Blick zurück auf 68 "Wir hätten über uns selbst gelacht"

Blick zurück auf 68: "Wir hätten über uns selbst gelacht" Fotos
Jochen Mönch

Kindermangel, Familienkrise, Werteverfall - und Schuld haben die 68er? Ein Wochenende lang haben 16 Rebellen von damals darüber gestritten, was aus ihnen geworden ist. Und warum die Gesellschaft sich völlig anders entwickelt hat, als sie sich das vorgestellt hatten.

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Die Idee entstand auf einer der Geburtstagsfeiern, auf denen sie sich in den letzten Jahren wiedersahen und wieder mal die ganze Nacht durchtranken: Warum diesem ganzen schrillen nervtötenden Geschrei um "68" und seinen schrecklichen Folgen nicht mal eine ordentliche Abrechnung entgegensetzen?

Sie - das sind 16 Jugendliche aus Bremen, die damals die Welt verändern wollten, und nun als Staatsanwälte, Werber, Ärzte, Journalisten, Hochschullehrer, Manager und Politiker ein bürgerliches Leben führen, das anders ist, als sie je gedacht haben.

Der Diskussion stellten sich - moderiert vom Journalisten Christian Berg - die Generalstaatsanwältin Angela Uhlig-van Buhren, die Bundestagsabgeordnete Krista Sager, der Rechtsanwalt Bernhard Docke, die Journalistin Tissy Bruns, der Hochschullehrer Christoph Köhler, der Sozialmanager Joachim Barloschky, der Stadtteilbürgermeister Robert Bücking, der Werbeunternehmer Jork de la Fontaine, der Anwalt Wolf Leschmann, die WDR-Redakteurin Irmela Hannover, die Pädagogin Barbara Brokamp, die Geschäftsführerin Katja Barloschky, die Kulturveranstalterin Karin Hopfe, die Anwältin Ingeburg Lösekann, der Arzt Matthias Kleij, der SPIEGEL-Ressortleiter Cordt Schnibben.

Entstanden ist daraus das Buch "I can't get no", erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, aus dem folgender Auszug entnommen ist.

Christian Berg: Wenn ihr an diese Zeit Ende der sechziger Jahre zurückdenkt, welches Bild schießt euch dann in den Kopf?

Katja: Was heißt denn jetzt Bild? Erinnerungsbild?

Christian: Aus der Zeit.

Katja: Oder ein Foto?

Christian: Eine Szene, die ihr selbst erlebt habt, oder etwas, was ihr gesehen habt, im Fernsehen, in der Zeitung.

Karin: Mein Bild ist aus dem Sommer 68, an einem Vormittag irgendwo im Bremer Steintorviertel, wo mir ein Freund begegnet ist. Am Abend vorher hat es ein rauschendes Fest in der "Lila Eule" gegeben.

Barlo: Nicht in der "Lila Eule", sondern oben auf dem Dach.

Karin: Ihr wart oben auf dem Dach, und jemand schrie: "Der Puff brennt!"

Christoph: Stimmt. Da brannte es, da gab es in der Helenenstraße Feuer.

Karin: Dieser Freund, das ist das Besondere an dieser Erinnerung und diesem Bild, sagte zu mir: "Dieser Sommer wird ein heißer werden." Das ist bis heute im Kopf.

Christoph: Auf dem Dach hatten wir uns alle ausgezogen.

Barlo: Genau.

Christoph: Alle waren nackt.

Barlo: Ganz genau. Und Olaf, der aufrührerische Alt-Juso, der hat uns an den Schwanz gefasst. Also mir. (Gelächter)

Als der Direktor auf dem Tisch stand

Robert: Ich sehe mich mit meinem grünen Parka mit diesem Pelzkragen, den ich immer anhatte, an einer Ecke im Steintor stehen, ich weiß, dass Rudi Dutschke in der "Eule" auftritt, ich will den Chefideologen aus Berlin unbedingt hören, das bedeutet mir viel, und ich habe mich nicht getraut, nach dem Weg zu fragen. (Gelächter)

Wolf: Ich sehe mich auf dem Konferenztisch im Lehrerzimmer des "Alten Gymnasiums" sitzen, wir Schüler hatten eine Zeugniskonferenz gesprengt, und ich sehe den Direktor, der im Lehrerzimmer auf dem Tisch steht.

Irmela: Meine stärkste Erinnerung ist der Mord an John F. Kennedy. Da habe ich zum ersten Mal ein Gefühl dafür gekriegt, diese Welt ist gefährlich, und die guten Menschen werden umgebracht.

Christoph: Für mich ist es diese Szene, wo wir vor der Straßenbahn sitzen, auf den Schienen sitzen, und die Bahn aufhalten.

Tissy: Ich habe zwei Bilder im Kopf, der tote Benno Ohnesorg und das Dutschke-Fahrradbild nach dem Attentat. Ohnesorg, das war wie eine Initialzündung.

Matthias: Das war initial, ja. Da fuhr einem eine Axt in den Kopf.

Ingeburg: Meine stärkste Erinnerung ist eine Szene nach irgendeiner Demonstration, wo sich alle zurückgezogen haben in den "Sozialistischen Club". In der Mitte stand eine Leiter, ich weiß nicht, wer da alles raufgestiegen ist und geredet hat, und ich habe aus dem Fenster geguckt und habe gesehen, dass gegenüber das Untersuchungsgefängnis ist und dahinter das Justizgebäude. Ich habe dieses Kribbeln gehabt und mir gesagt: "Irgendwann landen wir alle da drüben."

Cordt: Wenn man sich diese Bilder nochmal in den Kopf zurückholt und sich nochmal in diese Zeit zurückversetzt und drüber nachdenkt, wie wir damals gedacht haben und wie wir uns unser Leben vorgestellt haben - nun die Frage: Leben wir heute so, wie wir damals leben wollten? Okay, wir sind nicht im Gefängnis. Gut. Aber sonst? (Schweigen, längere Pause)

Irmela: Warum meldet sich keiner?

Krista: Ich lebe, ehrlich gesagt, heute besser, als ich es mir damals vorgestellt habe.

Christian: Ja gut, besser ist doch schon mal eine Antwort. Warum besser?

Krista: Ja, ich hätte nie gedacht, dass es mir mal so gut gehen würde. Also dass ich einen Beruf habe, der mir Spaß macht und mit dem ich auch noch Geld verdienen kann, das empfinde ich als ein großes Glück. Dass ich seit dreizehn Jahren mit einem Mann zusammen bin, den ich liebe und mit dem ich gerne zusammen bin, empfinde ich auch als ein großes Glück, nach diesen ganzen Wirren.

Robert: Ich glaube, wir hatten uns das Leben sehr viel gemeinschaftlicher vorgestellt. Wir hatten die Vorstellung, die Abgegrenztheit des Individuums zu überwinden, in Wohngemeinschaften, in Kampfgemeinschaften.

Tissy: Ja, aber die Entdeckung des Privaten im hohen Alter war auch von Vorteil. (Gelächter)

"Gut, das mit den Beziehungen hat nicht immer geklappt"

Angela: Die Mädchen haben besonders profitiert von dieser Zeit damals, für uns war es die Befreiung von diesem Frauenbild, an das wir uns heute gar nicht mehr erinnern, wenn wir nicht Eva Herman lesen würden. Ich bin selbstbestimmt, ich mache mich von keinem Kerl abhängig. Ich habe studiert. Ich habe meinen Job gemacht. Ich habe Kinder gekriegt. Gut, es hat mit den Beziehungen nicht immer geklappt, aber mein Gott, man kann nicht alles erwarten vom Leben.

Cordt: Wenn man das, was wir heute sagen, damals abgespielt hätte, hätten wir selbst über uns gelacht. Da ist eine Differenz zwischen dem, was wir damals formuliert haben, und dem, womit wir heute zufrieden sind. Wir formulieren eigentlich nur sehr private Ziele. Damals hatten wir aber große Projekte und Utopien, wir wollten doch mehr verändern als nur unser persönliches Leben. Wir haben uns ja vorgestellt, diese Gesellschaft in ihren Strukturen zu verändern.

Angela: Das hat nicht geklappt. Das kannst du mal in der Zeitung nachlesen. (Gelächter)

Cordt: Wir haben doch damals gesagt, das Parteiensystem funktioniert nicht. Das muss ersetzt werden durch eine Rätedemokratie.

Robert: Na ja, das hast du gesagt.

Cordt: Du auch. Wir haben gesagt: Der Kapitalismus muss abgelöst werden durch eine andere Gesellschaftsordnung. Die ganze Kultur ist verrottet. Das Bildungssystem ist verrottet. Wir brauchen eine ganz andere Kultur. Wir wollen ein anderes Sexualverhalten. Also, wir hatten doch einen langen Katalog, den wir uns damals aufgeladen haben. Wir wären damals nicht damit zufrieden gewesen, nur unser persönliches Leben zu verändern.

Jork: Nee, also ganz großer Einspruch.

Barlo: Aber die Frage war doch jetzt vollkommen berechtigt. Das hatten wir uns, glaube ich, wirklich anders vorgestellt, gemeinschaftlicher. Heute hörst du von allen Leuten, dass sie unheimlich gerne kochen, für sich, in ihrer Küche. Da bin ich lieber bei den Altidealen geblieben und gehe immer nur in die Kantine.

Tissy: Zu McDonald's, oder was? Nicht alles, was uns geglückt ist, ist unser Verdienst, und nicht alles, was gescheitert ist, ist unsere Schuld. Die Frauenbefreiung ist ein Erfolg. Es muss aber auch dazu gesagt werden, dass es nicht nur die 68er waren, die diesen Schub in der Gesellschaft ausgelöst haben, sondern gewisse Modernisierungsentwicklungen in den industrialisierten Gesellschaften, die überfällig waren. Und vor allem: Wir, die wir als so große Solidaritätswesen angetreten sind, sind - paradoxerweise - die Vorreiter der individualisierten Gesellschaft geworden. Aber da sind wir schuldlos schuldig. Man kann in dieser Gesellschaft nicht in Kommunen mit Kindern leben. Warum haben wir überhaupt so wenig Kinder, darauf kommen wir noch zu sprechen. Unser Scheitern hat uns eine Bescheidenheit gelehrt, die nicht falsch ist. Eine gewisse Demut davor, dass Menschen eben so sind, wie sie sind, und dass man sie in ihren anthropologischen Gesetzen, oder wie immer man das nennen will, auch achten und anerkennen muss.

Anleihen von von der Leyen

Babsi: Ich habe zum Beispiel zehn Jahre in einer Frauen-WG gewohnt, und wir haben darauf geachtet, dass wir, als wir Frauen mit unseren männlichen Partnern zusammengezogen sind, nach wie vor in einer Hausgemeinschaft leben und Teile unserer alten Idee weiter verwirklichen, und in der Planung fürs Alter sind wir dabei, Alten-WG-Modelle zu diskutieren.

Matthias: Ach Quatsch, das ist Frau von der Leyens Mehrgenerationenhaus, das hat mit 68 nichts zu tun.

Irmela: Die hat sich bei uns bedient. Das tut sie unaufhörlich. Ich glaube, ich habe in dieser Runde am meisten die Forderung der Frauenbewegung ernst genommen und auch gelebt, nämlich dass man keinen Mann braucht, auch nicht zum Kinderkriegen, zwar zum Zeugungsakt, aber danach brauche ich ihn eigentlich nicht. Und das habe ich ja zumindest mit meinem ersten Kind, meiner Tochter, auch voll durchgezogen, und bei meinem zweiten habe ich dann auch zum Vater gesagt: "Also, kannst gerne mitmachen, aber geht auch ohne." Hatte Glück, war ein Ostmann, der sagte: "Aber selbstverständlich mache ich da mit!" Und so entdeckte ich - praktisch gegen meinen Willen - die Segnungen einer funktionierenden, bürgerlichen Familie.

Cordt: Da liegt natürlich einer der Hauptangriffspunkte gegen die 68er. Der Vorwurf: Mit dieser Haltung habt ihr 68er diese bürgerliche Gesellschaft, nämlich funktionierende Familien, eigentlich in den Grundfesten erschüttert, und daraus sind Kinder hervorgegangen, die ganz beklagenswerte Geschöpfe sind.

Irmela: Das kann man über unsere Kinder, deine ja auch, aber nicht sagen.

Katja: War das denn überhaupt das Ideal? Meines war es nie.

Jork: Was, welches?

Katja: Alleine Kinder großzuziehen.

Irmela: Nein, es war nicht das Ideal, aber es war eine Option, die völlig okay war.

Cordt: Wir haben uns doch damals eine Gehirnwäsche verordnet, und die hieß "Entbürgerlichung". Wir stellten an uns die Forderung, wir müssen uns entbürgerlichen. Unser Leben ist aber so verlaufen, dass wir das eine Zeitlang versucht haben, und dann gab es eine Wende, und es begann ein Prozess der Verbürgerlichung. Das meine ich gar nicht polemisch, sondern einfach beschreibend. Wir haben wieder Strukturen gesucht, gegen die wir damals angehen wollten.

Christian: Erkennt ihr euch in dem wieder, was Cordt gerade sagt?

Babsi: Ich nicht.

Matthias: Nur zur Hälfte.

Marktmacht und Hottentottenmusik

Krista: Das ist die typische Omnipotenzvorstellung, was die 68er angeht. Das ist die Selbstüberschätzung der 68er und auch die Omnipotenzzuweisung ihrer Gegner. Dass die Familien und die Beziehungen reihenweise gescheitert sind, das ist doch nicht unser Werk gewesen. Dass die Männer in diesen richtig bürgerlichen Familien die Biege gemacht haben zu jüngeren Frauen, das war doch nicht unser Werk, und diese hohen Scheidungsraten sind doch auch nicht unser Werk.

Tissy: Wie Familien heute leben, das hat mit 68 viel weniger zu tun als mit der Pille. Mitte der sechziger Jahre ist das Kinderkriegen eine freie Entscheidung geworden, das hat die Familie kolossal verändert. Viel mehr als alles, was wir uns zusammengedacht haben.

Matthias: Ich finde, die Tatsache, dass wir jetzt überwiegend in Kleinfamilien leben oder ganz allein, beweist nicht, dass wir uns in der Frage geirrt haben oder dass da was schiefgelaufen ist. Vielleicht zeigt es nur, dass der Ansatz, in Großfamilien leben zu wollen, in vielerlei Hinsicht nicht erreichbar war. Dass jetzt ganz viele ganz allein leben und dass es ganz viele alleinerziehende Eltern gibt, das ist doch keine Folge der 68er-Bewegung. Absurd! Es ist doch der zunehmenden Vereinzelung und Auflösung der Familienstrukturen durch die erzwungene Unstetigkeit der Arbeit geschuldet. Wir wollten das Gegenteil. Auch die Tatsache, dass freiere Sexualität durch den Kapitalismus vermarktet und zu einem Alltagsding geworden ist, das belästigenden Charakter annehmen kann, das ist doch nicht unsere Schuld.

Krista: Nee, das ist der Markt.

Matthias: Ja, oder sind wir schuld daran, dass wir eine Musik toll gefunden haben, die anders war und Protest ausgedrückt hat und inzwischen zu einem Gedudel von morgens bis abends geworden ist, das man nicht mehr ertragen kann, im Auto, im Fahrstuhl, im Supermarkt?

Jork: Hottentottenmusik.

Matthias: Ja, die Hottentottenmusik. Die kann doch kein Mensch aushalten den ganzen Tag. Ich meine, dass kann doch nicht ernsthaft so sein, dass das, was an guten Ideen mal da war, vom Kapitalismus vermarktet und entsprechend entfremdet worden ist, dass man das uns jetzt vorwirft.

Lesen Sie hier den zweiten Teil: "Provokation, das war das Geile"

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1.
Paul Hansen, 30.10.2007
die 68er (ich und meine generation) haben gaenzlich versgat! nicht das ich mir ein nirvana auf erden erwartet haette, aber die politiker in usa und europa haben jedweden hausverstand verloren und denken nur an ihre partei und/oder die eigene karriere. eu of teufel komm raus, immigration aus dem nahen osten, ost kriminalitaet etc etc etc. zum kotzen.
2.
Roger Tackmann, 27.05.2013
Christian Berg: Wenn ihr an diese Zeit Ende der sechziger Jahre zurückdenkt, welches Bild schießt euch dann in den Kopf? Katja: Was heißt denn jetzt Bild? Erinnerungsbild? Christian: Aus der Zeit. Katja: Oder ein Foto? Meine Güte, wie man so verblöden kann, um eine solch simple Frage nicht zu verstehen. Aber es sind wohl nicht alle (Ex)68iger so...
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