DDR-Kritiker Jürgen Fuchs Heimliche Post vom Staatsfeind

Die DDR schob ihn 1977 in den Westen ab, nicht einmal ein Bombenattentat hinderte den Schriftsteller Jürgen Fuchs, sich auch von dort beharrlich um die Missstände im SED-Staat zu kümmern. Peter Wensierski berichtet über seinen Kontakt mit dem Wegbereiter des Mauerfalls.

Peter Wensierski

Die Geheimpost aus Ost-Berlin steckt noch in ihrem Umschlag - genau so, wie sie mich damals in den Achtzigerjahren erreicht hat. Ein grauer Brief, prall gefüllt mit Informationen aus der Oppositionsszene. Darunter die Einladung zu einer subversiven Fotoausstellung in die Samariterkirche, die Termine von bevorstehenden Autorenlesungen und offenen Diskussionsrunden in Magdeburg. Sogar ein ungenehmigtes Interview mit dem Dichter und Bürgerrechtler Lutz Rathenow befindet sich in dem Umschlag und vieles andere mehr. All dies hätte man nicht unkontrolliert aus Ost-Berlin einfach so über die Grenze schicken können, weil die Stasi nahezu jede Ost-West-Postsendung öffnete.

Der Absender des geballten Info-Pakets steht auf der Rückseite des Umschlags: Jürgen Fuchs, Tempelhofer Damm, West-Berlin. Es war nicht der einzige Brief dieser Art, der mich erreichte, schon früher hatte er mir etwa heimlich aufgenomme Bilder aus Jena zukommen lassen, auf denen die Stasi bei einer Vertuschungsaktion am Grab von Matthias Domaschk, eines in der Untersuchungshaft zu Tode gekommenen Jugendlichen, zu sehen war.

Peter Wensierski
Der Schriftsteller Fuchs verschickte häufig Informationsmaterial aus dem Osten an Medien im Westen. Er selbst bekam es aus der ganzen DDR. Akkreditierte Korrespondenten und Diplomaten brachten es für ihn über die Grenze, da sie nicht kontrolliert wurden. Und es war keine Einbahnstraße. In umgekehrter Richtung schickte Fuchs eine Art Literatur- und Pressespiegel, wichtige Bücher, aber auch Kopiergeräte und Kameras an die Oppositionellen im Osten, die ja von freier Information ausgeschlossen waren. So war Jürgen Fuchs von 1977 bis zum Mauerfall die wohl wichtigste Verbindung der DDR-Opposition zum Rest der Welt.

Vorwurf "staatsfeindliche Hetze"

Der gebürtige Vogtländer war als 23-Jähriger SED-Mitglied geworden, weil er dachte, die DDR könne man von innen her ändern. Doch dort erlebte er nur ein Denken in Freund-Feind-Kategorien. Jegliche Kritik, ja jegliche Nachfragen über den Kurs der Partei waren unerwünscht, Anpassung dagegen gefordert. Das wollte der junge Psychologiestudent nicht mitmachen. In Literaturzirkeln und auf Lesungen stellte er mit Texten und Gedichten das bürokratische Spießertum der DDR dar, machte die Mechanismen der SED-Diktatur zum Thema.

Nach einem gemeinsamen Auftritt mit Bettina Wegner und Gerulf Pannach, dem Songschreiber der Renft-Band, wurde er 1975 aus der SED und der FDJ ausgeschlossen. Da war er gerade ein Jahr mit der Studentin Lilo Fuchs verheiratet und Vater einer Tochter geworden. "Wir waren doch noch so jung" sagt Lilo Fuchs und fragt sich noch heute, warum der Unterdrückungsapparat so gnadenlos gegen eine 20-Jährige wie sie vorging. Ihr Mann Jürgen wurde 1976 im Auto des Regimekritikers Robert Havemann verhaftet. Drei Tage nach der Ausbürgerung des Sängers Wolf Biermann. Der Vorwurf: "staatsfeindliche Hetze".

Seine Frau erfuhr damals nicht einmal, wo genau ihr Mann inhaftiert war. Nach 281 Tagen Haft und Dauerverhören im Stasi-Gefängnis Berlin Hohenschönhausen zwang man Fuchs ohne Prozess zur Ausreise in den Westen. Sein Vernehmer gab ihm noch mit auf den Weg: "Legen Sie sich später nicht mit uns an. Wir finden Sie überall. Auch im Westen. Autounfälle gibt es überall."

Fuchs hatte versucht, sich alle Verhöre aus dieser Zeit zu merken, er schrieb sie in seinem Buch "Vernehmungsprotokolle" erst in West-Berlin nieder. Später, nach Einsicht in seine Stasi-Akten, zeigte sich eine überraschend hohe Deckungsgenauigkeit mit seinen Erinnerungen. Mit Büchern wie "Fassonschnitt", "Gedächtnisprotokolle", "Das Ende der Feigheit" machte Fuchs erstmals öffentlich deutlich, welchen Krieg die DDR gegen kritische Bürger hinter der Kulisse als "Friedensstaat" führte. Nicht nur gegen ihn.

PDF-Download
PDF aufrufen... Lutz Rathenows Selbstinterview - PDF-Größe 7 MByte
Der Kampf zwischen ihm und dem Staat hatte sich für Fuchs mit seiner Ausreise in den Westen nicht erledigt. Er arbeitete zwar erfolgreich als Psychologe mit Kindern und Jugendlichen in einem West-Berliner Kiez, aber behielt die Kontakte in die DDR, ja intensivierte sie sogar. In Kreuzberg war er zudem Teil einer größeren Jenaer Community, allesamt politisch engagierte junge Leute: Maler, Schriftsteller, Musiker, Bildhauer, Sozialarbeiter, die von der DDR hinausgedrängt worden waren.

Vor der Haustür explodierte eine Autobombe

Fuchs schrieb, publizierte, telefonierte, schaffte Informationen in beide Richtungen über die Mauer und wurde so zum Zentrum im Netzwerk des Widerstandes. Darum bekämpfte ihn die Stasi mit voller Härte. Bespitzeln allein reichte ihr nicht. Auf kaum einen anderen Menschen wurden so viele inoffizielle und hauptamtliche Mitarbeiter angesetzt, so viele Aktionen und Maßnahmen ergriffen wie gegen den Schriftsteller und Oppositionellen Fuchs. 25 Bände Akten befassen sich allein mit seiner Zeit in West-Berlin.

Peter Wensierski

Der Abschiedsspruch seines Vernehmers wurde im Westen tatsächlich perfide umgesetzt. Die Stasi beschränkte sich nicht auf das DDR-Territorium, sie agierte in ganz Deutschland: Mal stand ein Schädlingsbekämpfer, den niemand gerufen hatte, mit Giftspritze vor Fuchs' Wohnungstür. Mal fand er sein Auto geöffnet vor dem Haus, den Kindersitz ausgebaut auf dem Bürgersteig, sonst nichts. Mal lagen Pornohefte mit seiner Anschrift wie zufällig in den Fahrradkörben der Nachbarn. In den Stasi-Akten fand sich später ein nachgemachter Schlüssel zu seiner Wohnung. Schließlich explodierte ein Auto vor seiner Haustür, wo er gerade noch mit seinen Kindern gestanden hatte. Granaten im Kofferraum schossen brennende Trümmerteile über sein Haus hinweg in den Innenhof. Später las Fuchs den verräterischen Hinweis in den Akten, dass ein Inoffizieller Mitarbeiter herausfinden sollte, wie er auf "das Ereignis" reagiert habe.

Über Jahre schwankte die "operative Bearbeitung" des Staatsfeindes Nr.1 zwischen zermürbendem Psychokrieg und handfester Bedrohung mit dem konkreten Ziel seiner "Vernichtung" - wie es wörtlich in den Akten hieß. Auch sein Tod bereits mit 48 Jahren wirft bis heute Fragen auf. Fuchs starb an einem seltenen Blutkrebs. Ungeklärt ist, ob dies durch die Geheimpolizei der DDR verursacht wurde. In seinen Stasi-Akten ist immerhin vom "Einsatz radioaktiver Markierungen" die Rede. Zwei Drittel der Akten über Fuchs allerdings wurden im November 1989 hastig vernichtet.

Zu Fuchs' wichtigsten Verbündeten gehörten von Anfang an der Sänger Wolf Biermann und nach 1983 der ebenfalls aus Jena stammende Oppositionelle Roland Jahn, heute Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Aus der Politik waren es vor allem Petra Kelly und Lukas Beckmann von den Grünen, unter Intellektuellen und Schriftstellern Herta Müller, Heinrich Böll, Rudi Dutschke oder Manès Sperber. Die Stasi nannte sie "die Fuchs-Bande". Viele holten sich Rat bei ihm, wer in den Achtzigerjahren aus der DDR wegging oder gehen musste, kam bei ihm am Tempelhofer Damm vorbei und tauschte sich aus, um sich weiter einzumischen.

Der Anteil von Jürgen Fuchs an der Revolution von 1989 ist besonders groß, selbst wenn er nicht vor Ort in Leipzig oder Ost-Berlin dabei war. Er gehörte zu den politischen Akteuren, die sich gegen die Diktatur wehrten, sie nicht hinnahmen oder sich gemütlich darin einrichteten. Die Flugblätter der Opposition in Leipzig, auch der Aufruf zur entscheidenden Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 wurden zumeist auf einer Druckmaschine hergestellt, die Jürgen Fuchs in Einzelteilen über die Grenze geschickt hatte.

Peter Wensierski

Anzeige

Anzeige

Bye-bye DDR

Geschichten zum Mauerfall

Verwegene Proteste, riskante Untergrundaktionen, illegale Treffen: Von 1979 bis zum Ende der Republik berichtete Peter Wensierski über Widerstand und Rebellion in der DDR. Er brachte Filme, Fotos und Dokumente über die Grenze, schrieb Reportagen oder Bücher wie "Null Bock auf DDR" und drehte Dokumentarfilme. In der einestages-Serie "Bye-bye DDR" erzählt er zum 25. Jubiläum des Mauerfalls die spannendsten, bewegendsten und kuriosesten Geschichten aus dieser Zeit - und trifft die Akteure von damals wieder.

Mitarbeit: Nicola Kuhrt



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.