Blindenschrift-Erfinder Louis Braille Punktlandung

Mit den Fingerspitzen die Welt erfühlen: 1825 entwickelte der französische Teenager Louis Braille die Blindenschrift - mit dem gleichen Werkzeug, das ihn einst das Augenlicht gekostet hatte.

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Der festliche Umzug seiner Gebeine wurde von einem seltsamen Geräusch begleitet: dem Klappern Hunderter weißer Stöcke. Als die sterblichen Überreste von Louis Braille am Vormittag des 22. Juni 1952 durch die Pariser Straßen getragen wurden, folgten Blinde aus der ganzen Welt seinem Sarg.

In Anwesenheit des französischen Präsidenten Vincent Auriol sowie anderer Honoratioren wurde Braille die höchste Auszeichnung zuteil, mit der ein Franzose posthum gefeiert werden kann: die Beisetzung im Panthéon - dem Olymp französischer Nationalhelden. Würdenträger hielten Reden, Geistliche vollführten das Zeremoniell.

Doch was Braille am meisten zur Ehre gereichte, war jenes vorsichtig tastende Klappern der Blindenstöcke auf den Straßen vor der nationalen Ruhmeshalle. Von der "New York Times" damals als "seltsame, heroische Prozession" bezeichnet, war es nichts anderes als die auf Asphalt getrommelte Hymne an einen Mann, der das Leben von Millionen von Menschen revolutioniert hatte: Im Alter von 16 Jahren erfand Louis Braille die Blindenschrift. Der französische Teenager handelte aus der ganz privaten Not heraus - Braille war schon als Kind erblindet.

Unfall in der Werkstatt des Vaters

Geboren am 4. Januar 1809 im Dorf Coupvray nahe Paris, schaute der kleine Louis seinem Vater Simon-René, einem Sattler, leidenschaftlich gern bei der Arbeit zu. Obwohl es ihm streng untersagt war, spielte der Junge eines Tages allein in dessen Werkstatt mit dem Sattler-Werkzeug herum. Beim Versuch, sich ein Lederstück auszustanzen, rammte sich der Junge an einem Sommertag im Jahr 1812 eine Ahle ins rechte Auge.

Das durch den messerscharfen Metallstift stark verletzte Sehorgan entzündete sich, kurz darauf war Louis auf dem rechten Auge blind. Zudem griff die bakterielle Infektion aufs linke Auge über, das sich mit einem Schleier überzog, der die Sicht trübte.

Nach und nach wurde es komplett Nacht um Louis Braille: Im Alter von fünf Jahren, zwei Jahre nach dem tragischen Unfall in der Werkstatt des Vaters, war der Junge vollständig blind. Ein Schicksal, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts fast automatisch in bittere Armut mündete.

Damit ihr Sohn nicht als Bettler auf der Straße würde leben müssen, bestanden die Eltern darauf, dass Louis zur Schule ging. Mit auf Holz geschlagenen Tapeziernägeln brachte Vater Simon-René seinem Kind die Buchstaben bei. Nachdem der überdurchschnittlich begabte Junge zunächst die örtliche Dorfschule besucht hatte, bestieg Louis am 15. Februar 1819 die Postkutsche. Ziel: das "Königliche Institut für junge Blinde", eine der weltweit ersten Blindenschulen im 25 Kilometer entfernten Paris.

Einser-Schüler mit der Nummer 70

Dort, an der Rue Saint-Victoir, in einem fünfstöckigen, feuchten und heruntergekommenen Gebäude, das während der Französischen Revolution zeitweise als Gefängnis gedient hatte, kam der zehnjährige Louis erstmals in Kontakt mit gleichaltrigen Blinden. 90 Kinder, 60 Jungen und 30 Mädchen, lebten damals in dem Institut, das dreckiges, ungeklärtes Wasser aus der Seine zum Kochen und Waschen bezog.

Die Kinder, allesamt aus einfachen Verhältnissen, litten jedoch nicht nur unter den katastrophalen hygienischen Verhältnissen. Sie mussten auch harte Strafen über sich ergehen lassen: Bei unliebsamem Verhalten wurden sie von der Schulleitung ausgepeitscht, bekamen nur Wasser und Brot, manche wurden gar an einen Pfahl festgekettet. Jedes der Kinder bekam zur Kennzeichnung eine Plakette um den Hals - der exzellente Schüler aus Coupvray trug die Nummer 70.

Im Alter von elf Jahren lernte Louis die sogenannte Nachtschrift kennen: Charles Barbier, ein ehemaliger Artilleriehauptmann, kam an das Blindeninstitut in Paris, um den Schülern die von ihm entwickelte Lese- und Schreibmethode vorzustellen. Ursprünglich als Geheimcode fürs Militär entwickelt, um nachts Befehle zu übermitteln, basierte Barbiers Erfindung auf einem komplizierten Lautschrift-System: Buchstaben und Silben wurden in vertikalen Reihen von ein bis sechs Punkten dargestellt, die in Papier geprägt waren.

64 Punktmuster eröffnen einen neuen Kosmos

Den Schülern war das Prinzip zu aufwändig, Louis hingegen begann, sich mit der Nachtschrift zu beschäftigen. Sie war zumindest besser als das bisherige, von Valentin Haüy entwickelte System der erhabenen Buchstaben: Kaum einer der Kinder war damals in der Lage, die Reliefbuchstaben Haüys zu ertasten - und ein in Prägedruck erstelltes Buch wog meist nicht unter vier Kilogramm.

Unermüdlich experimentierte Louis, um das Prinzip Barbiers zu vereinfachen, oft schlief er nicht mehr als zwei Stunden pro Nacht. Mit einer Ahle, just jenem Werkzeug, durch das er einst erblindet war, drückte der Junge so lange erhabene Punkte in Leder, bis er endlich zur Lösung gelangte: sechs Punkte, angeordnet in zwei senkrechten Dreierreihen, ähnlich wie bei einem Würfel.

Zwei hoch sechs macht 64 verschiedene Kombinationen - und damit 64 darstellbare Zeichen: genug, um damit nicht nur Buchstaben und Zahlen, sondern auch Musiknoten und Satzzeichen sowie mathematische Symbole darzustellen. Der einfachste Buchstabe: das "a" - ein Punkt oben links.

"Wir mussten das Alphabet heimlich lernen"

Gerade einmal 16 Jahre war Perfektionist Louis alt, als er seinen Lehrern und Mitschülern das neue Punktesystem präsentierte. Der Direktor der Blindenschule war begeistert, schnell lernten die Mitschüler, mit ihren Fingerkuppen die 64 Kombinationen zu ertasten. Allen Vorzügen zum Trotz setzte sich Brailles System zunächst jedoch nicht durch - im Gegenteil: Es wurde als diskriminierend verworfen und verboten.

Pierre-Armand Dufau, ab 1840 Leiter des Pariser Blindeninstituts, hielt an dem veralteten Prinzips der Reliefbuchstaben fest und vertrat die Auffassung, dass Blinde die gleichen Lese- und Schreibtechniken benutzen sollten wie Sehende. Zudem lehnte Dufau die Brailleschrift ab, um sich von der politischen Haltung seines Vorgängers zu distanzieren: Alexandre-René Pignier neigte dem klerikal-monarchistischen Lager zu, Dufau war Republikaner.

Der neue Schulleiter verbannte in Brailleschrift verfasste Bücher und untersagte seinen Schülern den Gebrauch des neuen Punktesystems. "Wir mussten das Alphabet heimlich lernen, und wenn wir dabei erwischt wurden, wurden wir bestraft", schrieb eines der blinden Kinder später über jene Zeit.

Hände vom Körper getrennt

Erst 1850 wurde die Schrift offiziell in Frankreich eingeführt - da war Braille längst sterbenskrank: Im Alter von 26 Jahren hatte er zum ersten Mal Blut gehustet, die Diagnose der Ärzte lautete Tuberkulose. Die nasskalten Räume des Blindeninstituts, vom Dichter Alphonse de Lamartine einst als "ekelhaft und finster" beschrieben: Sie waren Braille vermutlich zum Todesurteil geworden.

Louis Braile starb zwei Tage nach seinem 43. Geburtstag, am Abend des 6. Januar 1852. Wenige Tage zuvor hatte der gläubige Katholik seinem Freund Hippolyte Coltat erzählt: "Ich bin davon überzeugt, dass mein Auftrag hier auf Erden beendet ist."

1952, anlässlich des 100. Todestages Brailles, ließ die französische Regierung seine im Geburtsort Coupvray ruhenden Gebeine exhumieren und ins Panthéon überführen. Nur seine beiden Hände, mit denen Braille einst sein geniales Punktesystem entwickelt hatte, sind in Coupvray verblieben. Sie werden in einem Gefäß aus Marmor aufbewahrt, das auf seinem leeren Grab steht.



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insgesamt 4 Beiträge
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Andrew Kramer, 04.01.2015
1. Bewunderung und Hochachtung
Man kann sich nur verneigen vor Louis Braille, dessen Schicksal eher nicht die Blindheit war, sondern die Ignoranz und Hartherzigkeit der Sehenden.
Udo Többen, 05.01.2015
2. Eine sehr
beeindruckende Leistung von Louis Braille, wie er sich mit seiner sorgfältigen Arbeit gegen alle Widrigkeiten durchgesetzt hat. Hut ab. Der Bundeswahlleiter bei der Bundestagswahl 2002 war anscheinend nicht annähernd so sorgfältig bei der Genehmigung von "Hilfsmitteln zur Ausfüllung von Wahlunterlagen". Kann mir einer erklären wie ein Blinder die Schablone auflegen soll, damit er/sie auch eine andere als die an Nummer 1 gesetzte Partei/Kandidaten wählen kann? Wahlzettel und Schablone passen überhaupt nicht zusammen (Bild 10 in der Fotostrecke). Oder war da die Titanic unterwegs?
Friedo California, 05.01.2015
3. Ein Genius und Segen für alle Blinden
Mein Großvater war Vollblind und für ihn habe ich als Sehender schon als Jugendlicher die Braille Schrift erlernt um ihm aus unserem Urlaub und auch sonst Briefe schreiben zu können, was ich natürlich auch tat. Noch heute besitze ich seine Ahle und seine Schreibklatte aus seiner Schulzeit.
Erdinc Arslan, 07.01.2015
4. Hut...
ab...
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