Bizarre Epidemie Lachen, bis die Ärzte kamen

Bizarre Epidemie: Lachen, bis die Ärzte kamen Fotos
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1962 wurde Tansania von einer mysteriösen Krankheitswelle erfasst: Über Monate verfielen Tausende Bürger in anhaltende Lachanfälle, sogar Schulen mussten geschlossen werden. Die Ursache, die Ärzte fanden, war alles andere als lustig. einestages über die Lachkrankheit - und andere absurde Epidemien. Von Danny Kringiel

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Im Mai 1963 berichteten zwei afrikanische Ärzte im "Central African Journal of Medicine" von einer eigenartigen Krankheit in Tansania, das damals noch Tanganjika hieß. Im Bezirk Bukoba am südwestlichen Ufer des Victoriasees geschahen unerklärliche Dinge: Die Ärzte sprachen von "abnormem emotionalen Verhalten", das sich dort von Person zu Person ausbreite, von einer "Epidemie". Menschen verfielen plötzlich und ohne ersichtlichen Grund in Lachanfälle, die sie wochenlang nicht losließen und den Befallenen einen normalen Alltag unmöglich machten. Die Erkrankten wiesen geweitete Pupillen und verstärkte Reflexe auf, sonst aber keine körperlichen Auffälligkeiten. Das dauernde Lachen war offenbar keineswegs spaßig für sie - zwischen die Lachepisoden mischten sich Weinkrämpfe und Paranoia: "Viele der Patienten haben Angst vor etwas. Sie scheinen zu fürchten, dass jemand hinter ihnen her ist."

Hunderte, so berichteten die Autoren des Artikels, seien von der hochansteckenden Seuche befallen - meist Jugendliche, aber auch Ältere: "Im Dorf Kanyangereka sah ein 52-Jähriger, wie Erkrankte Lachanfälle erlitten. Der Anblick ihres Leides bestürzte ihn." Doch als er zu seiner Hütte zurückgekehrt sei, habe ihm "irgendetwas" befohlen, ebenfalls zu lachen, weinen und schreien. Resigniert stellten die Mediziner fest: "Während dieser Text geschrieben wird, breitet sich die Krankheit weiter in andere Dörfer aus. Es herrscht beträchtliche Angst in der Bevölkerung." Die Ärzte hatten noch nicht einmal einen Namen für die geheimnisvolle Krankheit, mit der sie es hier zu tun hatten. Die Einheimischen nannten sie schlicht "Akajanja" - "der Wahnsinn".

Begonnen hatte dieser Wahnsinn fast eineinhalb Jahre zuvor, am 30. Januar 1962, in einem von Missionaren betriebenen Mädcheninternat im kleinen Dorf Kashasha: Während des Unterrichts hatten drei Mädchen im Alter von 12 bis 18 Jahren plötzlich zu lachen begonnen. Was zunächst pubertäre Albernheit zu sein schien, nahm jedoch bald beunruhigende Züge an, denn die Mädchen hörten einfach nicht mehr auf - auch in den nächsten Tagen. Stattdessen stimmten Tag für Tag immer mehr ihrer Schulkameraden mit in das Gelächter ein. Wochenlang versuchten die fünf Lehrer der kleinen Schule, wieder Ernst in den Unterricht zu bringen. Doch als am 18. März schließlich 95 der 159 Schüler von der Lachepidemie betroffen waren, gaben die Lehrkräfte auf und schlossen das Internat.

Das Gelächter Tausender

Damit kam die Epidemie erst richtig ins Rollen: Die Kinder wurden von ihren Eltern zurück in ihre Heimatdörfer geholt - und steckten die Menschen dort mit ihrem Lachen an. Nur zehn Tage, nachdem die Schule geschlossen worden war, brach die Seuche im Dorf Nshamba aus, aus dem eines der Mädchen stammte. Innerhalb von nur zwei Monaten befiel die Lachkrankheit dort 217 Bewohner. In der Stadt Bukoba wurde eine weitere Mädchenschule von der Epidemie heimgesucht und musste geschlossen werden. Heimgekehrte Schülerinnen aus Kashasha wohnten ganz in der Nähe. Überall im Bezirk Bukoba breitete sich die Krankheit explosionsartig aus. Sprachwissenschaftler Christian Hempelmann, der die Ursprünge der sonderbaren Epidemie erforschte, schätzte 2003 im Interview mit dem "Chicago Tribune" die Zahl der Erkrankten auf "mehrere tausend".

Je weiter die Zahl der Erkrankten in die Höhe stieg, umso mehr wurde über den Ursprung der Krankheit gerätselt: Ärzte vermuteten ein Virus, das sich per Tröpfcheninfektion von Person zu Person ausbreitete. Aber im Blut der Betroffenen fanden sich keine Hinweise darauf. Ein weiterer Verdacht fiel auf die Lebensmittel im Internat von Kashasha. Hatten sie toxische Substanzen enthalten? Es zeigte sich, dass die Zutaten der Internatsküche aus nahe gelegenen Dörfern stammten, in denen die gleichen Zutaten völlig folgenlos verspeist worden waren. Es kamen sogar Gerüchte auf, das ansteckende Gelächter sei eine Folge von Atombombentests, die die Atmosphäre vergiftet hätten.

Die tatsächliche Ursache jedoch war, wie Christian Hempelmann erklärt, kein körperlicher Faktor: "Man nennt es Massenhysterie. Es ist ein Gruppenverhalten, das nicht durch eine bestimmte Ursache in der Umwelt wie Lebensmittelvergiftung ausgelöst wurde." Vorbedingung für das Auftreten einer solchen Massenhysterie sei vielmehr ein hoher Stressfaktor der betroffenen Gruppe. Besonders häufig trete Massenhysterie in Gruppen auf, die nur wenig Macht haben - sie sei praktisch "ein letzter Ausweg für Menschen von niedrigem Status, auszudrücken, dass etwas nicht in Ordnung ist."

Das Erdbeeren-mit-Zucker-Virus

Vieles war nicht in Ordnung für die Menschen in Tanganjika: Das Land wurde von Malaria-Plagen und extremer Armut gebeutelt, Gewalt gegen Frauen war an der Tagesordnung. Zudem hatte Tanganjika erst im Dezember 1961, nur einen Monat vor dem ersten Ausbruch der Lachepidemie, die Unabhängigkeit von Großbritannien erlangt, womit viele Änderungen im Leben der Bewohner einhergingen. Gerade auch für Kinder, wie Hempelmann erläutert: "Die jungen Betroffenen berichteten, dass sie gestresst waren durch die erhöhten Erwartungen ihrer Lehrer und Eltern." Ihr psychisches Ventil wurden die Lachanfälle. Gerade also, weil sie nichts zu lachen hatten, hatten die Bewohner von Tanganjika nicht mehr aufhören können zu lachen.

Im Laufe des Jahres 1963 ebbte die Welle des Gelächters, das Bukoba in Angst und Schrecken versetzt hatte, allmählich wieder ab. Doch so absurd die Lachepidemie von Tanganjika im Rückblick auch erscheinen mag - derartige Massenhysterien sind wesentlich verbreiteter, als man glaubt.

einestages zeigt, wie die absonderlichsten Beispiele solcher hysterischen Ausbrüche die Geschichte der Menschheit durchziehen - von Tanzepidemien über miauende Nonnen bis zum "Erdbeeren-mit-Zucker-Virus", das ganze Schulen in Portugal lahmlegte.

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1.
Franz Richter 22.09.2011
Ich habe 1974/75 als Student in München während eines Meditationslehrerkurses, der abends und an Wochenenden stattfand, solche kollektiven Lachanfälle erlebt. Das Lachen trat aber nur auf, wenn die Gruppe zusammen war und wurde als spontane Art des "Entstressens" gewertet. Nur die Gruppenleiter waren manchmal etwas genervt - bis sie dann schließlich nichts anderes konnten als mitzulachen.
2.
Indro Biswas 26.09.2011
Ich bin ein wenig überrascht. Und ärgerlich. Wozu das Bild einer demolierten Schultoilette aus einer völlig anderen Gegend. Meine erste Assoziation: eklig. Der erste Begriff im Text war die jordanische Schule. Solche Kombinationen (und ich gehe mal davon aus, daß der Redakteur nur aus reiner Planlosigkeit 'irgendein' spektakuläres Bild einer öffentlichen Toilette gesucht hat) prägen sich leider viel zu sehr ein. Der dezente Hinweis am Bildrand ändert da gar nichts dran. Aber zum Thema: Massenhysterien gibt es noch viel häufiger, wenn auch nicht immer so skurril. Die Massenpaniken in beengten Stadien oder Love-Parade-Arealen entstehen auch aus kleinen indivuellen Ängsten, die andere Menschen anstecken. Moden funktionieren genauso, wenn auch in anderem raäumlichen und zeitlichen Maßstab. Mit 'vernünftigen' Gründen und Mechanismen kann ich mir solche Dinge überhaupt nicht erklären. Es handelt sich offenbar immer wieder um ganz urtümliche instinktive Reaktionen. Und es ist ist wirklich erstaunlich, zu welcher Kommunikationsfähgikeit Menschen dabei in der Lage sind!
3.
Kristina Lange 17.10.2011
wow.... was Gruppenzwang alles auslösen kann.... echt bemerkenswert. Hier auf Wikipedia gibts noch mehr links dazu. Echt interessant http://de.wikipedia.org/wiki/Tanganjika-Lachepidemie
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