Geschichte der Blindenhunde Gepeitscht, geliebt, verordnet 

Vor hundert Jahren eröffnete in Oldenburg die erste Schule für Blindenführhunde. Anfangs wurden die Tiere bei der Ausbildung misshandelt, später ersetzten humanere Methoden die Peitsche.

ullstein bild

Von Claudia Kabel


Ein Knall und der Nordturm des World Trade Centers in New York bebt, ächzt und beginnt sich zu neigen. "Ich bin mir fast sicher, dass ich sterben werde", denkt Michael Hingson in diesem Augenblick. Er weiß noch nicht, dass das Gebäude an diesem 11. September 2001 von einem entführten Flugzeug getroffen wurde.

In diesem Moment wacht seine Hündin Roselle unter dem Schreibtisch auf, wie er später in einem Vortrag vor der North Shore Animal League in New York erzählen wird: Eilig packt Hingson Roselles Leine, dann geschieht etwas Unglaubliches: Die Labradorhündin führt Hingson vom 78. Stockwerk ins Erdgeschoss und bringt ihn vor den Trümmern des einstürzenden Südturms in Sicherheit.

Ohne Roselle hätte Michael Hingson den Terrorangriff wahrscheinlich nicht überlebt - er ist blind.

Bester Freund des Menschen

"Tatsächlich ist es oft genug kaum zu glauben, was ein Blindenführhund für seinen Halter tun kann", schreibt der Autor Detlef Berentzen in seinem Buch "Blindenführhunde. Kulturgeschichte einer Partnerschaft", das er anlässlich des 100-jährigen Bestehens von Blindenführhundeschulen verfasst hat.

Zwar ist die Idee, Hunde als Führer einzusetzen, keine Erfindung der Neuzeit: Schon auf einem Wandgemälde im altrömischen Herculaneum aus dem ersten Jahrhundert vor Christus findet sich das Motiv eines Hundes, der vermutlich einem Blinden beisteht. Aber die Idee, die Tiere systematisch als Unterstützung für Blinde auszubilden, entstand erst nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Zunächst vorgeschlagen von Leopold Senefelder, einem Wiener Arzt und stellvertretenden Leiter des österreichischen Dobermannvereins. Die Behörden reagierten allerdings zurückhaltend.

Anders in Deutschland. 1916 gründete Heinrich Stalling, Verleger und Vorsitzender des Deutschen Vereins für Sanitätshunde, in Oldenburg die erste Blindenführhundeschule der Welt. "Im Oktober 1916, noch mitten im Ersten Weltkrieg, übergibt der Deutsche Verein für Sanitätshunde den ersten im Deutschen Reich nach zeitgenössischen Maßstäben systematisch ausgebildeten Führhund an den erblindeten Soldaten Paul Feyen", schreibt Berentzen. Feyen hatte im Oldenburgischen Infanterieregiment Nr. 91 gekämpft und war erblindet heimgekehrt. Sein Bruder Karl war Hundeausbilder in der Oldenburger Schule, was Paul vermutlich den Hund verschaffte.

Geschlagen und misshandelt

Das Generalkommando des X. Armeekorps "begrüßt die Einrichtung" der Schule "als einen Fortschritt auf dem Gebiete der Blindenfürsorge", zitiert Berentzen aus einem Schreiben an den Deutschen Verein für Sanitätshunde. Sollen 1917 insgesamt 100 Führhunde in Oldenburg ausgebildet worden sein, waren es 1919 bereits über 500, so Berentzen.

Um die Ausbildungsdauer dieser Vielzahl an Tieren zu verkürzen, sollte ihnen das Lehrpensum mit Schlägen buchstäblich eingebläut werden. Anwohner der Anlage beschwerten sich 1920 bei der Gendarmerie: "Es kommt fast täglich vor, dass die Hunde von ihren Führern derart mit der Hundepeitsche misshandelt werden, dass man das Gejammer der Hunde nicht anzuhören vermag." Mit der Folge, dass die verängstigten Tiere in der Hand ihres neuen Halters oft versagten.

In der Zwischenzeit waren Blindenführhunde so bekannt geworden, dass 1923 der Deutsche Schäferhundeverein in Potsdam die zweite Führhundeschule der Welt eröffnete. Hindernisse wurden zur Ausbildung der Tiere auf dem Gelände eines ehemaligen Bauhofs installiert, die Potsdamer Innenstadt bot die Möglichkeit, die Hunde realistisch auf den städtischen Alltag vorzubereiten. Neue und gewaltfreie Methoden der Ausbildung wurden entwickelt. Viele werden heute noch in der Blindenhundausbildung angewendet. Nicht einmal zehn Jahre nach Gründung übergaben die Potsdamer Trainer den 1000. Führhund an einen neuen Halter.

"Trainieren Sie mich"

Über Deutschland hinaus waren Blindenhunde mittlerweile bekannt. Die amerikanische Journalistin Dorothy Harrison Eustis hatte die Potsdamer Schule in den Zwanzigerjahren besucht und sie mit einem Zeitungsartikel in den USA populär gemacht. Von Blinden erhielt sie daraufhin viele Zuschriften. Einer von ihnen war der 20-jährige Student Morris Frank aus Nashville in Tennessee. "Helfen Sie mir, und ich werde den anderen Blinden helfen. Trainieren Sie mich, und ich fahre mit dem Hund zurück in die Staaten und zeige allen, wie vollkommen selbstständig ein blinder Mensch sein kann. Wir könnten ein Ausbildungszentrum einrichten und allen, die es wollen, die Chance auf ein neues Leben geben", schrieb er ihr.

Eustis, selbst Halterin eines deutschen Schäferhunds namens Hans, war begeistert. Gemeinsam mit Morris Frank und Elliot Jack Humphrey, der sich in Potsdam zum Trainer ausbilden ließ, gründete sie 1929 die erste amerikanische Blindenführhundeschule namens "The Seeing Eye Dog". Zwei Jahre später, im Jahr 1931, entstand mit Unterstützung von Eustis mit der "Guide Dog for the Blind Association" die erste Einrichtung dieser Art in Großbritannien.

Zugtier Hund

Im nationalsozialistischen Deutschland forschte der Biologe und Philosoph Jakob von Uexküll an verbesserten Ausbildungsmethoden für die Hunde. Zusammen mit Kollegen vom Hamburger Institut für Umweltforschung entwickelte der Forscher einen Führhundwagen. Dieser hölzerne Wagen, vor den das Tier gespannt wurde, sollte mit seinem Aufbau für den Hund einen blinden Menschen simulieren. Hindernisse, die für den Führhund allein unproblematisch wären, wurden, eingespannt im Wagen, für ihn zur Herausforderung. Das Tier stieß an, blieb hängen, kam nicht weiter - es musste Aus- und Umwege suchen. Genau wie es das später für seinen blinden Herrn zu tun hatte.

Heute gibt es in Deutschland etwa 2500 Blindenführhunde. Seit 1982 kann sie ein Arzt als einziges "lebendiges Hilfsmittel" zur Orientierung und Mobilität von Blinden per Rezept verordnen. Die Genehmigungsprozeduren sind allerdings aufwendig. Ein ausgebildeter Blindenführhund kostet zwischen 15.000 und 25.000 Euro. Vielleicht erklärt dies ihre geringe Zahl bei insgesamt 1,2 Millionen Blinden und Sehbehinderten in Deutschland.

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Jens Schwarz, 22.08.2016
1. Nicht nur bester Freund,
sondern ein nicht unverzichtbarer Helfer im täglichen Leben. Wer jemals eine Blinde oder einen Blinden kennengelernt hat und damit meine ich wirklich kennengelernt, weiß wie wichtig diese Helfer im täglichen Leben sind. Meine Frau, welche seit 8 Jahren von Sally durch das Leben begleitet wird, möchte sie nicht mehr missen, auch weil sie nicht nur mit ihrer Hündin wieder bedeutend selbstbewusster und selbstständiger wurde. Die allermeisten Mitmenschen begegnen ihr freundlich und aufgeschlossen, einige unbelehrbare gibt es leider in jeder Lebenslage, aber diese sind zumindest von der Anzahl her zu vernachlässigen. Um so unverständlicher ist es für mich, wie für viele Mitmenschen überhaupt, dass bis heute in Deutschland der Zutritt zu Geschäften noch immer auf den guten Willen der Angestellten und Inhaber von Geschäften, und anderen privaten Einrichtungen beruht, da ist dringend gesetzlicher Handlungsbedarf gegeben. Die Sallys dieser Welt und ihre Frauchen und Herrchen wäre damit sehr geholfen und diese wären auch sehr dankbar dafür.
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