Bizarre Forschungen in Afrika Die Vermessung der Völker

Er nahm Ganzkörperabgüsse, Fingerabdrücke und zeichnete Stimmproben auf: 1931 reiste Hans Lichtenecker nach Afrika, um ein "Archiv aussterbender Rassen" anzulegen. Jetzt wurden die Stimmaufzeichnungen seiner Probanden ausgewertet und digitalisiert - und zeugen von Lichteneckers rabiaten Forschungsmethoden.

Namibian Scientific Society in Windhoek

Von Karin Seethaler


"Wir werden wieder missbraucht. Wir befinden uns wieder in der Konservendose. Mir wurde gesagt, ich soll sprechen. Nun weiß ich nicht, was ich sagen soll. Ich schreie nur, wie ein Hund im Fangeisen." Kanaje war wütend: "Ich kenne die Leute nicht, die diese Dinge benutzen werden", erklärte er 1931 in den Trichter des Phonografen, der seine Worte aufnahm. "Wer weiß, wer sie sind?"

Die Frage verhallte ungehört. Der, der sie hätte beantworten können, der Mann hinter dem Phonografen, verstand nicht, was der Südwestafrikaner sagte und es interessierte ihn auch nicht besonders: Für Hans Lichtenecker waren Kanajes Worte nur unverständlicher Kauderwelsch, nur eine weitere Stimmprobe in seiner Sammlung.

Lichtenecker war als Feldforscher 1931 nach Afrika gekommen. Sein Ziel: die Vermessung, Klassifizierung und Typisierung der indigenen Bevölkerung, ein "Archiv aussterbender Rassen". Das "Gesicht von Südwest" wolle er abbilden, schrieb er in seinen Notizen. Auf seinem Wunschzettel stand vor allem eines: Körperabformungen afrikanischer Männer und Frauen. Gesichter, die er in eine Gipsmasse goss, aus denen er später Positive formte. Wie viele Zeitgenossen war Lichtenecker der Überzeugung, dass sich an solchen Formen Charakter und Intelligenz eines Menschen ablesen ließen. Aber auch an Fingerabdrücken war er interessiert, an Haar- und Stimmproben.

Bizarre Forschungen am lebenden Objekt

Nachdem er ihre Gesichter in Gips geformt, ihre Körper vermessen, den Farbton ihrer Haut klassifiziert hatte, forderte er einige seiner Probanden auf, vor den Phonografen zu treten. Irgendetwas sollten sie sagen, egal was. 57-mal ritzte eine feine Nadel die Stimmen der Forschungsobjekte in Wachswalzen - ohne dass Lichtenecker wusste, was genau er eigentlich aufgenommen hatte. Nach Abschluss seiner Reise übergab er die Tondokumente dem Berliner Phonogramm-Archiv.

Dort blieben sie jahrzehntelang unbeachtet im Regal liegen, bis die russische Armee sie 1945 als Kriegsbeute nach Leningrad überführte. Von dort wurden sie 1990 nach Berlin zurückgebracht, wo sie für weitere 16 Jahre im Archiv verschwanden. Erst 2006 holte sie die Kulturwissenschaftlerin und Afrikanistin Anette Hoffmann aus der Vergessenheit. Sie veranlasste, dass die Aufnahmen digitalisiert und übersetzt wurden - und entlockte den Tondokumenten ihre oft verzweifelten Botschaften.

"Ich konnte nichts hören und sehen, was geschah. Aber ich konnte nicht durch den Mund atmen. Meine Ohren waren wund, wund, wund. So war das." Weil sie wohl ahnten, dass ihr Gegenüber ohnehin nicht verstand, was sie sagten, stellten einige der Aufgenommenen ziemlich deutlich klar, was sie von seinen bizarren Praktiken hielten. So sagte ein Proband: "Ich bin nicht einverstanden. Was soll das? Ich weiß nicht, wer das ist, aber ich stehe hier auf der Kiste."

Ein erfolgloser Künstler auf Forschertour

Andere nutzten die Gelegenheit, um aus ihrem Leben zu erzählen, zuerst unter deutscher Kolonialherrschaft, später unter südafrikanischer Verwaltung: "Ich habe keinen Ehemann und ich sterbe vor Hunger, alleine. Ich habe keinen Ehemann und keine Kinder, so ist es für mich", klagte eine Frau namens Margarita Swaartbooi.

Lichtenecker, vor seinem Wirken in Afrika nur ein erfolglose Künstler aus Gotha, war kein studierter Völkerkundler. Als Hilfskraft war er 1909 nach Südwestafrika gekommen, war später Soldat gewesen, schließlich Farmer. In dieser Zeit, so notierte er später in sein Tagebuch, sei er auf die Situation der "Buschmänner" und "Hottentotten" aufmerksam geworden, auf ihr langsames Verschwinden.

Darin sah Lichtenecker seinen Auftrag: den "primitiven" Menschen zu dokumentieren, solange es ihn noch gibt. Er war überzeugt, nachfolgenden Generationen damit einen wertvollen Dienst zu tun: "Sie brauchen nicht Stück für Stück der Vergangenheit wieder zusammenzukonstruieren. Dann wird alles schön sauber, in Archiven geordnet und in Museen aufgestellt vor ihnen", hielt er fest.

Grabschändung als Wissenschaft

Anders als die meisten europäischen Feldforscher in Afrika war Lichtenecker Autodidakt, sein Projekt eines "Archivs aussterbender Rassen" betrieb er auf eigene Rechnung. Unterstützt wurde er dabei jedoch von mehreren Stellen. Nicht nur vom Berliner Tonarchiv, das ihm den Edison Phonografen zur Verfügung stellte, sondern zum Beispiel auch von Eugen Fischer, dem damaligen Leiter des "Kaiser Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik" in Berlin. Für ihn sollte Lichtenecker Bilder von den "Rehoboth" machen - einer Bevölkerungsgruppe, die aus Nama und Buren hervorging.

Tatsächlich hatte es etliche Wissenschaftler Anfang des 20. Jahrhunderts nach Afrika gezogen, die Erforschung der Einwohner erlebte einen regelrechten Boom. Eugen Fischer selbst etwa war schon 1908 nach Südwestafrika gereist, um seine Studien zu den "Rehobother Bastards" durchzuführen. Eine Arbeit, die ihm zum wissenschaftlichen Durchbruch verhalf und ihn später zu einer führenden Figur in der Entwicklung nationalsozialistischen Rassendenkens machte.

Und auch ein weiter prominenter Vertreter, der Österreicher Rudolf Pöch, hatte bereits vor Lichtenecker in der Region geforscht. 1909 war er nach Südafrika gereist, um dort die "noch lebenden Reste der Buschmannrassen" zu studieren. Dabei schreckte er in seinem Forschungsdrang auch vor Grabschändung nicht zurück, wie Historiker erst kürzlich anhand südafrikanischer Polizeiberichte nachwiesen. In der Nähe der Stadt Kuruman soll Pöch die Leichen von Landarbeitern entwendet und nach Wien geschmuggelt haben.

Verstörende Botschaft an Deutschland

So weit wie Pöch ging Lichtenecker nicht. Obwohl auch er nicht gerade zimperlich war, was seine Methoden betraf: "Kurz entschlossen", brüstet er sich einmal in seinen Notizen, "nahm ich den noch immer schimpfenden Hottentotten am Ärmel und brachte ihn zur Schlachtbank. Da begann ich sofort mit dem Auftragen der [Gips]Masse. Als erstes bekam er einen Strich über den Mund."

Szenen wie diese waren wohl kein Einzelfall. Da sich keine Freiwilligen fanden, die sich von ihm vermessen, abformen oder aufnehmen lassen wollten, musste sich Lichtenecker anderweitig behelfen. In Keetmanshoop, einer kleinen Ortschaft 500 Kilometer südlich von Windhoek, richtete er deshalb im Winter 1931 ein "Standquartier" ein. Mit seinen Gefährten Gerhardt Freund sowie Ernst und Otto Rusch, ließ er sich in der Küche der örtlichen Polizeistation nieder.

Von hier aus fuhren die vier in umliegende Wohnquartiere, wo Lichtenecker seine "Untersuchungsobjekte" vor Ort aussuchte. Anschließend ließ er sie zur Polizeistation bringen. Erst hier bekamen die Männer und Frauen einen Eindruck davon, wozu man sie geholt hatte. Viele reagierten mit Schrecken, Unverständnis, auch mit Ärger. Die Umgebung und die Anwesenheit der Polizei führten jedoch dazu, dass die meisten die Prozedur über sich ergehen ließen.

Lichteneckers verstörende Forschungspraktiken werden in der Ausstellung "What we see" thematisiert, die 2009 erstmals in Kapstadt gezeigt wurde und zurzeit am Wiener Museum für Völkerkunde gastiert. Sie entfaltet Ihre Wirkung vor allem dadurch, dass sie den nüchternen Ergebnissen der Forschung, in denen die Menschen nur Objekte sind, erstmals die Kommentare der Betroffenen gegenübergestellt. Betroffene wie Jacobus Vliermuis. Wie viele andere versuchte der Südwestafrikaner über Lichteneckers Phonografen eine gezielte Nachricht an Deutschland zu schicken: "Ich, ein Kind des Namalandes, spreche heute zu euch! Ich lebe noch, auch wenn es hart ist."

Zum Weiterlesen:

Anette Hoffman (ed.): "What we see. Reconsidering an Anthropometrical Collection form Southern Africa: Images, Voices, and Versioning". Verlag Basler Afrika Bibliographien, Basel 2009, 233 Seiten.



insgesamt 2 Beiträge
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Agnieszka Debska, 19.06.2011
1.
Danke. Interessante Detailansicht zu dem großen Themenkomplex Völkerschauen. Vielleich auch spannend in diesem Zusammenhang ist der Roman "Grosse Kannibalenschau" von C. Fischer (Periplaneta, Berlin) sowie die Dissertation"Gezähmte Wilde" von A. Dreesbach (Campus)
Udo Steinhauer, 04.07.2011
2.
Die Ergebnisse der Rasseforschung geben mehr Auskunft über die Forscher als über die von ihnen untersuchten Menschen. Sie war eine gründliche wissenschaftliche Vorbereitung der Endlösung. Ein aktuelles Ergebnis dieser verbrecherischen Geisteshaltung ist heute z. B. das ehemalige Judenviertel in Krakau. Ein Prozent der ehemaligen jüdischen Menschen hat die Shoa überlebt. Ihre ehemaligen Häuser wurden als Freilichtmuseum erhalten, damit die Nachwelt noch Spuren einer untergegangenen Rasse sehen kann. Perverser ging es nicht mehr.
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