Bloody Sunday "Er rief: 'Michael wurde getroffen'"

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Schüsse auf Schutzlose: Vor 40 Jahren demonstrierten im nordirischen Derry Tausende Menschen für Bürgerrechte. Was als friedlicher Protest begann, endete in einem Blutbad. Bei einestages erinnert sich John Kelly an die Hetzjagd durch britische Soldaten - und den Kugelhagel, in dem sein Bruder starb. Von Christian Gödecke

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Wenn John Kelly an den Blutsonntag denkt, fällt ihm seine Mutter ein. Sie steht an jenem 30. Januar 1972 an einem Fenster in der nordirischen Stadt Derry und ruft nach ihrem Sohn Michael. Johns Bruder ist an diesem Tag unter den Demonstranten, er läuft unten auf der Rossville Street in Derrys Zentrum, und oben ruft seine Mutter. Aber er hört sie nicht. "Dann lief Michael in Richtung der Barrikaden, wo er erschossen wurde", erzählt John Kelly.

Kelly ist Nordire, für seine Mutter wurde der "Bloody Sunday" von Derry zum Trauma ihres Lebens - und für ihn auch. Vor genau 40 Jahren starb sein Bruder Michael, 17 Jahre alt, nachdem ihn eine Kugel in den Bauch getroffen hatte. Mit ihm wurden 13 weitere Zivilisten getötet, sechs davon minderjährig. Sie hatten mit Tausenden anderen in der Stadt Derry demonstriert, bis schließlich Schüsse fielen. Abgefeuert von britischen Soldaten.

Auf einestages erinnert sich Kelly an eine Demonstration, die mit Gesängen begann und mit Trauerschreien endete. Es sind Erinnerungen eines Betroffenen, eines immer noch zornigen Mannes. Denn der mutmaßliche Mörder Michael Kellys ist bis heute frei.

Aber John Kellys Erzählungen decken sich in den wichtigsten Teilen mit den Ergebnissen des Saville Report. Der Bericht ist das Ergebnis einer mehr als zwölfjährigen Untersuchung, die Tony Blair 1998 in Auftrag gab - und das die britische Regierung akzeptiert hat.

einestages: Mister Kelly, warum sind die Menschen am 30. Januar 1972 in Derry auf die Straße gegangen?

Kelly: Es ging um ein Gesetz der britischen Regierung, "Internment without Trial". Es bedeutete nichts anderes, als dass in Nordirland Menschen durch die britische Armee ohne Verfahren inhaftiert werden durften, wenn man sie paramilitärischen Kräften wie der IRA zurechnete. Derry wollte seinen Unmut zeigen über das Gesetz, das man hier als Willkür empfand. Und wir wollten dagegen demonstrieren, dass Märsche gegen dieses Gesetz verboten worden waren.

einestages: Der Marsch war illegal.

Kelly: Absolut.

Der Marsch startet im Bishops Field in Creggan, nahe der St. Marys Church. Creggan, das erste Neubaugebiet für Derrys katholische Mehrheit, liegt auf einem Hügel. Es ist 14.50 Uhr, als sich Tausende in Bewegung setzen. Auch John Kelly ist dabei, er ist 23 und erfahren im Demonstrieren - im Gegensatz zu seinem Bruder.

einestages: Warum ist Michael mitmarschiert?

Kelly: Weil seine Freunde es auch gemacht haben. Michael war 17 und absolut unpolitisch. Er hat sich für seine Freundin interessiert und für seine Vögel. Das war sein Leben. Der Marsch am Sonntag war sein allererster, und ich habe ihn vorher noch gewarnt: "Wenn irgendwas passiert, renn sofort nach Hause!"

einestages: Weil Sie mit Gewalt gerechnet haben?

Kelly: Weil ich mir Sorgen gemacht habe, dass es zu Ausschreitungen kommen könnte - und dass Michael dann nicht wissen würde, wie er reagieren sollte.

einestages: War Michael bei Ihnen?

Kelly: Nein, ich war mit meinen Freunden unterwegs und Michael mit seinen. Wir gingen getrennte Wege, was im Rückblick natürlich tragisch ist: Schließlich könnte er noch leben, wenn er bei mir gewesen wäre. Aber an diesem Tag war ja zunächst alles ruhig, es wirkte fast wie auf einem Volksfest. Die Menschen sangen, Frauen schoben ihre Kinderwagen durch die Straßen. Es war so friedlich. Bis wir zur William Street kamen.

Um 15.30 bewegt sich der Zug von der Westland Street nördlich in Richtung William Street. Der Demonstrantenstrom, der zuvor noch durch viele Straßen parallel geflossen war, ist jetzt vereint. Eine halbe Stunde später treffen die Demonstrierenden in der William Street ein. Sie werden bereits erwartet.

Die britische Armee hat Barrikaden errichtet. Die meisten Demonstranten biegen in die Rossville Street ab, ein Teil jedoch läuft auf die Barrikade 14 zu. Später wird der Saville Report festhalten, dass die Soldaten mit Steinen attackiert worden seien und mit dem Einsatz von Tränengas reagierten. Es ist 16.07 Uhr, so steht es im Untersuchungsbericht, als die Soldaten die ersten Teilnehmer des Protestzuges festnehmen. Das Militär wird später behaupten, es sei mit Pistolen und Nagelbomben angegriffen worden. Doch Belege dafür finden sich im Saville Report nicht.

Kelly: Als die Armee in die Bogside kam, begannen plötzlich alle zu rennen, ich auch. Denn damals konnte man sechs Monate ins Gefängnis geworfen werden, wenn man am Rand eines Tumultes aufgegriffen wurde. Als dann die ersten Schüsse fielen, ging ich hinter einem Vorsprung in Deckung und wartete. Ich sah nicht, woher die Schüsse kamen, ich hörte sie nur. Nach ein paar Minuten rannte ich über die Rossville Street. Zwei Kugeln flogen an meinem Kopf vorbei.

Um 16.10 Uhr hatten sich Soldaten des 1. Fallschirmjäger-Batallions in gepanzerten Wagen die Rossville Street hinunter bewegt und die Menschen in die Enge getrieben. Die Demonstranten fliehen in Panik auf der Straße oder zwischen den Apartment-Häusern hindurch Richtung des Wohngebietes Bogside. Der Vorstoß der Soldaten Richtung Rossville Street ist nicht abgesprochen. Der Befehlshabende Colonel Wilford habe entgegen der Vorgabe seines Vorgesetzten die Anweisung zum Vorrücken erteilt, heißt es im Saville Report.

Kelly: In Glenfada Park ging ich erneut in Deckung. Dort war gerade eine Gruppe von Leuten dabei, Gerard McKinney zu versorgen, der angeschossen worden war. Ich ging zu ihnen, als die Schüsse aufhörten. Da hörte ich von hinten einen Schrei. Es war einer meiner Schwager, er kam aus einem Haus, sah mich in der Menge und rief: "Michael wurde getroffen." Da erfuhr ich zum ersten Mal, was passiert war.

einestages: Es heißt, Sie hätten dann noch geholfen, Ihren Bruder in den Krankenwagen zu legen.

Kelly: Das stimmt. Aber als er im Krankenhaus ankam, war er schon tot. Erschossen von "Soldat F"...

einestages: ...so wird der mutmaßliche Mörder im Untersuchungsbericht genannt.

Kelly: Bei Michaels Autopsie fanden die Ärzte die Kugel, das Projektil steckte in seiner Wirbelsäule. Und das konnte "Soldat F" zugeordnet werden. Und wollen Sie wissen, was "Soldat F" noch getan hat? Nach Michael tötete er Willy McKinney. Als er dann Patrick Doherty sah, der auf Knien über die Rossville Street kroch, ging er zu ihm und erschoss auch ihn. Schließlich kam Bernard McGuigan, der das beobachtet hatte, aus seinem Versteck. Er wollte zu Patrick Doherty, wedelte mit einem weißen Taschentuch - und wurde ebenfalls erschossen. "Soldat F" ermordete vier Unschuldige innerhalb von zehn Minuten. Nicht nur Zeugen haben das bestätigt, selbst Kameraden sagten das später aus.

Der Saville Report deckt sich mit Kellys Aussagen - bis auf den Tod William McKinneys. Der 26-Jährige sei "sehr wahrscheinlich von 'Soldat F' oder dem 'Gefreiten H' erschossen worden", heißt es dort.

Um 16.40 Uhr enden die Schüsse. Neben Michael Kelly sind die ebenfalls 17-Jährigen John Duddy, Gerard Donaghy, Kevin McElhinney, Hugh Gilmore und John Young tot. Außerdem sterben William Nash, 19, Michael McDaid, 20, James Wray, 22, William McKinney, 26, Patrick Doherty, 31, James McKinney, 34 und Bernard McGuigan, 41. Der 59-jährige John Johnston erliegt später seinen Verletzungen.

einestages: Was passierte mit Ihrer Familie?

Kelly: Ich habe neun Schwestern und einen weiteren Bruder. Wir alle waren traumatisiert. Aber besonders schlimm erwischte es meine Mutter.

einestages: Inwiefern?

Kelly: Sie müssen wissen, dass sie eigentlich nicht gewollt hatte, dass Michael an dem Sonntag mitmarschierte. Sie gab schließlich nach und sagte: "Dann geh eben." Aber sie lief ihm nach, hat versucht, ihm zu folgen. Verlor ihn aus den Augen. Sie kam dann in die Rossville Street, dort, wo später die Menschen erschossen wurden. Ihre Schwester lebte dort in einem kleinen Apartment. Meine Mutter stand am Fenster, suchte ihren Sohn, sah ihn kurz, schrie, er solle hochkommen, weil sie von dort oben die Armee ankommen sah. Aber er hörte sie nicht. Stattdessen lief er zu den Barrikaden, wo er dann starb. Sie war dabei, als ihr Sohn erschossen wurde, aber sie wusste es nicht.

einestages: Und Sie haben ihr dann die Nachricht überbracht?

Kelly: Ja. Als wir nach Hause kamen, war sie voller Hoffnung, dass Michael noch lebt. Die Nachricht von seinem Tod riss ihr den Boden unter den Füßen weg. In der zweiten Nacht wurde Michaels Leiche freigegeben, er lag in einem Sarg in einem Raum neben seinem Schlafzimmer. Und meine Mutter, die so kaputt war, dass sie eigentlich eine Woche hätte schlafen müssen, stand nachts auf, ging in den Raum und hob Michael mit all ihrer Kraft aus dem Sarg. "Michael, mein Sohn", sagte sie. Wir mussten sie von ihm losreißen und Michael zurück in den Sarg legen.

einestages: Wie wurden die Opferfamilien betreut?

Kelly: Gar nicht. Es gab keine Unterstützung, keine psychologische Betreuung. Alle mussten mit ihrem Zorn und der Trauer selbst klarkommen. Mit meiner Mutter ging es immer weiter bergab. Einmal lief sie mit einer Decke unter dem Arm auf den Friedhof, es lag Schnee auf dem Boden. Als sie gefragt wurde, warum sie die Decke mithabe, sagte sie: "Michael ist kalt, das hier wird ihn warmhalten."

einestages: Sie haben mal gesagt, Sie haben fast 40 Jahre lang gekämpft, um den Namen Ihres Bruders reinzuwaschen. Warum musste er reingewaschen werden?

Kelly: "Soldat F" hat behauptet, mein Bruder sei ein Nagelbomber. Und der erste Untersuchungsbericht unmittelbar nach dem Bloody Sunday hatte ja auch die Opfer zu Tätern gemacht. Meine Mutter hat jeden Tag gebetet, dass die Wahrheit ans Licht kommen würde. Sie starb 2004.

einestages: Lange vor dem Ergebnis des Berichtes.

Kelly: Es gab einen Moment, als klar war, dass sie nicht mehr lange leben würde. Da ging ich zu ihr und sagte, Michaels Name sei reingewaschen worden: "Er ist unschuldig, genau wie die anderen." Sie war so glücklich. Wenig später war sie tot, aber sie war gegangen im Glauben, dass ihr Sohn unschuldig war. Und obwohl ich sie angelogen hatte, wurde dank des Saville Report aus der Lüge doch noch Wahrheit.

Der Bloody Sunday löste Schockwellen in Großbritannien aus - und bescherte der IRA enormen Zulauf. Der Nordirland-Konflikt eskalierte. Eine weitere Folge: Nordirlands Parlament wurde entmachtet, die mehr als 50-jährige Selbstregierung endete. Ein Nordirland-Minister entscheidet bis heute aus London über die Belange der Region. Die Gewalteskalation endete erst mit dem Karfreitagsabkommen, in dem IRA und die rivalisierenden protestantischen Organisationen UDA und UVF ihre Bereitschaft zur Entwaffnung erklärten.

Kelly: "Soldat F" ist immer noch frei, aber der Bericht von Lord Saville ist in den Händen der Staatsanwaltschaft und der Polizei. Ich bin sehr zuversichtlich, dass "Soldat F" angeklagt wird. Ich will, dass er ins Gefängnis geht. Das ist alles, was ich will. Das wäre komplette Gerechtigkeit.

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1.
Tom Freyer 30.01.2012
Wieso sagt man er wurde erschossen? Es ist richtiger zu schreiben, er wurde kaltblütig ermordet. Leider fehlt bis heute die Bestrafung der Täter. Aber vermutlich geht man den Weg des Aussitzen und hofft, dass die Täter vor Bestrafung versterben. Ich farge mich immer, wie ein solch kaltblütiger Mörder 40 jahre ruhig leben konnte.
2.
bugme not 30.01.2012
"In Belfast explodierten am 21. Juli 1972 22 Bomben, mehr als 100 Menschen starben." Am sogenannten Bloody Friday 1972 in Belfast starben 9 Menschen. Außerdem wirkt es eher mühselig einen Stadtplan Derry aus Google Maps zu importieren. Das gesamte Viertel um die Free Derry Corner wurde seither vollkommen neu aufgebaut, so dass ganze Straßenzüge, Appartementblocks und Höfe, wie es sie noch im Januar 1972 gab, längst nicht mehr existieren.
3.
Alex Latotzky 30.01.2012
Und was wollen Sie uns damit sagen? Das die Bombenleger viel schlimmer waren als die Fallschirmjäger, weil diese nur 9 Menschen töteten?
4.
Alex Latotzky 30.01.2012
Ich farge mich immer, wie ein solch kaltblütiger Mörder 40 jahre ruhig leben konnte. Ist es denn in Deutschland anders? Ich denke da nur an den Fall Benno Ohnesorg, wo nicht nur der Korpsgeist der Polizei eine Verurteilung verhindert. Kurras lebt gut von seiner Pension, die er im vollen Umfang bezieht. Zweifel hat er auch jheute nicht.
5.
Thomas Glöy 31.01.2012
>Und was wollen Sie uns damit sagen? Das die Bombenleger viel schlimmer waren als die Fallschirmjäger, weil diese nur 9 Menschen töteten? Das haben Sie wohl falsch verstanden, Herr Schleifer wollte vermutlich darauf hinweisen, dass der zitierte Satz inhaltlich falsch ist. Am "Bloody Friday" 1972 wurden neun und nicht hundert Menschen getötet, was ja eine erhebliche Diskrepanz ist, Die britischen Fallschirmjäger, die Sie erwähnen, hat Herr Schleifer mit keinem Wort erwähnt.
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