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Bizarrer Fotofund Shootingstars beim Kirmes-Harakiri

Bizarrer Fotofund: Shootingstars beim Kirmes-Harakiri Fotos
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Selbstporträt mit Waffe: Eine spektakuläre Attraktion eroberte nach dem Ersten Weltkrieg die Jahrmärkte. Das sogenannte Fotoschießen war dabei keineswegs nur ein Spaß für Kinder. Auch berühmte Philosophen, Regisseure und Fotografen legten auf sich selber an. Von und

"Diese enorme Wucht der Bilder!", wie elektrisiert war Clément Chéroux stehengeblieben. Gut 20 Jahre ist es her, dass er über einen der Pariser Flohmärkte geschlendert war und dabei diesen Schuhkarton entdeckt hatte. Der Schriftsteller und Fotohistoriker interessierte sich stets für alte Aufnahmen, doch was er in dieser Pappschachtel fand, überraschte ihn sehr: Die Fotografien zeigten Menschen in einem Moment höchster Anspannung und Konzentration - als sie gerade eine Waffe auf etwas richteten. Chéroux kaufte den ganzen Karton.

Monate später las er Michel Butors Roman "Der Zeitplan" und fand darin eine Szene beschrieben, wie sich die beiden Protagonisten George und Harriet Burton auf einem Jahrmarkt fotografieren lassen. Da wusste Chéroux, was ihn an den Bildern aus dem Schuhkarton so fasziniert hatte: die Eigentümlichkeit, mit der diese Aufnahmen entstanden waren. Es handelte sich gewissermaßen um einen fotografischen Suizid.

Das sogenannte Fotoschießen gehörte bis in die siebziger Jahre zu den beliebten Attraktionen einer jeden Kirmes. Der Schütze am Schießstand richtete das Gewehr auf ein Ziel, doch statt Blumenmanschetten zu zersplittern, löst der Treffer eine Kamera aus, die ihn porträtierte. Heute allerdings sind die Fotoschießstände beinahe von allen europäischen Rummelplätzen verschwunden. Das Augsburger Familienunternehmen Simbeck ist eines der wenigen noch bestehenden Schaustellergeschäfte dieser Art. Gustav Simbeck hatte es 1950 gegründet, und bis vor kurzem lebten seine Nachfahren auch noch in dem Glauben, er habe das Fotoschießen erfunden. Chérouxs Bilderfunde haben diese Annahme nun widerlegt.

Intellektuelle am Abzug

Bei Recherchen in Archiven fand Chéroux heraus, dass die ältesten Aufnahmen aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stammen. Das Prinzip hat sich seither kaum verändert: Die Gewehrkugel, die das Zentrum der Zielscheibe traf, legte einen kleinen Hebel um, der den Blitz, damals noch mit Magnesiumpulver, auslöste. Parallel dazu öffnete sich der Verschluss der Kamera, die direkt neben der Zielscheibe angebracht war. Hinter dem Fotostand befand sich ein kleines Labor, in dem die Aufnahmen innerhalb von Minuten entwickelt und dann auf eine Leine zum Trocknen gehängt wurden.

Die Schützen drehten derweil eine Runde auf dem Jahrmarkt - und kehrten zurück, um sich ihre Trophäe abzuholen. Die Wartezeit entfiel, als in den siebziger Jahren Sofortbildkameras auf den Markt kamen. Später wurden die Polaroids von digitalen Schnappschüssen abgelöst.

Wer das Fotoschießen allerdings einst erfunden hatte, konnte Chéroux nicht herausfinden. Der Flohmarktgänger und Fotohistoriker ist mittlerweile Kurator am Centre Pompidou in Paris. Fotoschüsse sind noch immer seine Leidenschaft. Dieser Tage zeigt er sie in der Ausstellung "Shoot!" im Museum für Photographie in Braunschweig. Zu sehen sind nicht irgendwessen Schüsse: Regisseure wie Federico Fellini und François Truffaut, die Fotografen Man Ray und Henri Cartier-Bresson und sogar Intellektuelle wie Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre haben den Finger am Abzug. Was aber trieb sie an den Schießstand?

"Berauscht euch!"

Ein tieferes, metaphysisches Interesse am Fotoschießen, erklärt Chéroux, habe er etwa bei Sartre nicht nachweisen können. "Allerdings hat es meiner Meinung nach etwas sehr Existentialistisches, wenn man sich selbst fotografiert - und dabei gleichzeitig symbolisch zerstört."

Der Erste Weltkrieg war gerade vorüber und Rummelplätze erfreuten sich größter Beliebtheit. Die Menschen suchten Zerstreuung, hier konnten sie vergessen und in eine andere Welt eintauchen. "Berauscht euch!" ("Enivrez-vous!") hatte der Dichter Charles Beaudelaire einst gefordert - und der Jahrmarkt war der Ort, an dem man sich berauschen konnte an lauter Musik, seltsamen Gerüchen, bunten Farben. Ein Ort, wo man verrückt wurde, wo die Menschen schrien, alle Sinne überfordert wurden und aus dem Lot kamen.

"Das interessierte die Künstler natürlich", sagt Clément Chéroux, "und besonders die Surrealisten wie etwa André Breton. Diese Künstlergruppe ging gezielt auf Jahrmärkte, um dieses temporäre Verrücktwerden der Menschen zu studieren. Der Jahrmarkt produzierte Schwindel, ebenso wie Drogen und Alkohol - das liebten die Künstler. Und wohl darum ließen sie sich auch beim Fotoschießen ablichten." Ihre Gründe, einen Jahrmarkt zu besuchen, seien die gleichen gewesen wie bei allen anderen Menschen auch: Spaß.

Symbolisches Harakiri

Für den Kurator besteht die große Faszination in der Dualität des Phänomens: "Auf der einen Seite haben wir das Spielerische, Amüsante, den Sport, auf der anderen Seite etwas extrem Aggressives, Schlimmes, Beängstigendes. Den virtuellen Selbstmord, das symbolische Harakiri." Das Bild belegt, dass auch tatsächlich geschossen wurde - anders wäre es nicht entstanden.

In jeder Aufnahme manifestiert sich eine schauerliche Nähe zwischen dem Akt des Tötens und dem des Fotografierens. Wohl nicht zufällig. Nach Meinung von Chéroux hat der Erste Weltkrieg das Fotoschießen geradezu befördert: "Vier Jahre lang hatten die Soldaten Tag für Tag ihre Schusswaffen bedient - ohne dass sie dabei jemals fotografiert wurden." Schand- und Heldentaten blieben undokumentiert. "Nach dem Krieg nun erhielten sie die Möglichkeit, sich selbst beim Schießen abzulichten." Jeder Schütze wurde selbst zum Dokumentar seiner Tat. "Das muss diese Männer enorm beflügelt haben."

Möglich, dass diese Technik deshalb auch sehr schnell in andere Länder exportiert wurde. Kurator Chéroux vermutet, dass es das Fotoschießen um 1930 nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland gab. Historische Belege hat er dafür bislang nicht gefunden.

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
Michael Sax, 21.10.2010
Im Artikel fehlt ein wichtiger Hinweis. Es ist nicht notwendig, genau die Mitte zu treffen, sonst wäre man auch ruiniert, bis man, stehend mit Gewehr im Anschlag, endlich mal die 12 treffen würde. Nach genügend Treffern im schwarzen Bereich, (ich glaub fünf bis zehn mal, soweit ich das noch aus den achtzigern in Erinnerung habe) löst es das Foto auch aus. Sonst hätte es auch kaum die Beliebtheit erreicht, wenn man das Erfolgserlebnis so schwer gestaltet hätte.
2.
Brigitte Aust, 25.10.2010
Ich habe einige alte Schausteller befragt - an Vorkriegs-Fotoschiessen kann sich keiner erinnern. Muss wohl recht selten gewesen sein. Fotos dieser Art hat auch der Diskotheken-Besitzer Charly Büchter (ältere Düsseldorfer kennen ihn) regelmäßig über einen langen Zeitraum auf der großen Kirmes von sich geschossen.
3. Symbolischer Selbstmord?
Paul Nemec, 28.10.2014
Was bitte hat Fotoschießen mit symbolischem Selbstmord oder Selbstzerstörung zu tun? Hat der Herr Kurator schon mal so einen Fotoschießstand gesehen? Denkt er als vorbildlich friedliebender Mensch, dass man dabei auf sein eigenes Spiegelbild schießt? Die Autorinnen scheinen sich auch nicht mit dem beschäftigt zu haben, worüber sie schreiben. Man schießt mitnichten "auf sich selbst", sondern auf eine langweilige Scheibe. Nicht weit davon entfernt ist die Linse einer Kamera auf den Schützen gerichtet. Die Entfernung kann man anhand der Bilder ein bisschen abschätzen.
4.
Johann Frahm, 13.05.2015
Man legt nicht auf sich selbst an - das ist doch Quatsch! Man schießt auf eine 12er Scheibe und wird dabei fotografiert. Hier wird untergründig suggeriert, dass man auf sich selbst schießt, so ein Blödsinn!
5. Das waren
P RL, 14.05.2015
Die ersten "selfies".
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