Versenkung der "Bismarck" Himmelfahrtskommando über dem Atlantik

Mit einem Doppeldecker attackierte John Moffat 1941 das deutsche Schlachtschiff "Bismarck" - und schoss im richtigen Moment seinen Torpedo ab. Wie gut er getroffen hatte, sollte der Brite erst Jahrzehnte später erfahren.

Von Jan Kuchenbecker

AP

In Pitlochry, einer Kleinstadt in den schottischen Highlands, ist John Moffat eine lokale Berühmtheit. Regelmäßig türmt der 95-Jährige aus dem Altersheim, um mit Freunden fliegen zu gehen. Weitaus riskanter waren allerdings seine Einsätze als Pilot der britischen Streitkräfte während des Zweiten Weltkriegs. Bei einem Bier im Pub erzählt er abends von brenzligen Situationen, die längst nicht jeder Kriegsveteran erlebt hat.

Ende 1938 ließ sich Moffat, ein abenteuerlustiger junger Mann aus einem kleinen Ort im Süden Schottlands, zum Kampfpiloten ausbilden. Die britische Regierung warb massiv um Freiwillige, weil sich die politische Lage in Europa angesichts der deutschen Aufrüstung zuspitzte. Gegen den Willen seines Vaters meldete sich Moffat zur Armee, um im Dienst des Königs die Welt zu entdecken.

Sein Flugtraining war noch nicht beendet, als das Deutsche Reich im September 1939 Polen überfiel und der Zweite Weltkrieg begann. Im folgenden Jahr wurde Moffat als "Junior Pilot" auf den Flugzeugträger "HMS Ark Royal" beordert. Mit "Fairey Swordfish"-Doppeldeckern, die für Erkundungen über dem Atlantik und dem Mittelmeer eingesetzt wurden, übte er das Starten und Landen auf dem Kriegsschiff.

Einsatzbefehl bei Windstärke 10

Die "Ark Royal" befand sich im Nordatlantik, als Moffat und seine Kameraden am frühen Abend des 26. Mai 1941 plötzlich auf Deck antreten mussten. Ein Himmelfahrtskommando, denn bei Windstärke 10 hob und senkte sich der Bug des Flugzeugträgers um zwölf Meter. Die Männer konnten sich kaum auf den Beinen halten.

Kurz zuvor hatte das deutsche Schlachtschiff "Bismarck" in der Dänemarkstraße zwischen Island und Grönland den Stolz der Royal Navy, die "HMS Hood", versenkt. Die Briten sannen auf Rache. Ihre zierlichen Flugzeuge sollten mit aller Macht die "Bismarck" angreifen. Fast alle verfügbaren britischen Einheiten im Atlantik wurden im Laufe dieser Operation mobilisiert.

Die "Fairey Swordfish"-Doppeldecker waren damals allerdings schon lange überholt. Sie konnten nur jeweils einen Torpedo tragen, bei dessen Abwurf das leichte Flugzeug schlagartig nach oben katapultiert wurde. Bei schlechtem Wetter war ein solcher Einsatz lebensbedrohlich. Für Moffat und seine Kollegen gab es aber keine Alternative.

Gegen 19 Uhr hoben die Flugzeuge in Dreier-Formationen ab, mit Moffat als "Wingman" rechts außen. Als die "Bismarck" in Sichtweite kam, wurden die britischen Maschinen aus einem großen Geschütz beschossen. Die Piloten gingen in den Sinkflug, um in Kiellinie auf das Schiff zuzufliegen. Im 45-Grad-Winkel durchstachen sie die Wolkendecke, ohne etwas vor sich zu sehen.

"Wir flogen wie durch Hagel"

Als Moffat sein Flugzeug abfangen konnte, waren es nur noch 30 Meter bis zur aufgewühlten See. Zu seiner Rechten erblickte er in etwa zwei Meilen Entfernung die "Bismarck", ein riesiges Ungetüm, das erneut auf die Briten zu feuern begann. "Wir flogen wie durch Hagel, es war unheimlich. Ich dachte, je näher ich an das Wasser heranfliege, desto eher könnte ich überleben. Eigentlich Quatsch, aber offensichtlich hat es funktioniert", erinnert sich der Veteran heute.

Die Besatzung der Bismarck hatte nicht nur die Geschwindigkeit der alten Doppeldecker überschätzt, sondern zudem die Abwehrgeschütze des Schiffes nicht tief genug abgesenkt. Die deutschen Kugeln trafen die nur mit Leinen bespannten Gerippe der Flugzeuge und gingen durch sie hindurch.

"Langsam kamen wir dem Abwurfbereich des Torpedos näher", erzählt Moffat. "Da es mir nicht gelang, die Zieleinrichtung einzustellen, beschloss ich nach Gefühl vorzugehen. Doch als ich das Geschoss gerade ausklinken wollte, schrie mein Co-Pilot Dusty: 'Noch nicht, John, noch nicht!' Denn die Wellen waren zu hoch. Ein zu früh abgeworfener Torpedo wäre wie ein Schweinswal im falschen Winkel ins Meer eingetaucht und untergegangen, ohne sein Ziel zu erreichen."

Doppeldecker in die Höhe geschleudert

Nach einer gefühlten Ewigkeit war es dann soweit. "Dusty und ich schrien zeitgleich: 'Jetzt!' Ich klinkte den Torpedo aus, und er tauchte genau im richtigen Winkel in die Wellen ein", schildert Moffat. Seine "Swordfish" wurde durch den abrupten Gewichtsverlust nach oben geschleudert. Die Männer waren nur noch etwa 800 Meter von dem deutschen Schiff entfernt. Kugeln schlugen um sie herum ein, und das Flugzeug musste unbedingt wenden. "Wegen des Feindfeuers konnten wir nicht während des Aufsteigens drehen. Wir mussten die Maschine also horizontal rumrutschen lassen. Das war wie Skifahren!"

Der gefährlichste Teil der Mission lag da noch vor ihnen. Wie durch ein Wunder gelang es Moffat und den übrigen Piloten, bei schlechter Sicht gegen 22 Uhr abends auf ihren Flugzeugträger zurückzukehren. Alle hatten das Wagnis überlebt. Den Rest der Nacht betranken sich die Männer hemmungslos, bevor sie am nächsten Morgen erneut zum Kampf gegen die "Bismarck" in die Luft steigen mussten.

Die war zu dem Zeitpunkt bereits manövrierunfähig, da ein Torpedo ihr Ruder getroffen hatte. Bald raste John Moffat wieder im Tiefflug auf das feindliche Schlachtschiff zu, während britische Kriegsschiffe die "Bismarck" unter Feuer nahmen.

Deutsche Seeleute ohne Überlebenschance

"Als wir etwa eine halbe Meile entfernt waren, bereit, die Bomben auszuklinken, drehte sich das mächtige Schiff auf die Seite. Was ich dann sah, habe ich nie wieder vergessen. Auf den Wellen schaukelten Hunderte von Köpfen. Jeder von uns wusste, dass niemand von ihnen eine Überlebenschance hatte", berichtet Moffat. "Wir drehten ab und flogen noch zwei Schleifen über den Schauplatz, bevor wir ohne Euphorie zur 'Ark Royal' zurückkehrten."

An jenem Morgen starben mehr als 2000 deutsche Seeleute, lediglich 115 überlebten. Für Moffat endete der Krieg einige Zeit später. Nach seiner Versetzung auf die "HMS Formidable" im Indischen Ozean unternahm er noch Versorgungsflüge, bevor er 1946 aus der Royal Navy austrat.

Vor etwa 15 Jahren untersuchte der amerikanische Historiker Mark E. Horan, unter welchen Umständen die "Bismarck" versenkt worden war. Nach Durchsicht der Akten im Royal Naval Air Station Museum im britischen Somerset war er sicher, dass Moffats Flugzeug den entscheidenden Torpedo abgefeuert hatte. Diese Erkenntnis wurde von der Royal Navy bestätigt. Als Moffat die Abschussbestätigung zugestellt wurde, war er bereits über 80 Jahre alt. "Ich habe das Ergebnis unseres Handelns mit eigenen Augen gesehen und niemals vergessen. Deshalb verspüre ich keinen Stolz, die 'Bismarck' abgeschossen zu haben."



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Markus Kranz, 02.03.2015
1.
Was für ein widerlich geschmackloser Beitrag von Heldentum und Prahlerei, der nicht mehr in unsere Zeit passt.
Florian Greiner, 02.03.2015
2. @Markus Kranz
Haben Sie den letzten Satz gelesen? Der klingt für mich ziemlich reflektiert und so gar nicht nach Heldentum und Prahlerei...
bernd hottewitzsch, 02.03.2015
3. B.Hottewitzsch
Wer hat sich hier in diesem Artikel als Held bezeichnet oder geprahlt ? "Paßt nicht mehr in unsere Zeit" ist angesichts des momentanen Geschehens in der Ukraine oder im nahen Osten einfach nur lächerlich.
Klausi Fuchs, 02.03.2015
4. @Markus Kranz
Das ist doch Unsinn. Da ist kein Anflug von "Heldenmut und Prahlerei" zu sehen, sondern ein Augenzeugenbericht aus einer anderen Zeit. Über den Grund für Deine Ansicht kann man nur spekulieren...
Dirk Miesler, 02.03.2015
5.
@Markus Kranz: Haben Sie den gleichen Bericht wie ich gelesen? Ich erkenne da weder Geschmacklosigkeit noch Heldentum und Prahlerei, sondern vielmehr die Geschichte über einen alten Mann, der sehr gut reflektiert und sich seiner Tat keineswegs rühmt.
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