Billy Wilder und der Kalte Krieg Cola gegen Kommunisten

Billy Wilder und der Kalte Krieg: Cola gegen Kommunisten Fotos
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Der beste Spielfilm über den Kalten Krieg ist natürlich eine Komödie: Billy Wilders Berlin-Satire "Eins, zwei, drei" von 1961 hat bis heute nichts von ihrem Witz verloren. Von Martin Wolf

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Die wichtigste Regieanweisung für "Eins, zwei, drei" stand auf einer der ersten Seiten des Drehbuchs: "Das Stück muss molto furioso gespielt werden - auf heißer Flamme, in halsbrecherischem Tempo. Empfohlene Geschwindigkeit: 100 Meilen pro Stunde in den Kurven, 140 auf gerader Strecke."

So geschah es, doch alle Rasanz war erst einmal vergebens. Der Film wurde eingeholt - von der Geschichte.

Berlin, Sommer 1961. Billy Wilder (1906 bis 2002), Hollywoods bester Komödienregisseur, gerade mit Oscars ausgezeichnet für seine frivole Büro-Satire "Das Appartement", dreht in der geteilten Stadt einen neuen Kinofilm, mit dem Brandenburger Tor als Kulisse: "Eins, zwei, drei" ist eine Komödie über den Kalten Krieg, also eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. "Ich möchte mit 'Eins, zwei, drei' einmal wenigstens für meinen Teil die ideologischen Nebel vertreiben, die unsere Welt vergiften. Und ich möchte zeigen, was sie verbergen: Komödienfiguren", verkündet Wilder bei Drehbeginn.

Den Unterschied zwischen einer Komödie und einer Tragödie hat Wilder später einmal so erklärt: "Ein Mann läuft eine Straße hinunter und fällt hin. Wenn er wieder aufsteht, ist das eine Komödie, die Leute lachen; bleibt er liegen, ist es eine Tragödie."

Doch eine echte Tragödie kommt dazwischen, nicht in erster Linie, aber auch für "Eins, zwei, drei": Der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 unterbricht die Dreharbeiten. Wilders Team muss aufs Studiogelände nach München-Geiselgasteig ausweichen; das Brandenburger Tor wird dort aus Pappe nachgebaut. "Bums, der Mann blieb liegen. Unsere Späße über

Ost und West waren nicht mehr komisch", so Wilder 25 Jahre später.

Dabei bekommen in "Eins, zwei, drei" eigentlich alle ihr Fett weg: Amerikaner, Sowjets und natürlich auch die Deutschen, die immer noch schön zackig die Hacken zusammenschlagen können, aber schwer unter Amnesie leiden ("Welcher Adolf?").

Im Mittelpunkt jedoch steht James Cagney in der Rolle eines wunderbar großmäuligen Amerikaners: Er spielt den ehrgeizigen Boss der West-Berliner Coca-Cola-Niederlassung namens MacNamara; seine Gattin redet ihn manchmal spöttisch mit "mein Führer" an. Statt über eine halbe Stadt möchte Mr. MacNamara lieber über ganz Europa herrschen, Cola-mäßig. Um befördert zu werden, nimmt er sogar die 18-jährige Tochter seines Chefs auf, die gerade auf Europa-Reise ist - kann ja nichts schaden.

Von wegen: Die naive Amerikanerin, dargestellt von Pamela Tiffin, verliebt sich ausgerechnet in einen strammen Jungkommunisten, gespielt vom damaligen deutschen Nachwuchsstar Horst Buchholz. "Also, du und dieser Bolschewist - was macht ihr denn immer, wenn ihr zusammen seid?", will MacNamara wissen. "Oh, wir machen schnucklige Sachen", gibt die Cola-Tochter zu. "Ich wasche sein Hemd, und er erweitert meinen Horizont. Und wenn die Nacht warm ist, legen wir uns aufs Dach und lassen die Sputniks an uns vorüberziehen."

Weil diese Nähe zum Feind MacNamara unheimlich ist, sorgt er mit einem Trick dafür, dass der Sputnik-Freund in einen DDR-Knast wandert. Doch bald muss er ihn dort wieder herausholen, denn die Cola-Tochter hat offenbar auch noch andere schnucklige Sachen gemacht: Sie ist schwanger und ihr Vater, MacNamaras Chef, unterwegs nach Berlin.

Die Kunst besteht nun darin, den widerspenstigen Kommunisten innerhalb weniger Stunden in einen vorzeigbaren - sprich: kapitalistischen - Schwiegersohn zu verwandeln, Maniküre, Adelstitel und vornehmer Anzug inbegriffen. Dabei trägt er bislang nicht einmal Unterhosen. "Kein Wunder, wenn sie den Kalten Krieg gewinnen", kommentiert MacNamaras Ehefrau.

Dieser Sarkasmus erweist sich als zu scharf für die traumatisierte Frontstadt. "Wem das Elend der geteilten Stadt so nah ist, der ist nicht geneigt, darüber Witze zu machen", lamentiert Springers Boulevardzeitung "B.Z." zum Filmstart im Herbst 1961. "Aber Billy Wilder findet das komisch, was uns das Herz zerreißt."

Die Folge: "Der scheußlichste Film über diese Stadt" ("B.Z.") floppt, in der Bundesrepublik ebenso wie in den USA, obwohl die meisten Witze auf Kosten der Russen gehen. So fällt bei der berühmten Tanzszene, in der Liselotte Pulver im wahrsten Sinne des Wortes die Wände wackeln lässt, ein Chruschtschow-Porträt aus dem Rahmen - und dahinter kommt ein Bild von Stalin zum Vorschein.

Nach diesem Prinzip funktioniert der gesamte Film: Die meisten Gags haben mehr historischen Tiefgang, als die Zuschauer damals anerkennen wollten. Denn dass "Eins, zwei, drei" ein komödiantisches Meisterwerk ist, liegt auch an der Biografie des Regisseurs.

Bis 1933 hatte Wilder in Berlin als Journalist und Drehbuchautor gearbeitet, bevor er vor den Nazis über Paris nach Hollywood fliehen musste. Schon im Drehbuch zu "Ninotschka" (1939) attackierte Wilder eine Diktatur mit grimmigem Humor: Der Hauptdarstellerin Greta Garbo, die eine sowjetische Parteikommissarin spielt, legte er den galligen Satz in den Mund, die Schauprozesse seien ein großer Erfolg gewesen: "Es gibt jetzt weniger, aber bessere Russen."

Im Sommer 1945 kehrte Wilder im Auftrag der US-Regierung als Filmbeauftragter der "Information Control Division" nach Deutschland zurück - und sorgte dafür, dass sich die Deutschen im Kino Dokumentationen über das Grauen in den Konzentrationslagern ansehen mussten. Nebenbei fand er Stoff für neue Filme - zum Beispiel "Eine auswärtige Affäre" von 1948, eine Komödie über eine US-Kongressabgeordnete auf Berlin-Besuch, damals eine Ruinenlandschaft.

"Ich bin nach dem Krieg sehr gern nach Deutschland zurückgekommen und habe dort Filme gedreht", sagte Wilder später, "aber immer mit einer entschiedenen Distanz: Es waren amerikanische Filme und Filme über Amerikaner in Deutschland."

Mit fast 25 Jahren Verspätung konnten sich damit endlich auch die Deutschen anfreunden. "Eins, zwei, drei" widerfuhr historische Gerechtigkeit: Als der Film 1985 erneut in die Kinos kam, wurde er zum Publikumshit, vor allem in West-Berlin.

Billy Wilder, molto furioso, war endlich am Ziel.


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