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Hollywoodstar Bill Murray Und täglich grüßt das Knautschgesicht

Hollywoodstar Bill Murray: Geisterjäger und Murmeltiermurmler Fotos
imago

Erst jagte er Geister, dann ging er "Lost in Translation": Je weniger Bill Murray in seinen Rollen sagt, desto mehr lieben ihn seine Fans. Eine Würdigung zum 65. Geburtstag des Ausnahme-Schauspielers. Von

Die Augenlider hängen schlaff herab. Genau wie die Mundwinkel. Der Ledersessel verschluckt den Mann im Smoking beinahe. In einer Hand hält der Schauspieler Bob Harris einen Whisky und schwenkt die Flüssigkeit im Glas hin und her. Falten durchziehen sein Gesicht. Sie runzeln sich auf der Stirn - und es scheinen mehr und mehr zu werden, je länger die Worte auf ihn einprasseln.

Vor ihm wandert ein japanischer Regisseur auf und ab, gestikuliert, bombardiert ihn mit fremden Begriffen. Doch nichts dringt zu dem gealterten Filmstar durch, der für Werbeaufnahmen in Tokio weilt. Selbst die Übersetzerin wirft ihm nur Brocken Englisch hin. Bob Harris sitzt in einer Art Blase. Er ist ein Relikt - aus Zeit und Raum gefallen, das seinen Weltschmerz nur mit seinem Blick ausspricht.

In Sofia Coppolas Tragikomödie "Lost in Translation" aus dem Jahr 2003 geht es vornehmlich um Kommunikationsschwierigkeiten. Ein Schauspieler, der seine besten Jahre hinter sich hat, nimmt einen Werbevertrag in der japanischen Hauptstadt an. Doch in der Metropole, in der er niemanden versteht, wird er auf sich selbst zurückgeworfen. Auf seine verkorkste Ehe, die nur noch auf der Auswahl verschiedener Teppichmuster besteht. Auf sein berufliches Scheitern, sein Hadern mit der eigenen Existenz.

Den passenden Star, der dieses Vereinsamen inmitten einer der bevölkerungsreichsten Städte der Welt verkörpern sollte, kannte Coppola bereits, seit sie die ersten Seiten ihres Drehbuchs geschrieben hatte: Bill Murray.

Vier Kilo Cannabis

Als die Regisseurin 2002 zum ersten Mal versuchte, Murray zu kontaktieren, war die große Hollywoodzeit des Darstellers vorbei. Überhaupt ein Gespräch mit ihm zu beginnen, erwies sich als ein Abenteuer. Denn genau wie sein Charakter in "Lost in Translation" lebt der Star in einer Kommunikationsblase.

Aufgewachsen in Wilmette, einem Vorort von Chicago, hatte der am 21. September 1950 geborene Murray sich den Besuch der Highschool mit der Arbeit als Caddy beim Golf finanziert. Auch, um die Theaterkurse der Schule besuchen zu können. Als eines von neun Geschwistern einer irischstämmigen Familie musste Murray schon früh für sich selbst Verantwortung übernehmen - besonders nach dem Tod seines Vaters, als er gerade 17 Jahre alt war.

Sein anschließendes Medizinstudium endete abrupt: An seinem 20. Geburtstag wurde Murray am Flughafen mit über vier Kilo Cannabis erwischt und musste die Universität verlassen. Er besann sich auf seine Leidenschaft für das Schauspiel. Bald erhielt der spätere Hollywood-Darsteller in New York zwei große Chancen - zuerst in einer Radiosendung namens "The National Lampoon Radio Hour", dann vor der Kamera in der legendären Comedy-Show "Saturday Night Live".

Seine zunehmende Bekanntheit brachte Murray erste Filmrollen ein. Anfang der Achtzigerjahre spielte er bereits Millionen ein. Besonders mit dem Regisseur Ivan Reitman arbeitete er immer wieder zusammen - und wurde 1984 mit dem gemeinsamen "Ghostbusters" zum absoluten Megastar. Unter Kollegen war er überaus beliebt. Regisseur Peter Farrelly holte ihn später für seinen Film "Dumm und Dümmehr" und erklärte später: "Jedesmal wenn Bill Murray am Set ist, ist die Crew glücklich. Wir engagierten ihn nur, damit er bei uns war." Aber Murray konnte auch schwierig sein.

Taub gestellt

Am Set von "Und täglich grüßt das Murmeltier" verzweifelte Harold Ramis beinahe an Murray. Gemeinsam hatten sie in "Ghostbusters" als Dr. Egon Spengler und Dr. Peter Venkman das Publikum begeistert. Jetzt hatte es Ramis als Regisseur mit dem Hauptdarsteller Bill Murray zu tun, so erzählt es Robert Schnakenberg in seinem neu erschienenen Werk "The Big Bad Book Of Bill Murray". Und der trieb ihn an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Murray hatte sich 1993 nach vielen Diskussionen mit dem Filmstudio Columbia Pictures schließlich darauf geeinigt, mit den Verantwortlichen nur noch über eine Assistentin zu verhandeln - und dann eine taubstumme Indianerin eingestellt, die nur in der Gebärdensprache der amerikanischen Ureinwohner kommunizierte.

Sein Kommunikationsproblem sollte sich weiter durch seine Karriere ziehen. Wie auch zehn Jahre später während seiner Zusammenarbeit mit der Tochter von Francis Ford-Coppola war der Exzentriker schon in den Neunzigerjahren sozusagen "Lost In Translation". Und er hatte es selbst so gewollt. Die Kontaktaufnahme mit dem Darsteller ist seit 2000 ein absoluter Albtraum für Filmschaffende. In dem Jahr feuerte Murray seinen Agenten und ersetzte ihn durch einen Anrufbeantworter - den er nur sporadisch abhört. Wer dem extravaganten Schauspieler ein Rollenangebot machen möchte, lässt sich auf ein Glücksspiel ein.

Auf diesem Anrufbeantworter hatte auch Sofia Coppola ihr Glück versucht. Wieder und wieder. Wie auf ihre zahllosen Briefe erhielt sie keine Antwort. Zum Glück hatte sie in ihrem Kollegen Wes Anderson einen prominenten Fürsprecher bei Murray gewonnen. Nach seinen großen Erfolgen in den Achtziger- und Neunzigerjahren war es still um den Darsteller geworden. Anderson hatte ihn für seine exzentrische Komödie "Rushmore" (1998) rekrutiert, in der Murray einen gealterten Millionär spielte, der mit einem 15-Jährigen um die Liebe der Lehrerin feilschte. Und auch in seinen nachfolgenden Filmen hatte er immer wieder Rollen für den immer wortkarger spielenden Murray geschaffen - er überredete den Schauspieler, mit Coppola über ihr Projekt zu reden: einen Film über einen gealterten, lakonischen Schauspieler mit Kommunikationsschwierigkeiten.

Große Liebe, trüber Blick

Im September 2002 saß Sofia Coppola in Tokio und wartete. Nach ihrem Gespräch zwei Monate zuvor hatte Bill Murray zwar seine Teilnahme am Film erklärt, einen Vertrag aber nicht unterzeichnet. In der "Arte"-Dokumentation "Es war einmal... 'Lost In Translation'" erzählt die Regisseurin von der nervenaufreibenden Zitterpartie, bis der Darsteller endlich am Set erschien.

Weder er, noch seine Filmpartnerin Scarlett Johansson sollten die Reise in Japans Hauptstadt bereuen. Für die damals 17-Jährige war es der Durchbruch, für Murray die Auferstehung als Charakterdarsteller. Den Oscar für den besten Hauptdarsteller verlor er nur knapp an Sean Penn - doch er konnte sich vor neuen Angeboten kaum retten. Jeder wollte den Mann mit dem Knautschgesicht und den traurigen Augen in seinem Film haben: Wes Anderson besetzte Murray erneut, rot bemützt, in "Die Tiefseetaucher" (2004), seiner Hommage an den Meeresforscher Jaques Cousteau, in Jim Jarmuschs "Broken Flowers" (2005) klapperte er seine Ex-Partnerinnen ab, und in "Zombieland" (2009) spielte Murray sich selbst - und wurde prompt erschossen, weil er den Untoten mit Schminke und seinem stoischen Blick so ähnlich sah.

Trotz oder vielleicht gerade wegen seiner verschrobenen Art ist Bill Murray heute immer noch ein gefeierter Star. Denn so sehr er den Kontakt mit Produzenten und der Filmindustrie verachtet, so nahe kommt er seinen Fans.

In den sozialen Netzwerken häufen sich Berichte über Sichtungen des Schauspielers. Wie 2007 sein alkoholisierter Ausflug mit einem Golfmobil durch die Straßen von Stockholm. Oder wie der Schauspieler 2014 auf einem Junggesellenabschied auftauchte und über Beziehungen dozierte.

Was von diesen Geschichten stimmt, bleibt Murrays Geheimnis. Genau wie seine richtige Telefonnummer.

Sehen Sie die Stationen von Bill Murrays Filmkarriere in der Fotostrecke.

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  • Robert Schnakenberg:
    The Big Bad Book of Bill Murray

    A Critical Appreciation of the World's Finest Actor.

    Quirk Books; 272 Seiten; 21,79 Euro.

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Bill Murray
Julius Kuss, 21.09.2015
Herzlichen Glückwunsch. Einer der wenigen Komiker, der auch im wahren Leben komisch ist - und sehr sympathisch.
2.
Christian Kuhl, 21.09.2015
Kleiner Fehler: "Dr. Raymond Stantz" wurde von Dan Aykroyd verkörpert. Harold Ramis war "Dr. Egon Spengler"...
3.
Haio Forler, 21.09.2015
Wie kann man ein großer Schauspieler sein, mit diesem begrenzten Repertoir an Mimik, Bewegung und Sprache ? Er spielt immer sich selbst. Nicht, daß ich ihn nicht gut fände, aber man muss nicht gleich übertreiben. "Lost in Translation" ist derart blöd, was die Überzeichnung japanischer Lebensart angeht (die quatschen weniger mehr als die Amis ...), naja ...
4. Auf dem Jungesellenabschied war Murray definitiv...
Moles Harding, 21.09.2015
das belegt ein tolles Video auf youtube. Ein wunderbare Schauspieler der mir vor allem in Groundhog Day und Scrooged unglaublich viel Freude machte. Nicht zu vergessen natürlich Ghostbusters.
5. Hippo Birdie ...
Carlotta Christeinicke, 21.09.2015
Allein sein Spiel des Vincent MacKenna in "St. Vincent" ist eine Oscar-Nominierung wert. Bill Murray ist der einzige Schauspieler, dem man stundenlang zusehen möchte, selbst wenn er nur rauchend seine Topfpflanzen wässert. Weltklasse ...
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