Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Jazz-Sängerin Billie Holiday Tragische Ikone

Billie Holiday: Diva im Drogenrausch Fotos
Getty Images

Callgirl, Junkie, Superstar: Billie Holiday kam aus der Gosse und sang sich in den Olymp des Jazz. Rassismus und Gewalt prägten das kurze Leben der schwarzen Musikerin. Am Ende triumphierte sie über ihre ärgsten Feinde. Von

Für ihre Reise ins Jenseits hatte Billie Holiday ordentlich vorgesorgt. Während sich ihr Vermögen auf der Bank auf ganze 70 Cent belief, fanden die Krankenschwestern des New Yorker Metropolitan Hospital in der Stunde ihres Todes 15 Fünfzig-Dollar-Scheine bei ihr: fein säuberlich zusammengerollt und mit Klebestreifen am Bein der 44-Jährigen befestigt. So heißt es.

Oder hatte die Sängerin das Geld, wie Boulevardreporter und Freund William Dufty behauptete, in ihrer Vagina versteckt? Lag die nach einer Leberzirrhose eingelieferte Billie Holiday im Krankenhaus unter einem Sauerstoffzelt - oder gab es ein solches Zelt nie, wie ihre Freundin Alice Vbrsky betonte?

Nicht nur um die letzten Stunden der Billie Holiday ranken sich zahlreiche Legenden. Ihr gesamtes kurzes Leben ist mythenumwittert wie kaum ein anderes. Aussagen von Weggefährten, Freunden und Feinden widersprechen sich permanent, zudem verdrehte Holiday selbst die Fakten, wovon einige Passagen ihrer Autobiografie "Lady Sings the Blues" zeugen: "Sie hat eine Geschichte so oft erzählt, bis sie allmählich selbst daran glaubte", warf ihr der Pianist Carl Drinkard vor.

Fest steht jedoch: Niemand konnte Songs so zum Leuchten bringen wie die Autodidaktin Billie Holiday, die am 7. April vor 100 Jahren geboren wurde. Ihr Timbre und Timing, ihre Phrasierung, vor allem aber ihre erschütternde Emotionalität machten sie zu einer der größten Jazz-Sängerinnen des 20. Jahrhunderts. "Manchmal hat man Angst, dieser Lady zuzuhören", bringt es Beat-Autorin Hettie Jones auf den Punkt. In ihre Stimme legte Holiday all ihre Gefühle, all ihre Wut und Verzweiflung - über ein Leben, das es nicht gut meinte mit dem schwarzen Mädchen aus Philadelphia.

Seidenkleid vom ersten Freier-Lohn

Gleich nach der Geburt wurde Eleanor Harris, wie Billie Holiday ursprünglich hieß, in die Obhut einer Fremden namens Martha Miller aus Baltimore gegeben, wo sie misshandelt und gedemütigt wurde. Ihre Mutter, die 19-jährige Sadie, arbeitete als Dienstmädchen und Serviererin auf Zügen, sie konnte sich ebenso wenig um ihr Kind kümmern wie der 16-jährige Vater Clarence Holiday. Weil Eleanor die Schule schwänzte, kam sie in ein Erziehungsheim, mit elf Jahren wurde sie von einem Nachbarn vergewaltigt.

Die Polizei warf ihr vor, den Mann verführt zu haben, und sperrte sie ein, Eleanor landete erneut in einem Heim. Das Mädchen klaute, was es sich nicht leisten konnte, und stahl sich durch den Hintereingang ins Kino, um den Eintritt zu sparen. Besonders liebte Eleanor die Schauspielerin Billie Dove, nach der sie sich später benannte. In einem Bordell, wo Eleanor putzte, entdeckte sie die Musik von Louis Armstrong und Bessie Smith - ihren großen musikalischen Vorbildern.

1946 drehte Billie Holiday an der Seite von Louis Armstrong ihren ersten und einzigen Hollywoodfilm. Zu ihrer großen Enttäuschung spielte sie in dem Musical-Drama "New Orleans" nicht sich selbst, sondern ein singendes Dienstmädchen.

Von ihrem ersten Gehalt als Callgirl kaufte sich die Zwölfjährige ein Seidenkleid und Lackschuhe mit Pfennigabsätzen. Weil sich Eleanor weigerte, einen Freier zu bedienen, wurde sie abermals verhaftet und in eine von Ratten verseuchte Besserungsanstalt gesteckt. Soweit zumindest die Darstellung in ihrer Autobiografie. Selbst wenn manche Details dazu gedichtet wurden: Eleanors Kindheit war von Armut, Gewalt und Rassismus geprägt, Grundkonstanten, die sich durch ihr ganzes Leben ziehen sollten.

"Hunger und Liebe"

Ihr musikalisches Debüt begann Eleanor bereits in Baltimore, als Prostituierte, wie sich ein Freier erinnerte. 1929, als sie zu ihrer Mutter in ein Bordell in Harlem zog, begann sie, sich Billie Holiday zu nennen und Marihuana zu rauchen. Sie tingelte durch die Bars - und rührte die Menschen mit ihrem melancholischen Vibrato zu Tränen.

"Man hat mir gesagt, dass niemand das Wort Hunger so singt wie ich. Genauso das Wort Liebe. Vielleicht liegt das daran, dass ich weiß, was diese Worte bedeuten. (...) Alles, was ich bin und was ich vom Leben will, sagen diese beiden Wörter."

So beschrieb Holiday ihr Erfolgsrezept. Und fügte an: "Gib mir ein Lied, bei dem ich etwas fühlen kann, und das Singen wird nie Arbeit für mich sein." Dennoch war die Musik für die Sängerin ein emotionaler Kraftakt, der ihr manchmal so viel abverlangte, dass sie weinend hinter der Bühne zusammenbrach. Besonders ein Lied zog ihr regelmäßig den Boden unter den Füßen weg: "Strange Fruit", eine düstere Anklage gegen die südstaatliche Lynchjustiz.

1939 nahm Billie Holiday den antirassistischen Song "Strange Fruit" auf. Er thematisiert die besonders in den Südstaaten der USA lange Zeit praktizierten Lynchmorde.

"Bäume im Süden tragen eine seltsame Frucht / Blut auf den Blättern und Blut an der Wurzel / Schwarze Körper schwingen in der südlichen Brise / Sonderbare Frucht hängt an den Pappeln." Sofort sagte die Sängerin zu, als der jüdische Englischlehrer Abel Meeropol im April 1939 mit seinem Song zu ihr kam. Denn "Strange Fruit", 1999 von der "Times" zum "Song des Jahrhunderts" gekürt, verkörpert wie kein anderes Lied Holidays Furor über einen Rassismus, dem sie selbst permanent ausgesetzt war.

Mit Creme auf Klischee-Schwarze getrimmt

Regelmäßig weigerten sich die Kellner, sie im Restaurant zu bedienen, auch dann, als sie bereits mit Größen wie Teddy Wilson, Count Basie und Artie Shaw tourte. Man verwehrte ihr die Benutzung der Toilette, häufig musste sie die Hintereingänge der Bars benutzen, in denen sie auftrat. In Detroit indes gab es einen Klubbesitzer, dem Holiday zu blass erschien. Weil sie gar nicht aussehe wie eine Vorzeige-Schwarze, musste sie sich geschwärzte Fettcreme ins Gesicht schmieren. "Du kannst bis zu den Brüsten in weißer Seide stecken, mit Gardenien im Haar, kein Zuckerrohr weit und breit und trotzdem immer noch auf einer Plantage arbeiten", beschrieb die Sängerin die Demütigungen des Alltags.

1937 starb ihr Vater Clarence an den Folgen einer Lungenentzündung, weil kein Krankenhaus in Dallas bereit war, den Schwarzen aufzunehmen. "Strange Fruit", so resümierte Holiday, "drückte all die Dinge aus, die meinen Vater umgebracht hatten." Der antirassistische Song von 1939, den ihre Plattenfirma Columbia Records aus Feigheit nicht aufnehmen wollte, verhalf der Ausnahmesängerin zu Weltruhm - und brachte sie in handfeste Schwierigkeiten.

"Ohne Leben, ohne Volumen"

"Ich habe mir viele Feinde gemacht. War nicht gerade hilfreich, den Song zu singen", sagte Holiday 1947 in einem Interview. Zu ihren gnadenlosesten Gegnern gehörte das Federal Bureau of Narcotics: Am 16. Mai 1947, einen Tag, nachdem sie das umstrittene "Strange Fruit" entgegen der Abmachung im Earle Theater in Philadelphia aufgeführt hatte, verhaftete die Polizei die Heroinabhängige zum ersten Mal wegen Drogenbesitzes.

Von nun an ging es rapide abwärts mit "Lady Day". Anstatt ihren Traum von einem Haus auf dem Land zu verwirklichen, wo sie sich um junge Waisen und streunende Hunde kümmern wollte, verschwendete die Künstlerin ihre Liebe an Männer, die sie schlugen und betrogen. Die kinderlos gebliebene Holiday flüchtete sich derart in Drogen und Alkohol, dass bald auch ihre Stimme leiden sollte.

Zu ihrem letzten öffentlichen Auftritt am 25. Mai 1959 im Phoenix Theater in New York City musste die ausgemergelte und erschreckend gealterte Frau auf die Bühne geführt werden, so schwach war sie. Holiday sang "natürlich schrecklich, ihre Stimme war rau und kratzig, ohne Leben, ohne Volumen, gar nichts", erinnerte sich Komiker Steve Allen, der an jenem Abend ebenfalls dort auftrat.

Sechs Tage später kollabierte Holiday beim Frühstück, Leber und Herz waren so stark angegriffen, dass sie ins Hospital eingewiesen werden musste. Am 12. Juni standen Beamte des Drogendezernats vor dem Krankenzimmer: Sie verhörten die stark geschwächte Patientin, filzten ihr Zimmer, nahmen ihr Blumen und Telefon, Plattenspieler und Comics weg. Obwohl die Sängerin im Sterben lag, wurde sie offiziell wegen Drogenbesitzes festgenommen und mit Handschellen ans Bett gefesselt. Drei Polizistinnen bewachten rund um die Uhr das Zimmer von Häftling Nummer 1669.

Am 17. Juli 1959, einem Freitag, nachts um 3.10 Uhr, hörte ihr Herz auf zu schlagen. So entrann Billie Holiday den Klauen der irdischen Justiz. "Alles, was Drogen für dich tun können, ist, dich umzubringen", hatte die Ausnahmekünstlerin einmal im Interview prophezeit - "und zwar auf die langsame und grausame Art."

Artikel bewerten
4.7 (252 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Dank für diese Ehrung!
Kristiane Rosenberg, 02.04.2015
Sie war für mich mit Ella und Sarah Vaughan zusammen eine der Besten.
2. Eines ist klar ...
Andreas Haumer, 02.04.2015
... ohne ihre dramatische Vorgeschichte wäre sie nicht zu dieser Sängerin geworden. Auch aus Schlechtem kann Gutes entstehen, wenn auch nicht von langer Dauer.
3. Bettie Smith?
Cristian Farray, 02.04.2015
Da ist Ihnen wohl ein kleiner Fehler unterlaufen, ich denke, Sie meinten die grosse Bessie Smith....
4. ach, wenn es das Paradies doch gäbe
Thomas Berger, 02.04.2015
Man wünscht sich auch als Agnostiker und Atheist manchmal, dass es doch ein Leben nach dem Tod gäbe und das Paradies. Nicht für sich selbst, wohlgemerkt, sondern für Menschen wie Billie Holiday.
5. Einerseits
Klaus Rathjens, 02.04.2015
Andererseits - und vollkommen losgelöst von ihren tragischen Lebensumständen - kann man mit ihr eine tonal sehr begrenzte und fast überhaupt nicht wandelbare Stimme hören. Also etwas, das einen/e wirklich gute/n Sänger/in auszeichnet. Mit Ella (als Beispiel) begegnen einem diverse unterschiedliche Klangfarben, eine stupende Technik, großes Improvisationsvermögen, ein sehr großer Tonumfang und ein deutlich zielgerichteter und daher nicht derartig notorisch eingesetztes Vibrato. Aber Ella heißt eben nicht Billie Holiday. Fast könnte man meinen, dass diese Glorifizierung wie eine Wiedergutmachung dessen ist, was die Gesellschaft an ihr verbrochen hat. Das wäre zwar verständlich, aber reale, musikalische Gründe stecken nicht dahinter. Ironischerweise gibt es in dieser Beziehung einige Parallelen zu Maria Callas. Auch bei ihr hat sich die Glorifizierung derartig automatisiert, dass über ihr tatsächlich vorhandenes Stimmvermögen nicht mehr diskutiert wird. Stattdessen wird auf den schwammigen Begriff des Ausdrucks verwiesen. Bei Holiday der Blues, das Leiden, die Reflexion eines tragischen Lebens. Bei Callas das erbarmungslose Gestalten-Wollen, die Empathie, die transportierte Dramatik. Aber sollte man sich nicht fragen, ob tonal und technisch besser ausgestattete Sänger/innen auch deutlich erweiterte Ausdrucksmöglichkeiten besitzen und diese in der Regel auch nutzen? Es ist recht bezeichnend, dass mit beiden Namen neben der musikalischen fast gleichrangig die tragischen Lebensgeschichten erwähnt werden. Sicherlich sind diese in ihren Ausdruck eingeflossen. Aber das reicht nicht, um eine Sängerin musikalisch in derartige Höhen zu hieven, um damit zugleich Kolleginnen zu missachten und ihnen damit quasi Unrecht zu tun. Man täte gut daran, sich auf das rein Musikalische zu konzentrieren und nicht die Lebensumstände als zwingende Zugabe zu präsentieren. Als ob diese die musikalischen Leistungen veredeln würden. Ist es denn ein Zufall, dass selbiges nicht nur in obigen Fällen, sondern auch (z.B.) bei Judy Garland, Edith Piaf und selbst bei derartig limitierten Sängern/innen wie Jim Morrison oder Janis Joplin getan wird? Wenn ich eine Sinfonie höre, spielen die Lebensumstände des Komponisten beim Komponieren ebenso wenig eine Rolle, wie die eines Pianisten bei einem Konzert. Als Oscar Peterson einen Schlaganfall erlitten hatte, war er nur noch ein Schatten seiner selbst. Der reale musikalische Ausdruck wurde sicherlich nicht mehr seinem gigantischen Ruf gerecht. Aber die Anhänger gingen weiterhin in seine Konzerte, um ihn damit zu ehren und vielleicht eine Ahnung seiner einst unvergleichlichen Tage einzufangen. Aber - rein musikalisch gesehen - war das nicht mehr zu begründen. Und damit bewegen wir uns auf einem reinen emotionalen und geschmacksbezogenen Terrain. So wie bei Billie Holiday.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH