Bilderfund Geheimnis des Nazi-Fotoalbums gelüftet

Erfolgreiche Geschichtsdetektive: Am Dienstag veröffentlichten die "New York Times" und einestages außergewöhnliche Bilder von der Ostfront im Zweiten Weltkrieg - und baten die einestages-Leser um Mithilfe bei der Suche nach dem unbekannten Fotografen. Nun ist das Rätsel gelöst.

Von , New York

Privatkollektion via "New York Times"

Es ist ein beklemmendes Dokument deutscher Zeitgeschichte. Ein mysteriöses Fotoalbum, aufgetaucht in New York, mit Szenen aus dem Zweiten Weltkrieg: Soldaten im Schockzustand, gefangene Juden, zerbombte Städte - und mittendrin Hitler. Gestochen scharf und aus nächster Nähe dokumentierte der Fotograf die Gräuel an der Ostfront 1941, gesprenkelt mit idyllischen Privataufnahmen einer jungen Frau.

Doch die Herkunft des Albums - das über Umwege in den Besitz eines Geschäftsmanns aus New Jersey gelangt ist - blieb bisher ein Rätsel. Wer war der Fotograf, ein blonder, lachender Mann, selbst auf einigen Aufnahmen zu sehen? Wer die blonde Frau, die auf vielen der Bilder auftaucht? Wieso hatte er solch direkten Zugang sowohl zu Hitler wie zu seinen Opfern? Und wer stellte die Bilder zusammen?

"Lens", das Fotoblog der "New York Times", und einestages veröffentlichten deshalb einen Teil der 210 Fotos aus dem Album am Dienstag zeitgleich - mit der Bitte an unsere Leser, bei der Lösung des Geheimnisses mitzuforschen.

Diese brauchten nur Stunden, um das größte Mysterium zu lüften - die Identität des Lichtbildners. Die enthüllte wiederum eine persönliche Tragödie hinter dem Album: Der Fotograf, der den Horror erst so distanziert abbildete, wurde später selbst Opfer der Schrecken des Krieges - sie sollten die private Idylle zerstören.

Vom Festpielfotografen zum Kriegsberichterstatter

"Der Fotograf der Bilder oder zumindest eines Großteils von ihnen ist Franz Krieger", schreibt die Historikerin Harriet Scharnberg, eine Expertin für NS-Propagandafotografie, die an der Recherche für die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung beteiligt war. Der Österreicher Krieger galt als "Doyen der Salzburger Pressefotografen".

Peter Kramml, Amtsleiter des Salzburger Stadtarchivs und Co-Autor eines Buchs über Krieger, bestätigt diese Angaben. Vergleiche mit anderen Fotos Kriegers aus jener Zeit lassen keinen Zweifel: Er ist der Mann, der inmitten des Krieges in die Kamera lächelt.

Die Geschichte Kriegers ist so faszinierend wie seine Bilder. 1914 geboren, lebte er als Pressefotograf in Salzburg. In den dreißiger Jahren machte er sich mit Aufnahmen von den dortigen Festspielen und von deutschen Filmgrößen der damaligen Zeit einen Namen: Marlene Dietrich, Hans Albers, Emil Jannings.

Im Sommer 1941 wurde er als Kriegsberichterstatter zum Reichsautozug "Deutschland" abkommandiert, einem Tross der NSDAP-Propagandakompanie, der auch auf den Bildern abgebildet ist. Krieger zog mit der Kolonne bis ins mittlerweile zerstörte Minsk, wo er Kriegsgefangene und das Ghetto fotografierte. Auf dem Rückweg nach Berlin dokumentierte er das Treffen Hitlers mit Admiral Miklos Horthy, dem Regenten Ungarns, am Bahnhof Marienburg, im September 1941.

Wer war die blonde Frau?

Kriegers Zeit als Frontfotograf dauerte demnach jedoch nur vier Wochen, vom 23. August bis 20. September 1941. Auch war er, wie er später beteuerte, nur kurz SS-Mitglied.

Kramml berichtet ferner, Krieger habe anschließend als einfacher Soldat gedient, als Pkw-Fahrer, ausgebildet in Bregenz - auch der Ort eines signierten Gruppenfotos von Wehrmachtssoldaten in dem Album. Ab August 1942 sei Krieger als Nachschubfahrer in Polen und Russland gewesen, sei dort aber an Gelbsucht erkrankt und mit einem Lazarettzug nach Deutschland zurückgekehrt - andernfalls wäre er vermutlich im Kessel von Stalingrad gefallen.

Diese Biografie deckt sich mit den Fotos - nicht zuletzt auch mit den Lazarettaufnahmen, auf denen Krieger selbst erkennbar ist. Viele der Bilder, so stellt sich heraus, wurden bereits in Krammls Buch veröffentlicht. Einige Leser identifizierten sogar die teure Profikamera Kriegers - eine Zeiss Contax II 35mm.

Doch das Album birgt auch noch eine andere, tragische Geschichte - der Krieg zerstörte das private Glück des Fotografen.

Denn die lachende Dame auf den harmonischen, undatierten Privataufnahmen, die zwischen den offiziellen Bildern des Albums auftauchen, ist Kriegers Ehefrau Frieda. Sie und Heidrun, ihre zweijährige Tochter, kamen am 17. November 1944 im US-Bombenhagel in Salzburg um.

Krieger selbst überlebte den Zweiten Weltkrieg. Als er 1993 im Alter von 79 Jahren in Salzburg starb, hinterließ er dem Stadtarchiv einen enormen Fotofundus aus rund 35.000 Negativen.

Einziges Bild der letzten Ruhestätte

Trotzdem bleiben Fragen: So wundert sich einestages-Leser Manfred Schank, wie das Album in die USA gekommen ist. Kramml hat eine Mutmaßung: Krieger habe seiner Familie gesagt, dass seine Mutter etliche seiner Fotos während des Kriegs nach Bayern geschafft habe, womöglich um sie zu verstecken. Sie seien nach Kriegsende verschollen. "Vielleicht hat sie ein US-Soldat nach Amerika gebracht."

Die Leser von einestages und "Lens" forschten auch nach anderen Soldaten, die auf den Fotos abgebildet sind, persönlich oder namentlich. Große Aufmerksamkeit fand dabei das Bild eines deutschen Soldatenfriedhofs mit Holzkreuzen und Namen, offenbar in Minsk oder Umgebung. "Die deutschen Soldaten, deren Namen auf dem Bild zu sehen sind, starben im August 1941", glaubt Kramml.

Eine Online-Recherche beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bestätigt diese Annahme. Alle Männer, deren Namen auf den Kreuzen stehen, kamen binnen weniger Tage in Minsk um: Gustav Dumke (†20. August 1941), Friedrich Gebhardt (†14. August 1941), Kurt Henze (†19. August 1941), Bernhard Klaßen (†19. August 1941), Albert Mann (†21. August 1941), Fritz Wagner (†10. August 1941), Albert Zimmer (†28. August 1941).

Keiner dieser Soldaten ist nach Angaben des Volksbundes seither auf einen deutschen Soldatenfriedhof umgebettet worden. Man bemühe sich aber weiter um eine Rückführung. Das Foto Kriegers dürfte also das einzige Bild sein, das den Hinterbliebenen bis heute von der letzten Ruhestätte der Gefallenen bleibt.

Detektivarbeit bis ins Detail

Die Identifizierung des Gruppenbilds vom Neujahrstag 1942, das als einziges auf der Rückseite schwer lesbare Namen trägt, fand ebenfalls großes Interesse. Der ältere Soldat ganz rechts wurde von mehreren Lesern als der deutsch-österreichische Maler Franz Sedlacek identifiziert - zwischen den beiden Weltkriegen einer der bedeutendsten Maler Wiens. Er gelangte nach Stalingrad, Norwegen und Polen und wird seit 1945 vermisst.

Ein weiterer Soldat im Gruppenfoto scheint Franz Rizzoli zu sein, dem Volksbund zufolge ein Obergefreiter: Geboren am 4. November 1915, verschollen am 1. Januar 1943 in Stalingrad - ein Jahr nach Aufnahme des Bilds.

Die Detektivarbeit der Leser ging bis hin zu technischen Details. So erkannten einige einen Wagen des Zuges, aus dem heraus Hitler salutiert, als den Salonberatungswagen "Sal Ber 4ü-38a" - Bestandteil des persönlichen Frontzugs Hitlers, dessen Schlafabteil 1941 als Arbeitsraum für General Alfred Jodl hergerichtet worden war. Jodl war einer der Planer des "Unternehmen Barbarossa", des Angriffs auf die Sowjetunion, hinter dessen Front Krieger hinterherfuhr.

Mehrere Leser entzifferten sogar die Aufschrift an der Wand eines Gasthauses, das auf einem der Fotos zu sehen ist. Es handele sich um einen niederländischen Dialekt, grob übersetzt: "Lieber sturzbetrunken als verdursten."

Hier geht's zum Fotoblog "Lens" der "New York Times", der die Bilder parallel zu einestages veröffentlicht hat. Auch der "Lens"-Blog hat über die Rechercheergebnisse der einestages- und "New York Times"-Leser berichtet.



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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Peter Regen, 22.06.2011
1.
Auch wenn Sie noch hundermal "schwer lesbare Namen" schreiben, so bleiben sie dennoch gut bis sehr gut lesbar.
Thomas Hofrage, 22.06.2011
2.
Ich finde das wirklich beachtlich, wie sich nach so langer Zeit und in so kurzer Zeit so viele "Geheimnisse" lüften lassen.
M. Hahn, 23.06.2011
3.
Dringende Bitte an die Redaktion: Wenn in Zukunft ähnliche Recherchen aufgrund von Fotos geschehen sollen, dann stellen Sie diese bitte in höherer Auflösung zur Verfügung! Es kommt manchmal wirklich sehr auf Details im Bild an, die teilweise bei diesem Projekt nicht erkennbar waren.
Stephan Maaß, 23.06.2011
4.
darf ich hier auch etwas kommetieren? Dann: Interessante Bilder sind das ohne Frage, aber weder spektakulär noch in dieser Art besonders selten. Die Bildunterschriften machen auch den Eindruck, als sei mal fix nach Googlesuche was druntergeschrieben worden.
Robert M. Laue, 23.06.2011
5.
Was für ein haarsträubender Unfug sich zum Teil einschleicht: Der Spiegel schreibt: Es handele sich um einen niederländischen Dialekt, grob übersetzt: "Lieber sturzbetrunken als verdursten." Völliger Unfug...in dem Gasthaus an der Wand steht: "lewer in de nadering versupe als op de heej verdreje"...das ist Danziger Plattdeutsch und der Spruch bedeuted: "Lieber in der (Danziger) Niederung ertrinken, als auf der ( Danziger ) Höhe verhungern" und bezieht sich natürlich aufs Alkoholtrinken....peinlich, holländischer Dialekt und so...das Wissen über die ehemaligen Deutschen Ostgebiete scheint sich wirklich zu verlieren. Das Gasthaus kann eigentlich nur in Danzig gestanden haben!
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