Horrorfilm-Effekte Iiieeeh!

Platzende Köpfe, hervorquellende Därme, Killer mit dem Gesicht einer Salami-Pizza - puh, sieht das fies aus! Es ist faszinierend, was Tricktechniker sich im Laufe der Jahrzehnte ausgedacht haben, um das Publikum zu schockieren - und zum Teil zum Schreien komisch.

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Mary Stuart wird zum Schafott geführt. Sie kniet nieder, der Henker hebt die Axt, und eine Sekunde später kullert der Kopf der Königin von Schottland über den Boden. Der Henker hebt ihn auf und hält ihn triumphierend in die Höhe. Gerade einmal 15 Sekunden dauert der Reißer "The Execution of Mary Stuart" des Filmpioniers Thomas Edison von 1895. Und doch schreibt er Geschichte. Mit dem wohl ersten Stopptrick der Filmgeschichte. Nur das geübte Auge erkennt den Schnitt im Film, kurz bevor die Axt niedergeht.

Zwischen den beiden Einstellungen wurde der Körper der Schauspielerin durch eine lebensgroße Puppe ersetzt. Ende des 19. Jahrhunderts hatte der Spezialeffekt eine einschneidende Wirkung. Bei Erscheinen von "The Execution of Mary Stuart" waren viele Zuschauer fest davon überzeugt, Aufnahmen einer realen Hinrichtung gesehen zu haben.

Der erste Leinwandschocker sollte kein Einzelfall bleiben. Viele innovative Tricktechniken wurden zuerst im Horrorfilm erprobt und perfektioniert, um Dinge zu zeigen, die es in Wirklichkeit nicht gibt: Wolfsmenschen, Vampire und Leichen, die aus ihren Gräbern steigen, um die Lebenden zu fressen. 1933 ließen die RKO Studios einen acht Meter hohen Riesengorilla New York verwüsten, während Paramount das Publikum in Aufruhr versetzte, indem es einen experimentierfreudigen Wissenschaftler in ein affenartiges Monster verwandelte. Das Genre war spätestens mit "King Kong und die weiße Frau" und Rouben Mamoulians Verfilmung von "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" zum ersten Experimentierfeld für beeindruckende Transformationsszenen und furchteinflößende Masken geworden.

Blutbeutel und Latexmasken

In der Rückschau sind die Effekte der Dreißiger- und Vierzigerjahre ein vor allem nostalgisches Vergnügen, auch weil die Zensurbestimmungen dafür sorgten, dass die Bilder nicht allzu explizit gerieten. Dass King Kong ursprünglich nicht nur eine U-Bahn zertrümmerte, sondern sich auch ein paar Menschen zwischen die Zähne steckte, erfuhr man so erst nach der Wiederveröffentlichung des Films auf DVD.

Mit der Lockerung der Zensur in den Sechzigerjahren änderte sich das. In Alfred Hitchcocks "Psycho" war 1960 noch nicht zu sehen, wie Norman Bates' Messer in die Haut von Marion Crane schnitt. Der B-Movie-Regisseur Herschell Gordon Lewis legte erst 1963 mit der in Deutschland bis heute verbotenen Splatterorgie "Blood Feast" vor. Ab da brachen die Dämme, und das Kunstblut floss. Mit "Der Exorzist" begann im Horrorgenre 1973 die große Zeit der lautstark brechenden Knochen, Blutbeutel und Latex-Applikationen.

"Lehre im Schlachthaus"

Wohin die Entwicklung ging, zeigt ein Vergleich von Original und Remake. In dem 1951 von Howard Hawks produzierten "Das Ding aus einer anderen Welt" entdecken Forscher ein außerirdisches Wesen in einem Eisblock und lassen es versehentlich frei. Einmal losgelassen, entpuppt sich das Wesen als eine Art Karotte auf Beinen, die schon im Erscheinungsjahr den Schockfaktor dieses ansonsten perfekt inszenierten Films abgemildert haben dürfte. Ziemlich genau 30 Jahre später lieferte Regisseur John Carpenter in seinem Remake eine ungleich schockierendere Version der Geschichte. Jetzt infizierte das Ding aus einer anderen Welt die Bewohner der hiesigen, die in der Folge widerwärtig mutierten.

"Die Masken-Bildner, die inzwischen offenbar auf den Schlachthöfen in die Lehre gehen", befand Hellmuth Karasek 1981 im SPIEGEL, "leisten Unglaubliches" - um dann mit unüberlesbarer Freude ins Detail zu gehen: "Zuerst merkt man (ähnlich wie bei Herpes oder Grippe) nichts, dann platzt das Fleisch und deformiert sich in immer neuen grausigen Metamorphosen; das Innerste des Menschen kehrt sich als blutige Schlachtplatte nach außen, wirft Fangarme wie ein Seeungeheuer aus oder verleiht einem berstenden Haupt, aus dem Hirn und Auge quellen, Spinnenbeine."

Ermöglicht hatte diesen grausigen Anblick der gerade mal 20-jährige Rob Bottin, der das vierzigköpfige Effektteam leitete. Bottin, der kurz zuvor die legendäre Metamorphose-Sequenz in Joe Dantes Werwolf-Film "Das Tier" geschaffen hatte, soll seine Arbeit noch vor Drehschluss wegen Überlastung abgebrochen haben.

Monsterparty

Man kann darüber streiten, ob den perfektionierten Leinwand-Bildern, die seit den Neunzigerjahren am Computer erschaffen werden, nicht der Charme der handgemachten Effekte fehlt. Regisseur Ridley Scott, der 1979 in "Alien" zeigte, wie sein Monster sich von innen durch den Brustkorb eines unglücklichen Astronauten beißt, ist skeptisch: "Es ist so einfach, man kann mit digitalen Effekten heute alles machen. Das ist eine Gefahr. Man sieht, dass es digital, dass es nicht echt ist, und das vermindert die Angst."

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Andererseits finden sich heute auch noch viele faszinierende, schaurig-schöne Effekte im Horrorfilm. Egal, ob handgemacht oder digital, ob in den groß budgetierten Filmen Guillermo del Toros oder in vergleichsweise kleinen Produktionen wie Eli Roths "Hostel". In seinem filmhistorischen Überblick "Der Schmelzmann in der Leichenmühle" schreibt der Filmgelehrte Christian Keßler: "Karotte aus dem Weltall, schön und gut, aber wenn obendrein noch Körperteile und eimerweise Pampe durch die Gegend segeln, macht die Sache noch bedeutend mehr Spaß."

insgesamt 14 Beiträge
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Hildegard Katschmarek, 31.10.2015
1. Grusel
Also, ich bin da wieder mal voll die Memme. Ich konnte schon ab dem fünften Bild nicht mehr weiter schauen, weil mir schon ab da die Düse ging. Das paradoxe ist, dass ich ein Teil dieses Genres unheimlich gerne anschaue, wenn´s nicht ganz so blutig zugeht. Aber meistens muss ich dann, wenn´s brenzlig wird die Fernbedienung wie ein kleines Brett vor die Augen halten, damit ich es überhaupt aushalten kann. Echt bekloppt ;-)
Hallo Welt, 31.10.2015
2.
Nanana, SPON! Evil Dead ist nach wie vor in Deutschland indiziert und darf nicht beworben werden. Hier Bilder solcher Filme auch noch als Aufmacher zu präsentieren, ist schon grenzwertig. Allerdings gute Arbeit mit der Auswahl ;)
Holger Merlitz, 01.11.2015
3. Nr. 21
Wenn ich mich nicht irre, dann war die Nr. 21 aus "Dead Alive". Tolle Zusammenstellung!
Jason Vorhees, 01.11.2015
4. Schade
Nicht mit einem Wort wurde Tom Savini erwähnt.
Munir Voß, 01.11.2015
5. Mag ja sein,
daß eklige bis alberne Latexmonster vor allem in Hollywood geboren werden, aber dennoch: von 30 zitierten Filmen gerade mal ein einziger, der nicht aus USA kommt (Suspiria), verrät doch eine sehr eingeengte Filmrezeption des Autors.
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