Szeneviertel vor der Wende Als der Prenzlauer Berg noch wild war

Heute gilt der Prenzlauer Berg als das Spießerviertel Deutschlands. Dabei ist es noch nicht lange her, dass hier Künstler, Punks und Oppositionelle Wohnungen besetzten, laute Partys feierten - und ganz nebenbei die friedliche Revolution vorbereiteten.

Von

Matthias Holstein

Unter allen deutschen Stadtvierteln wird über Prenzlauer Berg in Berlin wohl am meisten gelästert. Hier sei die Heimat des "Bionade-Biedermeier"-Milieus und der schwäbischen Bio-Eis-Lutscher, hier sitzen sie mit zu viel Zimt auf zu viel Milchschaum, hier leben die neuen Spießer in Gated Communitys und überteuerten Penthouses als Speerspitze der Gentrifizierung.

Armer Prenzlauer Berg! Das war doch mal ganz anders.

Nach dem Mauerfall war die Veränderung in der Mitte Berlins besonders rasant. Die anhaltende Häme trifft ausgerechnet jenes ehemalige Ost-Viertel, das eine besondere Rolle beim Sturz einer Diktatur in Deutschland spielte.

Prenzlauer Berg war in den Achtzigerjahren Rückzugsgebiet der Ost-Punks und -Freaks, ein Schutzraum der künstlerischen und literarischen Boheme mit bärtigen jungen Männern in Parkas, Jeans und Jesuslatschen und Frauen mit selbstgefärbten Stoffwindeln um den Hals geschlungen.

Adresse von Thalbach, Bohley und Jordan

Orte wie das Kaffee Burger, das Fengler, Mosaik oder Cafe Nord waren beliebte Treffpunkte der Szene. Thomas Brasch, Katharina Thalbach und die Malerin Conny Schleime lebten ganz in der Nähe, Nina Hagen zog in eine Ladenwohnung in der Kastanienallee, Musiker der Punk-Band Feeling B, die später zur Gruppe Rammstein wechselten, spielten bei Hinterhoffesten.

Der Kern der politischen Opposition war hier ebenfalls zu Hause. In der Fehrbelliner Straße wohnte die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley, ein paar Häuser weiter war eine bekannte WG politischer Aktivisten um Tom Sello, Wolfgang Rüddenklau und Carlo Jordan. Die Wohnung von Gerd und Ulrike Poppe, gleich um die Ecke, war ein beliebter Treffpunkt für Leute aus der alternativen Szene Ost- und West-Berlins. In der Oderberger Straße wohnte Freya Klier, und am Zionskirchplatz entstand 1986 die Umweltbibliothek.

Es gab literarische Untergrundsalons, wie den von Wilfriede und Ekkehard Maaß um Dichter wie Peter Wawerzinek, Uwe Kolbe oder Klaus Schlesinger.

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Prenzlauer Berg: Geheime Treffen auf dem Kunstdachboden

In der Lychener Straße hatte der Maler und Bildhauer Matthias Hohl-Stein einfach einen Dachboden zur illegalen Galerie umfunktioniert, und ein paar Minuten Fußweg entfernt, in der Kastanienallee, betrieb dessen Freund, der Fotograf Harald Hauswald, seine Dunkelkammer.

Ende der Achtzigerjahre zog es sogar eine gewisse Angela Merkel in die Schönhauser Allee.

Doch seit dem Mauerfall haben sich geschätzt bis zu 80 Prozent der Bevölkerung ausgetauscht. Berlinerisch ist kaum noch zu hören. Anders als in vergleichbaren ehemaligen Arbeiterkiezen im Westteil der Stadt, wie Kreuzberg oder Neukölln, leben in Prenzlauer Berg kaum Türken. Jeder Zehnte der rund 150.000 Bewohner ist inzwischen Franzose, Italiener, Brite, Spanier oder Däne.

Heute ist für manche in den Straßencafés mitunter das größte Problem, sich auf ihrem Smartphone für das richtige von 47 W-Lan-Netzwerken in der Umgebung zu entscheiden.

Aus Steve wird ein Staatssekretär

Anfang der Achtzigerjahre war ich hier noch mit einem analogen Kassettenrekorder unterwegs und freute mich, dass mir Steve, 20, in einer besetzten Wohnung in einem verfallenen Hinterhof der Kolmarer Straße ein heimliches Interview über das Leben im Prenzlauer Berg gab. Er erklärte mir damals, wie das Viertel und seine Bewohner ticken. Abgedruckt wurde das Gespräch mit vielen Fotos von Harald Hauswald in einem Buch, um Jugendliche im Westen für das rebellische Leben im Osten zu interessieren. Sein Titel: "VEB Nachwuchs". In den Tiefen einer Schublade habe ich diese Tonbandkassette wiederentdeckt, hier kann man nun in einen Teil des mehr als einstündigen Gesprächs hineinhören.

Steve hieß in Wirklichkeit Stephan Steinlein. Ein Pfarrerssohn mit runder Nickelbrille und schulterlangen Haaren, zu manchem Risiko beim Umgang mit mir, dem West-Journalisten, bereit.

Heute treffe ich ihn wieder, als Staatssekretär im Außenministerium, lange Jahre an der Seite Frank-Walter Steinmeiers. Er sitzt im ehemaligen Büro sämtlicher SED-Agitations-und Propagandachefs, von Albert Norden über Werner Lamberz bis zu Joachim Herrmann, zuletzt thronte hier Günter Schabowski.

Wie sich die Dinge ändern können!

Zu Matthias Hohl-Stein, dem Maler und Bildhauer aus der Lychener, der sich inzwischen Matthias Zágon Hohl-Stein nennt, muss ich weit vor die Tore der Stadt fahren. Er hat sein Atelier draußen auf dem Land in einer alten Schäferei bei Karwe in Brandenburg. In Videointerviews erzählen die beiden vom Prenzlauer Berg zu DDR-Zeiten.

SPIEGEL ONLINE/Peter Wensierksi
SPIEGEL ONLINE/Peter Wensierski
In Prenzlauer Berg war, von der Staatsführung so nie gewollt, ein Freiraum für junge Leute entstanden, wie es ihn sonst in der Republik kaum gab. Die Fassaden der Häuser sahen zwar nach außen hin grau und abweisend aus, doch in den Wohnungen dahinter spielte sich oft ein buntes Leben ab.

Balkonsturz in Serie

Einige Leute hatten sich in Theatergruppen zusammengefunden und dachten sich aufwendige Inszenierungen aus. Die Aufführungen fanden privat statt, auf kleinstem Raum: 50 Gäste in einer Zweiraumwohnung waren keine Seltenheit, auf drei Quadratmetern standen die Schauspieler.

Andere experimentierten mit 8-Millimeter-Film, Punks gründeten Kellerbands und spielten, bis die Volkspolizei kam, den Stecker zog, die Partygäste auf Lastwagen verlud und erst am nächsten Morgen wieder laufen ließ. Künstler stellten ihre Bilder auf leerstehenden Dachböden aus, so wie bei Matthias Hohlstein in der Lychener Straße. In seiner Untergrundgalerie kamen über hundert Besucher zur Vernissage. Junge Dichter organisierten Lesungen ihrer Texte, die nicht publiziert werden durften, kurzerhand in Wohnzimmern.

Die Besitzer der Häuser in Prenzlauer Berg waren längst in den Westen gegangen, die Gebäude standen unter einer staatlichen Verwaltung, die Instandhaltung wurde vernachlässigt. Nach zwei Weltkriegen und rund hundert Jahre nach ihrer Errichtung waren die Gebäude ziemlich heruntergekommen, ihre Bausubstanz stark angegriffen.

An den einst besseren Häusern bröckelten die verzierten Fenstersimse, und die Stuckfiguren, die ihre Last kaum mehr tragen konnten, waren oft gesichtslos. Anderswo fehlten die ursprünglich vorhandenen Balkone. Sie waren von der Feuerwehr vorsorglich entfernt worden oder von selbst abgestürzt. Die Leute im Viertel hatten dafür sogar ein eigenes Wort gefunden. Sie nannten es "Balkonsturz".

Wohnen für 15 Mark im Monat

Überall sah man, wie kleine Bäume aus leeren Fensterhöhlen verfallener Wohnungen wuchsen. An den Häusern waren noch die Einschusslöcher von den Straßenkämpfen im April 1945 zu sehen, mehr oder weniger tief eingedrungene Splitter von Granaten hatten Löcher in den Putz der Fassaden geschlagen. Die alten Werbeschilder und Schriften wiesen auf Geschäfte in Kellern oder in den Hinterhöfen hin, die es längst nicht mehr gab.

Die Wohnungen waren billig: 15 Mark Miete im Monat pro Zimmer waren keine Seltenheit. Das lockte viele junge Leute an, nicht nur aus Berlin, auch aus der Provinz zogen sie in diesen Teil der Stadt, wenn ihnen das trotz der strengen Zuzugsregelungen für Nicht-Berliner gelang. Wer von einer freien Wohnung hörte, zog dort einfach ein, indem er das Schloss knackte, und legalisierte seine Besetzung im Nachhinein. Erst zahlte man ein paar Monate Miete, dann verhandelte man möglichst trickreich und geduldig mit der KWV, der Kommunalen Wohnungsverwaltung, bis man einen Mietvertrag nebst polizeilicher Anmeldung hatte und keine Ordnungsstrafe mehr drohte. In manchen Straßenzügen bildeten sich so kleine Besetzerkolonien.

Kreide statt Telefon

Hier trafen die Jungen auf die Alten, die geblieben waren, weil sie nicht mehr in die komfortablen Plattenbauwohnungen von Marzahn oder Lichtenberg umziehen wollten. Verarmte Witwen, die ihre Männer schon im Krieg verloren hatten, hausten mitunter in verrotteten Wohnungen ohne eigene Toilette oder Bad. Im Außenklo eine halbe Treppe tiefer fror im Winter die Spülung oft ein.

Abends trafen sich die Alteingesessenen in ihren Eckkneipen. Das Bier war dort billig, 99 Pfennig zusammen mit einem Korn. Die Jugendlichen holten ihr Bier lieber in Kannen oder Eimern und feierten in ihren Wohnungen, im Sommer auch gern auf den Hausdächern - mit freiem Blick über Berlin.

Die Wohnungen mussten von den jungen Leuten ohne Geld durch Eigeninitiative bewohnbar gemacht werden. Eine Mischung aus schweren alten Sesseln und Sofas, Selbstgebasteltem und Selbstgestrichenem, aus Sperrmüll und Sperrholz hielt Einzug in die verwaisten Altbauten. Das Bücherregal war meist der Mittelpunkt der Ein- oder Zweiraumwohnungen, die Schatztruhe der Bewohner. Besucher schauten es sich meist zuerst genau an.

Die Sperrmüllcontainer in den Straßen, die nur selten von der Stadtreinigung geleert wurden, waren wichtige Umschlagplätze eines ständigen Handels ganz ohne Geld. Was dort jemand ablegte, war oft nach wenigen Minuten schon wieder weg. Manchmal traf man sich gleichzeitig und tauschte seine Lampe direkt gegen einen Sessel, den gerade jemand anderes anschleppte.

Kein toter Winkel

So gut wie keine Wohnung hatte einen Telefonanschluss. Man verabredete sich nicht ständig im Voraus, man kam einfach vorbei und probierte auf gut Glück, ob jemand da war. Und wenn niemand öffnete, hinterließ man eine Nachricht an der Tür, oft mit Kreide, einem Zettelblock oder an einer aufgehängten Kassenrolle. Überall in den Treppenhäusern des Prenzlauer Bergs waren die Haustüren übersät mit Besucher-Graffiti.

Kohlenhändler prägten das Bild im Kiez, ihre Lager in den Hinterhöfen, ihre LKW und Anhänger auf den Straßen. Zentnerweise schleppten die Träger Briketts auf einer Rückenlade oder Weidenholzkiepe bis in die fünften Stockwerke hoch.

Im Hochparterre der Vorderhäuser wohnte meist ein Hauswart, der sich an wärmeren Tagen gern im Feinripp-Unterhemd, auf ein Kissen gestützt, im Fensterrahmen zeigte. Bei ihm informierte sich die Stasi oft zuerst über das Treiben der Mieter.

Denn der Prenzlauer Berg mit seinen bunten Bewohnern lag keineswegs im toten Winkel der Regierung. Wo es ging, war die Staatsgewalt zur Stelle. Sie schritt ein, wenn jemand seinen Freiraum allzu großzügig ausdehnen wollte. So gab es oft Ärger mit der Volkspolizei, wenn zu laut gefeiert wurde oder zu viele Leute in einer Wohnung oder im Hinterhof zusammenkamen. Dann erschienen die Uniformierten in größerer Zahl und erklärten, die ungenehmigte Versammlung müsse aus feuerpolizeilichen Gründen aufgelöst werden. Punks wurden mit ständigen Kontrollen auf offener Straße schikaniert. Es war ein ständiger, rebellischer Kampf um jeden Zentimeter Freiraum.

Ohne dass man es immer wieder aussprechen musste, war man sich einig in der Ablehnung der SED-Altherrenregierung, hatte aber gleichzeitig Sympathien für ihre scheinbar verlorengegangene Idee vom Sozialismus. Ob geheime Trotzkisten- oder Anarchistenzirkel, es gab etliche politische Schattierungen unter den Bewohnern von Prenzlauer Berg, für viele in diesem Milieu aber, vielleicht sogar für die meisten, war die Konsumgesellschaft im Westen kein erstrebenswertes Vorbild, kein Ideal, sie schien ihnen keine besseren Lösungen zu bieten.

Jetzt ist alles Westen im Osten, in Prenzlauer Berg wie anderswo, und die verbliebenen 20 Prozent Urgestein-Bewohner leben mittendrin. Man trifft sich noch, wenn es dämmert, im Seeblick, im Metzer Eck oder bei Bert Papenfuß in der Rumbalotte. Kneipen wie diese haben nun eine Bewertung im Internet. Für die Rumbalotte steht da kurz und knapp: "Pretty Good".

Mitarbeit: Nicola Kuhrt

Bye-bye DDR

Geschichten zum Mauerfall

Verwegene Proteste, riskante Untergrundaktionen, illegale Treffen: Von 1979 bis zum Ende der Republik berichtete Peter Wensierski über Widerstand und Rebellion in der DDR. Er brachte Filme, Fotos und Dokumente über die Grenze, schrieb Reportagen oder Bücher wie "Null Bock auf DDR" und drehte Dokumentarfilme. In der einestages-Serie "Bye-bye DDR" erzählt er zum 25. Jubiläum des Mauerfalls die spannendsten, bewegendsten und kuriosesten Geschichten aus dieser Zeit - und trifft die Akteure von damals wieder.

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Jörn Ehlers, 01.12.2014
1. Der Prenzlauer Berg...
Der Prenzlauer Berg war mir seinerzeit sympatischer als das westdeutsche Kreuzberg. Naja...subventionsverwoehnte Westberliner trafen auf subventionsverwoehnte Ostberliner. Letztere hatten aber wenigstens einen berechtigten Grund, die gesellschaftlichen Verhaeltnisse in Frage zu stellen, sprich gegen sie zu rebellieren. Wenn ich mir dagegen anschaue, was aus vielen Kreuzbergern Westberlinern geworden ist, dann bekomme ich glatt das Kotzen. Schoeneberg...auch gaaaanz toll! ;-)
Philomes Papandreou, 01.12.2014
2. Bilder nicht seitenverkehrt abbilden!
Mediendesign ist schwierig, aber grundsätzliches sollte man auch bei einer Webseite beachten.
Erle von Vennermoor, 01.12.2014
3. nächstes mal
ist Wedding dran!
Oliver Simon, 01.12.2014
4. Prenzlauer Berg?
Schade wenn ein Journalist, der die Gegend offenbar so lange kennt, lediglich alte und neue Plattheiten samt Klischees bei SPON verbreitet. Wenn man von Cafe Burger, Fehrbelliner und Kastanienallee schreibt, dann liegen diese Orte meist in Berlin-Mitte, genauso wie die Zionskirche samt Umweltbibliothek. Aber es ist ja nicht so schick, genau zu sein, weil man das lieber mit der Regierung verbindet. Wenn man vom Prenzlauer Berg schreibt, meinen viele dank solcher Reporter sofort die Altbauquartiere, dabei gibt es im PB genauso Neubauten aus allen Jahrzehnten seit 1920. Wann schreibt mal jemand was über die Hälfte des Prenzlbergs an der Ostseestraße oder Ibsenstraße? Stichworte UNESCO-Weltkulturerbe und Belastung der Anwohner des Grenzstreifens an der Mauer.
Hubert Rudnick, 01.12.2014
5. Prenzlauer Berg
Vor allem war es ein heruntergekommener und vernachlässigter Stadtbezirk, die Bürger fühlten sich noch verbunden und kaum einer wollte hinaus nach Marzahn, Lichtenberg oder geschweige noch nach Hellersdorf. Aber wie im Prenzlauer Berg sah es doch in vielen Teilen der DDR auch aus, die Städte und Dörfer befanden sich doch im großen und wie im kleinen wie eine nach dem Krieg verlassene Stadt, die Regierung hatte für die Städte nichts über, sie wollten nur ihre hässlichen Plattenbauten vorzeigen, da das war man nur eine anonyme Nummer, die man leicht unter der Kontrolle halten konnte. Die Verbundenheit der Bürger war in all den alten heruntergekommenen Städten und Wohnbereichen am größten, denn da brauchte einer den anderen und man konnte sich über den täglichen Mangel hinweghelfen.
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