruinösen Ruinen lieber dem Staat. Der aber konnte sie auch nicht retten.

Nervenkitzel

Zehn Jahre nach seiner Reise durch den vorkriegsähnlichen Osten nimmt Fotograf Stefan Koppelkamm seine Bilder erneut zur Hand. Was mag aus den alten Fassaden geworden sein? Er fährt noch einmal in die Dresdener Neustadt. Die Gebäude wiederzufinden, fällt ihm nicht schwer: "Die Adressen hatte ich mir notiert, und aus irgendeiner Pedanterie heraus sogar die Brennweiten." Mit dem alten Foto in der Hand ermittelt er schnell den alten Standort.

Doch schon nach der ersten Station will er die Tour am liebsten abbrechen: Die Häuser sind mittlerweile saniert. "Ganz normal, fast schon trivial", findet der Designer. "Der Thrill der ersten Reise war verflogen."

Daheim legt Koppelkamm seine Ausbeute nebeneinander, alt zu neu. Und ist dann doch von dem überrascht, was er vor sich hat. Zittau fällt ihm besonders auf: Der Fotograf erinnert sich an die schmale Gasse, durch die er im Juni 1990 gelaufen war. Plötzlich hatte er auf einem menschenleeren Platz gestanden - darauf thronte ein riesiges Gebäude "wie eine Pyramide". An dem unverputzten Giebel ließen sich fast 500 Jahre Geschichte ablesen: acht Stockwerke - und fast kein Fenster wie das andere. Mehrmals war das Haus, das mal als Salzkammer, mal als Lager und mal als Pferdestall gedient hatte, erweitert worden. Der barocke Aufsatz Mitte des 18. Jahrhunderts hatte dem Dach ein ganz neues Profil gegeben. Und nun?

Wieder allein

Nun war der Giebel komplett verputzt - verschwunden auch die markanten Natursteine, die die Ecken des Unterbaus begrenzten, alle Fenster jetzt gleich groß. In dem Haus: eine Shopping-Mall.

Koppelkamm hatte etwas festgehalten, das nun unwiederbringlich verschwunden war.

In Berlin-Hellersdorf kann er erst gar kein zweites Bild machen. Die Brache, auf der er 1990 stand, ist nun bebaut. Ein neues Haus versperrt die Sicht. Ansonsten wird er angenehm überrascht: Bis auf ein altes Fachwerkhaus in Halberstadt haben es alle seine Motive ins neue Jahrzehnt geschafft, einige wenige noch immer unberührt.

Als Koppelkamm im September 2001 wieder in Görlitz steht, spricht ihn ein Mann an: "Hier können Sie jede Woche in eine neue Wohnung ziehen. Steht doch alles leer!" Es klingt verbittert. Die Häuser sind saniert. Doch wie schon 1990 ist der Fotograf wieder fast allein auf der Straße. Viele Görlitzer haben ihre Stadt auf der Suche nach Arbeit verlassen. Diesmal endgültig.

Zum Weiterlesen:

Stefan Koppelkamm: "Ortszeit - Local Time". Edition Axel Menges, Stuttgart/London 2006, 224 Seiten.

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1.
torsten steinbeck 27.09.2010
Das ist ein sehr schöner Bildbeitrag der mal eines gesagt sein lassen will: Die blühenden Landschaften, die Kohl prophezeite, sind längst Wirklichkeit! Mich kotzen deshalb diese Jammerer aus der Ex-DDR extrem an, die diese Wirklichkeit negieren und so tun, als ob es in diesem unnatürlichen sowjetischen Vasallenstaat eine Zukunft gegeben hätte! Ich darf das sagen, denn ich stamme aus dem Magdeburger Raum, habe die DDR aber immer verachtet. Natürlich hat das nichts damit zu tun, dass das Gesellschaftssystem der heutigen Zeit befriedigend ist und nicht bestimmte Strukturen in der DDR durchaus erstrebenswert, aber die grundsätzliche Infragestellung der enormen Aufbauleistung durch westdeutsche Gelder, die nicht im Ansatz jemals von der DDR hätten selbst erwirtschaftet werden können, kann nur mit der Bitterkeit derer erklärt werden, die mit der Einheit an gesellschaftlicher Stellung und materiell verloren haben. Derer gibt es nicht wenige und davon habe ich selber einige in der Familie und es ist aussichtlos gegen diesen Altersstarrsinn mit Argumenten anzugehen. Die Betroffenen versuchen sich immer an den wenigen Oasen der Wettbewerbsfähigkeit in der DDR festzuklammern, wie den FCKW freien Kühlschrank oder Maschinenbaufirmen, die vom Westen unnötig platt gemacht wurden. Natürlich sind die heutigen Probleme der fehlenden Industrie in Mitteldeutschland durch die katastrophale Politik der Treuhand und der damaligen Regierung verschuldet worden, die das kapitalistische Raubtier nicht an die Leine genommen haben. Aber mal ehrlich, die Menge Geld die seit 20 Jahren in die Mitte Deutschlands geflossen ist, hätte die Wirtschaftskraft der Ex-DDR nie und nimmer hergegeben! Es ist halt einfach ein grundsätzliches Problem, der Sozialismus zerstört die Häuser und der Kapitalismus die Menschen. Da man beides braucht, kann kein System auf Dauer allein überleben ohne sich dem anderen anzunähern. Diese Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen und wird es vielleicht nie, da es ein ständiges Ringen beider Seiten um die Vorherrschaft ist. Deutschland befindet sich seit 1945 auf einem langen Weg der Regenerierung, ein Weg voller Opfer. Und um zur Ausgangssituation dieses Berichtes zurück zu kommen, der verloren geglaubte Teil Deutschlands ist wiederbelebt, er ist wieder erblüht, und das kann niemand anzweifeln der offenen Auges egal in welche Stadt reist. Die Bilder des Autors sind nur winzig kleine Ausschnitte der Gesamtentwicklung. Bei all dem materiellen Wiederaufbau darf aber der Mensch nicht vergessen werden und der gerät zunehmend ins Hintertreffen, darf sich zwar an der Schönheit der neuen Häuser erfreuen aber kann es sich nicht mehr leisten darin zu wohnen. Die Frage wird sein, wo wir in 20 Jahren stehen.
2.
Tobias Höpfner 27.09.2010
Hallo. Zum letzten Bild, der Tankstelle an der Merseburger Straße. Die Tankstelle selbst steht unter Denkmalschutz und darf daher architektonisch nicht verändert werden. Ansonsten ein sehr schöner Beitrag. Wie schlimm es damals im Osten wirklich aussah, daran kann ich mich kaum noch erinnern.
3.
Siegfried Wittenburg 27.09.2010
"Wie schlimm es damals im Osten wirklich aussah, daran kann ich mich kaum noch erinnern." Mich interessiert sehr, aus welchen möglichen Gründen die Erinnerungen so gut wie ausgelöscht sind. Warum ist das so?
4.
torsten steinbeck 27.09.2010
Meinen Sie diese Frage Ernst Herr Wittenburg? Sie wissen doch, dass das menschliche Gehirn die Angewohnheit hat Erinnerungen zu schönen und negative Bilder weich zu zeichnen oder ganz zu löschen. Sie finden dazu im Netz genügend Material in der Psychoecke, Bücher dazu gibt es sicher auch.
5.
Martin Schreiber 27.09.2010
War klar das hier Schlüsse gezogen werden die mit der Realität wenig zu tun haben. Nehmen wir das gezeigte Zittau: geht man an dem Salzhaus vorbei kommt man an eine weite Brachfläche mitten in der Innenstadt. Dort stand bis in die 90er ein großes Barockhaus mit riesigem Innenhof. Außerdem fehlen weitere 5-8 Häuser. Man wollte diese Ecke bebauen, aber man findet keine Investoren da die Stadt zu arm ist und schrumpft. Geht man an der Brache vorbei folgt eine Straße deren Geschäfte zu ca. 1/3 leer stehen. Die Parallelstraße dazu ist in den letzten Jahren desöfteren halbseitig gesperrt gewesen da große Teile von Häusern einzustürzen drohten. Die Stadt hat diese Barockhäuser dann weggerissen. Geht man von dieser Straße nach Westen folgt eine Straße auf deren einer Seite 4 oder 5 Häuser fehlen, alle nach der Wende wegen Einsturzgefahr weggerissen. Danach kommt man zur sogenannten Uhreninsel. Dort hat man vor ca. 10 Jahren ein Ensemble aus Renaissance- Barock und einfachen klassizistischen Häusern weggerissen, so das die Straße als solche gar nicht mehr erkennbar ist sondern nun ein weiter Platz voller Unkraut und Verwilderung sichtbar ist. Und warum ist das so? Weil die Stadt in 20 Jahren von 39.000 auf 22.000 Einwohner geschrumpft ist. Die Stadt ist heute kleiner als in der Gründerzeit, sie ist quasi vorindustriell. Also hört mir auf mit blühenden Landschaften. Schrumpfende Städte mit verfallender Innenstadt sind einfach nur deprimierend, und die gezeigten Bilder sind alles andere als repräsentativ. Es sind eher potemkinsche Dörfer.
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