Bilder von Malick Sidibé Der Afrika-Fotograf

In den Sechzigern war Afrika im Aufbruch und voller Hoffnung. Malick Sidibé aus Mali fotografierte die Tanz- und Clubszene, stolze Musiker, Straßenschönheiten. Heute zeigen die besten Museen der Welt seine Bilder.

Malick Sidibe/ Gallery FIFTY ONE

Er saß im schattigen Innenhof einer dieser staubigen Straßen von Bamako und trug das weiße Gewand, in dem er sich so wohl fühlte. Gegenüber kochte eine seiner vier Frauen, die hier alle friedlich nebeneinander wohnten, Fufu, den beliebten Brei mit Maniok und Kochbananen. Ein paar Hühner gackerten, die tropische Sonne brannte unbarmherzig.

Malick Sidibé hatte für den Gast aus Deutschland eine kleine Trophäensammlung aufgebaut: den Goldenen Löwen, den er 2007 auf der 52. Biennale in Venedig für sein Lebenswerk bekam; den Hasselblad-Fotografiepreis, einen World Press Photo Award. Daneben lehnte sein Gehstock.

"Ich bin müde, mein Freund, erzähl mir was vom Leben da draußen", bat er, "nur ein paar Stunden am Tag bin ich noch wach." Er spüre den Tod kommen. Er kannte die Krebsdiagnose. Das war vor einigen Jahren. Viel Besuch bekam Malick Sidibé nicht mehr.

Malick Sidibé (2006)
AFP

Malick Sidibé (2006)

In Mali, seinem geliebten Heimatland, tobte Bürgerkrieg. Im Norden - in Timbuktu, Stadt der Schriften, ebenso im als Schmugglernest verrufenen Kidal - hatten islamische Banden ein schreckliches Scharia-System errichtet. Hier hackten sie Dieben die Hände ab und peitschten Frauen aus, die angeblich gegen den muslimischen Kodex verstoßen hatten.

Auch im Süden, in der Hauptstadt Bamako, stockte das Leben. Korrupte Präsidenten und eine wütende Soldateska schienen der Stadt den Atem genommen zu haben. Endzeitstimmung hatte sich breitgemacht.

Viel war nicht mehr zu spüren vom Swing der Sechzigerjahre, der Mali nach der Unabhängigkeit so verzaubert hatte. Der wichtigste Chronist war wohl Malick Sidibé - der Mann mit der Kamera. "Es waren tolle Jahre, die Welt drehte sich wie in einem Karussell", sagte er, als wir die Bilder sichteten, die er am Kilimandscharo zeigen wollte. Es sollte unser letztes Treffen werden.

Eine Welt im Aufbruch

In Pappordnern hatte er Bild für Bild gesammelt: Aufnahmen vom unbeschwerten Leben, ausnahmslos schwarz-weiß. Tanzende Paare. Coole Jungs auf Motorrollern. Sonnenbrillendandys. Frauen mit Afrolook. Combos von Musikern mit ihren Instrumenten.

Es war eine Welt im Aufbruch - damals noch. Reihenweise zogen die europäischen Kolonialmächte in dieser Zeit aus dem Kontinent ab, den sie so lange ausgeplündert hatten. Staat um Staat warf das Joch ab, Afrika wirkte nun stolz, aufstrebend, voller Hoffnung. Die Menschen spürten die neue Freiheit und waren entschlossen, sie zu nutzen.

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Fotograf Malick Sidibé: Bilder von Afrikas Aufbruch

Zugleich spaltete der Kalte Krieg die Welt, die USA und die Sowjetunion buhlten und rangen um die Sympathien der neuen Staaten. Aus früheren Freiheitskämpfern wurden vielfach Diktatoren, dagegen putschten Militärs - und eine weitere Tyrannei inklusive erheblicher Korruption begann. Oft waren nach ein, zwei Jahrzehnten alle Träume geplatzt.

So auch in Sidibés Heimat: Mali entrann bereits 1960 der Kolonialmacht Frankreich, wurde dann zum Einparteienstaat nach sozialistischem Muster, Soldaten putschten, Moussa Traoré regierte mit einer Militärjunta von 1968 bis 1991. Ein Polizeistaat. Passé waren die Hoffnungen der Menschen in Mali.

"Die Musik brach Barrieren"

"Sidibé hat die malische Gesellschaft portraitiert, als sie gerade mitten in ihrer Transformation war, zwischen den Fünfziger- und späten Siebzigerjahren", schreibt die italienische Autorin und Kuratorin Laura Serani. "In den Nachwehen der malischen Unabhängigkeit in den Sechzigerjahren spürten die jungen Menschen, dass sie Teil eines epochalen Moments und einer panafrikanischen Bewegung waren. In Afrika blies der Wind der Freiheit. Die Nächte wurden länger mit amerikanischen und kubanischen Rhythmen, und diese Musik brach Barrieren."

Viele Aufnahmen entstanden in der für ihren Mali-Blues berühmten Clubszene Bamakos, in der man die Nächte durchfeierte. Und andere bei Malick Sidibé im Studio, einem kleinen Laden in der Innenstadt. Dort verkaufen heute seine Söhne signierte Bilder des berühmten Vaters, eine imposante Sammlung alter Kameras ziert die Regale.

1952 war Malick Sidibé nach Bamako gezogen. Da war er 16 oder 17 Jahre alt, wie viele Afrikaner kannte er sein Geburtsdatum nicht. Sidibé stammte aus dem Dorf Soloba, rund 300 Kilometer von der großen Stadt am Niger entfernt. In seiner Kindheit hütete er Tiere.

Bildung als Glücksfall

Doch hatte Malick Sidibé das Glück, vom Dorfältesten für die Schule ausgewählt zu werden. So kam er mit acht Jahren als erstes Kind seiner Familie mit Bildung in Berührung, entdeckte die Liebe zur Kunst. Sidibé, auf einem Auge blind, begann zu malen, anfangs mit Kohle, seine ersten Motive waren Tiere und Bäume: "Das waren die ersten Dinge, die ich sah."

So wurde er eine Art Schulmaler, gestaltete Plakate für Feste, gewann sogar einen Preis für seine Arbeiten - zwei Bildbände, einer davon mit Werken des französischen Malers Eugène Delacroix. Sein Talent blieb nicht unbemerkt. Er wurde ans "Institut National des Arts de Bamako", die nationale Kunstschule, in die Hauptstadt berufen.

Trailer: Doku "Dolce Vita Africana" über Malick Sidibé

Dort lernte er Gérard Guillat-Guignard kennen. Der französische Fotograf machte Sidibé zu seinem Assistenten, der anfangs bloß die Kasse bediente und Kamera-Equipment verkaufte. Die Fotografie lehrte der Franzose seinen jungen malischen Mitarbeiter nicht, doch der beobachtete seinen Arbeitgeber aufmerksam und lernte.

So kam alles ins Rollen, so wurde schließlich aus einem Viehhirten vom Dorf ein weltweit anerkannter Fotograf.

Idol junger Fotografen

"Irgendwann kaufte ich mir meine eigene Kamera", erzählte Malick Sidibé im Schatten seines Hauses, "ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: eine Brownie Flash, so ein Kasten von Kodak, mit einer ganz einfachen Optik. Mit der rannte ich durch die Gegend und hielt drauf, wenn ich etwas sah, das mich faszinierte. Kurz darauf konnte ich mich schon selbstständig machen und mein eigenes Studio eröffnen. Es gab ja damals kaum Fotografen in Bamako. Manchmal rannten die Leute mir die Bude ein. Ständig baten mich die Leute, zu Tanzveranstaltungen zu kommen und zu fotografieren."

Jahrzehntelang blieb Malick Sidibés Wirken über Malis Grenzen hinaus nahezu unbekannt. Erst die französische Fotografin Françoise Huguier sorgte in den Neunzigerjahren dafür, dass seine Bilder Beachtung fanden, zunächst in Europa, später weltweit. Sie schafften es sogar ins Museum of Modern Art in New York oder ins J. Paul Getty Museum in Los Angeles.

Längst ist Sidibé zum Idol einer jungen Fotografengeneration geworden. "Malick Sidibé vermählt flüchtige Momente des Glücks und der Würde. Er lädt ein", sagt der deutsche Fotograf und Künstler Wolf Böwig. "Seine Fotografien führen auf die Straßen seiner Heimat. Sie führen ans Licht des Kontinents und uns in den Kanon der Menschheit."

Im April 2016 starb Malick Sidibé in seiner Stadt Bamako. Seine Bilder sind unsterblich.

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Seite 1
Alexander Maassen, 17.01.2017
1. Eine Bitte an den Bilduntertexter:
Ihre Übersetzungen, bzw. Transskriptionen von Bildunterschriften könnten gerne besser sein. "Le technicien" ist mit "Ein Mitarbeiter" nicht richtig wiedergegeben. Und "chaussures" ist etwas anderes als "chasseur" ...
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