Bilderfund Das Rätsel des Nazi-Fotoalbums

Bilderfund: Das Rätsel des Nazi-Fotoalbums Fotos
Privatkollektion via "New York Times"

Soldaten, gefangene Juden, zerbombte Städte - und Hitler hautnah: Ein privates Fotoalbum, aufgetaucht in New York, enthält außergewöhnliche Fotos von der Ostfront. Die "New York Times" und einestages zeigen die Bilder weltexklusiv - und rufen zur Suche nach dem Fotografen auf. Von Marc Pitzke, New York

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Auf den ersten Blick wirkt es wie ein ganz gewöhnliches Fotoalbum: Bemerkenswert gut erhalten für sein Alter, in dunkelgrauem Leder gebunden, mit einer am Ende ausgefransten Seidenkordel. Die Seiten sind aus stabilem Kartonpapier. Pergamin schützt, wie früher üblich, die Bilder vor dem Zahn der Zeit.

Es sind diese Schwarzweißbilder jedoch, offensichtlich aus dem zweiten Weltkrieg, die schnell erahnen lassen, dass es sich hierbei nicht um ein ordinäres Familienalbum handelt.

Die ersten Seiten zeigen Wehrmachtssoldaten, sie posieren leger vor Autobussen, packen ihre Ausrüstung, einer rasiert sich im Rückspiegel. Es folgen: Fotos aus Danzig, ein Stammtisch, die Ruinen des zerbombten Minsk, Gefangene mit Judenstern, Königsberg, ein Selbstbildnis des Fotografen in Uniform, Privatporträts einer Frau - und dann plötzlich etliche Seiten, darauf Hitler aus allernächster Nähe, wie er an einem Bahnhof einen uniformierten Gast begrüßt.

Wer ist der Fotograf?

So geht es weiter - eine scheinbar wahllose Mischung aus historischen und soldatischen Szenen, vermischt mit privatem Idyll. Den Schluss bildet ein Spaziergang durch München mit besagter Frau, womöglich die Freundin, Geliebte oder Schwester des Fotografen.


Wissen Sie etwas über die Bilder oder ihren Fotografen? Hier können Sie weitere Fotos sehen und zu jedem einzelnen Bild ihre Hinweise vermerken!

Wer dieser Fotograf aber ist, das bleibt ein Rätsel. Weder das Album noch die Fotos tragen irgendeine Beschriftung. Mit einer Ausnahme: Ein Foto hat sich vom Papier gelöst, ein Gruppenbild elf deutscher Soldaten. Auf die Rückseite ist mit Bleistift gekritzelt: "Bregenz, 1.1.1942", darunter zehn kaum leserliche Namen. Es ist der einzige persönliche Hinweis.

Selbst der Besitzer des Albums - ein Geschäftsmann aus der US-Modebranche, der anonym bleiben möchte - hat seine Herkunft bislang nicht entschlüssen können. "Der Fotograf musste im innersten Zirkel verkehrt sein", sagt der 72-Jährige einestages mit Hinweis auf die Aufnahmen von Hitler. Er habe das Album von einem Bekannten bekommen, zum Ausgleich einer Geldschuld. Dieser habe als Gärtner für einen alten Exildeutschen in New Jersey gearbeitet, dessen Namen er aber nicht kenne. Beide Herren seien verstorben.

Propagandafahrt gen Osten

Um den Wert des Albums zu eruieren, hat der Geschäftsmann es leihweise der "New York Times" überlassen. Die wiederum bat einestages um Mithilfe. Deshalb veröffentlichen "NYT" - auf ihrem Fotoblog "Lens" - und einestages nun zeitgleich eine weltexklusive Auswahl der insgesamt 210 Fotos in dem Album. Gemeinsam bitten wir unsere Leser, als Detektive mitzuforschen: Wer kann darauf Personen, Orte oder Situationen identifizieren?

Fest steht: Die Spannweite und somit die historische Bedeutung der Fotos ist einzigartig - von Hitler über Hitlers Opfer bis zu intimen Privatsituationen eines Wehrmachtssoldaten. Selten findet sich ein solches Spektrum an einer einzigen Stelle zugleich dokumentiert. Viele Bilder stammen offenbar aus der Zeit des "Unternehmens Barbarossa", dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941, der sich an diesem Mittwoch zum 70. Mal jährt.


Hitler gegen Stalin: Bruder Todfeind

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Ein wichtiges Indiz - und das offensichtlichste - ist die Aufschrift der Autobusse am Anfang des Albums: "Reichs-Autozug 'Deutschland'". Der Reichsautozug "Deutschland" gehörte zur Reichspropagandaleitung der NSDAP. Diese Kolonne aus Kraftomnibussen, damals der weltgrößte Autozug, fuhr durchs Deutsche Reich, um NSDAP-Veranstaltungen vorzubereiten, zu organisieren und flankieren, auch mit einer mobilen Fernmeldezentrale, die die Reden von NS-Funktionären im Rundfunk übertrug.

Minsk in Trümmern

Die meisten Fotos folgen offenbar einer Reise dieser Kolonne an die Ostfront. Eindeutig erkennbar sind Motive in Gdansk (Danzig), Minsk, Kaliningrad (Königsberg), Malbork (Marienburg) sowie eine Kirche, die sich bei etwas Nachforschung als die orthodoxe Kathedrale von Barysaw (Borisov) entpuppt.

Auf einen der Busse sind Etappen der Route gepinselt: "Smolensk-Minsk-Berlin-München." Auf einem Foto hängt an der Wand ein Busfahrplan mit den kaum lesbaren Namen Wehlau und Schirrau - zwei Orte im damaligen Ostpreußen, heute Snamensk und Dalneje.

Kämpfe selbst sind nicht zu sehen. Die Kolonne fuhr der Front hinterher: Eine Reihe Fotos zeigt Minsk als Trümmerfeld, aus dem die Türme der Kathedrale der Heiligen Jungfrau Maria herausragen. Die Bilder mussten also nach dem 9. Juli 1941 entstanden sein, dem Ende der Kesselschlacht um Minsk. Ähnliche Aufnahmen gibt es im Koblenzer Bundesarchiv.

Unmittelbar vor den Aufnahmen aus dem zerbombten Minsk taucht ein Soldatenfriedhof auf. Die Grabkreuze tragen deutsche Namen, samt Dienstgraden: "Ogefr. Gust. Dumke", "Flieg. Fried. Gebhardt", "Kf. Kurt Henze", "Gefr. Bernh. Klaßen", "Uffz. Albert Mann", "Schtz. Fritz Wagner", "Uffz. Albert Zimmer".

Hitler hautnah

Die Bilder strahlen einen auffallenden Gleichmut aus, wenn nicht sogar Unbedarftheit. Sie scheinen vor der Schlacht von Stalingrad entstanden zu sein, die im September 1942 begann - dem schicksalhaften Wendepunkt des deutschen Russlandfeldzugs.

Das Album scheint ansonsten aber keiner Ordnung zu folgen, weder chronologisch noch geografisch. Auch passen einige Lokalitäten nicht in die Ostfront-Tour, etwa Aufnahmen der Gebirgsmotorsportschule "General Ritter von Epp" in Kochel am See. Andere Fotos zeigen das Voralpenland. Dazwischen: das Soldaten-Gruppenbild im österreichischen Bregenz - sowie die Bilder mit Hitler, neun an der Zahl.

Letztere sind schnell zu platzieren: Der uniformierte Gast Hitlers ist Admiral Miklos Horthy, der Regent Ungarns. Die Fotos zeigen die beiden bei ihrem Treffen am 7. September 1941 in der Wolfsschanze, dem Lagezentrum Hitlers im damaligen Ostpreußen. Ein Foto von der gleichen Szene, dessen Fotograf nur wenige Meter vom Fotografen des Albums stand, erschien einst im US-Magazin "Life".

Fronttouristen mit Kamera

Die Identität des Fotografen bleibt jedoch ein Mysterium. Wegen seiner Nähe zu prominenten Ereignissen und des Umfelds des Autozugs dürfte er ein Mitglied der Propagandakompanie der Wehrmacht gewesen sein. Einige Bilder zeigten ihn im Selbstporträt, andere in einem Lazarett, ein blonder, junger Mann von einer Krankheit oder Verletzung genesend. Auf einem Foto hält er lächelnd sein Krankenblatt in die Kamera, es ist aber nicht zu entziffern.

"Dieses Album unterscheidet sich dank der Qualität der Fotos von den meisten anderen", sagt Judith Cohen, die Chefin der Fotoabteilung des United States Holocaust Memorial Museums, der "NYT". "Der Fotograf war mit Sicherheit ein Profi und wusste, was er tat."

"Obwohl einige Fotos klar propagandistisch sind, sind die meisten Fotos von Natur aus typischer 'Fronttourismus'", ergänzt Daniel Uziel von der Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem. So seien die Porträts der Gefangenen offensichtlich "gemäß offizieller Vorschriften entstanden", wie sie die Wehrmacht und das Propagandaministerium verlangten - Einzelaufnahmen, im Hochformat.

Können Sie helfen?

Ein weiterer Hinweis darauf: Eines der Bilder existiert in identischer Kopie auch in der Fotosammlung von Jad Vaschem, im Steven Spielberg Jewish Film Archive. Das Foto einer Gruppe Gefangener stammt demnach aus einem Lager in Minsk im Jahr 1941, bei den Häftlingen handelt es sich um Rotarmisten.

"NYT"-Redakteur David Dunlap fand bei seinen Recherchen noch andere spannende Indizien. Experten wiesen darauf hin, dass die Fotos auf zwei Papiersorten gedruckt sind (Agfa Brovira und Leonar), was darauf hindeuten könnte, dass sie aus unterschiedlichen Quellen zusammengewürfelt wurden, ohne Rücksicht auf ihre inhaltliche oder zeitliche Abfolge.

Am rätselhaftesten sind die privaten Schnappschüsse aus Bayern. Auf ihnen ist der Fotograf in Zivil zu sehen, seine Begleiterin trägt einen Pelzmantel, zwei Bilder zeigen außerdem eine ältere Dame. Außer in München - der Promenadeplatz und die Staatsoper sind zweifellos erkennbar - entstanden sie in einer kleineren Altstadt, an einem See und auf einer Aussichtsterrasse mit Fernblick über die Berge.

Erkennen Sie Personen oder Ortschaften auf einem der Fotos? Wissen Sie, wer Sie gemacht haben könnte? Haben Sie andere Anhaltspunkte? Hier können Sie weitere Fotos sehen und zu jedem einzelnen Bild ihre Hinweise vermerken!

Hier geht's zum Fotoblog "Lens" der "New York Times", der die Bilder parallel zu einestages veröffentlicht.

Zum Weiterlesen:

Bilderfund: Geheimnis des Nazi-Fotoalbums gelüftet

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1.
Bodo Kälberer 21.06.2011
Es wundert mich, dass die Schrift der Namen als "unleserlich" bezeichnet wird. Das sieht doch top aus! Ich kann zwar nur die Hälfte lesen, aber jeder über 70 sollte das ohne Stocken vorlesen können.
2.
Christian Ramb 21.06.2011
Die Namen sind doch relativ gut lesbar? Kussian, Plassing, Tantel(?), Schidl, Rigolli, Vesely, Schmal, Sedlauk, Frank. Einfach mal n Archivar fragen, die lesen sowas ohne Probleme.
3.
Gebhard Rehm 21.06.2011
Ich finde die Namen auf dem fünften Foto eigentlich einigermaßen (wenngleich nicht alle Buchstaben eindeutig sind) leserlich. Ich würde sie wie folgt lesen Kussian (?) Plassing Zankl Schedl Rizzoli Vesely Gamm (?) Schwab Sedlacek Frank. Vielleicht kann sie aber auch jemand besser lesen als ich zumal jemand aus der älteren Generation vielleicht eher mit dieser Schriftweise vertraut ist als ich.
4.
Stefan Geissler 21.06.2011
Meines Erachtens handel es sich bei dem auf dem rückseitig beschrifteten Foto ganz rechts stehenden Wehrmachtssoldaten um den Maler Franz Sedlacek. Auch vom Bild her kommt das hin. mfg
5.
Volker Eichmann 21.06.2011
Zum auf Bild 19 rechts erkennbaren Salonwagen mit der Nummer 10 252 steht hier mehr: http://www.drg-salonwagen.eu/salonwagen/salber38a.html
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