Blick zurück auf 68 "Provokation, das war das Geile"

Blick zurück auf 68: "Provokation, das war das Geile" Fotos
Jochen Mönch

Was hatte Pop-Musik mit der Politisierung zu tun? Wie war das mit den Nazi-Vätern? Trieb Moral oder Egoismus die "68er" an? Ein Wochenende lang stritten 16 Rebellen von damals darüber und warum die Gesellschaft sich so ganz anders entwickelt hat, als sie sich das vorgestellt haben - lesen Sie heute Teil 2.

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Die Idee entstand auf einer der Geburtstagsfeiern, auf denen sie sich in den letzten Jahren wiedersahen und wieder mal die ganze Nacht durchtranken: Warum diesem ganzen schrillen nervtötenden Geschrei um "68" und seinen schrecklichen Folgen nicht mal eine ordentliche Abrechnung entgegensetzen?

Sie - das sind 16 Jugendliche aus Bremen, die damals die Welt verändern wollten, und nun als Staatsanwälte, Werber, Ärzte, Journalisten, Hochschullehrer, Manager und Politiker ein bürgerliches Leben führen, das anders ist, als sie je gedacht haben.

Der Diskussion stellten sich - moderiert vom Journalisten Christian Berg - die Generalstaatsanwältin Angela Uhlig van Buhren, die Bundestagsabgeordnete Krista Sager, der Rechtsanwalt Bernhard Docke, die Journalistin Tissy Bruns, der Hochschullehrer Christoph Köhler, der Sozialmanager Joachim Barloschky, der Stadtteilbürgermeister Robert Bücking, der Werbeunternehmer Jork de la Fontaine, der Anwalt Wolf Leschmann, die WDR-Redakteurin Irmela Hannover, die Pädagogin Barbara Brokamp, die Geschäftsführerin Katja Barloschky, die Kulturveranstalterin Karin Hopfe, die Anwältin Ingeburg Lösekann, der Arzt Matthias Kleij, der SPIEGEL-Ressortleiter Cordt Schnibben. Entstanden ist daraus das Buch "I can't get no", erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, aus dem folgender Auszug entnommen ist.

Christian: Denkt euch zurück in die 60er, ihr geht zur Schule, ihr besucht den Konfirmandenunterricht, ihr seid in der Tanzschule, wann war der Moment, in dem ihr wachgeküsst worden seid? Vielleicht kannst du einmal anfangen, Christoph, das zu beschreiben. Was ist da passiert?

Christoph: Oh. Ich kann mich an Bilder erinnern, Sachen in der Zeitung, im Fernsehen aus Berlin, Vietnam-Demonstrationen, solche Sachen.

Christian: Wie alt warst du da?

Christoph: Fünfzehn war ich da. Ein ganz kleiner Schnipsel in der Zeitung. Es gab einen Schülerbund, in Berlin gegründet, die haben die Pille gefordert. So ein kleiner Schnipsel im "Weser-Kurier", und dann ging sofort die Post ab im Kopf.

Christian: Pille, da war für dich klar, was das ist?

Christoph: Nein - aber mit 15 war mein Kopf voll von sexuellen Wünschen und Phantasien, und die Pille war ein Symbol gegen Verbote. Das Thema Sexualität war ein fundamentales Thema. Sex war etwas Verbotenes, nur für verheiratete Paare erlaubt, die alle so aussahen, als ob es keinen Spaß macht. Schon kleine Kinder wussten um die Paragraphen für "Homos", "Kuppelei" und "Abtreibung", um die rankten sich viele Geschichten, die wir uns erzählten. Es gab die Bilder aus dem Quelle-Katalog, irgendwelche Fotos, die Filmanzeigen, wenn da eine Frau mit BH zu sehen war, das war natürlich sehr aufregend. Das waren Schnipsel, die setzten sich zusammen, da war etwas ganz Neues da. In der Rückerinnerung kommt mir das Leben vorher sehr dunkel vor: aufstehen um sechs, Schulweg im Dunkeln, Angst vor Klassenarbeiten, Heimweg, Hausaufgaben, schlafen gehen, wenn der Abend am schönsten ist. Plötzlich ging die Post ab im Kopf, wir suchten alles ab nach Zeichen von Freiheit und Rebellion. Wir sahen nicht nur die Kriegsbilder aus Vietnam, sondern auch die von den großen Demonstrationen in den USA und sonst wo. Das war etwas Neues. Da gab es einen älteren Schüler, der wiederum jemanden kannte, der in Frankfurt lebte und der dann irgendein Buch mitgebracht hat, und so ging es bei uns los.

Christian: Was für ein Buch?

Christoph: Von Lenin "Was tun?" war zum Beispiel ein Werk, was wir uns sofort angeguckt haben. Zur gleichen Zeit schenkte mir Barlos Vater mein erstes Buch: "Kritik der bürgerlichen Vernunft" oder so ähnlich, ein Suhrkamp-Bändchen, das habe ich von vorne bis hinten gelesen. Da stand drin, dass die Demokratie nur vordergründig ist und dahinter der Kapitalismus steckt. Das passte zur Kritik am Vietnamkrieg.

"Oswalt Kolle war eine Offenbarung!"

Christian: Das ist doch seltsam, dass man als 15-Jähriger einen Hinweis bekommt auf Lenins "Was tun?" und einen das fasziniert, oder?

Matthias: Ja, allerdings.

Tissy: Nein, das glaube ich nicht. Eine Quelle für dieses Erstaunen war, dass man auf einmal Sachen angucken durfte, die vorher einfach nicht vorhanden waren. Dass es hinter diesem Eisernen Vorhang eine Welt gab, die einfach nicht vorkam bei uns in der Schule. Das Buch von Lenin "Was tun?" habe ich viel später in einem richtigen Schulungskurs gelesen. Aber dass es da eine Welt gab, Marx-Schriften, das "Kapital" und so weiter, das war ja in der Schule und im Elternhaus vorher nicht da. Es fand nicht statt. Für mich war eine Schlüsselszene, das weiß ich noch, das war 67, da wurde der Film "Iwans Kindheit" gezeigt, ein Film über die Leiden der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Was ja bis dahin auch tabu war. An dem Ort, wo der Film lief, hingen die Bilder von diesem toten Benno Ohnesorg aus, und es verknüpfte sich auf einmal so unglaublich viel, das war wie eine Explosion. Ich glaube, die Massivität von vielen unbekannten Sachen, die nun auf einen einstürzten, das ist die Erklärung. Sexualität natürlich ganz besonders. Ich erinnere an den legendären Film "Helga".

Cordt: Oswalt Kolle!

Tissy: Kolle war eine Offenbarung!

Christoph: Da möchte ich noch einmal nachlegen, noch einmal ein bisschen zurückgehen; ihr seid viel zu jung. Sonntagnachmittag gab es das Wunschkonzert im Radio. Das ging zwei Stunden. Helga aus Rottendorf schickt schöne Grüße an soundso und wünscht sich folgendes Lied. Und dann kam "Wir wollen niemals auseinandergehen" oder irgendwas in der Art.

Cordt: "Hundert Mann und ein Befehl" von Freddy.

Christoph: Und dann war da auf einmal zwischendurch ein Lied von den Beatles. Mein Freund Malte und ich haben zwei Stunden die Scheiße gehört, bis dieses eine Lied kam. "Love Me Do". Oder dann: "Twist and Shout". Ganz heiß war auch Bill Ramsey: "Die Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe" - da war schon ein neuer jazziger Beat drin, der sich von dem Schnulzengesülze abhob. Oder abends um elf Uhr kam diese Sendung von Radio Luxemburg, auf Mittelwelle - knacks, knacks, knacks -, und dann kam ein Lied von - wie heißt der noch? Der Countrysänger, über den jetzt ein Film gemacht wurde?

Cordt: Johnny Cash.

Christoph: Da kam so ein ganz langsames Countrylied, und da war ein Beat drin, der deutete schon ein neues Lebensgefühl an. "I Want To Go Home".

Barlo: Wahnsinn, ja.

"Auf einmal war das ein anderer Rhythmus"

Christoph: Ja, und das klingt jetzt konstruiert, so wie ich es erzähle, aber es ist wirklich so gewesen. Mein Friseur in Bremen-Burg kannte nur zwei Varianten: Mittelscheitel oder Scheitel nach links und den Rest abrasiert wie bei Adolf. Da lag dann eine abgegriffene "Bunte" aus dem Lesezirkel mit einem Bericht und Bildern über die Pilzköpfe aus Liverpool, das hat mich völlig elektrisiert, ich wollte sofort auch so einen Schnitt. Auf einmal war ein anderer Rhythmus da. Das verband sich mit dem Moralischen, mit dem Politischen, mit den kleinen Schnipseln, und das alles zusammengenommen war wie Dynamit. Das "Fährhaus" in Vegesack hatte bald eine Musikbox mit dem neuen Sound, die vermuffte Kneipe wurde zum Treffpunkt, ich trank mein erstes Bier, ich ließ mir die Haare über die Ohren wachsen, der Standardspruch auf der Straße war: "Biss 'n Jung oder 'n Mädchen?" Die Rocker verprügelten uns gern. So war das bei mir.

Cordt: Ich habe damals "Radio Caroline" gehört auf Mittelwelle, das hörte man abends im Bett unter der Bettdecke. Das war ein Piratensender auf einem Schiff vor England oder Holland. Und dann natürlich ab 65 der "Beat-Club". Auf der Schule hatten wir einen, der war Kabelträger beim "Beat-Club", der war allein deshalb schon...

Barlo: Chef.

Robert: Der war Kult.

Cordt: Der hatte was mit dem "Beat-Club" zu tun. Ich weiß nicht, wie euch das ging, diese ersten "Beat-Club"-Sendungen, man muss sich die heute noch mal angucken, waren Dokumente einer kulturellen Implosion, da krachte etwas zusammen. Die Jugendlichen trugen noch die Anzüge und die Faltenröcke der Untertanenrepublik, aber sie bewegten sich schon wie Abgesandte der Zukunft. Und die Bands und Sänger aus London sangen von einem anderen Leben und von Leuten, die Spaß haben wollten, die aufsässig waren, die anders herumliefen. Musik war nicht Sound, sondern Botschaft. Das war ein Frontalangriff auf das bürgerliche Leben. Ich kann mich erinnern, dass ich damals im Gemeindehaus der Horner Kirche die "Shakespeares" das erste Mal hörte, eine Soulgruppe mit schwarzen Sängern und Bläsern, die spielten Otis Redding, Wilson Pickett, James Brown, und die trugen diese Carnaby-Hemden aus London, riesige Kragen, wilde Muster, und dann fing das an mit den ersten Jeans und Parkas, aus Army-Shops in Bremerhaven, mit langen Ledermänteln. Modeläden für Jugendliche gab es ja noch gar nicht.

Ingeburg: Ich war viel im Jugendheim, wegen der Musik. Alles Mögliche konnte man machen. Angefangen hat meine rebellische Phase eigentlich schon ziemlich früh, mit 13, 14, als die ersten Ideen aus Frankreich rüberkamen, Miniröcke von Courrèges und Existenzialismus und was weiß ich. Lackmäntel und schwarze Pullover. Mit meiner Mutter hatte ich immer viele Probleme, weil sie ausgesprochen streng war und uns geschlagen hat und unheimlich ehrgeizig war mit ihren Mädchen.

Cordt: Ich kann mich daran erinnern, dass zum Beispiel unser Turnlehrer, wenn er Geburtstag hatte, uns erzählte vom Ersten Weltkrieg, und zwar mit Stolz. Der gab uns 90 Sekunden, um das Reck aufzubauen - wenn es länger dauerte, gab es was "auf den Pöter". Schüler, die aufmuckten, standen die ganze Stunde mit dem Gesicht zur Wand in der Ecke. Wir hatten einen Mathelehrer, der war 71, 72.

Irmela Mahlmann: Zu mir sagte er immer, wenn ich an die Tafel musste: "Rotfuchs, mit Gottes Hilfe und Mahlmanns Beistand wirst du das schaffen." Ich bin gestorben vor Angst.

Cordt: Mahlmann, genau. Wir hatten einen Kunstlehrer, der versuchte, uns ästhetisch aufs Leben vorzubereiten. Er sagte: "Ihr werdet irgendwann mal Chefs sein, und dann habt ihr Sekretärinnen. Und dann kommen die zu euch und wollen zum Beispiel ihrem Mann eine Krawatte schenken, und dann müsst ihr sie ästhetisch beraten können." Ich kann mich erinnern, dass ich von ihm sehr gemocht wurde. Ich hatte ein Plakat gemacht, da ging es um den Atomwaffensperrvertrag, da hatte ich von einem "Spiegel"-Cover die Idee geklaut. Zwei Atombomben rechts und links. Auf der einen Bombe war die Flagge der USA, auf der anderen die Flagge der Sowjetunion und dazwischen ein Fallbeil montiert und dann oben drüber die Zeile "Atomwaffensperrvertrag - ein neues Versailles". Das gefiel ihm, und er hängte es in einen der Schulflure.

"Darüber wollen wir mal jetzt nicht sprechen"

Wolf: Als man in der Schule anfing, aufsässiger zu werden, nicht mehr alles zu machen, was einem befohlen wurde, merkte ich plötzlich, da kommt Druck auf. Die Lehrer sagten: "So wie der Leschmann sich benimmt, das geht nicht", und ich wurde ein bisschen strenger bei der Hand genommen, man wollte mich wieder in die Spur bringen. Das lief dann nicht, so dass dann die Zensur eine Möglichkeit war, mich zu schurigeln. Das ist bei mir wie eine Explosion gewesen. Als ich dann wegen einer vorgeschobenen Mathe-Sechs nicht versetzt wurde, haben wir mit circa 30 Protestschülern das Lehrerzimmer besetzt.

Matthias: Für mich gibt es einen großen Unterschied zu den Schülern, die liberale Eltern hatten. Für mich zu Hause war das ein entsetzliches Lebensgefühl, dieses "Darüber wollen wir jetzt mal nicht mehr sprechen, das ist jetzt auch oft genug, das muss auch einmal vorbei sein." Wir wussten ja gar nicht, was da gewesen ist. So ein paar ganz kleine Geschichten, dass sie Hunger gelitten haben und so ein Zeug. Wie viele sie umgebracht haben, mein Vater war SS-Offizier, darüber ist ja nie gesprochen worden. Es hieß nur immer, das muss auch mal jetzt vorbei sein, und das fand ich widerlich, dass über etwas nicht mehr geredet werden durfte, von dem ich eigentlich gar nichts wusste oder fast nichts wusste. Und die Aufklärung darüber, wie das passiert war, die ist ja auch nicht von denen gekommen, die ist nicht über unsere Lehrer gekommen und nicht von unseren Eltern, sondern die kam von anderen. Das hat mich wahnsinnig mitgenommen und das hat mich politisiert. Es war ein Widerspruch zu meinen Eltern oder zu der Generation der Eltern, der tausendmal dramatischer gewesen ist, als er jemals zwischen meinem Sohn und mir sein könnte. Das lag an diesem Krieg und dieser Zeit in Russland.

Christian: Aber ich würde da gerne einmal nachfragen. Warum interessiert man sich mit 15 für Russland? War das bei euch zu Hause so, dass das ständig Thema war?

Tissy: Mein Vater war lange in russischer Kriegsgefangenschaft, alle wussten, dass das lebensbestimmend war. Einzelheiten erfuhren wir nicht.

Christian: Wieso diese Neugier, was war da der Antrieb?

Tissy: Wir lebten doch alle in Familien, auf denen noch die Schatten lagen, auf den Erwachsenen, den Eltern oder den Großeltern. Von heute aus betrachtet würde ich sagen, die waren natürlich noch nicht weit genug davon entfernt, um sich mit diesem Schatten auseinandersetzen zu können. Aber wir wollten den Vorhang aufreißen.

Christian: Also das war der Antrieb: Ich will wissen, was da war?

Tissy: Sicher nicht so bewusst formuliert, aber so bist du drauf als 14-, 15-, 16-Jährige, und die bundesdeutsche Gesellschaft war ja doch noch sehr verschwiegen.

"Sag mal, was war denn da eigentlich?"

Cordt: Mein Vater war auch Nazi. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich den Mut nicht hatte, ihn persönlich zu konfrontieren. Ich habe abstrakt in der Schule oder zu Hause über die Nazizeit geredet, aber ihn nicht konkret gefragt. Mein Vater hat, das habe ich erst erfahren, als er tot war, im letzten Kriegsjahr einen Hitlergegner exekutiert, zusammen mit anderen. Wir wussten als Kinder, dass unser Vater im Zuchthaus gewesen war, drei Jahre lang. Aber wir haben nicht den Mut gehabt, dem auf den Grund zu gehen, also zu sagen: "Sag doch mal, was war denn da eigentlich?" Matthias und Jork, wie war das bei euch? Habt ihr eure Väter richtig genagelt und gesagt: "Hier, was war da los?"

Jork: Mein Vater hat nie verleugnet, dass er gern Soldat gewesen ist. Das hat natürlich zu heftigen Auseinandersetzungen geführt. Wir haben uns manchmal richtig angeschrien, einmal hat er mich um unseren Esszimmertisch herum gejagt, so habe ich ihn geärgert mit meiner Antikriegshaltung.

Christoph: Beneidenswert.

Irmela: Warum beneidenswert?

Bernhard: Ich war mal bei dir zu Besuch, dein Vater hatte ja ein Bein verloren, und ich kam unvorbereitet ins Wohnzimmer rein, und er hatte seine Prothese abgelegt. Ich sah ihn nun in diesem unfertigen Zustand, und sofort setzte er diese alte Kriegsmaske auf: "Ich bin stolz darauf, dem deutschen Vaterland ein Bein geopfert zu haben."

Matthias: Also, mein Vater ist 63 oder 64 weggegangen mit einer anderen Frau. Das war retrospektiv gut, sonst hätte es Mord und Totschlag gegeben. Der Streit fand dann in den Ferien statt, wenn ich zu Besuch sein musste, jede Sommerferien. Ich konnte nicht wirklich so rebellieren, wie ich gewollt hätte, er war aus meiner Sicht noch viel stärker und er hat auch kräftiger zugeschlagen, vielleicht, weil er noch beide Beine hatte.

Christian: Warum finden wir es selbstverständlich, dass die Bilder vom Krieg auslösen, dass man gegen die Eltern rebelliert. Warum ist das so? Warum führt das sofort in eine Konfrontation mit den Eltern? Warum führt das Erlebnis des Vaters, der sein Bein verloren hat, in eine Konfrontation? Das könnte ja auch Mitleid auslösen.

Krista: Ich habe das so erlebt, dass es für ein Kind, 13 Jahre alt, das fing ja so langsam an, dann 14 Jahre alt, dass es so viele Ungeheuerlichkeiten gab, mit denen man konfrontiert wurde. Die erste Ungeheuerlichkeit, das war einfach das, was man erfuhr von der deutschen Vergangenheit. Bei uns in der Familie wurde ziemlich viel geredet, weil die Geschichte meiner Eltern eine politische Geschichte war. Mein Vater war Marinesoldat, meine Mutter Dänin im besetzten Dänemark, da wurde natürlich gesprochen über die Vergangenheit, und alles, was gesprochen wurde, war eine politische Geschichte, aber es gab keine vernünftigen Erklärungen.

Tissy: Was war damals überhaupt? Wir hatten alle Eltern, die Dinge erlebt hatten, über die sie mit ihren Kindern nicht reden konnten. War da nicht ein Ausweg, das zu entindividualisieren, also nicht mehr unsere Eltern direkt fragen zu müssen, sondern das in einer allgemeinen Rebellion aufzuheben? Es gibt ja wirklich das komische Phänomen, dass deutsche 68er viel mehr Naziväter haben, als es wirklich gegeben hat, weil die meisten ihre Eltern nicht ernsthaft gefragt haben.

Matthias: Ach Quatsch. Die waren doch alle Nazis.

"Man war umzingelt von Heuchelei"

Tissy: Eine Erklärung dafür, dass diese 68er-Bewegung so anschwoll, liegt doch darin, dass wir so dem familiären Elend entrinnen konnten. Ein 15-jähriges Kind ist doch überfordert, den eigenen Vater oder die eigene Mutter zu fragen: "Bist du vom Russen vergewaltigt worden?" "Hast du Kinder erschossen?" Das war die Chance, das individuelle, das familiäre Drama in einer allgemeineren Atmosphäre der Abrechnung aufzuheben.

Matthias: Für mich zum Beispiel ging es um Moralisches, definitiv. Und das ist auch bis heute so geblieben. Die Moral meiner Eltern, mit der konnte ich nicht leben, weil die für meinen Geschmack zutiefst bigott oder verlogen oder zumindest unstimmig war. Mit der Moral meiner Mutter konnte ich noch eher leben, die war ja nicht unmittelbare Kriegsteilnehmerin, aber trotzdem war auch sie so drauf zu sagen: "Ach komm, darüber lass uns lieber nicht mehr sprechen, und das ist jetzt auch vorbei." Und schon das fand ich grausam. Ich konnte mit der Moral der Politik zu der Zeit überhaupt nicht leben, weil die auch schon a priori verlogen war.

Christian: Wie hast du festgelegt, was Moral ist, wie hat das angefangen, dass du gesagt hast...

Matthias: Ich bin genau wie Babsi katholisch erzogen worden, und das hat ja sehr viel mit Moral zu tun, und da lernt man auch schon sehr schnell, dass das etwas ist, was vorne und hinten nicht stimmt. Und man wird so hart - beispielsweise auf der sexuellen Ebene - damit konfrontiert, dass man das nicht ertragen kann. "Wann hast du dich das letzte Mal unkeusch berührt?" oder "Wann hast du das letzte Mal unkeusche Gedanken gehabt?" Das musste man sich sehr intensiv fragen. (Gelächter) Man musste in Wirklichkeit nicht lange nachdenken, und das war ja auch genau das, was man nicht gebeichtet hat. Das ist einem klar geworden, und schon hat man selber, am eigenen Leibe, die Verlogenheit und die Doppelmoral gespürt.

Christian: Und die Eltern standen dafür, dass man verlogen sein muss?

Matthias: Ja, selbstverständlich. Genau das, was eigentlich passiert war, durfte man nicht erzählen. Und das Gefühl dieser Verlogenheit hat sich in Bezug auf die Vergangenheit der Elterngeneration vertausendfacht. Ich glaube, keine Generation, und schon lange nicht die unserer Kinder, hat je so ein Gefühl von Doppelmoral und Verlogenheit erlebt wie wir.

Cordt: Ja, man war umzingelt von Heuchelei. Die Kirche sollte man achten, aber der Papst war gegen Verhütung, die Marktwirtschaft sollte man toll finden, aber in Afrika hungerten die Kinder, die USA waren ein Vorbild, aber sie unterdrückten die Schwarzen und warfen Bomben in Vietnam, und in den Familien, da konnte man vor Heuchelei ja kaum atmen. Im Moment wird ja immer so getan, als hätten wir 68er durch eine ideologische Verschwörung dafür gesorgt, dass die heile Welt der bürgerlichen Familie zerstört wurde. Tatsächlich war es so, dass wir zu Hause am Küchentisch und im Wohnzimmer gemerkt haben, dass diese bürgerliche Familie, in der wir gelebt haben, nicht funktioniert hat. Die Mutter war todunglücklich und der Vater ein chronischer Fremdgänger. Das ist jedenfalls meine Erfahrung mit meinem Vater.

Katja: Unser aller.

"Provokation gelungen, das war das Geile"

Cordt: Mein Vater war natürlich ein großer Propagandist der bürgerlichen Familie. Sonntags mussten wir immer zusammen spazieren gehen im Rhododendron-Park, und da mussten wir alle schön dabei sein, nett gekleidet und hübsch zusammen. Diese Heuchelei nervte, aber Matthias, jetzt mal ehrlich, wir als Verfechter der Moral, wir kleinen Jungs und Mädchen als Handlanger des Gewissens, ist das nicht etwas dicke? Jetzt lasst uns doch ehrlich sein, okay, später hatten wir irgendwann eine Mission. Aber zunächst einmal waren wir doch wirklich knallharte Egoisten. Wir wollten eine Schule haben, die es uns leichter machte. Wir wollten uns gegen die Eltern durchsetzen. Wir wollten Sex haben. Wir wollten bessere Musik hören. Das waren Motive, und die haben nichts zu tun mit einer höheren Moral oder mit dem Anspruch, ein besserer Mensch zu sein. Wir waren Egoisten, und wir wollten einfach für uns selber ein besseres Leben.

Matthias: Ja, Moment, Moment, Moment.

Robert: Das haut nicht hin.

Cordt: Doch. Dieser Egoismus wurde verklärt.

Tissy: Ich fand den Satz von Robert vorhin wichtig, wir hatten einen Job zu erledigen, eine Mission, das Leben der Eltern zu leben, da hat es bei mir irgendwie geklingelt. Vielleicht hat es tatsächlich mit den Sachen zu tun, die unsere Eltern nicht machen konnten. Ich glaube, wir hatten einen unheimlichen Sensor für Lebendigkeit. Wir haben, glaube ich, genau gespürt, wenn irgendwo was ist, was Leben hineingebracht hat. Ich finde, Egoismus ist der falsche Begriff.

Babsi: Das find ich auch.

Tissy: Das war doch gar nicht so, dass wir gesagt haben, ich will aus egoistischen Gründen Sex. So war das doch gar nicht.

Matthias: Nein?

Tissy: Nein.

Cordt: Natürlich, warum denn sonst?

Angela: Ja, bei dir, Cordt, aber bei anderen nicht.

Tissy: Also gut, jeder hat da seine eigenen Erlebnisse gehabt.

Jork: Aus egoistischen Gründen bumsen. Wie geht das?

Matthias: Das geht auch, aber das wird doch jetzt nicht diskutiert hier. (Gelächter)

Krista: Ich glaube, wir waren angezogen von allem, was uns das Gefühl gab, hier kommt unheimlich Leben rein und hier kommt viel Bewegung rein. Ob das die Nachhilfetante war, die erzählte von den Demos in Berlin, oder ob es die Musik war oder ob das ein obszönes Flugblatt war, über das sich die Lehrer schrecklich aufgeregt haben.

Angela: Genau. Provokation gelungen, das war das Geile.

Krista: Diese Lehrer, die wussten, wo es langgeht, die ganz steif waren vor Ordnung, die waren völlig aufgeregt und aufgelöst. Nun hatten sie doch ständig dieses Gefühl "Mensch, hier passiert was. Hier ist was los. Hier kommt was zum Tanzen." Und das, glaube ich, ist das, was plötzlich passiert ist - dass wir vorher immer gemerkt haben, wir laufen in eine Wand hinein, und die Verhältnisse bleiben starr, und es bewegt sich nichts. Und dann haben wir plötzlich gemerkt, Musik, lange Haare, Schlottermantel, freche Reden, freche Flugblätter, die Studenten in Berlin - jetzt bewegt sich was.

Babsi: Dieses Lebendige, sich selber spüren...

Jork: Aber in einer Hinsicht hat Cordt recht, dieses Missionarische, das kam wirklich später.

Katja: Das kam später.

Jork: Musik und lange Haare waren ein wichtiges Thema. Aber bei Musik und langen Haaren war sofort der Widerspruch der Eltern da.

Karin: Es war langweilig, es war einfach langweilig, und die Perspektive, die man gehabt hat, für das, was man dann später mal werden sollte, war noch langweiliger. Alle Welt fragte einen ja immer: "Was willst du denn werden, später?" Das zu machen, was die Eltern machen. Das war alles schon so klar und so vorgezeichnet, fast schicksalhaft: Grundschullehrerin, zwei, drei Kinder natürlich, heiraten selbstverständlich, vorher läuft gar nichts. Ungeschminkte Frau mit weiten Röcken, die mit ihren Kindern über die Wiese hüpft, so ungefähr habe ich meine Zukunft gesehen. Man konnte nicht raus, und es war unendlich eng und eigentlich nicht das, wovon man geträumt hat. Dann hört man von Paris, oh, da laufen die Leute mit schwarzen Pullovern rum und sind existenzialistisch, man weiß nicht so genau, was das ist, aber es ist etwas anderes. Jeden Strohhalm, der sich geboten hat, um da rauszukommen, den habe ich ergriffen.

Zurück zum ersten Teil: "Wir hätten über uns selbst gelacht"

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Tanja Krienen, 02.11.2007
Es ist der alter Streit um die Henne und das Ei. Aus meiner Sicht war die Popmusik der originäre Aufbruch (der schon mit dem Rock anno ´55 begann). Das, was man mit "68" meint, ist das eher die Kanalisierung alles Unzufriedenen auf die höhere Ebene des Intellekts, doch das war eine - nicht mal marxistische Zuspitzung - mit letztlich fataler Wirkung. Zumindest partiell. Dagegen ist hier bei "Eines Tages" nachzulesen, dass der emotionale Aufbruch längst in Gang gesetzt war - http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/500/tanja_krienen_extase_bis_zur_bewusstlosigkeit.html
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