Propaganda-Postkarten im Ersten Weltkrieg Singend in den Tod

Soldaten spielen Akkordeon im Schützengraben, und alle Russen haben ein "finsteres Herz": 1914 stieg die Bildpostkarte zum zentralen Propagandamittel auf. Die Deutschen machten mit - und verschickten zehn Milliarden Exemplare.

Von Rainer Traub und


Deutschland stand plötzlich im Krieg, und sofort brach auf der Zugspitze hektische Betriebsamkeit aus. Am Abend des 1. August 1914 erreichte Otto Glatz auf dem höchsten Punkt Deutschlands ein Anruf, er habe sich bis zum nächsten Vormittag zur Mobilmachung zu melden, und zwar im oberbayerischen Weilheim - stattliche 70 Kilometer und 2400 Höhenmeter von der Zugspitze entfernt.

Glatz nahm die Herausforderung gelassen: "Scho recht, i kimm glei", soll er gebrummelt haben. Dann marschierte er los. Den eigentlich zehn Stunden langen Marsch nach Garmisch legte er angeblich in nur fünf Stunden zurück. Pünktlich um 5 Uhr morgens traf er schließlich in Weilheim ein, von wo er an die Front geschickt wurde.

Dienstbeflissen, zuverlässig, pünktlich: So stellte sich das Kaiserreich seinen idealen Soldaten vor. Deshalb prangte ein Foto von Glatz bald auf etlichen Propaganda-Postkarten, versehen mit der augenzwinkernden Überschrift: "Der 'Höchste' Einberufene des Deutschen Reiches". Daneben der Ausspruch "I kimm glei". Im Begleittext auf der Rückseite dann eine Prise Heldenpathos: Der treue Wanderer sei schon drei Wochen später verwundet worden - und so zeigt das Motiv Glatz mit verbundenem Arm im Krankensaal.

Die SMS des Kaiserreichs

Was von der Anekdote stimmt, lässt sich nicht rekonstruieren. Doch ihre Wirkung dürfte die tausendfach verschickte Karte, noch heute ein beliebtes Sammlerstück, nicht verfehlt haben.

Schon vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatten Postkarten eine entscheidende Rolle bei der Einstimmung der Bevölkerung auf die außenpolitischen Ziele des Wilhelminischen Reichs gespielt. Als schnelles Kommunikationsmittel, das ohne die langatmigen, vom Feudalzeitalter geprägten Brief-Floskeln auskam, war die Postkarte kurz vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 im größten Teil des späteren Deutschen Reichs eingeführt worden. Sie war gewissermaßen die SMS des boomenden Industriezeitalters.

Der Siegeszug der deutschen Truppen befeuerte auch den des neuen Massenmediums. Die Soldaten teilten ihre Euphorie in "Feldpostkarten" der Heimat mit. Schon im zweiten Halbjahr 1870 wurden davon zehn Millionen Exemplare befördert.

Beispielloser Boom

Der Erfolg der Karten in jenem Weltkrieg, der gut vier Jahrzehnte nach dem Sieg über Frankreich folgte, hatte aber eine andere Ursache: Die knappen Grüße und Mitteilungen verwandelten sich in visuelle Botschaften, indem sie mit Fotografien, Kunstreproduktionen und Karikaturen versehen wurden. Wie später das Fernsehen und Internet entwickelten die Karten damit eine emotionale Durchschlagskraft, die den Menschen völlig neu war - und sie begeisterte.

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Postkarten im Ersten Weltkrieg: "Scho recht, i kimm glei"

Selbst die zur gleichen Zeit aufkommende Massenpresse hatte meist noch keine Fotos zu bieten - oder allenfalls solche, die es auf dem groben Zeitungspapier mit der visuellen Qualität von Bildpostkarten nicht aufnehmen konnten. Tourismus, Werbung und Industrie wussten dieses Medium ebenso für ihre Zwecke zu nutzen wie die staatliche Propaganda. So brach ein beispielloser Postkarten-Boom aus.

"Schon 1913 wurden im Deutschen Reich pro Kopf der Bevölkerung 30 Karten verschickt", berichtet Dietrich Helms, Leiter des größten deutschen Archivs für Bildpostkarten an der Universität Osnabrück. "In Berlin wurden sogar elf Mal am Tag die Karten ausgeliefert, beschleunigt noch durch die Erfindung der Rohrpost. Man konnte sich am Vormittag mit Postkarten für den Nachmittag verabreden."

Siegestrunkene Soldaten

In den vier Jahren des Ersten Weltkriegs, so Helms weiter, hielten insgesamt etwa zehn Milliarden Karten den Kontakt zwischen den Soldaten an der Front und der Heimat aufrecht. Die heroischen, pathetischen, manchmal aber auch völlig unpolitischen Motive sollten der zunehmenden Kriegsmüdigkeit entgegenwirken, den Gegner verteufeln - oder einfach vom düsteren Kriegsalltag ablenken.

Tausende dieser Motive hat Sabine Giesbrecht gesammelt. Die Musikwissenschaftlerin ist die Gründerin und einstige Leiterin des Osnabrückers Postkarten-Archivs. Zufällig waren der ausgebildeten Konzertpianistin in den Siebzigerjahren auf einem Berliner Flohmarkt Bildpostkarten aus dem Kaiserreich in die Hände gefallen. Seitdem hat sie das Thema nicht mehr losgelassen.

Fasziniert von einem Medium, das die Geschichtsschreibung bis dahin weitgehend ignoriert hatte, suchte und sammelte Giesbrecht in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter. Sie katalogisierte die Karten und digitalisierte sie. Inzwischen hat sie sogar eine Studie zu einem interessanten Teilaspekt des Themas veröffentlicht ("Musik und Propaganda. Der Erste Weltkrieg im Spiegel deutscher Bildpostkarten"). Demnach habe das Kaiserreich gerne mit Motiven aus dem Bereich der Musik für den Krieg geworben. Postkarten zeigen Soldaten, die fröhlich im Schützengraben Akkordeon spielen oder bei einem Krug Wein Volkslieder auf den Sieg anstimmen.

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Giesbrechts Sammlung verdeutlicht die Stimmungslage und die Rechtfertigungsversuche des Kaiserreichs unmittelbar nach Ausbruch des Krieges: "Neider überall zwingen uns zu gerechter Verteidigung", steht auf einer Karte - ein Zitat des Kaisers aus seiner Rede am Vorabend des Krieges. Eine andere zeigt das deutsche Oberhaupt entschlossen die Reichsflagge schwingend, während das Volk jubelt und die Männer ihre Hüte schwenken.

Vier Jahre später war der Krieg vorbei. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis Historiker die spontane Begeisterung der Massen, von denen auch so viele Postkarten erzählen, als Legende entlarvten.



insgesamt 15 Beiträge
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Wolfgang Leist, 07.04.2015
1. Fotos als Postkarten
Man sollte noch darauf hinweisen, dass nicht nur gewerbliche Anbieter entsprechende Postkarten in Umlauf brachten. Beim Entwickeln von privaten Fotos konnte man diese auch als Postkarten erhalten. Dies führte dazu, dass auch private Schnappschüsse von Soldanten in kleineren oder auch größeren Stückzahlen verbreitet wurden - sozusagen "Facebook" im analogen Format.
Susanne Speer, 07.04.2015
2. Es hätte mich mal interessiert,
was aus Otto Glatz geworden ist
Helmut Dr. Feist, 07.04.2015
3. Psychologische Kriegsführung mit Postkarten
Diese Darstellung von Postkarten zum Thema Krieg ist ein Beleg dafür, daß es schon damals eine psychologische Kriegsführung gab und zwar mittels der Postkarte der Deutschen Post. Auffällig war nicht nur die deutsche Arroganz und eine überhöhte Siegessicherheit sondern vor allem auch ein deutliches Feindbild mit dem Namen Rußland. Gegenwärtig müssen wir leider feststellen, daß Rußland abermals als ein feindliches Land skizziert wird. Im Rahmen eines Neuen-Kalten-Krieges, so kann man lesen, will Polen an der Grenze zhu Rußland hohe Grenztürme aufstellen. Was will man damit der Menschheit sagfen ? Das von der NATO eindeutig übertriebene Gefahrenszenario aus dem Osten - sprich Rußland - ist völlig unbegründet und beweist eine falsche, ja auch gefährliche Politik, die leider von der Merkel-Regierung befürwortet wird.
wolfgang wiehe, 07.04.2015
4. Tod & Hunger
wurden auch thematisiert. Aus der Familiengrabbelkiste: https://www.flickr.com/photos/14868225@N04/sets/72157651816873545/ w.
Markus Glenewinkel, 07.04.2015
5. Otto Glatz
neben der Postkarte habe ich nicht viel gefunden, nur soviel: http://www.weltkriegsopfer.de/Krieg-Opfer-Otto-Glatz_Soldaten_0_765583.html?PHPSESSID=03ac7bbeedae4c91f3332a5e2694ce68 scheint wohl so, als wäre er nicht mehr aus dem Krieg zurück gekommen.
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